Gemälde mit Angler


play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Manches liegt so tief in uns begraben, dass wir nicht wissen, ob es sich so ereignet hat. Stimmt unsere Erinnerung? Manches sogar so tief, dass wir uns im Wachzustand nicht einmal mehr an die Erinnerung erinnern.

Erst in unseren Träumen tauchen diese verschütteten Bilder wieder auf und wir fragen wir uns: „War das Realität oder doch nur ein Traum?“ Fragt sich heute auch Martina, als sie das kitschige Gemälde mit dem Angler studiert.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „The Dreamers“ von Josh Woodward / CC BY-SA 3.0


Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Das Haus stand unter Denkmalschutz. Vier Jahrhunderte sah man dem Gebäude an. Der Park, der es umschloss und in den es eingebettet lag, glich eher einem Zauberwald, als einem Garten.

Laut der Beschreibung des Maklers stand die renovierungsbedürftige Renaissance-Villa bereits einige Jahre leer. Ob das der Grund war, dass es so günstig zu mieten war? Fragte sich Martina, als sie mit ihrem SUV über die Kieseinfahrt rollte. „Fünf Hektar Grund. Mein Gott, ob man das wohl bewirtschaften müsste?“

“Was? Kein einziger Balken?”, sagte sie mit dem Blick auf ihr Handy, während sie durch das Nebengebäude lief. Ein rostiger, altersschwacher Traktor der Marke Fendt stand da. Das gleiche Modell, dass sie schon als Kind zuerst auf dem Schoß ihres Vaters und später alleine durch den Wald fahren durfte.

„Naja. Wenigstens hab’ ich hier meine Ruhe. Soviel ist sicher. Kein Verkehr, keine Nachbarn, keine Autobahnen. Und kein Telefon. Vielleicht komme ich dann endlich wieder zur mir selbst. Vielleicht gibt es im Haus besseren Empfang, auch für den Laptop.“

„Leider“, fügte sie gedanklich an, aber dann hatte sie Mitleid mit ihren Kollegen. Die Armen mussten sich schließlich in ihrem lärmenden Großraumbüro weiter die Arbeitstage um die Ohren hauen. Unmenschlich. Ein „gemeinschaftliches Büro“. Eher gemeinschaftsschädigend. Das hatte sie auch ihrem Chef vorgehalten. Der warf ihr, im Gegenzug, Mimosenhaftigkeit und Labilität vor.

Trotzdem hatte sie eine einjährige Auszeit mit ihm ausgehandelt. Punkt.

Die war jetzt und die war hier. Hier würde sie endlich mal Zeit für alles Wesentliche haben. Endlos schmökern, ihr eigenes Buch oder ihre Malerei. Alles, was sie in den letzten zehn Jahren hintangestellt hatte.

Staunend betrat sie über die breite Freitreppe den Empfangssaal, von dem man die alle Räume erreichen konnte. In allen sechs großzügigen Zimmern lag das Inventar versteckt unter Decken und Planen. Nur im Erdgeschoss, in dem kleinen Zimmer, neben dem Kaminzimmer, stand ein Bett und ein alter Sekretär.

Ein Blick auf ihr Handy: Immer noch kein Netz. Sie ließ sie sich auf die Matratze fallen und war wenige Augenblicke später eingenickt.

Sie versuchte, das Klingeln zu überhören. Einmal, zweimal, bis sie im Halbschlaf ihr Handy suchte.

“Hallo? Halllooo?” Doch es klingelte weiter. War gar nicht das Handy.

Jetzt erst sah sie das altmodische Telefon auf dem Sekretär. Sie stand auf, nahm den Hörer ab und wiederholte ihr „Hallo“.

“Hallo Martina, ich bin’s dein Vater! Wie geht es dir?”

“Was, wie bitte. Wer? Wer ist da dran?” Martina schluckte.

“Ich, dein Vater.” – “Martina?”

Ein schlechter Scherz? Martina hielt den Hörer in der Hand und schwieg. Sie blickte geistesabwesend durch den Raum. Auf das Gemälde über dem Sekretär.

Darauf war ein Angler zu sehen, der am Ufer eines Gewässers saß, mit dem Rücken zum Betrachter. Kopf und Schultern wurden von einem schäbigen Strohhut bedeckt. Er hatte die Hemdsärmel aufgekrempelt und seine Latzhose steckte in schlammigen Gummistiefeln.

Stoisch blickte er auf die Wasseroberfläche. Dort schwamm ein signalroter Schwimmer am Ende der Angelschnur. Der markierte den Köder. Er saß allein und wartete geduldig, dass bald der größte Fang des Tages an seiner Angel hing.

Sie knallte den Hörer auf die Gabel! Das konnte nicht sein – unmöglich! Das war ein übler Scherz! Doch die Stimme klang wie ihr Vater. Eindeutig. Das musste eine Halluzination gewesen sein, bedingt durch ihre Halbwachheit.

Vier Jahre war es her, als ihr Vater das letzte Mal mit ihrer Mutter beim Abendessen zusammensaß. Am nächsten Tag war eine routinemäßige Kontrolluntersuchung im Krankenhaus geplant.

Doch, kaum angekommen, verschlechterte sich sein Zustand aus unverständlichen Gründen rapide. Er wurde für einige Tage stationär aufgenommen. Abends verabschiedete er sich noch guter Dinge von seiner Frau. Und dann starb er. Herzinfarkt. Plötzlich, unvorhersehbar, unbegründet.

Nachts. Allein.

Martina war nicht zu erreichen gewesen. Sie war, bei herrlichem Wetter, spontan eine Woche in Skiurlaub gefahren. Sie war nicht da gewesen. Sie hatte keinen Abschied genommen. Sie hatte nicht Danke gesagt.

Danke für all die Erlebnisse! Wenigstens einmal! Einmal sagen, wieviel Freiheit und Mut er dem schüchternen Mädchen durch die gemeinsamen Abenteuer geschenkt hatte.

Wieviel Liebe und Wärme, als er ihr die kleinen Entenküken mitbrachte oder das Katzenbaby aus der Mülltonne. Oder als er ihr den dreijährigen Vollblüter präsentierte: „Du solltest Dir einen Namen für Dein Pferd überlegen.“

Wieviel Stolz er empfand, als seine Tochter den größten Kabeljau des Tages angelte. Das Foto hatte er noch in seinem Geldbeutel, als man seine Sachen im Krankenhaus abholte.

Sie hatte sich nie bedankt. Aber das ging nun nicht mehr.

Kein Danke, keine Umarmung, keine liebevollen Worte.

Weder für ihn noch für sie.

Wie Wundbrand fraßen sich die Vorwürfe in ihr Selbstwertgefühl. Es dauerte ein paar Wochen, da hatte sich das Schuldgefühl tief in ihre Seele gebohrt. Sie suchte Hilfe. Die Diagnose lautete: Schwere Depression. Sie ließ sich stationär in eine psychiatrische Klinik einweisen.

Die Therapie verbesserte ihren Zustand und machte sie wieder funktionstüchtig. Der Stachel des Schmerzes blieb. Bitter und grausam. Sie war nicht da gewesen. Vier Jahre war das her, doch der Schmerz der Trennung war nicht schwächer.

Und jetzt saß er dort, auf dem Gemälde, und angelte. Sie fühlte die Tränen erst, als sie sich am Kinn sammelten und auf ihren Pulli tropften.

Das Telefon klingelte schon wieder. Sie zuckte zusammen. Zweimal, dreimal. Dann nahm sie doch den Hörer ab.

“Hallo. Hallo, wer ist da?”

“Hallo mein Liebes, ich bin’s nochmal, Dein Vater!”

Das war die Stimme ihres Vaters. Sie war sich ganz sicher, dass das die Stimme ihres Vaters war.

“Papa? Bist du das? Bist du das wirklich?”

“Aber ja! Ich bin’s, Dein Vater! Wie geht es Dir, mein kleiner Schatz?”

“Wie es mir geht? Mir geht es gut… ich…“, die Tränen machten ihre Stimme zum Piepsen, „Ich vermisse dich so sehr. Ich schäme mich so, Papa… “

“Hörzu, es ist alles in Ordnung. Beruhige dich. Ich wollte mich von dir verabschieden und möchte dir etwas sagen. Du weißt doch noch wie du immer Traktor für mich fahren musstest, oder?”

“Du meinst den alten Fendt? Ja, ich denke schon. Hier im Schuppen steht auch so einer. Der schaut genau aus…”

“Genau. Den meine ich! Geh in die Scheune. Fahr auf dem Feldweg, der hinter dem Grundstück entlangläuft. Am ausgetrockneten Flussbett lang. Da liegt hinter den Bäumen ein See. Dort warte ich. Und lass dir Zeit, die Fische beißen heute wirklich beschissen …”

“Aber … ich weiß nicht …”

Es klickte im Hörer.

“Papa … Papa?”

Die Leitung war tot.

Zehn Minuten später tuckerte sie den Feldweg, am trockenen Flussbett entlang. Bald steuerte sie die knorrigen Bäume an, dahinter musste der See sein. Der Wind hatte sie zu buckligen Wächtern vebogen, die den See vor Blicken verbargen.

Sie stoppte den Fendt, stellte den Motor ab und ging auf die Bäume zu. Hinter dem Unterholz und dem Laub der alten Weiden überraschte sie die spiegelglatte Oberfläche eines Waldsees. Die Vögel schienen sich mit ihrem Gesang übertreffen zu wollen und alles vorstellbare Wassergetier schien auch hier zu sein.

In einiger Entfernung saß eine Person mit dem Rücken zu ihr und angelte.

Alles sah so aus wie auf dem Gemälde, da saß auch der Angler mit dem Rücken zu ihr.

Um sich zu beruhigen, atmete sie tief ein und aus. Dann ging sie los, hin zu der Person mit dem karierten Hemd, den Gummistiefel und dem Strohhut.

Musik? Untermalung…

Das Klingeln wurde immer lauter. Sie torkelte Richtung Sekretär und wollte den Hörer abnehmen, da stand kein Telefon mehr!

Nur ihr Handy. Von dem kam das Klingeln.

“Hallo?”

“Ja, Martina, endlich! Ich bin’s Ben, ich hab’ die Verträge dabei. Ich bin in einer Stunde bei dir, brauchst du noch etwas aus der Stadt?”

“Ben? Aber wieso? Das Handy, ich meine … ich habe doch gar keinen Empfang!”

“Also ich höre dich auf jeden Fall. Also, brauchst du noch was?”

“Was? Nein, nein, danke ich hab’ alles. Ich hab’ auf der Fahrt hierher noch einen Großeinkauf gemacht, danke.”

“Gut, dann bis gleich…”

“Ja, Ja gut. Bis gleich. Ben.”

Sie starrt immer noch auf ihr Handy und versteht nicht wie sie gerade telefonieren konnte. Sie versteht auch nicht wo dieses Telefon hingekommen ist, das gestern noch hier auf dem Schreibtisch stand.

Wieso hatte sie jetzt plötzlich Empfang? Wo ist das Telefon hin, das auf dem Sekretär stand?

Es gibt nur eine mögliche Antwort: Kaffee. Sie schlurft durch den Flur, in die Wohnküche. Die Morgensonne fällt durch die vielen großen Fenster. Sie sieht den Dschungel, der ein Park war und das Nebengebäude.

„Merkwürdig, der Traktor steht gar nicht mehr in der Scheune?“, denkt sie, als dumpf der Türklopfer gegen die Haustüre knallt. Martina stolpert aus der Küche und öffnet die quietschende Eingangstür.

SFX: Tür

“’schuldigung. Ich bin der Nachbar hier. Der einzige Nachbar. Ich wollte nur schnell „Hallo“ sagen und willkommen! Ich wohne gleich da vorne neben dem ausgetrockneten Flussbett. Auf dem kleinen Bauernhof da. Ja, da, das ist meiner. Und ich wollte nur sagen, also, wenn ich helfen kann oder wenn ich was im Garten oder auf dem Feld erledigen soll, dann kann ich das gerne tun. Hab’ ich früher auch immer gemacht, als die Magdalena noch gelebt hat, also die Frau von Bernau mein ich…”

“Lieber Herr Nachbar, hallo, ich freue mich Sie kennen zu lernen. Ich bin die Martina. Kommen Sie doch rein. Möchten Sie auch einen Kaffee? Ich hab’ gerade Wasser aufgesetzt?”

“Oh, vielen Dank, gerne. Sehr freundlich, Frau Martina!”

“Sagen sie, vorab eine Frage: Haben Sie vielleicht früher den alten Fendt für die Feld oder Gartenarbeit benutzt und haben sie den heute Morgen woanders abgestellt?”

“Fendt? Wie meinen? Entschuldigung, welcher Fendt?”

“Na der alte Traktor, der da in der Scheune steht, haben sie den früher gefahren?”

“Die Magdalena, also die Frau von Bernau, hat nie irgendwelche Traktoren gehabt, Frau Martina. Entschuldigung, aber warum auch, die hab’ ja alle ich, gell. Und ich hab’ die dann mitgebracht, wenn was zu erledigen war. Da müssen sie sich irren, junge Frau, da unten in der Scheune, da steht kein Traktor, ganz sicher nicht, also das, das wüsste ich doch ganz genau, wenn da einer meiner Traktoren stehen würde. Und außerdem: Einen Fendt hab’ ich ja schon seit fast dreißig Jahren keinen mehr gesehen … gell.”

“Aber, das ist unmöglich. Ich bin gestern nachmittags mit dem Traktor gefahren. Zu dem See bin ich gefahren, gleich in der Nähe von ihrem Hof und war da …“

“Da war mal ein See, das stimmt schon. Als die Staustufe uns noch nicht das Wasser abgedreht hat. Ja, da war da mal ein schöner, großer See, wo der Fluss seinen Überlauf drin hatte. Oh ja schön war’s da! Aber wissen Sie, das ist ja schon so lange her, ach Gott, da war ich ja noch ein Bub. So lange ist das schon her. Und seitdem ist das hier nur noch Steppe…gell, nur noch Steppe.”

Martina schluckte. “Ach. So ist das.”

Während ihr Nachbar seinen Kaffee trinkt, redet er ohne Punkt und Komma auf sie ein. Aber sie hört nicht zu. Als er endlich wieder gegangen ist, rennt sie sofort in das Zimmer zurück, in dem sie eingenickt gewesen war.

Da war das Gemälde! Kein Traum! Über dem Sekretär. Das hatte sie sich nicht eingebildet! Da waren die Bäume, der See, das Ufer. Und an dem Ufer der Angler. Alles stimmte.

Neben dem Angler saß ein kleines Mädchen. Vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Sie tat es ihrem Vater gleich.

Sie angelte und schaute hinaus auf den friedlichen See.


Ähnliche Geschichten:

  • Blinddarm auf Eis
  • Wenn man der einzige Arzt in der Antarktis ist, dann kann so eine Blinddarm-Entzündung ein Problem werden. Vor allem, wenn’s der eigene Blinddarm ist…


  • Katerfrühstück
  • Thorsten wacht mit einem ausgewachsenen Kater auf, aber statt Kaffee zu kochen, will seine Mutter mit ihm reden! Mütter können so anstrengend sein!


  • Der Türmattenmacher
  • Hausierer gibt es kaum noch. Heute versucht ein Türmattenmacher seine Produkte zu verkaufen, die aber einen Haken haben. Gottseidank öffnet die Dreijährige die Tür!