Geistersender UVB76


Das koffergroße Radio meines Großvaters beschäftigte mich als Kind stundenlang. Weil man über Kurzwelle unzählige Sender in allen nur vorstellbaren Sprachen empfangen konnte. Man war direkt und drahtlos mit der ganzen Welt verbunden!

Na, o.k. Zugegeben, das klingt nicht mehr so abgefahren in einer Zeit, wo jedermann einen Internetanschluss in der Gesäßtasche mit sich rumträgt.

Trotzdem ist die Kurzwelle immer noch da und immer noch ein Ort voller Rätsel. So wie dieser Geistersender auf 4625 kHz. Von dem niemand weiß, wer da sendet und was die Bedeutung ist. Und da gäbe es diese eine sehr, sehr unheimliche Theorie…


Die Kladde aus dem Bunker: Bydunaika
Musik: „Russian Medley“ von Kismet Folk Dance Orchestra / Public Domain Mark 1.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


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Skript zur Sendung


Das Internet hat ja unsere Kommunikation von den Füßen auf den Kopf gestellt. Das Fax ist tot, dem Festnetz-Telefon geht es auch nicht gerade gut und auch Fernsehen und Radio kommen mittlerweile durch das Internet. Wie wir zum Beispiel auch.

Weil es einfacher ist. Hätten wir die Idee zum morgenradio vor hundert Jahren gehabt, dann hätten wir einige Probleme gehabt. Wir haben momentan Hörende in Deutschland, Schweiz und Österreich, aber auch in den USA, Kanada, Niederlande, Italien, Israel und Tschechien. Selbst in Neuseeland sitzt jemand, der regelmäßig am Montag die kostenlose Sendung hört.

Wir hätten wohl oder übel einen Kurzwellensender starten müssen. Und das ist nicht so ganz einfach.

Mein Großvater besaß noch einen sogenannten Weltempfänger. Er hatte im Dritten Reich die Erfahrung gemacht, dass es ganz praktisch war, wenn man auch Informationen aus dem Ausland bekommt.

Wir saßen dann manchmal für Stunden an diesem Gerät. Und ich drehte an dem großen Knopf, bis plötzlich wieder ein Sender in einer fremden Sprache zu hören war. Gemeinsam versuchten wir dann zu erraten, was da denn für eine Sprache gesprochen wird.

Es gab viel Russisch, viel Chinesisch, natürlich sehr viel Englisch, aber auch afrikanische Sprachen zu hören. Und dazu manchmal die denkbar fremdartigste Musik. Mit dieser großen Holztruhe war man irgendwie mit der ganzen Welt verbunden.

Die Kurzwelle ist dabei das Sendeformat, die das am besten kann. Man braucht dazu zwar ganz schon Saft, 100 bis 500 kWh sollten es schon sein. Aber dafür überträgt man in die ganze Welt. Denn die Kurzwelle geht vom Sender aus in alle Richtungen und wird dann an unserer Ionosphäre reflektiert. Und das immer wieder, bis das Signal einmal um die Welt rum ist. Cool, oder?

Es gibt immer noch einen Haufen Kurzwellenfans, die viel Zeit vor ihren Geräten verbringen. 4000 sind es alleine in Deutschland, die sich in Clubs und Vereinen organisisiert haben. Und die finden immer wieder tolle Sachen.

Clip: Cassette on

Wie zum Beispiel im August 1976, als zum ersten Mal folgendes Signal empfangen wurde:

Clip /01_UVB76

Sehr seltsam, oder? Und noch seltsamer: Das geht seit 1976 ununterbrochen so.
25 mal pro Minute wiederholt sich dieser seltsame Ton, 24 Stunden am Tag. Warum? Hat das eine tiefere Bedeutung? Wer betreibt so einen seltsamen Geister-Sender? Wo steht der eigentlich?

In den späten Siebzigern wurde dieses Signal, dass man auch heute noch unter 4625 kHz empfangen und hören kann, zu einem Dauerbrenner unter den Funk-Amateuren. Ein Enigma, ein Rätsel. Der Geistersender. Der sogenannte „Buzzer“.

Doch noch rätselhafter wurde das Signal, als es plötzlich, nach sechs Jahren Beobachtung von einer gesprochenen Nachricht unterbrochen wurde. Das klingt dann ungefähr so:

Clip /03_UVB76

Sehr seltsam, oder? Und irgendwie sehr verdächtig. Was da gesprochen und lange wiederholt wurde, war, auf Deutsch:
Ya UVB-76, Ya UVB-76, 180 08 BROMAL 74 27 99 14, 1-8-0-0-8 Boris Roman Olga Mijail Anna Larisa 7-4-2-7-9-9-1-4…

Bald fanden sich drei Funkbegeisterte rund um den Globus, die das Signal gemeinsam triangulierten. Das ist im Prinzip das gleiche Verfahren, wie es heute jeder zum Navigieren auf seinem Handy benutzt.

Und sie fanden die Koordinaten des Senders heraus. Er saß 40 km nordöstlich von Moskau. In einem Waldstück nahe eines Orts namens Powarowo. Ein kleiner Ort, der auf Google Maps genauso aussieht, wie man sich einen kleinen Ort in Russland vorstellt. Atmet ein bisschen den Geist vergangener Sowjet-Ästhetik, aber wirkt ansonsten wie das Gegenteil von einladend auf mich.

Da gäbe es eine alte Militärstation. Fand man heraus.

Was die ganze Sache natürlich nur noch gespenstischer machte. Ein solches Signal zu betreiben ist ja nicht gerade eine billige Angelegenheit. Es war sicher nicht so, dass da jemand beim Verlassen vergessen hat, den Strom auszuknipsen. 500 KwH sieht man durchaus an der Stromrechnung.

Sind da vielleicht geheime Nachrichten in den verborgenen Frequenzen versteckt? Steuert die Sowjetunion von hier aus ihr Agentennetzwerk? Auf jeden Fall hat das Ganze einen geheimen militärischen Sinn! Da waren sich alle einig. Es herrschte ja auch der Kalte Krieg.

Bald meinten die Geisterjäger, dass es sich hier nicht um ein automatisch erzeugtes Zeichen handelte. Das war kein mechanischer Buzzer, so die Theorie. Das war auch kein Loop. Die kleinen Schwankungen zwischen den einzelnen Buzzertönen machten klar, dass da ein Mensch saß, der in regelmäßigen Abständen den Buzzer drückte.

Rund um die Uhr saß da ein russischer Soldat und drückte stundenlang 25 Mal in der Minute eine Taste. Warum bloß?

Die einleuchtendste Theorie war, dass es sich um eine sehr simple Implementierung einer Dead-Hand-Switch handelt. Ein toter-Hand-Schalter. Das klingt gleich noch gruseliger. Und, wenn man recherchiert, was das genau ist, dann ist es das auch wirklich. Gruselig.

Dazu muss man ein bisschen zum Kalten Krieg sagen. Der war ja hauptsächlich so kalt, weil ein heißer Krieg das Ende der Welt bedeutet hätte. Der Ostblock und die Nato hatten soviele Atomwaffen, dass sie die Erde ein paar Mal komplett von organischem Leben befreien konnten.

Die Zahl „24 Mal“, die als Faktor für den Overkill – so nannte man das – in der Friedensbewegung kursierte, ist übrigens wissenschaftlich nicht akkurat. Aber Scheiß drauf – einmal reicht schließlich auch.

Beide Großmächte arbeiteten dann natürlich bald an Strategien, dern Gegner trotzdem besiegen zu können. Mit einem sogenannten Enthauptungs-Schlag. Das ist genauso wie in schlechten historischen Romanen. Erwischt man den Oberboss ist die Schlacht geschlagen.

Wenn man also nur schnell genug eine riesige Anzahl an Bomben ins Feindesland wirft, bevor der reagieren kann, dann hat man den Kalten Krieg gewonnen. Wenn man einfach Russland oder die USA schnell genug zerstört.

Und das wurde durchaus technisch machbarer und machbarer. Heutige Interkontinentalraketen fliegen mit bis zu 29.000 Stundenkilometern und treffen bis auf fünf Meter genau Ziele in 13.000 km Entfernung. Das lässt zwischen der USA und Russland keine 15 Minuten Reaktionszeit übrig.

Damit aber das gegenseitige Drohszenario funktioniert, musste eine Gegenstrategie entwickelt werden. Und die nennt man Dead-Man’s-Switch. Das bedeutet: Selbst wenn wir vernichtet werden, zerstören wir euch mit!

Das klingt gruselig und das ist es auch. Aber diese gruselige Technologie hat uns vor dem Atomkrieg bewahrt.

Und die allereinfachste Implementierung ist vielleicht UVB76. So die Spekulation. Wenn eine Atombombe Moskau trifft, dann stirbt auch der Soldat, der tagaus tagein den Taster drückt. Wenn das Signal plötzlich nicht mehr da ist, zünden sich die russichen Atomraketen von selber.

Denn, das hat man ja den Russen gerne unterstellt: Die neigen zu den eher simplen, robusten Lösungen. Bleistift im Weltall und ähnliche Legenden…

Heute sagen wir ja gerne, dass der Kalte Krieg irgendwann einmal vorbei war. Aber die Sowjetunion ist auf jeden Fall zerfallen und die geschätzten Ausgaben für’s Militär sind in Russland selbst heute nicht mehr die gleichen wie zur Sowjet-Zeit.

Das Signal aber hat nicht aufgehört. Noch immer kann man es hören. Mittlerweile klingt es ungefähr so:

Clip /02_UVB76

Doch tatsächlich ist UVB76 nicht mehr das gleiche, wie es einmal war. Denn auf einmal hörte es komplett auf. Aber es stiegen keine Raketen aus den russischen Silos. Einen Tag lang gab es kein Signal. Das war am 7. Juni 2010.

Am nächsten Tag erklang das Signal wieder und klingt so wie oben. Doch auch an diesem Tag wurde es kurz unterbrochen. Auch das haben die Funk-Amateure aufgezeichnet. Das klang so.

Clip /04_UVB76

Ja, das ist Schwanensee. Der Tanz der vier kleinen Schwäne. Tschaikowski. Seltsam, oder? Aber woher kam das neue Signal? Was war passiert?

Und wieder begann die Jagd nach dem Standort des rätselhaften Geistersenders. Aber irgendwas stimmte nicht. Das neue Signal schwankte in seiner Stärke praktisch kaum. Und das ist bei der Triangulation natürlich der Schlüssel. Es war, als wurde das Signal von vielen verschiedenen Sendemasten ausgestrahlt, die über Nordrussland verteilt waren.

Noch während man aber an dieser Knobelaufgabe saß, fing man wieder ein komisches Signal von UVB76 auf. Statt alle paar Jahre eine Sprachnachricht, hörte man jetzt alle paar Monate Menschen reden.

Ich erspare euch wieder Rauschen in den Ohren.

Da wäre, noch 2001 ein Mann, der auf russisch sagt: „Hier Einhundertdreiundvierzig! Ich empfange den Generator nicht.“ Ein anderer Mann antwortet: „Das ist, was der Betriebsraum sendet!“

Dann gab es noch eine Frauenstimme, die langsam von eins bis neun zählt. Oder ein gemorstes Fragezeichen. Oder ein Mann, der sagt: „Es müsste eigentlich funktionieren, aber es ist schwach!“

Es gibt mittlerweile ein ganze, lange Sammlung von Aufzeichnungen, die meisten kann man auf Soundcloud hören. Schön fand‘ ich ein Fundstück aus dem Jahre 2010. Das heißt „strange music“
Die Funkamateure rätseln, was das für ein seltsamer Song ist. Ratet mit!

Clip /05_UVB76

Gehört? Erraten? Ich hab‘ das sofort gekannt. Als Kind der Siebziger. Und als Deutscher.

Clip /06_Moskau

Na, das ist „Moskau“ von „Dschingis Khan“! Da hat jemand richtig Humor beim Geistersender.

Aus diesen und vielen anderen Aufzeichnungen schlossen die Geisterjäger, dass der Sender einfach aus einem Mikro besteht, das irgendwo in einem Raum steht. Darum hört man manchmal Gesprächsfetzen oder Hintergrundbrummen. Oder, einmal, besonders besorgniserregend, das hier:

Clip /07_UVB76

Ich meine, wenn das wirklich so eine idiotische Dead-Men’s-Schalte ist und die müssen schnell das Studio räumen, weil’s brennt – wer garantiert dann, dass nicht der Dritte Weltkrieg ausbricht?

Kaum war übrigens das Studio bei Moskau geräumt, sind doch glatt mehrere Funk-Freaks nach Powarowo gefahren und haben den Sender gesucht. Und einen verlassenen alten Bunker gefunden.

Ein alter Mann berichtete – klar, natürlich, ein alter Mann – wie die Anlage nach einem großen Sturm innerhalb von 24 Stunden ruckizucki geräumt wurde. Ein großer Laster nach dem anderen hätte alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war.

Und in den langen verlassenen Fluren des Bunkers, die zum Teil auch halb unter Wasser standen, fanden die Funker doch glatt eine große Kladde. Ein Buch. In der feinsäuberlich die meisten der gesendeten Nachrichten bis eben zur Sturmnacht 2010 gesammelt sind.

Damit war der Zusammenhang mit dem Militär bewiesen.

Aber das erklärt nicht, was UVB76 jetzt wirklich ist. Für einige der Funk-Freaks und für viele Menschen im Internet können wir da, wenn wir wollen, praktisch der Apokalypse beim Ticken zuhören. Wenn der Ton, der da seit Jahren gesendet wird, auf einmal aufhört, dann…

Es gibt natürlich auch andere Theorien. Denn, ganz ehrlich, wenn das eine Tote-Hand-Schaltung ist, warum etwas anderes senden? Und warum das dann aufschreiben? Und dann das Buch liegen lassen? Übrigens, einen Link zu den Fotos der Kladde ist auf der Website.

Eigentlich ist das Rätsel aber in Wirklichkeit gelöst. Man muss nur die Wikipedia in Russisch ankucken. Da wurde ein Hobbyfunker nämlich zum Militärdienst eingezogen. Und fand in einem Regal ein gerahmtes Bild, dass sich direkt auf UVB76 bezieht.

Der Offizier am Schreibtisch vor dem Bild hatte da jahrelang gearbeitet. Es handelt sich um einen Sender, mit dem das Militär in Westrussland Truppenverlegungen organisiert. Der Buzzer ist mechanisch erzeugt und soll nur dafür sorgen, dass niemand anderes diese Frequenz benutzt.

Und tatsächlich gibt es noch mindestens drei andere Sender außer UVB76, die in Russland ununterbrochen ein Signal senden. Funker nennen UVB den Buzzer, aber es gibt auch noch den Pip und das Squeaky Wheel. Die erspare ich euch aber.

Also nicht der Sender der Apokalypse. Aber immerhin ein Rätsel, dass jahrzehntelang Hunderte von Menschen auf Trab gehalten hat. Das jeder auch heute noch im Radio hören kann, wenn er will.

Und wer will, kann auch, immer noch unzählige Verschwörungstheoretiker an die gruselige Erklärung mit der Toten Hand glauben. Ist ja irgendwie auch morbide romantisch.

Der einsame Soldat der stundenlang eine Taste drückt, um den Weltuntergang zu verhindern…

Wie Tartarus, oder eher wie Atlas.
Wie Prometheus?

Nein, am ehesten wie Sisyphos.
Wir müssen uns Sisyphos als einen extrem gelangweilten Menschen vorstellen…

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