Geiler Tag



Manchmal entstehen Geschichten aus kleinen Puzzlestücken, die man mit sich herumträgt. Lange weiß man als Erzähler nicht, wo man die hintun soll und plötzlich entsteht da ein Loch, in das sie genau passen.

So enstand die heutige Geschichte, die sich in Gewässer begibt, in denen sich weder Frau Anders noch Herr Wunderlich besonders wohl fühlen.

Aber wir folgen unserer Erzählerin, die mit über 40 noch einmal schwanger wird. Und deren Frauenarzt ihr nahelegt, eine Amniozentese zu machen, um sicher zu stellen, dass der Embryo bestimmte Gendefekte nicht hat.

Und das ruft in ihr die Erinnerung an einen ganz besonderen Menschen wach. Und an den „geilen“ Tag, der deutlich besser ist als ein guter Tag.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Best I Can“ von Jasmine Jordan / CC BY-NC-SA 3.0


Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Unterstützer)


Skript zur Sendung

„Sie sind eine Risiko-Schwangerschaft. Da zahlt die Kasse die Amniozentese.“

Fest eingebrannt in die Netzhaut ist das Bild meines Frauenarztes, als er das sagt. Ich kann an zehn Fingern nicht aufzählen, was an diesem Bild und an diesem Satz alles falsch ist.

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann fühlte ich mich einfach persönlich angegriffen. Mir schossen alle Dinge durch den Kopf, die ich bin. „Risiko-Schwangerschaft“ war aber bestimmt nicht dabei.

Ich bin die Mutter eines jungen Manns, der 15 Jahre alt ist. Und einer noch jüngeren Frau, die 13 Jahre alt ist.

Ich habe einen guten Job, obwohl ich Germanistik und Philosophie studiert habe und bin Lektorin bei dem wissenschaftlichem Verlag.

Ich bin die Lebenspartnerin eines der begehrtesten Studio-Musikers Deutschlands.

Dann bin ich nebenbei noch Yoga-Lehrerin, Moderator in einem Forum für Frauen in den Vierzigern, eine ausgesprochen schlechte Köchin und völlig unfähig mir auch nur eine Folge der Fernsehserien anzuschauen, von denen immer alle reden.

Das alles bin ich und noch viel mehr, aber ich bin keine Risiko-Schwangerschaft.

Wer bringt eigentlich Ärzten diese Sprache bei? Gibt es da Kurse während des Studiums? So mit einem Coach. „Sehr gut. Und jetzt alle noch einmal: ‚Wie. Geht. Es. Uns. Denn. Heute!‘ Wow, Leute, ihr könnt das!“

Alle diese Gedanken schossen mir gleichzeitig durch den Kopf, während sich das Bild meines Arztes für immer in mein Gehirn bohrte. Darum kann ich es mittlerweile hervorholen und betrachten. Und mittlerweile stört mich der Senf-Fleck auf dem Kittel meines Arztes fast noch mehr als sein aufwändig gepflegter Drei-Tage-Bart.

Na ja. Und dann wäre noch das mit der Amniozentese. Drei-Tage-Bart erklärte mir, dass er allen Risiko-Schwangerschaften dazu riet. Und meine Krankenkasse würde mir auch dazu raten.

Amnion ist das hübsche Wort für den urdeutschen „Fruchtwassersack“. Aus dem würde eine Probe entnommen werden. Und dann könnte man sagen, ob das Embryo in meinem Bauch einen genetischen Defekt hätte. Besonders gut könnte man alle möglichen Schäden nachweisen, die alle mit Trisomie anfangen und dann eine Zahl hintendran haben.

Besonders wahrscheinlich sei bei einer Schwangerschaft über Vierzig dabei die Trisomie 21. Das ist ein anderer Ausdruck für das Down-Syndrom. Das sind Menschen, die meine Mutter immer noch mongoloid nennt, obwohl das eigentlich seit 1965 kein Arzt mehr so nennt.

Er hat dann irgendeine Tabelle bemüht und mir gesagt, die Wahrscheinlichkeit sei statistisch 1:32.

Toll. Wenn ich vorhätte noch 32 Kinder zu bekommen, würde mir das vielleicht mehr sagen. Aber für den Embryo in meinem Bauch bedeutet das ziemlich genau 3%.

Dann meinte er noch, dass alle seine Risiko-Schwangerschaften das machen würden. Und das mehr als 90% aller Mütter, bei deren Embryos der dreifache Chromosomensatz auf dem Gen mit der Nummer 21 nachgewiesen wird, die Schwangerschaft abbrechen würden. Das würde auch noch nach der 22 Schwangerschaftswoche gehen.

Das war der Besuch bei meinem Frauenarzt.

Und das traf mich völlig unvorbereitet. Denn eigentlich war das mit den Babies und dem Kindergarten und der Grundschule für uns ja schon abgehakt. Wir hatten dieses Kind nicht gewollt, das sage ich ganz offen.

Und seine Geburt würde meine Karriere oder die von Jan-Peter wahrscheinlich beenden oder zumindest schädigen. Trotzdem hatten wir nie überlegt, das Kind nicht zu bekommen und ich hatte das nie in Frage gestellt. Das war nur so ein Gefühl, wir hatten das nie erwogen. Ohne jede moralische Note dahinter.

Ich hasste dieses Problem, schon als mein Dandy-Frauenarzt mir das mit der Amniozentese erklärt hatte. Das ist eines der Probleme der Art, vor denen ich mein Leben lang wegrenne. Die „Dilemmata.“

Ein Dilemma ist für einen Philosophen nicht nur irgendein Problem, das man schwer abwägen kann. Wir haben ja im Alltagsleben die Vorstellung, wenn man etwas nur ganz durchdrungen hat, wenn man nur fest genug nachdenkt, dann findet man eine Lösung.

Man schreibt sich eine Tabelle und auf die eine Seite schreibt man oben hin „Ja“ und sammelt alles Positive und auf die andere Seite „Nein“ und dann ordnet man die Nachteile. Dann bewertet man das, wägt ab und entscheidet. So einfach!

Aber das Leben ist halt nicht so. Das war schon den antiken Philosophen aufgefallen. Wir können nicht durch das Leben gehen, ohne etwas falsch zu machen, weil es eben Dilemmata gibt. Das sind Situationen, in denen man zwei Wahlmöglichkeiten hat und beide sind scheiße. Beide sind falsch und beide sind negativ.

Und was ich an diesem Problem besonders hasste, war, dass am Ende ich einen Wisch unterschreiben müsste vor der Amniozentese. Und bei einem Abbruch würde auch ich das unterschreiben müssen. Nicht Jan-Peter oder die Kinder. Sondern nur ich.

Ich habe dann lange mit Jan-Peter diskutiert. Und wir haben das mit den Kindern besprochen. Denn die würden wir auch einspannen müssen, wenn wir noch einmal Nachwuchs bekämen.

Meine Tochter fragte dann natürlich, was das denn ist „Trisomie 21“ und ich erklärte ihr das umständlich und kompliziert. Und sie antwortete darauf nur: „Also genau wie der Björn“.

Und mit diesem einen Satz hatten wir alle vier das mit der Amniozentese für uns entschieden. Wir haben noch diskutiert, aber eigentlich war mit „Björn“ die Entscheidung gefallen.

Aber jetzt muss ich erzählen, wer Björn ist.

Als meine Tochter noch in die Grundschule ging, da fuhr ich sie mit dem Auto dahin. Ja, ich bin so eine Mutter. Aber die Schule lag auf dem Weg zum Verlag und da durfte ich meine Arbeitszeit einteilen, wie ich will.

Eines Tages sagte sie zu mir: „Kannst Du mich auch um die Ecke rauslassen? Zu dem Eingang mit der Treppe?“

Das machte ich dann. Und bald setzte ich sie immer bei dem Eingang mit der Treppe ab.

„Warum willst Du immer diesen Eingang nehmen?“

„Das machen alle so. Weil da der Björn ist.“

„Wer ist Björn?“

„Das ist ein Mann. Der steht da und der wünscht uns immer einen ‚Geilen Tag’“!

Ein Mann? Geiler Tag? Das wollte ich näher wissen und am Tag darauf waren wir 20 Minuten früher dran. Und vor den Treppen, die zur Schule führten, saß ein Mann auf einer Bank.

Ich stellte mich vor: „Ich bin die Mutter von der Lisa. Sind Sie Björn?“

Und er sagte: „Hallo, Lisa! Und hallo, Mutter von der Lisa. Du schaust aber fertig aus!“

Nun, das war vielleicht ein bisschen zu ehrlich, aber es war ein Gesprächsanfang. Wir setzten uns mit auf die Bank und ich wurde Zeugin von Björn und dem geilen Tag.

Das kann man sehr schnell beschreiben. Da steht er und er begrüßt alle Kinder.

„Hallo, Peter! Na, alles gut heute? Haste denn heute gefrühstückt? – Ja? Prima! Dann wünsche ich Dir einen geilen Tag!“

„Na, Lena, bist Du immer noch traurig wegen Deiner Katze?“

Und dann bekam Lena eine Umarmung wegen ihrer verstorbenen Katze.

Und Björn wünschte auch Lena einen geilen Tag, aber gleich doppelt geil.

So ging das weiter und weiter. Es mussten fast zweihundert Kinder sein und Björn kannte alle mit Namen. Er klopfte Schultern, verteilte Umarmungen, merkte sich die kompliziertesten Begrüßungs-Tags und er kannte alle, alle, alle mit dem Namen.

Auch meiner Lisa wünschte er schließlich einen geilen Tag und nachdem der Gong ertönte und keine Kinder mehr kamen, setzte er sich zu mir auf die Bank.

„Warum stehst Du hier, Björn?“

„Um den Kindern einen geilen Tag zu wünschen!“

„Warum wünschst Du den Kindern einen geilen Tag?“

„Weil geil besser ist als gut. Und ich will, dass ihr Tag besser ist als gut.“

„Schon. Aber warum?“

„Weil das alle tolle Kinder sind und das verdient haben!“

„Und warum machst Du das?“

„Macht ja sonst keiner. Morgens sind immer alle im Stress. Und deshalb vergessen viele Eltern das mit dem guten Tag. Da sind ganz viele Kinder, die haben so einen Stress, die frühstücken nicht einmal. Und deswegen bin ich hier und mache das.“

„Du hast morgens keinen Stress?“

„Nein, ich wache immer schon um sechs Uhr auf und habe schon längst gefrühstückt, wenn ich hier ankomme. Ich bin hier schon fast eine Stunde. Und meine Arbeit fängt erst um neun Uhr an.“

„Machst Du das jeden Tag?“

„Nein. Manchmal sind Ferien und am Samstag und am Sonntag ist keine Schule und keine Arbeit.“

„Stehst Du schon immer hier?“

„Am Anfang bin ich vor dem Haupteingang gestanden. Aber die Mama von der Anna-Lou hat sich Sorgen gemacht, weil ein fremder Mann – das bin ich – doch nicht einfach ihre Tochter anfassen kann. Und dann hat der Rektor verboten, dass ich das mache.“

„Aber Du machst das trotzdem.“

„Ja. Er hat gesagt: Björn, Du darfst die Kinder nicht mehr vor dem Eingang begrüßen. Auf jeden Fall nicht, wenn der Eingang zum Schulgelände gehört!“

„Aha.“

„Verstehen Sie? Das war ein Tipp! Also bin ich einmal um die Schule gegangen und habe diesen Eingang gefunden. Diese Bank und der Gehweg und die Bushaltestelle gehören nicht zum Schulgelände. Also warte ich seit diesem Schuljahr hier.“

„Ich wusste selber nicht, dass hier ein Eingang ist.“

„Ja, ich auch nicht. Am Anfang sind auch fast keine Kinder mehr gekommen. Das war ein bisschen traurig. Aber jetzt kommen wieder fast alle hier bei mir lang. Die machen extra einen Umweg, damit ich ihnen einen geilen Tag wünschen kann.“

„Im Ernst?“

„Na, haste ja gesehen, Mama von der Lisa. Heute waren es 162. Sechs fehlen noch, aber die sind, glaube ich, krank. Geht gerade die Grippe um in der Schule.“

„Du hast die alle gezählt?“

„Ja, mach‘ ich immer.“

„Und was sagen denn die Lehrer dazu?“

„Ich glaube, nicht alle finden das gut. Aber manche finden das richtig spitze. Wenn Du willst, dann komm‘ morgen schon um 7:00 h, dann zeige ich Dir ‚was!“

Ihr werdet es nicht glauben: Als ich morgens um 7:00 Uhr da war, durfte ich aus dem Auto zuschauen, wie fast das ganze Kollegium der Schule um das Gebäude ging, um sich von Björn einen geilen Tag wünschen zu lassen. Einige der Lehrer und Lehrerinnen redeten richtig lange mit Björn. Und am Ende gab es ein Händeschütteln, ein Schulterklopfen, ein High-Five, einen Fist-Bump oder, manchmal, sogar eine Umarmung.

Ich erfuhr dann von meinem Sohn, dass es Björn schon gegeben hat, als er auf die Grundschule ging. Und das auch er immer den Umweg gegangen ist, ich fuhr damals noch nicht mit dem Auto in die Arbeit.

Das war alles vier Jahre her. Ich habe dann noch von Björn erfahren, dass er das macht, seitdem er den Job bei der Schreinerei hat. Und dass er 32 Jahre alt ist, auch, wenn er aussieht wie höchstens 20. „Das ist bei uns Downies so“, erklärte er mir.

Und er beschrieb mir auch, wie das so ist, als Mensch mit einer Trisomie 21. Das er oft blöd behandelt wird in der U-Bahn und im Bus. Das ihn manche Menschen so komisch anstarren. Und auch, dass die meisten ihn für blöd hielten.

Aber Björn war überhaupt nicht blöd. Er wusste zum Beispiel ganz genau, was „Siezen“ ist. Aber er mochte das nicht und verweigerte sich diesem Normalo-Spiel. Er wusste auch genau, dass man ihm das nachsah, weil die Menschen dachten, das gehöre irgendwie zum Erscheinungsbild der Trisomie.

Am nächsten Tag, nach der großen Konferenz mit meiner Familie und fast vier Jahre nachdem meine Tochter nicht mehr auf die Grundschule ging, fuhr ich wieder vorbei. Beim Eingang mit der Treppe.

Und ich kuckte wieder aus dem Auto zu, wie er erst die Lehrer alle einzeln begrüßte und dann alle Schüler. Natürlich kannte er diese vollkommen neue Schülergeneration auch beim Namen, das konnte ich sehen, das musste ich nicht hören.

Na ja. Und ich schäme mich etwas, das zu zugeben: Aber ich habe… Nein, wir haben die Amniozentese nicht machen lassen. Und meine neue Tochter hat keinerlei Genschäden, sondern ist das normalste und ruhigste Baby der Welt.

Es ist mir peinlich: Wir haben das nicht machen lassen, weil wir alle vier an Björn dachten. Der da jeden Tag vor der Schule steht und so viel Licht in die Welt bringt.

Es wäre ohne Björn eine viel traurigere Schule und eine traurigere Welt.

Haben wir die richtige Entscheidung gefällt? Kann so eine „inspirierende“ Geschichte von einem „glücklichen Behinderten“ irgendetwas rechtfertigen oder begründen?

Überhaupt nicht! Das Leben ist nicht Reader’s Digest! Und wir sind keine Richter!

Die volle Wahrheit ist: Ich schäme mich ein bisschen für unsere Entscheidung. Anders ausgedrückt: Ich glaube nicht, dass wir in Wirklichkeit überhaupt eine Entscheidung gefällt haben.

Wir haben uns dem Dilemma nicht gestellt und die Gene haben bestimmt, dass unser Kind keinerlei Trisomie hat.

Jede Frau oder jedes Paar oder jede Familie, die sich anders entscheidet, hat sich da wahrscheinlich mehr Gedanken gemacht als wir. Und die sind zu einer Entscheidung gekommen, vor der wir uns einfach gedrückt haben.

Wir haben einfach überhaupt nicht nachgedacht. Wir haben nicht abgewogen.

Ich bin vor dem Dilemma weggelaufen, mehr nicht.

Es hat halt leider auch einfach nicht jeder einen Björn in seinem Leben – wir hatten das schon.