Garneval


Karneval oder Fasching oder Fastnacht sind sehr, sehr alte Riten. Tatsächlich lässt sich kein Ursprung mehr nachweisen.

Mit Frau Anders hat das morgenradio aber jemand, der uns direkt aus dem Rheinland berichten kann, was da genau gerade – zum Beispiel in Köln – gerade stattfindet.

Hier also ein Crashkurs für den berühmten Kölner Garneval!


Musik: Batucada Cardboard Samba von Justin Robert / CC BY-NC-ND 3.0
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Skript zur Sendung


Kapitel eins: Der Karneval und Frau Anders

Meine Kindheitserinnerungen an den Karneval sind, sagen wir einmal, deutlich gemischt. Es gab kein Entkommen, also bin auch ich immer beim Umzug in unserem Nachbardorf mitgezogen.

Unser Verein war da immer kollektiv verkleidet. Also alle Turner und Turnerinnen zum Beispiel als Mexikaner – an die Verkleidung kann ich mich gut erinnern. Da durfte und musste man mit und da durfte und musste man durch.

War ja auch nett, alle waren gut gelaunt und irgendwie happy. Zu späterer Stunde dann vielleicht auch zu happy.

Meine Lieblingsverkleidung war Hippie – da kann ich mich noch am besten dran erinnern. Ich hatte eine riesige, knallorange Afroperücke und ein buntes Karohemd von meinem Vater. Und eine Peace-Kette. Und einen riesigen Ohrring. Wenn ich mir das jetzt so überlege, sah eigentlich eher aus wie ein Clown… Aber damals, damals fand ich mich mega coool! Hey Hippie, ei coool…

Da war ich wohl 11 oder knapp 12. Das war dann auch ungefähr die Zeit, als Karneval für mich immer unerträglicher wurde.

Spätestens mit der Pubertät, als sich ebenso meine Oberweite langsam entwickelte, wurde die ständige Anbaggerei und Angrapscherei unerträglich. Wenn Dich ältere Jungs in die Ecke drängen, gegen Deinen Willen, nur um Dich anzusabbern oder die die Zunge grob in den Mund stecken, ist das einfach ekelhaft… Vor allem ich hatte ja überhaupt keine Ahnung was die wollten, hatte noch nie einen Freund, hatte noch nie geküsst. Ja und dementsprechend schnell is ihnen aber dann auch wieder die Lust an der Knutscherei mit mir vergangen.

Aber an Karneval ist das normal, da darf man sich nicht drüber aufregen, da muss man das als junge Frau erdulden. So ein Scheiß!

Kaum war ich von zu Hause weggezogen, war das Thema für mich auch erledigt. Ich habe den Karneval dann gemieden, wo ich nur konnte.

Sorry, das ist nicht superlustig, aber halt meine Erfahrung mit diesem Massenbesäufnis namens Karneval oder Fasching.

Kapitel zwei: Was ist denn Karneval?

Karneval ist ein Begriff, der aus dem Lateinischen stammt. Carne vale heißt soviel wie „Bye bye Fleisch“, also als lässiger Imperativ zu sehen, denn am Aschermittwoch fängt die Fastenzeit an, die dann bis Ostern geht. Und einst hielten sich die Menschen daran auch, weswegen man es eben vorher so richtig krachen ließ.

Woher diese Sitte aber stammt, das ist nicht wirklich geklärt. Da gibt es viele Theorien zu, aber keine ist deutlich schlüssiger als die andere.

In festgefügten Gesellschaften, mit Ständen oder überhaupt ausgeprägten sozialen Unterschieden, gab es oft Festivitäten, wo die Rollen getauscht wurden. Da gibt es Belege schon aus dem alten Babylon, eine fünftausend Jahre alte Inschrift lautet:

„Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet.“

Aber schon mehr wissen wir natürlich über die Römer.

Die ja schließlich auch Köln gegründet haben und da wahrscheinlich auch ihre Saturnalien gefeiert haben. Mit Musik und Masken und mit viel Wein. Sklaven und Herren tauschten die Rollen und becherten gemeinsam. An diesen Tagen war es erlaubt, auch offen seine Meinung zu äußern, ohne jeglichen weiteren Konsequenzen.

Dann gibt es noch eine alemannische Fastnacht, die wohl eher die Wurzel hat, den Winter zu vertreiben. Man verkleidet sich dämonisch und macht Lärm. Und natürlich trinkt man viel Alkohol. Ob das wirklich Auswirkungen auf das meteorologische Geschehen hat, ist aber,wissenschaftlich gesehen, eher unwahrscheinlich.

Narrenfeste feierte man im Mittelalter eher um Epiphanias rum, also am 6. Januar. Da tauschten dann die Kleriker ihre Rollen, die einfachen Mönche wurden zu Äbten und Bischöfen. Ein Gegenpapst wurde gekrönt und kirchliche Riten verhohnepiepelt.

Selbst mit den Hostien wurde nachweislich Unfug getrieben – erstaunlich, dass die Kirche später selber große Probleme mit den Ausschweifungen im Karneval hatte.

In Deutschland findet man das Wort „Fastnacht“ zum ersten Mal im „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach. Er beschreibt, wie die Frauen in der Gemeinde Dollnstein am Donnerstag vor Aschermittwoch sich verkleideten und tanzten und lustige „Spiele“ aufführten. Was das hinter dem blumigen Mittelhochdeutsch auch immer bedeuten mag…

Die Dollnsteiner halten sich deswegen auch immer noch für die Wiege des Karnevals schlechthin.

Doch wirklich exakt protokolliert ist das Karnevalswesen natürlich in Köln. Und da gehen die Klagen über den Karneval schon 1340 los.

Wir können vereinfacht sagen, dass es Feste wie Karneval in unserem Kulturkreis schon lange gibt. Wahrscheinlich finden wir keinen Erfinder der tollen Tage, der Streit ist also sinnlos. Mainz, Düsseldorf, Köln, Dollnstein: Ihr habt alle recht!

Einst war die Funktion wahrscheinlich am ehesten eine Art von sozialem Druckventil in einer festgefügten Ständegesellschaft. Der Rollentausch war wichtig, um dann ein Jahr lang wieder das Geknechtet-Werden auszuhalten.

Und dabei ging es ruppig zu. Die Oberen hatten nicht viel zu lachen in den narrischen Tagen. Jedes Jahr kam es zu Toten, sooo ein Spaß! Und wahrscheinlich war es auch schon im Mittelalter für die Frauen keine leichte Zeit. Aber wenden wir uns jetzt doch einmal explizit Köln zu. Wo das ganze Fest ja besonders stark ritualisiert ist.

Kapitel drei: Göln

Gehen wir also einfach ‚mal davon aus, dass die Menschen in Agrippa Colonia, also in Göln, Karneval wahrscheinlich schon seit der Gründung durch die Römer feiern.

Das lässt sich nicht beweisen, aber ist einfach ‚mal eine These.

Darum haben die sehr genaue Riten entwickelt, die – von Restdeutschland aus gesehen — vielleicht ein bisschen bizarr wirken.

Karneval beginnt offiziell am 11.11. um 11.11. Uhr. Aber lassen wir diesen relativ modernen Start-Termin einmal weg und bleiben bei der klassischen Form.

Und da fängt der Trubel natürlich am Donnerstag vor Aschermittwoch statt. Um 10:00 h startet da auf dem Heumarkt die Weiber-Fastnacht. Das ist eine große Freiluft -open air-Veranstaltung.

Dann übergibt der Oberbürgermeister den Schlüssel der Stadt an das sogenannte Dreigestirn. Das sind seit ich denken kann drei Männer. Sie verkörpern den Prinzen und die Jungfrau und den Bauern. Verwirrenderweise tragen die alle Uniformen aus dem 18ten Jahrhundert. Aber den Bauer erkennt man an seiner Krone aus Pfauenfedern. Und die Jungfrau war zumindest soweit ich mich erinnern kann immer ein Mann in Frauenkleidern. Bleibt also der Prinz, im Ausschluss-Verfahren.

Der geübte Karnevalist zieht sich am Wieverfastelovend oder auch Weiverfasenacht nach diesem Ritus schnell in sein Viertel und seine Lieblingskneipe zurück. Denn ab Mittag sind die alle dicht. Die besten Plätze sind dabei zwischen der Theke und der Toilette. Anfänger quetschen sich lieber in eine Ecke, um den ganzen „Bützje“ als Bussis zu entgehen.

Kölner küssen sich gerne an Karneval mit spitzen Lippen. Und Fremde und Touris genauso. Das ist Tradition und nur in manchen Fällen sexuell übergriffig.

Am Freitag erholt sich die Stadt vom Weibertag. Jetzt könnte man gut in eine Sitzung gehen. Am besten in eine, die nirgends im Fernsehen übertragen wird. Denn da sind gerne Politiker vor Ort und das bremst den Spaß deutlich.

Seit 1984 gibt es auch die „Stunksitzung“. Das ist einmal eine Gegenveranstaltung gewesen mit dem Anspruch, tatsächlich lustig zu sein. Das gelingt ja vielen Rednern in diesem kleinen Faß namens Bütt nicht so dolle.

Am Samstag ist es auch noch ein bisschen ruhiger. Da gibt es den Geisterzug. Das ist eine Mischung aus Karneval, Demonstration mit einer Prise Halloween.

Der war lange vergessen, bis 1991 wegen des Golfkriegs vom alten Bush der Rosenmontagszug ausgefallen ist. Da ist man einfach spontan aufgebrochen in Köln und hat gleichzeitig demonstriert und trotzig weiter Karneval gefeiert. Das ist ja schon sympathisch, oder?

Am Sonntag gibt es den „Schull- und Veedelszuch“. Das ist ein Faschingsumzug der Stadtviertel und der Schulen. Fängt um 10:30 h am Chlodwigplatz an und nimmt die gleiche Route wie der richtige Zug am Tag drauf.

Die drei originellsten Fuß- oder Wagentruppen kriegen am Ende einen Preis. Und der heißt, dass sie am Tag darauf noch einmal mitlaatschen dürfen.

Und der Höhepunkt ist natürlich der Rosenmontag. Da ist „d’r Zoch“. Der zieht ab 10:00 h fünf Stunden lang durch die Stadt. Über 100 Prunkwagen, 10.000de Kölner in Verkleidung und Millionen von Zuschauer. Persiflage-Wagen zählen nochmal extra.

Von den Wägen werfen die Vereinsmeier dann Kamelle. Das sind zu 80% echt billige, miese Süßigkeiten, die extra für den Karneval in Massen produziert werden.

D’r Zoch findet in der Regel immer statt. Während der Weltkriege ist er natürlich ausgefallen, aber in seiner wahrscheinlich 200 Jahre alten Geschichte erst einmal wegen schlechten Wetters.

Das Beste, was man da als Besucher machen kann, ist sich auch etwas Alkohol genehmigen und sich mit der Masse treiben lassen. Der Rosenmontag in Köln organisiert sich selber. Und die Kölner helfen auch den Touris offen und bereitwillig, das kann man nicht anders sagen.

Am Dienstag hat man dann wahrscheinlich einen Kater. Gut, dass es da nur noch kleinere Umzüge gibt in einigen Stadtteilen. Die sind aber dafür gerne mit noch einer Portion Liebe mehr gebastelt, also auch wert, ‚mal angekuckt zu werden.

Sind ja auch keine Fernsehkameras mehr dabei und viele der Touris sind abgereist – man ist wieder ein bisschen unter sich.

Am Abend wird der Nubbel verbrannt. Das ist eine Puppe, die während der Festivitäten über vielen Kneipen hängt.

Der werden nun, am Faschingsdienstag praktischerweise alle begangenen Sünden übertragen. Der Nubbel ist ein Sündenbock par excellence.

Der hat einfach an allem schuld. An den Bützjes, die man nicht hätte geben sollen, an den paar Kölsch, die man zuviel getrunken hat und auch an dem einen oder anderen Seitensprung. Denn was man am Karneval so macht, darüber redet man als Kölner nicht hinterher.

Dafür gibt es ja den Nubbel. Während wir also den Rauchschwaden folgen und unsere letzten Kölsch trinken, endet die Orgie so langsam.

Dann folgt der Aschermittwoch. Aber da passiert nichts mehr. Aus der Spaß. Die Straßen werden gereinigt, Kopfschmerztabletten werden geschluckt.

Der Sonderzustand ist aufgehoben. Bis zum nächsten elften November.

Kapitel vier: Fazit

Na ja, ich finde die ganze Sache persönlich ja, wie gesagt, eher schwierig. Aber ich bin auch nicht gerne unter vielen Menschen. Ich habe auch den Körperkontakt mit Fremden nicht so gerne. Und ich werde auch nicht wirklich gerne von Fremden geküsst.

Und schon gar nicht gerne in eine Ecke gedrängt und von geilen Männern gegen meinen Willen abgelutscht.

Aber das sind halt meine Erfahrungen. Ich kenne viele, viele Frauen, die einen Heidenspaß am Karneval haben. Und das finde ich prima.

Allgemein ist es überhaupt schön, so verbindende Riten zu haben. Die Köllner haben es irgendwie geschafft, eine moderne Großstadt zu haben und trotzdem eine Art von Familiengefühl. Das liegt, glaube ich, besonders am Karneval. Also: Kölle Alaaf vom morgenradio. Aus Bobingen in Bayern, wo das Leben völlig normal weiterläuft an diesen narrischen Tagen,… so etwa wie wenn man hier den Fasching einfach auch mal vergisst!

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