Ganz ehrlich jetzt


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Authentisch soll es sein. Und wahrhaftig. Und ehrlich. Nicht so verlogen wie in allen Medien. So wollen wir das!

Doch, wenn alle plötzlich nur noch ehrlich sind, dann fühlt sich das ziemlich genau an wie die Apokalypse.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Ehrlich muss es nicht sein“ von PHIL&PETE / CC BY-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Ich schlafe auf dem Bauch. Das machen angeblich 13% aller Europäer. Soll ungesund sein. Das glaube ich sofort, ich habe jeden Morgen Nackenschmerzen. Und schlechte Laune.

Die Bauchposition führt auch dazu, dass ich den Wecker ertasten muss. Und das wirkt sich auf meine Laune auch nicht fördernd aus.

Als ich ihn endlich ausgeschaltete habe, drehe ich mich auf den Rücken, starre an die Decke und sage: „Ich hasse es, so früh aufzustehen. Und ich hasse es, keine Zeit zum Frühstücken zu haben. Und am meisten hasse ich meinen Job!“

Ich erschrecke selber, als ich das ausspreche. Sicher, wenn ich ganz ehrlich bin, wusste ich das schon, aber, wenn man das laut ausspricht, kann man nicht mehr dahinter zurück.

Meine Freundin Rita darf noch liegen bleiben und grunzt: „Kannst Du Deine Klappe halten, Du Versager? Ich will noch schlafen.“

Ich möchte etwas entgegnen, denn so harte Worte hat sie mir noch nie um die Ohren gehauen, aber sie ist schon wieder eingenickt. Sie schnarcht leise. Ich verabscheue dieses Geräusch, manchmal schlafe ich deswegen stundenlang nicht ein. Aber erzähl mal Deiner Lebenspartnerin, dass sie schnarcht! Ich flüstere:

„Ich wollte Dir schon lange sagen, dass ich Schluss mache. Denn ich weiß von Dir und Chris. Ich will, dass Du ausziehst.“

Aber das hört sie schon nicht mehr. Ich wollte das eigentlich auch nicht sagen.

Im Badezimmer spritze ich mir kaltes Wasser ins Gesicht, putze mir die Zähne und inspiziere mich im Spiegel. „Du schaust aus wie das Knack-und-Back-Männchen! Du solltest definitiv aufhören zu rauchen! Und die Flasche Rotwein sieht man Deinen Augenringen auch an.“

Keine Ahnung, was in mich gefahren ist, dass ich auf einmal alle meine Gedanken ausspreche. Doch dieser Anfall von Selbstehrlichkeit ist nur die Rosine auf meiner miesen Laune.

In der Küche fülle ich mir Nescafé in meinen Travelmug, füttere die stinkende Katze meiner Freundin nicht, wie ich es sollte und knalle zum Abschied schwungvoll die Haustür zu.

Ich falte mich in das hässliche Plastikauto, dass wir aus „Vernunftgründen“ angeschafft haben. Fiesta ecoboost! Das ich nicht lache!

Unser Nachbar schaut über den Zaun. Während ich fluchend meine Beine um das Lenkrad herum wickele, ruft er mir zu: „Na, gestern wieder bis in die Puppen geglotzt und wieder mit der Rita gestritten? Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie endlich fortziehen würden.“

Reizend. Der hat heute auch seinen ehrlichen Tag, scheint mir.

„Und ich würde mich freuen, wenn Sie offen zu ihrer Sexualität stehen würden. Ist ja peinlich, wie Sie heimlich im Dunkeln mit Ihrer SS-Uniform durch das Haus schleichen! Wir sehen Sie aber trotzdem! Wie alle anderen Nachbarn!“

„Ich habe meine Meinung geändert. Ich will doch nicht, dass Sie wegziehen. Lieber wäre mir, Sie würden tot umfallen! Und keiner soll Sie finden!“

„Das wäre schrecklich! Da würde ich ja nach drei Monaten so aussehen wie Sie jetzt!“

Ich drücke die Hupe, damit ich nicht mehr höre, was er antwortet und damit Rita aufhört zu schnarchen, die Schlampe! Hupend rase ich die Spielstraße entlang. Spielstraße! Als ob in dieser Siedlung Kinder leben würden! Die Mieten hier können sich Eltern überhaupt nicht leisten.

Der Verkehr in der Stadt ist heute schlimm wie nie zuvor. Die Fahrt dauert drei Mal länger als sonst, überall kam es zu kleinen bis großen Unfällen. Mitten auf dem Autobahnring ein Riesenstau. Ein LKW stand quer über die Fahrbahn und zwei SUVs parkten daneben. Fahrertür offen, pro Auto ein Kind mit angstgeweiteten Augen.

Vor den Unfallfahrzeugen ohne sichtbaren Schaden liefern sich zwei Frauen mit Pferdeschwanz und Kostüm eine Schlägerei mit dem Fahrer des LKWs. Der hatte sich auf die Motorhaube seines Fahrzeugs zurückgezogen und bombardiert die Kindergartenmamas mit Obst.

Im Stadtverkehr bietet sich das gleiche Bild. An allen Ecken sieht man, wie sich Leute streiten. Ich schalte das Autoradio ein, um diesen Krach nicht mehr zu hören. Direkt hinein in ein Interview mit Christian Lindner von der FDP:

„… das ist mir völlig schnurz! Ums Klima sollen sich die Weicheier von den Grünen kümmern. Mir geht es nur darum, selber einmal möglichst viel Macht auszuüben. Dafür bin ich bereit, die Wähler zu belügen, wie ich nur kann. Die sind ja sowieso alle strunzdoof. Man kann ja froh sein, dass die überhaupt noch wissen, wie man einen Stift hält, sonst könnten wir gar keine Scheinwahlen mehr durchführen.“

Der Sender unterbricht die Sendung mit der dringenden Nachricht, dass Wladimir Putin auf dem roten Platz verhaftet wurde, weil er sich in Netzstrümpfen, Make-up und High Heels von Touristen vor dem Kreml fotografieren ließ.

Der Moderator setzt die Sendung fort: „Und jetzt, ihr Wichser in euren Autos, müssen wir leider Werbung für das beschissene Seitenbacher-Müsli machen. Kauft das aber bloß nicht! Es gibt kaum etwas, dass so überteuert ist wie dieser Müll. Und ich hasse es, dass die Nüsse und die Cornflakes immer oben sind und unten sind dann nur die geschmacklosen Haferflocken!“

Ich bin froh, als ich im Parkhaus vom Office ankomme und das Radio ausgeht. Der Tag hat noch gar nicht richtig angefangen und ich bin schon völlig fertig. Ich atme tief durch. Nicht wegen der Meditationskurse, auf die mich fremdfucking Rita immer schleift, sondern, weil das eine natürliche Reaktion auf Stress ist. Da muss man nicht Tausende von Euro für ausgeben!

Als ich unser Großraumbüro betrete, blicke ich auf ein Schlachtfeld. Menschen stehen in den Gängen und schreien sich an. Durch die Luft fliegen Ordner, Tassen, Schuhe und Monitore. Rund um die sogenannte Wellnesstheke schlagen sich Menschen um den Inhalt der Kühlschränke. Ich erkenne Peter von der Buchhaltung, der ein Stahllineal als Schwert verwendet und den Mülleimerdeckel als Schild.

Bei den Grafikern in der Ecke hat jemand alles voll Graffiti gesprüht, man riecht den Lack in der Luft. Auf einem Schreibtisch brennt ein Feuerchen – der Art Director versucht, das auszupusten, wie lächerlich. Das klappt niemals, merkt der denn nicht, dass er an seinen Chefsessel gefesselt ist?

Mir gefällt das Chaos eigentlich und ich schmunzele sogar, als ich mich umschaue. Bis ich plötzlich einen Schlag direkt auf die Nase bekomme, die sofort beginnt zu bluten wie ein Sprinkler.

Vor mir steht Gabi und hält sich schmerzverzerrt ihre Hand. Sie schreit mich an: „Ich hasse es, Deine blöde Sekretärin zu sein! Egal, was Du machst, ich könnte das besser! Ich versauere neben Dir, bloß weil Du einen Schwanz hast und ich nicht!“

Ich antworte: „Gut zu wissen, da hatte ich ja meine Zweifel!“ Die letzte Silbe fällt zusammen mit einem stechenden Schmerz in den Eingeweiden. Ausgelöst von Gabis Schuhspitze in meinen Hoden. Ich falle zu Boden. Ihr Gesicht wird zu einer Fratze, als sie mich böse anzischt: „Ich will endlich die Gehaltserhöhung, die mir zusteht, Du Fatzke!“

„Dann solltest Du einfach mal zwischendurch irgendeine der Arbeiten erledigen, die ich Dir delegiere!“ Ich schlucke das Blut runter, dass mir in den Mund läuft, ignoriere den Schmerz und trete ihr mit beiden Füßen so fest in den Bauch, dass sie kurz vom Boden abhebt, bevor sie in den Benjaminii fällt.

Mühevoll zwinge ich mich auf die Knie, mühevoller stehe ich wackelig auf. Ich lache, als ich sehe, wie das Regal mit unseren Produktdummies auf Gabi stürzt, weil zwei Kollegen über den Boden rollen, in einen komplizierten Knoten verschlungen. Brazilian Jiu Jitsu – denke ich – sehr effektiv!

Verwirrt starre ich auf Andreas. Er ist eine Insel im Sturm, der um ihn tobt. Keiner kann Andreas leiden, der Boss hat ihn schon ein paar Mal feuern wollen, aber er ist der Sohn des größten Aktionärs. Er hat Kopfhörer auf und zockt, wie jeden Tag, GTA statt zu arbeiten. GTA, das ist so ein Gewaltspiel.

Gerade kann ich wieder einigermaßen aufrecht stehen, als ich nur noch weiß sehe. Mein Kopf droht zu platzen. Ich falle schlaff auf den Boden, als hätte jemand meinen Stecker gezogen.

Als ich mein Bewusstsein zu verlieren drohe, sehe ich, dass Gabi mich mit einem Bürostuhl ausgeknockt hat. Sie lacht wie der Mark-Hamill-Joker, das Lachen macht ihr Gesicht zu einer Fratze.

So endet also mein Leben. Und ich dachte, ich wäre im Büro einer der beliebteren Menschen gewesen. Aber ich neigte schon immer zur Selbstüberschätzung. In Wirklichkeit war meine Arbeit hier für den Arsch, denke ich und füge mich in die Umstände.

Doch auf einmal wird Gabi umgerissen. Eine andere Person war von der Theke des Empfangs auf sie gesprungen und hatte sie ausgeknockt. Ich erkannte die Wollmütze und das coole Drachentattoo. Es war Jana, eine der Programmiererinnen.

Die fand ich ja schon immer attraktiv und witzig und schlau. Aber sie ist eindeutig zu cool für mich, so eine Person in meinem Leben habe ich gar nicht verdient.

Ich robbe auf die Feuertür zu und rette mich ins Treppenhaus. Nachdem ich wieder zu Atem gekommen bin, stoppe ich erst einmal mit meinem Hemd die Blutung. Wenn mir erst die Nase blutet, dann kennt das kein Ende. Ich sehe aus, als hätte jemand versucht, mich notzuschlachten.

Es hat kein Sinn, ich muss weg von hier. Weit weg von dieser beschissenen Firma, aber auch weg aus der Großstadt. Das war wohl die Apokalypse, oder? Aus irgendeinem Grund waren heute die Mauern gefallen, die wir alle zu unserem Schutz aufgerichtet haben. Es war kein schöner Anblick.

Ich fuhr im Plastikauto wieder nach Hause und schaltete kein Radio an. Man konnte die Siedlung, in der ich aus irgendwelchen bescheuerten Steuergründen ein Reihenhaus gekauft hatte, gut erkennen vom Autobahnring aus.

Denn die Kirche, keine 400 Meter von meinem Haus entfernt, brennt lichterloh. Um den hässlichen Kirchturm herum haben sich zwei Menschentrauben gebildet, die sich gegenüberstehen, sich anbrüllen und mit Steinen bewerfen. Ich glaube, das sind die Katholiken und die Protestanten.

Als ich in meine Straße einbiege, kann ich nicht zu meiner Garage. Der Vorgarten meines Nachbarn liegt voller Möbel und Unrat, die Haustür hängt schief an einer Angel und die Fenster sind alle eingeworfen. Er selber ist an die Straßenlaterne gefesselt und flucht mit hochrotem Kopf Verwünschungen, die ich nicht zitieren möchte.

Natürlich hat Rita ihre Sachen gepackt und mich verlassen. Sie hat auch die Katze mitgenommen und praktisch alles, was in der Küche nicht angebunden war. Interessante Wahl. Auf der Theke liegt ein Zettel: „Fick Dich selber!“

So hat dieser Tag wenigstens noch etwas Positives. Ich bin richtig froh, wieder alleine zu sein. Und sogar froh, wieder zu Hause zu sein. Ich werde mich einfach hier drinnen so lange einsperren, bis diese Epidemie wieder abklingt.

Egal, was alle Menschen zwingt, immer die Wahrheit zu sagen, es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass das wieder vorbeigehen würde, oder? Vielleicht ist es ein Virus oder eine Bakterie, vielleicht nur eine Wetterlage?

Eine Nebenwirkung des Klimawandels vielleicht? Oder Glyphosat im Leitungswasser? Egal, was es ist, ich werde die Epidemie hier aussitzen. Der Kühlschrank war noch gefüllt und ich hatte ein Regal voller DVDs und sogar einen DVD-Player.

Selbst, wenn es sich da draußen wie Weltuntergang anfühlt, eigentlich bin ich im Moment mit mir im Reinen. Für mich ist die Apokalypse in Ordnung, was mich betrifft. Ich kann das ertragen, diese Ehrlichkeit. Ich fühle mich sauber.

Ohne Rita und unseren Nachbarn und ohne Arbeit leben? Kein Problem! Damit sind meine sozialen Kontakte alle abgehakt. Endlich Ruhe! Wer braucht schon andere Menschen?

Darum bin ich auch überrascht, als es zwei Stunden später an meiner Tür klingelt. Ich habe Angst, es könnte vielleicht Gabi sein. Nur dieses Mal mit einem Schrotgewehr statt eines Bürostuhls.

Vorsichtig öffne ich Tür einen Spalt. Mein Nachbar ist immer noch gefesselt und schimpft weiter. Vor meinem Haus steht eine Frau mit dem Rücken zu mir und schaut sich nach Verfolgern um.

Sie dreht sich um. Es ist Jana! Ich sage: „Hey! Danke für das Lebenretten heute! Ohne Dich hätte ich es nicht geschafft!“

Und sie antwortet: „Habe ich nur gemacht, weil ich Dich echt heiß finde. Ich habe mich in Dich verliebt, aber ich habe mich nie getraut, etwas zu sagen.“

„So geht es mir auch. Ich dachte, Du bist viel zu cool für so einen Spießer wie mich.“

„Ich bin überhaupt nicht cool. Ich bin der unsicherste Mensch, den Du Dir vorstellen kannst.“

„Aber dafür schaust Du begehrenswert aus und nicht so teigig wie ich.“

„Ja, an Deiner Figur können wir ja noch arbeiten, Du musst halt mit dem Alk aufhören. Aber das besprechen wir nach dem Sex, ok?“

„Oh! Das macht mir jetzt Angst!“

„Verstehe ich. Mir auch. Aber, mal ganz ehrlich, mit Angst kenne ich mich aus!“

Ja. So war das mit der Apokalypse.

War nicht gar nicht sooo schlimm. Oder?

Jetzt mal ganz ehrlich!


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