Gandalfs Joggingschuhe

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Die heutige Geschichte wird uns von einer Erzählerin live berichtet, während sie, mitten in der Nacht, ihre Joggingschuhe schnürt. So viel kann man verraten, ohne den Horror dieser Sendung zu spoilern. Ach ja: Wieder nichts für schwache Nerven!


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Download der Sendung hier.

Hintergrundmusik: „Divination“ von Secession Studios

Musiktitel: „On the Moon“ von Lee Feldman / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Reise zum Mond (Originaltitel: Le Voyage dans la Lune) ist ein Science-Fiction-Film des französischen Filmpioniers Georges Méliès aus dem Jahr 1902.


Die Geschichte zum Lesen

Es fühlt sich anders an, verrückt zu sein, als die Leute meinen. Klar.
Klären wir das lieber gleich vorab: Ich bin verrückt. Ich weiß, dass ich verrückt bin und ihr anderen Menschen alle, alle, alle normal. Ist okay für mich – ich finde nicht einmal mehr das Wort besonders schlimm!

Das ist wie bei einem fein gedeckten Festmahl in einem sauteuren Restaurant. Stelle ich mir so vor. Da ist so ein Tisch, mit all den verschiedenen Tellern und den Messern und Gabeln und drei verschiedenen Gläsern und mit Kerzenleuchtern und die Servietten sind zu kleinen Einhörnern gefaltet oder so ein Scheiß.

Ist ja auch egal, ich war ja nie in so einem feinen Restaurant. Es geht ja nur um das Bild, klar? Also, da ist dieser feine Tisch und die edlen Stühle sind an den rangerückt, alle auf den Zentimeter achsensymmetrisch ausgerichtet. Nur dieser eine Stuhl halt nicht! Weil dieser eine Stuhl halt ‚ver-rückt‘ ist. Und? Ist das schlimm? Oder macht ihn das nicht zu dem einzigen interessanten Stuhl in diesem Scheißrestaurant?

Okay. Ich bin verrückt, das hätten wir ja schon. Das ist, weil ich eine Stimme höre. Seit ich ein kleines Kind war, höre ich ab und zu eine Stimme. Sie hört sich männlich an und sie ist immer ruhig und gelassen. Sie gibt mir Befehle, aber es passiert nix Schlimmes, wenn ich die befolge. Ist nicht Satan, oder so …

Ich habe das mittlerweile schon so oft erlebt, dass ich alle möglichen Experimente mit den Befehlen gemacht habe. Als kleines Kind habe ich einfach immer gemacht, was die Stimme gewollt hat. Da habe ich nicht drüber nachgedacht.

Da waren meine Mutter und mein Vater, die haben mir auch dauernd Befehle gegeben – dauernd, ununterbrochen – ich war das gewohnt. Bei meinen Eltern habe ich manchmal gemacht, was sie gesagt haben und manchmal nicht.

Aber der Stimme habe ich damals immer gefolgt.

Dann bin ich älter geworden und habe halt alles Mögliche ausprobiert. Und damit meine ich jetzt nicht Sex mit fremden Männern oder Kiffen oder eine Flasche Gin aus der Bar meiner Eltern auf einmal austrinken. Das habe ich zwar auch gemacht, aber das meine ich nicht.

Ich meine, ich habe ausprobiert, nicht das zu machen, was die Stimme sagt. Wenn die sagte: „Es wäre gut, Du würdest zu ihm gehen und ihm sagen, dass Du ihn magst!“, dann bin ich halt hin zu dem Typen, habe ihn angelächelt und hab ihm voll in die Eier getreten.

Nicht, weil der Typ scheiße war – war er echt nicht – sondern, um nicht zu machen, was die Stimme gesagt hat. Ich war nicht wirklich ein böser Mensch, weil, eigentlich mochte ich Michael ja wirklich, aber ich wollte einfach ums Verrecken nicht machen, was man mir sagt! Kann man ja auch irgendwie verstehen, oder?

Und natürlich haben sie mich irgendwann weggesperrt, weil ich ja der ver-rückte Stuhl war. Da war diese eine Ärztin, die war supernett und der habe ich dann von der Stimme erzählt. Die Tabletten, die sie mir verschrieben hat, die machten die Stimme dann weg. Und ich war auch nur ein bisschen müde damit, aber ich habe dauernd Verstopfung gehabt.

Jetzt wohne ich in einer kleinen Wohnung, aber ich mag sie irgendwie und ich arbeite in einer Werkstatt hier am Ort. Ich mag ja verrückt sein, aber ich kann schweißen wie Michelangelo! Na ja, der hat wahrscheinlich nicht geschweißt, aber ich meine: Meine Nähte sind die reinste Kunst! Sagen alle.

Aber ich rede und rede, tut mir echt leid! Diese ganzen fünf Minuten sind eigentlich gar nicht wichtig. Ich bin lausig im Geschichtenerzählen, normal hört mir auch niemand so lange zu.

Ach, eines noch: Ich habe keine Tabletten mehr genommen, seit ich in der Wohnung lebe. Ich krieg immer noch Rezepte und ich hole die Dinger ab bei dem komischen Apotheker, der mich immer ankuckt wie eine Hexe – aber ich schlucke sie nicht.

Denn ich habe gelernt, dass ich prima leben kann, wenn ich einfach tue, was die Stimme mir sagt! Das waren niemals Befehle, das waren gut gemeinte Ratschläge. Es ist in Wirklichkeit so, dass ich einen weisen, alten Mann eingebaut habe! Mein eigener Gandalf oder Mr. Myagi oder Merlin, oder so.

Ich war nur zu doof, das zu checken! Das ist eigentlich eine gute Sache, oder?

Egal, war jetzt eine lange Einführung. Ist aber nur, damit man kapieren kann, warum ich hier kauere, mitten in der Nacht und meine Joggingschuhe anziehe. Weil mein innerer Gandalf mich geweckt hat und mir ins Ohr geflüstert hat:

„Es ist eine gute Idee, jetzt Deine Joggingschuhe anzuziehen!“

Also mache ich das halt. Und da stehe ich dann, in meinem Schlafanzug, mit Joggingschuhen und wundere mich nicht. Ich beschließe, erst einmal in meine kleine Küche zu ‚joggen‘ und mir eine Schüssel mit Honig Smacks zu machen.

„Es wäre dumm, jetzt wieder umzukehren!“

Das beunruhigt mich etwas, zugegeben. Ich bleibe stehen, gehe zur Tür, nehme die Schlüssel und trete auf die Straße. Es ist stockdunkle Nacht. Nichts los. Ein Auto fährt an mir vorbei. Tja, also jogge ich halt locker los, meine normale Runde, denke ich bei mir. Die Straße runter und dann den Damm hoch und runter an den Strand.

Ich weiß nicht, was abläuft, aber es kommt sonst nie vor, dass ich die Stimme innerhalb von zwei Minuten zwei Mal höre, es muss also etwas Dringendes sein. Ich habe das Scheißgefühl, dass in meiner kleinen Stadt heute Nacht – genau jetzt – etwas sehr Wichtiges passiert.

Als ich das denke, geht das Licht aus! Alle Straßenlaternen; alle Fenster, die noch beleuchtet waren: alles mit einem Schlag weg. Ein Stromausfall wahrscheinlich. Jetzt kann man erst sehen, wie hell so eine Stadt normal ist, denn es ist rabenschwarz dunkel. Ich erkenne kaum den Teer unter den Schuhen.

Da sehe ich zum ersten Mal das Flackern. Am Himmel ist ein runder Punkt, der ist da noch nie gewesen, den habe ich noch nie gesehen. Heller als der Mond und zu groß für einen Stern. Was kann das sein?

„Lauf so schnell Du kannst, und dreh‘ Dich nicht um!“

Die Stimme reißt mich wie aus der Hypnose und ich jogge los. Schneller als zuvor. Die Straße runter auf den Damm zu. Jetzt rührt sich Leben in manchen Häusern. Beim Laufen drehe ich mich um und das Ding ist auf einmal viel größer als vorher!

Ich bin echt kein guter Jogger. Ich mach das nur, weil ich sonst fett werde von all dem Zuckerscheiß, den ich so fresse. Aber jetzt renne ich echt schnell die Straße hoch! Echt schnell! Die Straße ist auf einmal endlos lang!

Einige sind aufgewacht und verlassen die Häuser, um nach dem Ding zu schauen. Viele glotzen es einfach nur mit großen Mäulern an. Ein paar weinen, eine alte Frau betet.

Ich drehe mich noch einmal um, jetzt ist das Ding schon richtig fett, viel größer als der Mond! Es scheint einfach auf die Erde zu fallen! Ich renne so schnell, wie ich noch niemals gerannt bin!

Ich sehe eine Mutter auf der Straße stehen, ihr schreiendes Baby im Arm. Als ein Auto kommt, springt sie zurück, das Baby fällt auf den Boden. Es schreit nicht mehr. Ich will helfen, aber ich kann jetzt nicht anhalten! Ich renne weiter, obwohl ich keine Luft mehr bekomme. Meine Beine sind wie Gummi, aber ich renne und renne! Ich kann nicht anhalten! Es wird immer heller, ich muss weg!

Gleich habe ich den Scheißdamm erreicht, gleich! Ich drehe mich noch einmal um, obwohl ich das nicht soll. Das hätte ich auch nicht tun sollen, echt nicht! Das Ding ist riesengroß! Ich sehe Augen. Ich sehe ein Maul. Ich renne!

Als ich den Damm erreiche, kommt erst das Licht. Es ist wie ein Blitz, nur viel heller. Meine Augen brennen und ich bin blind. Dann erreicht mich als nächstes das Geräusch des Aufpralls. Ein Ton so tief, dass mein ganzer Körper zittert.

Gleichzeitig kommt das Beben. Der Boden unter mir bewegt sich wie eine Riesenwelle. Ich werde umgerissen und fliege voll auf die Fresse und schlucke Sand.

Ich sehe nichts mehr und ich kriege kaum noch Luft. Ich höre hinter mir nur Heulen und Schreien. Eine Alarmanlage ist losgegangen. Ein Knirschen erfüllt die Luft. Als ob riesige Knochen brechen.

Wie ein Fötus rolle ich mich ein und ich heule wie ein kleines Kind. Ich will nichts mehr sehen, ich will nichts mehr hören! Ich will einfach nicht hier sein!

Da höre ich die Stimme zum vierten Mal an diesem Tag:

„Du solltest Dich jetzt besser totstellen!“


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