FSZP: Die Zeckenpanik


Jedes Jahr kehrt er wieder. Der Frühling! Und dann folgt der Frühsommer. Und mit ihm mannsgroße Zecken. Zumindest auf den Postern in den Apotheken.

Denn zu dieser Jahreszeit gehört die hoch ansteckende FSZP. Die frühsommerliche Zeckenpanik.

Bevor wir uns für das nächste halbe Jahr im Keller einschließen, gibt es heute einen kleinen Faktencheck. Und dann kann jeder selber entscheiden, was er tun will. Ok?


Musik: „Miss Understanding“ von SAM BROWN / CC BY-SA 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Verschenke diese Sendung!


Wenn Du diese Sendung verschenken willst, dann schicken wir dem Beschenkten eine Email mit einem individuellen Download-Link und Deiner persönlichen Grußbotschaft. (Die Email-Adresse des Beschenkten wird nicht bei uns gespeichert.)


Skript zur Sendung


Jedes Jahr kommt der Frühling. Früher hat man das daran erkannt, dass Amsel, Drossel, Fink und Star wieder heim gekommen waren von ihrem Urlaub in Italien. Mittlerweile sparen die sich aber die Mühe, Fliegen ist ja auch schlecht für die Umwelt.

Schneeglöckchen und Krokusse sind auch sichere Frühlingsboten. Die ersten hier in Bobingen habe ich dieses Jahr allerdings im Januar gesehen. Die hatten sich aber geirrt, denn es wurde dann noch einmal bitterkalt.

Aber, wenn man sich nicht mehr auf die Natur verlassen kann, dann gibt es andere, sichere Zeichen dafür, dass es nun Frühling wird. Es sind große Nahaufnahmen von nahen Verwandten der Milben und Spinnen, die ihre schrecklichen Mundwerkzeuge auf signalrotem Grund in die blasse, wehrlose Haut unschuldiger Kinder stechen.

Und diese Horrorbilder sieht man… in den Fenstern der Apotheken! Als nützlichen Hinweis darauf, dass wir alle bald sterben werden. Weil uns die Zecken leersaugen werden. Oder auf jeden Fall mit tödlichen Krankheiten anstecken werden. Speziell Bayern ist nicht nur Freistaat, sondern auch FSME-Staat.

Es könnte aber auch sein, dass der Apotheker oder die Apothekerin eventuell vielleicht auf das Deko-Material der Pharmafirmen zurückgreift, weil es Umsätze bringt. Nur so eine Idee. Ich dachte mir, wenn wir schon im Kapitalismus leben, dann könnte das Drucken von Zecken-Warnpostern eventuell finanzielle Motive haben… Ich bin auch immer ein bisschen naiv…

Je, es ist bald Frühsommer. Und ja, das FS in FSME bedeutet Frühsommer. Sozusagen gibt es eine Saison für Zeckenpanik. So wie, im natürlichen Reigen der Apotheker-Schaufenster als nächstes wieder Schwerbrandverletzte ausgestellt werden. Weil es dann um Sonnencremes geht.

Ja, ich gebe zu. Ich glaube, wir haben eine Zeckenplage. Eine richtig schlimme, besorgniserregende Zeckenplage. Aber die hat nichts mit FSME oder Borreliose zu tun, sondern mit Angst. Vor allem der armen Eltern. Aber auch die Kinder tun mir leid.

Als meine Kinder im Kindergarten waren, da fing das an mit der panischen Angst vor der Natur. In Holzkirchen gab es natürlich nicht genug Kindergartenplätze vor mehr als zwanzig Jahren. Politik und Demografie, das hat ja irgendwie noch nie funktioniert. War eine völlige Überraschung, dass die geburtenstarken Jahrgänge irgendwann einmal auch werfen würden…

Darum wurde im Schnellverfahren ein Waldkindergarten genehmigt, die sind ja besonders günstig in der Anschaffung. Und unser Kindergarten war von dem Konzept auch sehr angetan.

Unser Kindergarten heißt: Die Mütter der Kinder, die Erzieherinnen – tut mir leid, Männer tauchen bisher noch nicht auf, der Kindergartenausschuss der Gemeinde, der Kirchenvorstand als Trägerin. In letzterem saßen 50% Männer.

Nach Monaten der Planung durften also die evangelischen Kinder Holzkirchens auch in Kontakt mit der Natur kommen. Im Wald, der vom Kindergarten ca. 5 Minuten weit weg war.

Doch mittlerweile war die Natur irgendwie nicht mehr gut und freundlich. Wir Eltern bekamen einen Zettel. Die Kleinen waren auf das Abenteuer Natur gründlich vorzubereiten. Denn die Natur rund um Holzkirchen ist ein Dschungel! Überall wachsen, in Reihen, von Menschen gepflanzte Fichten und sonst eigentlich kaum was. Hallimasch ab un zu. Am Rande des Fichtennutzwalds gibt es ein paar Sträucher und vereinzelt Eiche, Ahorn oder Buche.

Darum mussten die kleinen Abenteurer vorbereitet werden. Die Anweisungen an uns Eltern waren klar.

Auf jeden Fall sollten die Kinder Gummistiefel tragen. Auf jeden Fall eine Kopfbedeckung. Und auf jeden Fall etwas Langärmeliges. Und auf jeden Fall lange Hosen.

Weiters waren Sonnencreme in hohen Schutzfaktoren unerlässlich, sowie das Einsprühen mit Autan.

Wir Eltern sollten unseren Kinder auch unbedingt einschärfen, dass nichts im Wald essbar war! Bloß keine Beeren pflücken oder Pilze in den Mund stecken.

So ausgerüstet hatten dann die Kleinen ihren Spaß in der Natur!

Hatten sie nicht. Der ganze Stress und die ganze Panik war den Kindern eher zuviel Mühe. Im Jahr darauf ging dann die Panik vor dem Fuchsbandwurm um und alles Naturbesuche wurden gecancelt. Der evangelische Kindergarten blieb eben ein Nicht-Naturgarten. Besser so für die Eltern!

So war das vor zwanzig Jahren und so ist das immer noch. Vor allem die Zecke macht allen eine Heidenangst. Wegen der Borreliose und wegen FSME. Kinderärzte berichten davon, am Wochenende nachts wachgeklingelt zu werden, weil Eltern bei ihrem Kind eine Zecke gefunden haben.

Im Radio heißt es, dass man bei einem Zeckenbiss schleunigst zum Arzt gehen soll.

Und im Fernsehen werden dann Menschen gezeigt, die an den Folgen dieser schrecklichen Krankheiten leiden. Und tatsächlich können die auch ganz furchtbar sein.

Aber: Sie sind halt furchtbar selten! Richtig selten.

Doch die einmal gesehenen Warnungen funktionieren halt. Und die gehörten Interviews. Und die gezeigten Menschen. Und die ganzen Nah-Aufnahmen von Insektenrüsseln. Und die Landkarten mit den roten Flächen.

Abgesehen davon sind das auch Artikel, die man jedes Jahr wieder bringen kann.
Denn die Zeckenpanik ist eine Saisonkrankheit.

Also. Kurzer Faktencheck zur FSZP. Der frühsommerlichen Zeckenpanik.

Clip /panic

Fangen wir mit dem Tier an. Die Zecke ist eine Milbenart, die es in dieser Form wahrscheinlich seit 100 Mio Jahren gibt. 50 Mio Jahren aber gibt es sie garantiert, denn wir haben Zecken in Bernstein aus diesen Zeiten. Als die Erde übrigens so warm war, dass die Pole eisfrei waren.

Warm und feucht, dass mag die Zecke halt. Es gibt mehrere Zeckensorten, aber für uns wichtig ist nur der Holzbock. Auch wenn es mittlerweile zwei andere Sorten mit wenigen Exemplaren in Deutschland gibt, die aber krankheitstechnisch harmlos sind.

Zecken sind zwischen 1,5 mm und 4,5 mm groß. Und können sich mit Blut vollpumpen, bis sie das 200fache ihres Volumens erreicht haben. Das ist der Zustand, in dem wir sie am ehesten finden.

Sie sitzen am liebsten in hohem Gras oder in Sträuchen. Geistig sind sie eher minderbemittelt. Das interne Programm ist eher einfach. Mit den Befehlen „Hochklettern, Fallenlassen, Stechen&Saugen, Fallenlassen, Eier legen“ sind ihre Handlungsmöglichkeiten eigentlich schon ausgeschöpft.

Die können da auf ihren Gräsern hocken und Monate hungern, bis ein Jogger vorbeikommt. Wenn der Schweiss die richtig Zusammensetzung hat, lassen sie sich abstreifen und suchen dann einen schönen Platz.

Das dauert mindestens eine halbe Stunde, maximal drei, vier Stunden, bevor sie wieder aufgeben. Denn es muss warm sein und ein bisschen feucht, damit sie so richtig Apettit bekommen.

Kniekehle, Achsel, Haaransatz, Leistengegen, Pofalte – wo’s halt ein bisschen saftet. Dann bohren sie sich ein kleines Loch in die Haut, was übrigens schmerzfrei ist und trinken erst einmal.

Wenn sie FSME-Viren tragen, dann werden die jetzt übertragen, die sitzen am Bohrer.

Für Borreliose braucht es etwas Zeit. Die Zeckenorgane verdicken das aufgenommene Blut, bis der Eiweißgehalt hoch genug ist. Und die übrig gebliebene Flüssigkeit geben sie dann wieder zurück in den Körper des Wirts. Weil Schwitzen können sie ja nicht und der Rüssel steckt ja fest.

In dieser Flüssigkeit wären dann die Borreliose-Erreger, wenn sie welche hat. Aber bis sie das Blut fertig destilliert hat, hat das Opfer 12 Stunden Zeit, sie ausfindig zu machen.

Und sie dann zu entfernen. Das kann man wirklich gut selber machen, das ist kein großes Problem. Klebstoff und Öl ist keine gute Methode. ie Plastik-Zeckenzangen, die man kaufen kann, sind auch nicht das beste Mittel. Eine normale Pinzette ist besser geeignet. Was fein genug ist, eine Wimper zu zupfen, reicht für eine Zecke allemal.

Man greift sich das Spinnentierchen möglichst nautnah, packt es. Ohne es zu Zerdrücken, das gibt ein Blutbädchen. Dann ruckelt man ein bisschen hin und her und zieht. Muss man erstaunlich fest ziehen. Aber Schwarzenegger muss man auch nicht sein.

Was man nicht machen muss, ist Drehen. Egal, wer euch diesen Tipp gegeben hat: Ich versichere hiermit, dass in der Geschichte der Menschheit noch nicht ein einziges Mal eine Zecke mit Gewinde gefunden wurde! Versprochen!

Wenn nun aber was Stecken bleibt, der Rüssel z.B., dann ist das auch kein Problem. Aller möglicher Schaden ist jetzt schon passiert. Einfach stecken lassen, das ist für den Körper auch nicht schlimmer als ein Holzsplitterchen, die fallen schon ab.

Desinfizieren schadet nicht, ist aber auch nicht superwichtig.

Wer will, kann sich diese Heldentat dann aufschreiben. Könnte im Falle einer Erkrankung für den Doktor wichtig werden.

Aber es besteht kein Grund, zum Arzt zu gehen. Der macht nämlich auch nichts anderes. Und der kann der Zecke auch nicht ansehen, ob sie FSME oder Borreliose trägt. Wenn man will, kann man die Zecke in ein Labor einschicken lassen, die 70 Euro muss man aber selber zahlen.

So. Nun also zu den Krankheiten. In Deutschland werden die bösen FSME-Viren in 1,5 Fällen pro Hunderttausend Zeckenbissen übertragen. Zum Vergleich: Die Masern galten, bevor blöde Impfgegner die Solidargemeinschaft unterwandert haben, beinahe als ausgestorben. Das liegt daran, dass wir sie durch Impfen auf 0,9 Fällen je Hunderttausend gedrückt hatten.

Von diesen 1,5 Fällen pro Hunderttausend sehr wenige. 70% bis 90% aller Menschen entwicken keinerlei Symptome. Die meisten Menschen bleiben asymptomatisch!

Wenn man allerdings erkrankt, dann bekommt man ein bis zwei Wochen später grippeähnliche Symptome. Was aber bei den meisten Menschen auch wieder ausheilt, nur 25% erleiden Nervenschädigungen. Die sind aber nachhaltig. Die FSME ist also keine harmlose Erkrankung, sondern ernst zu nehmen.

2017 hatten wir 490 Fälle, fast ausschließlich in Bayern und Baden-Württemberg, dabei einen Todesfall.Übrigens gibt es in Österreich sogar eine noch größere Zeckendichte als hier in Bayern. Komischerweise erkrankten da nur 50 Menschen. Warum? Weil sich die Österreicher impfen.

Die FSME-Impfung tragen die Kassen, sie ist sehr effektiv und praktisch nebenwirkungsfrei. Einer von 1,5 Millionen entwickelt grippeähnliche Symptome. Anders ausgedrückt: Es gibt insgesamt 9 Österreicher, die so prädisponiert wären, dass sie am Impfstoff erkranken.

Wer also wirklich Angst hat vor FSME, der lässt sich impfen. Aber die Frühsommer-Meningoenzephalitis ist so selten, dass man bei einem Zeckenbiss keine Panik bekommen muss. 1,5 von Hunderttausend Fällen ist ein nicht besonder großes Risiko. Die Wahrscheinlichkeit für einen Deutschen Hautkrebs zu bekommen, ist ungefähr zehn Mal so hoch.

Anders ist es mit der Borreliose. Für die gibt es keine Deutschlandkarten, in denen der Süden blutrot gefärbt ist. Denn die ist überall verbreitet. Hier ist das Risiko zu erkranken deutlich höher. Nämlich bei 300 von 100.000 Zeckenbissen. Oder, anders ausgedrückt: Bei einem von 300 Fällen. Oder: in 0,3% aller Zeckenbisse werden Borreliose-Erreger übertragen.

Ein bis vier Wochen nach dem Biss treten dann Symptome auf. In fast 90% der Fälle kommt es zur Wander-Röte. Das ist eine auffallende Rötung, die ein bisschen wie eine Zielscheibe aussieht.

Deshalb vorher der Tipp mit dem Aufschreiben. Wenn also so eine Rötung rund um die Biss-Stelle auftritt, dann heißt es zum Arzt gehen. Der verabreicht einem eine Antibiotika-Kur von 14 Tagen und damit wäre die Gefahr vorbei.

Wer jetzt immer noch Angst vor Zecken hat, der kann etwas dagegen tun. Denn tatsächlich sind Zecken wählerisch und nerven nicht jeden. Ich persönlich habe schon einige Zecken entfernen dürfen, aber nie beim mir. Immer nur bei meinen Kindern, Jungscharlern, Konfirmanden.

Wer aber für Zecken sexy riecht und trotz dieser statistischen Zahlen Befürchtungen hegt, der kann zu Autan greifen. Und wir kriegen kein Geld von denen, aber die waren bei der Stiftung Warentest eines von vier Mitteln, die zuverlässig gewirkt haben. Und nebenbei auch Stechmücken vertreiben.

Wahlweise kann man auch auf pflanzliche Mittel zurückgreifen. Kokosfettsäuren wirken auch abschreckend, dafür gibt es wissenschaftliche Belege.

Als Fazit würde ich sagen, dass man sich, auch in Bayern oder Baden-Württemberg nicht wirklich viel Angst machen sollte. Der Aufenthalt in der Natur ist wichtig und gesund. Frische Luft ist wichtig. Sonne ist wichtig. Das seelische Wohlbefinden ist wichtig.

Und darum gehört der Mensch in die Natur.
Drinnen wird man kranker als draussen.
Zecken gehören dazu.
Und das schon immer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.