Friede, Freude, Eierkuchen


Acht Jahre ist es her, dass in Duisburg die letzte „Love Parade“ in einer Katastrophe zu Ende ging.

Diese wichtigste Veranstaltung hatte eine längere Geschichte hinter sich. Und viele haben wahrscheinlich vergessen, dass es im Ursprung eigentlich um Frieden ging.

Und natürlich auch um Freude. Und um Eierkuchen ging es auch. Wir schauen auf die Geschichte der „Love Parade“ zurück und backen dabei Eierkuchen.


Musik: „Born free“ von DJ Pokki / CC BY 3.0Die morgenradio-Playlist auf jamendo


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Kapitel eins: Friede, Freude, Eierkuchen

Reden wir zuerst einmal über Friede, Freude und Eierkuchen. Kaum einer hat etwas gegen Frieden, denke ich. Das können wir also abhaken. Und gegen Freude hat auch keiner etwas. Auch erledigt. Bleibt Eierkuchen. Oder Pfannkuchen. Oder Crepes. Oder Omelette wie man das auch nennen möchte…

Finden auch die meisten Menschen toll, ich aber ekele mich richtiggehend davor. Da kann man mich damit jagen. Wenn man das will. Diese schlabberige Konsistenz im Mund finde ich wirklich pfui bä. Am schlimmsten in Pfannkuchensuppe. Eine Frau-Anders-Alptraum-Mahlzeit.

Aber bei dem Eierkuchen, wo ich heute von erzähle geht’s nicht darum ihn erstmal zu verzehren, sondern eher um die Redensart. Denn hier steht der Eierkuchen für die Heile Welt. Die wird gerne verwendet, wenn man jemandem Weltfremdheit nachsagen will. Oder Heile-Welt-Denken. So zum Beispiel: „Du hast ja keine Ahnung, wie die Realität funktioniert, bei Dir ist alles Friede, Freude, Eierkuchen!“

Und nachdem ich weiß, dass die meisten Menschen Pfannkuchen sehr schätzen, finde ich das eigentlich bisschen ungerecht gegenüber dem Eierkuchen. Die Redewendung ist fast sechzig Jahre alt, aber im Prinzip sind das ja alles keine schlechten Dinge, selbst wenn du wie ich keine Eierkuchen Könnte man eine ganze politische Bewegung daraus machen.

Ist doch besser als Zwietracht, Hass und Ausländer abschieben. Die Friede, Freude, Eierkuchen-Partei hätte meine Stimme auf jeden Fall eher als die AfD. Und wenn man so eine Partei gegründet hat, dann muss man natürlich auch Demonstrationen veranstalten.

Eben für Frieden. Und für mehr Freude. Und meinetwegen auch für grässliche Eierkuchen – Demokratie heißt ja auch immer Kompromisse machen.

Doch! Siehe da! Die Geschichtsbücher zeigen: Es gab schon eine Demonstration für Friede, Freude, Eierkuchen. Und zwar im Sommer 1989, gerade drei Monate, bevor die Mauer fiel.

Bekannter geworden ist dieser seltsame Demonstrationszug unter dem Namen „Love Parade“.

Kapitel zwei: Summer of 89

1989 war ein seltsames Jahr gewesen. Die gute, bewährte Nachkriegsordnung war am Wackeln. Links der Westen, rechts der Osten. Kalter Krieg. Atomraketen. Und ansonsten weltweit Scharmützel um den Einfluss der Machtblöcke.

Aber speziell der Osten war im Wackeln. In Polen gab es die ersten demokratischen Wahlen. Die Ungarn bauen ihre Grenzanlagen zu Österreich ab. Selbst in China kommt es zu Demonstrationen. Das sollten wir nicht vergessen. Heute steht China da wie ein Block. 1989 aber kam es zu dem, was wir im Westen „Tian’anmen-Massaker“ nennen. In China heißt es „Zwischenfall vom 4. Juni“.

Wieviele friedliche Demonstranten dabei genau starben, das wissen wir heute noch nicht. Aber 2.500 ist auf jeden Fall die geringste Zahl, die man finden kann.

In Russland walten Perestroika und Glasnost. Man zieht sich aus Afghanistan zurück. Für den Westen waren damals die Mujaheddin tapfere Freiheitskämpfer, die nun gewonnen hatten. Heute heißen die Taliban und sind gar nicht mehr nett.

In Amerika wird der Vater von George W. Bush Präsident. Als Nachfolger von Ronald Reagan, der zwei Jahre vorher gefordert hatte: „Mr. Gorbachev! Tear down this wall!“

Bei uns herrschte Kohl. Und alleine der Name „Kohl“ sagt alles. Riecht wie Großmutters Küche, wenn sie einen Eintopf zaubert, der zwar sättigt, aber keinem schmeckt. Das war ungefähr das Lebensgefühl in Deutschland damals.

Alles war seltsam im Schwanken, aber keiner wußte, wo die Reise hingehen würde. Im Großen und Ganzen machten wir halt alle weiter wie gewohnt.

Die interessanteren Hits im Jahre 1989 waren: „Personal Jesus“ von Depeche Mode, „Batdance“ von Prince oder „Twist in my Sobriety“ von Tanita Tikaram. Die schrecklichen Hits hießen: „Irgendwann, Irgendwie, Irgendwo“ von Jürgen Drews, „Lambada“ von Kaoma und „Mein lieber Mann“ von Halle Haller.

In einigen Kellern in Berlin aber entstanden Clubs, die eine ganz andere, modernere Musik machten. Techno. Irgendwie entwickelte sich aus House und Synthie-Pop ein Stil, der nur darauf aus war, extrem tanzbar zu sein!

Man achtete nicht auf tolle Melodien oder auf wichtige Botschaften. Man achtete auf die Tänzer und darauf, was die an Musik brauchten, um unendlich weiter tanzen zu können. Darum waren die wichtigsten Personen auch nicht Menschen, die eine tolle Stimme hatten. Sondern die Leute, die im richtigen Moment die richtigen Platten auflegen konnten.

Eben die DJs. Und einer von ihnen hieß Matthias Roeingh. Der war Mitglied gewesen in Bands, die Namen trugen wie „Die Toten Piloten“, „Deutsch-Polnische Aggression“ oder „Squealer“. Bis er Mitte der Achtziger die House-Music entdeckte.

Und, zusammen mit vielen anderen DJ´s in Berlin oder London, daraus das etwas schnellere und etwas elektronischere „Techno“ mit entwickelte. Ein kleine Technofamilie entstand da in Berlin. In Kellern. Heimlich. Unbemerkt. Bis eben 1989.

Kapitel drei: Die Love Parade

War das nicht cool in London? Wo die Raver verbotenerweise in leeren Fabrik-Gebäuden feierten? Und wenn dann die Polizei die Veranstaltung beendete, dann tanzten die einfach die ganze Nacht weiter im Freien!

Geht so etwas denn nicht auch in Deutschland? Kriegt die Berliner Techno-Familie das auch irgendwie hin? Könnten wir nicht so endlich aus den Kellern kommen und der Welt zeigen, was wir da Tolles haben?

Es war wohl irgendwann im Frühling. Da stand „Motte“, so der Spitzname von Matthias Roeingh mit seinen Freunden am frühen Morgen vor einem Club. Es war wieder toll gewesen, man hatte die ganze Nacht durch getanzt und alle waren immer noch euphorisch.

„Weßte wat? Ick hab et! Wir melden einfach ’ne Demo an!“ Sagte er oder so ähnlich. (kann kein Berlinerisch) Klingt harmlos und wahrscheinlich haben ihn seine Kumpel angeschaut wie die Kühe, bevor es zündete. Aber diese eine kleine Idee sollte viel ändern für die Techno-Szene.

Eine Freundin arbeitet am Bezirksamt, die macht den Behördenkram. Ein anderer ist Grafiker, der macht die Flyer. Alle halfen zusammen. Als Zweck stand auf dem Antrag: „Für Frieden, Abrüstung, Freude, Musik als neues Mittel der Verständigung und Eierkuchen für die gerechte Nahrungsmittel-Verteilung.“

Kannste sagen, was Du willst: Bis auf die Eierkuchen finde ich das immer noch einen guten Grund, zu demonstrieren.

Auch wenn es natürlich vielleicht andere Gründe gab, die Open-Air-Party als Demonstration anzumelden.

Zum einen war es mit der Versammlungsfreiheit schon damals nicht wirklich so toll bestellt. Grundgesetz Artikel 8 Absatz 1: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“
Aaaaber. Artikel 2: „Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.“

Und darum müssen Demonstrationen angemeldet werden. Die Polizei passt dann auf, dass nichts Schlimmes passiert. Eventuell werden Straßen gesperrt – ist ja auch ganz praktisch. Auf der anderen Seite muss sich der Veranstalter nicht selber um die Sicherheit kümmern und auch nicht um den Müll. Den Punkt merken wir uns für das nächste Kapitel!

Die Demo war beantragt und die ganze Idee war schon ein bisschen in Vergessenheit geraten, als auf einmal die Bestätigung kam. Ja, Herr Motte, sie dürfen demonstrieren. Am 1. Juli 1989 um 16:00 Uhr. Tschja, nun wird’s ernst.

Aus der Familie wurden drei Transporter organisiert – na ja, ist vielleicht ein bisschen übertrieben, die Ariane von Citroen ist mehr so eine Art aufgeblasene Ente. Und dann einigte man sich auf einen gemeinsamen Sound. 90 Minuten fertig abgemischter Techno-Sound. Auf drei verschiede Kassetten gespielt. Sicher ist sicher.

Und so versammelten sich Motte, Westbam, Kid Paul und Jonzon – vier Djs aus Westberlin – verfassungsgemäß um 14:00 Uhr am Fischlabor in Schöneberg. Es war kein sonniger Sonnentag. Es nieselte ein bisschen und war eher berlinerisch-frisch.

Wir stellen uns also die vier coolen DJ´s vor. Mit den drei Transportern. Und den zwei Cassetten-Rekordern. Und darum herum stehen Dutzende von Polizisten. Die hatten ja nicht wirklich gewusst, was sie mit dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ anfangen sollten.

Doch hier versammelten sich nicht besoffene Punker oder die gewaltbereite Schwarzfront. Hier versammelte sich, wenn man ganz, ganz genau hinschaut: Na ja, dann versammelte sich überhaupt niemand. Null. Nada. Nichts.

Stell‘ Dir vor, es ist „Love Parade“ und keiner geht hin. Mit diesem Ausgang ihrer Aktion hatten die DJs um Motte natürlich nicht gerechnet. Wo war denn die Family?

Eine Stunde angestrengtes Warten. Hier die vier Cassetten-Rekorder-Anschalter, dort Dutzende von Polizisten. Zwei Stunden angestrengtes Warten. Es wird 16:00 Uhr. Jetzt soll es eigentlich losgehen. Aber noch immer ist kaum jemand zu sehen. Vielleicht 20 oder 30 Raver waren gekommen.

Eine halbe Stunde später schlurft der Einsatzleiter der Polizeistaffel zu Motte. „Ja wat is Nu? Woll’n war dann ma los, oder wat?“

Man bricht also auf. Die Generatoren werden angeworfen, die „Transporter“ werden gestartet und der Zug zieht los den Kudamm runter. Und langsam kamen immer mehr der Kellerkinder dazu. Immer mehr Menschen schlossen sich dem Zug an.

Die Polizei wird am Ende 150 Menschen melden. Das ist jetzt nicht ein Triumph, aber doch ein Wendepunkt für die ganze Techno-Szene. Matthias Roeingh, Motte, schrieb beim Spiegel:

„Wir verstanden uns als Familie, je länger der Umzug dauerte, denn das Tolle war: Wir waren endlich aus unseren Kellern gekommen. Da lagen die meisten unserer Clubs, wir waren die Kellerkinder der Musik. Und nun konnte uns plötzlich jeder sehen und vor allem hören, und das fühlte sich irre an und sehr besonders. Ich werde den Moment nie vergessen, als wir auf der Rückfahrt auf dem Ku’damm stehenblieben mit unseren Wagen, einfach so. Aber die Polizei ließ uns, die hatten ja gemerkt, dass wir total harmlos waren. Eine Viertelstunde standen wir da und haben die Kreuzung blockiert. Es war frech und fühlte sich so frei an. Wir donnerten unseren Sound in eine Stadt, die bald das Zentrum Deutschlands werden sollte. So viel Euphorie habe ich selten in mir gespürt. Das war für uns ein Gefühl der Revolution, nichts anderes.“

Kapitel vier: Noch viel mehr Love Parades

Diese erste Veranstaltung war noch so klein und unbedeutend, dass es nur ein paar Schwarzweiß-Bilder von einem Fotografen namens Erik-Jan Ouwerkerk gibt, der zufällig des Weges lief.

Doch wir alle wissen, dass das nicht so blieb. Eine Love Parade folgte auf die andere. Und die berühmteste dürfte die von 1999 gewesen sein. In den zehn Jahren war die Veranstaltung von 150 Ravern auf 1,5 Millionen Menschen gewachsen.

Das muss man sich einmal vorstellen. Für diese Love Parade waren, wenn man das umrechnet, praktisch alle Münchner zu Gast in Berlin. Die ganze drittgrößte deutsche Stadt feiert in der größten Stadt. Die dann genau in diesem Jahr Sitz von Parlament und Regierung wird.

Doch in diesem großen Triumph war das Ende schon angelegt. Die Szene, die Familie war weg. So groß war das Ganze geworden, dass es eigentlich keine Bewegung mehr war.

Die anderen Familienmitglieder waren schon weg, während Motte, der sich mittlerweile Dr. Motte nannte, immer noch gut im Geschäft war. Es gab eine „Love Parade GmbH“ und ein Plattenlabel und Lizenzen für Vermarkter und andere Leute, die an den hunderttausenden von Besuchern verdienten.

So langsam war aus der ganzen Veranstaltung ein Geschäft geworden. Klar, Dr. Motte hielt immer noch die große Abschluss-Rede an der Siegessäule auf dem Roten Stern.

Aber es war wohl nur noch er selber, der glaubte, dass hier nicht nur eine Riesenparty stattfand, sondern, dass es sich um eine „Tanz-Bewegung“ handelte.

Drogen waren 1989 noch kein Thema. Techno war noch nicht gleich Ecstasy. 1999, auf dem Höhepunkt war das schon völlig anders.

Von da an sollten die Besucherzahlen bergab gehen. Als man im Rathaus begriffen hatte, dass das nicht wirklich eine politische Bewegung ist, war das keine Demo mehr.

Aber wenn sich die GmbH selber um Sicherheit und Müll kümmern musste und nicht die Stadt oder der Staat, dann lohnte sich der Riesenaufwand nicht mehr.

Da musste schon die Fitness-Kette McFit kommen und Geld reinwerfen, damit die Wagen weiter rollen konnten.

Doch bald dann schon nicht mehr in Berlin, sondern im Ruhrgebiet. Immer weiter wurde die „Love Parade“ benutzt, um Gewinne abzuschöpfen oder sich einen Image-Gewinn zu erkaufen.

Längst schon waren wirklich alle der Pioniere nicht mehr an Bord. Selbst Dr. Motte tritt ab 2006 auf den Gegenveranstaltungen auf. Seine Firma „Love Parade GmbH“ hatte er verkauft und war nun ein Gegner. Nix mehr „Friede, Freude, Eierkuchen.“

Kapitel fünf: Die letzte Parade

Mittlerweile steht ja „Love Parade“ nicht mehr für die erste Demonstration im Berliner Nieselregen. Sondern eher für die Katastrophe in Duisburg.

Die Veranstaltung war heruntergekommen zu reinem Kommerz. Die Stadt, die Veranstalter und die ganzen Firmen darum herum erhofften sich von der Ravern hauptsächlich fette Umsätze.

Darum waren die Menschen auch nicht mehr so wichtig. Die Geschichte des wichtigsten Techno-Festivals endet damit, dass um 17:00 Uhr am Eingang 21 Menschen im Gedränge zu Tode gequetscht werden. Aber die Veranstaltung läuft weiter.

Feuerwehr, Polizei, Technisches Hilfswerk rücken an, um sich um die Toten, die 40 Schwerverletzten und die 500 Verletzten zu kümmern, während unten die Veranstaltung noch fünf Stunden weitergeht.

Hundertausende Fans von Techno tanzen weiter, ohne zu wissen, dass sie einen Totentanz aufführen. Das sie Zeugen des Endes von Techno und Love Parade sind.

So beginnen und so enden nicht nur politische Bewegungen in einer kapitalistischen Gesellschaft. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo es um Rendite geht und um Profit. Und eben nicht um Friede oder Freude und schon gar nicht mehr um Eierkuchen.

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