Fred & Erna ziehen ein



Die heutige Geschichte handelt von den kleinen Dingen, die man zu tun bereit ist, um ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten. Und von den großen Dingen, die man nicht zu tun bereit ist, aber trotzdem tut. Einfach, weil die neuen Mitbewohner so überzeugend sind und richtig böse kucken können!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „March of the Sinister Ducks“ von Sinister Ducks (Alan Moore)

Songtext zu den bösen, unheimlichen Enten


Everyone thinks they’re such sweet little things.
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Soft downy feathers and nice little wings.
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
But there’s a poison I’d like to administer;
You think they’re cuddly, but I think they’re sinister!
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.

What are they doing at night in the park?
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Think of them waddling about in the dark!
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Sneering and whispering and stealing your cars,
Reading pornography, smoking cigars!
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.

Nasty and small: undeserving of life.
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
They’ll sneer at your hairstyle and sleep with your wife.
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Dressed in plaid jackets and horrible shoes,
Getting divorces and turning to booze!
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.

Forcing old ladies to throw them some bread.
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Who could deny, they’d be better off dead?
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Look closely and you will recoil in surprise
At web-footed fascists with mad little eyes!
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.
Ducks. Ducks. Quack-quack. Quack-quack.


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Die Geschichte zum Lesen

Also, ich habe mit meinem Mann geredet und wir beide sind eigentlich der Meinung, dass man jetzt darüber erzählen kann. Müsste eigentlich gehen. Wir haben genau gekuckt, wie alt Stockenten so werden. Und wir glauben eigentlich beide, dass wir jetzt schon so ziemlich auf der sicheren Seite sind. Nicht ganz sicher, aber doch sicher genug.

Die ganze Geschichte trug sich vor fünfzehn Jahren zu. Mein Mann und ich waren beide recht frisch pensioniert und widmeten unsere ganze Zeit unserem Häuschen und dem Garten. Und natürlich unserem Dackel und unserem Kater.

Wir waren ein ziemlich tierfreundlicher Haushalt. Das sagten alle. Vielleicht, weil wir auch einmal einen Kanarienvogel hatten. Oder, weil wir so viel Aufwand betrieben für die Tiere. Zuviel Aufwand, meinte mein Mann manchmal. Dabei hat er ja die mehrstöckige Hundehütte gebaut und den Kletterbaum für den Kater und nicht ich.

Es fing eigentlich alles damit an, dass es vormittags an der Tür klopfte. Leise, aber in einem schnellen Rhythmus. Als ob es ein Kind wäre. Ein hektisches Kind. Vielleicht war es ein Notfall, sagte ich und mein Mann stand auf, öffnete die Haustür.

„Da ist niemand“, sagte er und wollte schon wieder in seinen Sessel zurück, als das Klopfen wieder anfing. Er öffnet wieder die Tür, als jemand zu ihm sagt: „Wir sind hier unten, Du Holzkopf! Hältst Dich für etwas Besseres, bloß, weil Du so lang bist, oder?“

Mein Mann antwortete: „Aber… wer sind Sie?“

Darauf die Antwort: „Wir sind Fred und Erna. Und die Kleinen. Wir ziehen heute hier ein!“

Die Stimme klang leicht gereizt und ich kann verstehen, dass mein Mann der Meinung war, dass man jetzt besser keinen Streit anfängt. Auf jeden Fall spazierten als nächstes ein Erpel, eine Ente und fünf süße, kleine Küken in unser Wohnzimmer.

Die Ente sagte höflich: „’N Abend!“ und ich grüßte zurück. Die Küken erkundeten das Wohnzimmer, als der Erpel sagte: „Wir ziehen hier ein. Wo können wir denn schlafen?“

Und mein Mann sagte: „Sie können ja reden! Aber…“

Der Erpel: „Schön, dass Du das bemerkst! Übrigens, wenn wir gerade plaudern: Wann gäbe es denn so ungefähr Abendessen? Ich hab’ echt Kohldampf!“

„Aber ich dachte nicht, dass so ein Schnabel überhaupt in der Lage ist, die nötigen Laute zu bilden! Und das Enten vernunftbegabt sind…“

„Vernunftbegabt? Das ich nicht lache! Weil ihr Menschen ja so vernunftbegabt seid!“

„Na ja, wir können lesen und schreiben und… und Häuser bauen…“

„Und die Ozeane verschmutzen und das Klima versauen und Tierarten aussterben lassen! Klingt das vernunftbegabt? Die eigene Lebensgrundlage zu ruinieren?“

Also ich wollte mich ja nicht wirklich in die Diskussion einmischen, aber ich musste dem Erpel da schon ein wenig recht geben. So vernünftig, wie man meinem mag, sind wir Menschen ja nicht. Ich glaube, auch mein Mann war erst einmal von diesen Argumenten verblüfft.

Er sagte: „Wir wollten so in einer Stunde essen. Aber…“

Und der Erpel: „Das passt uns ganz gut. Was gibt es denn?“

„Äh… Also… Ich weiß nicht, ob das so toll ist für Enten, unser Essen…

„Was gibt es denn? Wir sind eigentlich omnivor.“

„Es gibt Hühnchen…“

Jetzt kühlte die Stimmung deutlich ab. Selbst die Küken hörten auf, meinen Pulli aufzuribbeln. Keiner sagte ein Ton. Bis unser Dackel aus dem Garten reingezockelt kam und erst verwirrt kuckte, bevor er den Erpel laut anbellte.

Der flog ein Stückchen in die Luft und hackte mit seinem Schnabel so lange auf die Nase unseres Dackels, bis dieser dann mit eingezogenem Schwanz wieder in den Garten zurück flüchtete. Da blieb er dann für die nächsten Monate.

Erna, ich meine also die Entenfrau, war etwas leichter im Umgang als ihr Erpel und wir einigten uns darauf, dass die Enten die Kartoffeln und die Erbsen bekommen und wir Menschen halt das Hühnchen essen. Wir mussten aber versprechen, nie wieder Geflügel zuzubereiten. Kann man irgendwie verstehen, oder?

Die Enten übernachteten die ersten Nächte bei uns im Schlafzimmer. Wir zogen es vor, dann lieber für diese Nächte die Schlafcouch zu benutzen. Gott sei Dank waren die Küken fast stubenrein und alle Vögel benutzten das Katzenklo. Das gefiel dem Kater nicht besonders, aber nachdem Fred ihn beim Armdrücken besiegt hatte, musste er sich beugen.

Erna gab uns dann Anweisungen und wir stellten uns ganz gut an, meinte sie. Am nächsten Tag hatten wir auf jeden Fall aus Kisten und Schachteln für die neuen Mitbewohner ein Haus im Wohnzimmer aufgebaut, dass ihnen gefiel. Wir mussten auch nur die Couch und den Fernseher in den Garten räumen, was ohne Hilfe von Möbelpackern ging.

Man lernte sich dann so kennen. Und die Angewohnheiten und charakterlichen Besonderheiten der anderen. Wir wussten, dass Fred ein alter Erpelchauvi war, aber Erna eine selbstbewusste, moderne Ente, die sich nichts gefallen ließ. Darum waren die beiden auch ununterbrochen am Streiten.

Man sieht das gut an den Namen der Küken. Denn die hießen, in der Reihenfolge des Schlüpfens: Susgit, Petranna, Theodannes, Fredwig und Lentine. Jeder Elternteil hatte also halb seinen Wunschnamen durchgesetzt.

Ein bisschen schwieriger als der Umbau des Wohnzimmers war dann die Sache mit dem Partykeller. Wir hatten uns mit den Enten geeinigt, dass das der Raum war, auf den wir am ehesten verzichten konnten. Sie müssen wissen, mein Mann und ich sind so richtige Partymuffel. Wir haben den nur, weil man das halt so machte. Aber in Wirklichkeit lagern wir da nur Kartoffeln und anderes Gemüse.

Wir hatten da eine Fototapete mit Palmen und Sandstrand und so. Aber die Enten bestanden auf einem anderen Motiv, also einigten wir uns auf „Sonnenuntergang in der Savanne“. Wahrscheinlich, weil da im Hintergrund ein Schwarm Nilgänse abgebildet war.

Nach der Fototapete ging der Umbau weiter. Mein Mann fliesste den Boden und die Wand hoch bis zu einem Meter. Und dichtete das ab. Den Heizkörper mussten wir dann versetzen lassen, damit wir den Raum circa 50 cm hoch mit lauwarmem Wasser auffüllen konnten. Das klingt jetzt nach einem komplizierten Umbau, aber man darf nicht vergessen, dass die Küken ja irgendwo das Gründeln üben mussten. Das ging nicht in der Badewanne, das liegt ja wohl auf der Hand!

Also, das war jetzt kein zu großes Opfer, finde ich. Mein Mann, der vom Fließen einen Bandscheibenvorfall bekam, war da anderer Meinung. Aber, was soll’s? So ist das Leben nun einmal, oder? Wir müssen alle Opfer bringen für ein friedliches Zusammenleben! Das war schon immer so!

Ich persönlich fand ja eher das Kochen anstrengend, denn das war ja meine Aufgabe. Mein Mann und ich, wir waren ja warmes Essen zum Frühstück oder abends oder um Mitternacht gar nicht gewöhnt. Das war schon eine Umstellung vier Mal am Tag warm zu kochen.

Und unsere Gäste waren auch nicht einfach zufrieden zu stellen. Ich kann ja verstehen, dass sie nicht wollten, dass ich Ei verwende. Waren doch die fünf kleinen Küken noch ein paar Wochen vorher selber noch welche gewesen!

Aber Milch fanden die Enten alle zum Beispiel eklig und als sie erfuhren, dass da Milch drinnen ist, aßen sie nie mehr meine Sachertorte.

Ihre Lieblingsrezepte waren: Krabbencocktail und Lasagne mit Spinat und Bambussprossen. Fred mochte besonders die Spaghetti carbonara aus Egeln und Erna liebte mein Erdwürmerbouquet an Rucola. Dass Parmesan aus Milch ist, habe ich ihnen verschwiegen, nicht verraten! Na ja, und die Kleinen waren ganz verrückt nach meinem Marienkäferpudding!

Einmal hat mein Mann einfach nicht genug Marienkäfer gefunden, obwohl er die ganze Nacht unterwegs war. Ist aber auch wirklich schwierig im Februar! Auf jeden Fall habe ich dann die Käfer durch Stubenfliegen ersetzt – was haben die Kleinen für einen Aufstand gemacht! Die haben den Pudding glatt durch die ganze Küche geworfen! Süß, oder? So klein und schon solche Gourmets!

Speziell das Kochen bereitete uns auch auf andere Art Probleme. Denn unsere kleine Entenfamilie war sehr anspruchsvoll! Wenn es zum Beispiel Polenta mit Pilzen gab, dann war es nicht mit Champignons getan, dann mussten es schon weiße Trüffel sein.

Das war dann doch zu viel für unsere kleine Rente und mein Mann begann wieder zu arbeiten. In einer Bäckerei. Das war eine glückliche Fügung, denn unser Bedarf an Baguette war enorm. Jeden Tag röstete ich für die Enten so ungefähr drei Pfund Croutons.

So als Snack für zwischendurch oder am Abend, während sie auf dem iPad, das wir für Fred gekauft hatten, Netflix kuckten. Und da durfte es nur Baguette sein und die feinste Butter. Mit ein kleinem bisschen Knoblauch abgeschmeckt – da schleckten sich unsere Enten aber die Schnäbel, das hätten sie einmal sehen sollen!

Auch wenn es putzig war, das mit den Enten hatte schon auch so seine Schattenseiten. Und ich meine nicht den Bandscheibenvorfall meines Mannes. Oder die Migräne, die ich immer bekam, wenn ich 20 Stunden arbeitete und nur vier Stunden Schlaf hatte. Nein, das meine ich gar nicht. Ich will ja nicht jammern! Unsere Eltern waren im Krieg, das muss man immer bedenken!

Ich meine das eher sozial. Unsere Freunde wollten uns nicht mehr besuchen. Die sahen das mit den Enten einfach völlig anders als wir! Am meisten machte ihnen Sorgen, dass Fred im Allgemeinen schon eher so zu, sagen wir einmal, kommunistischen Positionen neigte. Aber, was halt gar nicht ging, war, dass er ununterbrochen Zigarillos rauchte.

Und meine Kinder fragten am Telefon auch immer, warum wir uns das alles gefallen ließen von einem Erpel und einer Ente. Aber die wussten einfach nicht, wie das so ist, wenn man mit jemandem zusammenlebt, der einem rhetorisch so deutlich überlegen ist wie Fred.

Oder, wie sich das anfühlt, wenn einen Erna böse ankuckte! Die konnte wirklich böse kucken, wenn etwas nicht so lief, wie sie wollte. Ich meine, nie ein böses Wort von dieser Ente – aber sie vermittelte einem das Gefühl, man wäre ein Tierquäler, wenn zum Beispiel das Wasser im Partykeller um ein halbes Grad zu warm war.

Die beiden waren schon sehr verschieden. Darum konnte das eigentlich nicht gutgehen. Und am Ende ging es dann ja auch nicht gut. Eines Morgens erklärte mir Erna, dass sie einfach nicht mehr könne. Fred sei zu rückständig. Wenn es nach ihm gehen würde, dann würden die Saurier noch heute die Erde regieren und alle Säugetiere gehörten an die Wand gestellt. So redete er hinter unserem Rücken, erzählte sie. Ich weiß ja nicht, ob das so stimmt, ehrlich gesagt. Mein Mann ist sich auch nicht sicher. Denn ganz so schlimm war Fred eigentlich gar nicht…

Auf jeden Fall nahm sie die Kinder, alle fünf, und verließ einfach unser trautes Heim! Von einem Tag auf den anderen! Weder mein Mann noch ich wissen ganz genau, was vorgefallen ist. Wir hatten ja ein paar Mal versucht, zu vermitteln, aber die Vögel ließen sich von uns einfach gar nichts sagen.

Für Fred war das keine leichte Sache. Er nahm sich das wirklich sehr zu Herzen. Wir konnten gar nicht so viele Sektschalen mit Portwein im Haus verteilen, wie er wegschnabelte! Und auch sein Zigarillokonsum vervielfachte sich. Aber so richtig Sorgen um unseren Erpel machten wir uns erst, als wir Spritzbesteck im Partykeller fanden.

Wir suchten überall nach Erna! Wir klapperten jeden Tümpel und jeden Bach in der Nähe ab, aber keine Ente wollte mit uns reden! Die Gänse waren sogar noch arroganter und die Schwäne wollten ja sowieso nichts mit Enten zu tun haben.

Eines Abends, Fred hatte schon ein, zwei Flaschen Portwein intus, da sagte er: Ich geh‘ schnell mal Zigarillos holen. Und dann knallte er die Haustür zu und war weg! Einfach weg! Ohne eine Nachricht! Wir machten uns doch solche Sorgen!

Diese Enten! Die haben einfach Probleme mit Empathie! Die denken immer nur wie Vögel. In Säugetiere können die sich gar nicht so richtig reinversetzen, wissen Sie? Mein Mann meint das auch.

Wir waren dann schon froh, als unser Kater und unser Dackel wieder ins Haus kamen, nachdem die Enten zwei, drei Monate fort waren.

Aber wir haben uns bisher nicht getraut, diese Geschichte zu erzählen. Fred hatte sein iPad liegen lassen. Und da gibt es ein Viereck, das heißt Google. Das habe ich gefragt, wie alt Erpel werden und da hieß es: Im Durchschnitt drei Jahre. Aber der älteste Erpel aller Zeiten ist 29 geworden!

Wir glauben schon, dass wir da jetzt mit 15 Jahren Abstand auf der sicheren Seite sind, mein Mann und ich. Weil, ich meine, wenn man als Ente so viel raucht und so viel Portwein trinkt, dann wird man wahrscheinlich kein Enten-Methusalem, oder?

Weil, es wäre schon ungünstig, wenn Fred das jetzt hören würde. Wir würden schon gerne den Partykeller wieder umbauen. Und auch die Couch und den Fernseher von der Terrasse wieder reinholen.

Habt ihr denn im Durchschnitt viele Enten als Hörerinnen? Ah! Nicht. Das ist gut. Und Erpel? Auch nicht. Umso besser. Und Küken auch nicht, oder? Gut. Gut. Wollte ich nur wissen…

Weil, wenn Fred das hört, dann fällt ihm vielleicht alles wieder ein. Und das wäre schlecht. Denn mein Mann hatte doch das Haus beim Backgammon an ihn verloren. Sicher, da war er total besoffen damals! Nicht mein Mann natürlich, Fred, meine ich.

Aber wir würden das Haus ungern verlassen. Wir sind jetzt beide über achtzig. Und als wir damals immer in der Hundehütte schlafen mussten, da waren wir am Morgen immer so unausgeruht, verstehen Sie?

Ich meine, als Mensch hat man ja auch Bedürfnisse, oder?