Falsch zitiert!


Ein schönes Zitat zur richtigen Zeit bekräftigt die Thesen jedes Schreibers. Und sei es nur Schwiegermama oder Schwiegerpapa, die auf eine Hochzeit eine Rede schwingen.

Denn ein berühmter Name hinter einer x-beliebigen Aussage bestätigt den Schreiberling in seiner Autorität. Wenn der Einstein oder der Goethe das sagt, dann stimmt es!

Darum gibt es eine Tendenz hin zu den stärkeren Namen. In zweihundert Jahren werden alle modernen Fussballer-Zitate wahrscheinlich dem unvergleichlichen Lothar Matthäus zu gute gehalten.

„Das erklärt auch, warum wahrscheinlich ein Großteil der Zitate, die uns jeden Tag um die Ohren gehauen werden, gar nicht von den Personen sind, denen man sie zuschreibt.“

Wenn ich die Frau Anders zitieren darf, die das in dieser Sendung behauptet…


Download der Episode hier.
Musik: „The Goodbye Song“ von DAZIE MAE / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung

Ich liebe ja knackige Sprüchlein und Weisheiten. Mein Kühlschrank WAR damit zugeklebt. Bis der Herr Wunderlich sich über die ganzen Imperative echauffierte. Heute geht es um berühmte Zitate. Und warum uns die Quelle meistens scheißegal ist.

Handliche Sprüchlein und kleine Weisheiten gibt es wahrscheinlich schon seit es Sprache überhaupt gibt.

Der eine zitiert die andere, das wird dann per „Stille Post“ weitergesagt und wenn es cool ist, dann wird es ein geflügeltes Wort. „Geflügeltes Wort“ – sage noch einmal einer, dass Deutsch nicht auch romantisch sein kann.

Wenn man an ein geflügeltes Wort dann den Namen des Urhebers hängt, dann ist das ein Zitat.

Und so ein Zitat gewinnt durch den oder die Urhebende an Gewicht.

Nehmen wir zum Beispiel:
Filme, die mit Pistolen auf den Plakaten werben, langweilen mich alle.“ Hat Alfred Hitchcock gesagt. Da denkste jetzt drüber nach, Herr Wunderlich, oder?

Ist ja auch gelogen. Das Zitat stammt im Original auch von der Frau Anders. Aber nach deren Meinung zu unsäglich blöd gestalteten Action-Film-Plakaten kräht halt einfach kein Hahn.

Das wäre eine Methode, wie es dazu kommt, dass Zitate so oft mit den falschen Autoren versehen sind. Man möchte selber eine Aussage treffen, aber zitiert lieber jemanden, der mehr Autorität besitzt. Klar, oder?

Das passiert sehr viel häufiger, als man meint. Ich würde das den „Lothar-Matthäus-Effekt nennen wollen. Oder den Einstein-Effekt.

Denn fast alle Einstein-Zitate, die auf Postkarten oder in Sprüchekalender gedruckt werden, sind nicht von ihm. Aber weil er halt einfach das Vorzeige-Genie des 20ten Jahrhunderts war, wirkt jedes Zitat von ihm gleich wie eine göttliche Erkenntnis.

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Das wäre so ein Einstein-Zitat, das überall auftaucht.

Doch in Wirklichkeit hat Einstein das nie so gesagt. Das traut man ihm zu. Aber ein Physiker würde sicher nie leichtfertig behaupten, dass irgendetwas unendlich ist. Unendlichkeit ist ein Konzept, das in der Mathematik Sinn macht, aber in der Physik nur Unsinn produziert.

Der eigentliche Sprücheklopfer heißt Fritz Perls. Habt ihr wahrscheinlich noch nie gehört. Aber er gilt als Gründer der Gestalttherapie und war ein einflussreicher Psychoanalytiker. Hat aber trotzdem nicht die Wucht eines Albert Einstein, oder?

Der soll ja auch gesagt haben: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.

Das sieht man zur Zeit rund um das Internet zitiert. Da sollte man sich schon fragen: Wer hat eigentlich Herrn Einstein zu einer Koryphäe der Bienenzucht gemacht? Warum klingt selbst so ein Zitat besser, wenn ein Physiker es sagt?

Doch das hat sich ein Journalist ausgedacht. Dieser tolle Spruch stammt von Hans Schuh, der Einstein in seinem Artikel „Die Biene, das Geld und der Tod“ zitiert. Das war vor elf Jahren. Vorher gibt es nicht eine einzige Quelle für das Zitat. Das hat sich Herr Schuh mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einfach aus dem Fingern gesogen. Und damit es besser klingt, Herrn Einstein hinten drangehängt.

Eine andere Methode des Falsch-Zitierens, ist die versteckte Verleumdung. Ein Autor wird einem Zitat falsch zugeordnet, um es passender zu machen. Um eine versteckte Botschaft zu transportieren. Um mit dem Namen ein kompletteres, stimmigeres Bild zu machen.

Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“ Das muss ja ein Fußballer gesagt haben. Also steht hinter diesem Zitat Lukas Podolski. Der ist nämlich der Erbe von Lothar Matthäus. Der Arme Lothar hatte für zwanzig Jahre den Kopf herhalten müssen für das Stereotyp: Fussballer sind doof.

Aber das hat er nie gesagt. Der Poldi, meine ich. Das Zitat stammt aus einem Kabarettprogramm. Einer Satire des noch etwas jüngeren Jan Böhmermann.

Aber, wenn es per se schon satirisch ist, dann ist es halt nicht lustig. Stimmt’s?

Falsche Zitate sind natürlich ein Werkzeug der Propaganda. Und das schon sehr lange.
Ein ganz berühmtes Beispiel ist:

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen.
Soll Marie Antoinette gesagt haben. Das ist ein Gerücht, dass die französische Revolution befeuern sollte. Und das illustrieren sollte, wie dekadent und lebensfremd der Adel so ist.

Die Wurzel des Zitats ist Jean-Jaques Rousseau. Der schrieb wörtlich, so um 1776, dass „eine große Prinzessin angab, als man ihr sagte, die Bauern hätten kein Brot: ‚So mögen sie Kuchen essen’“

Wer will kann sich ausrechnen, dass die gute Marie-Antoinette damals noch gar nicht mit Ludwig XVI. verheiratet war. Denn, als Rousseau mit seiner spitzen Feder dieses Gerücht erdachte, da war sie gerade einmal 10 Jahre alt.

Weil das falsche Zitieren ein Mittel der Propaganda ist, müssen wir wirklich genau darauf kucken, wer da wen zitiert.

Sowohl für die ganz links als auch für die ganz rechts, sind ja die Juden eines der größten Probleme der Menschheit. In ihrem blinden Antisemitismus sind sich die beiden extremen Pole des Spektrums wieder einig. Darum findet man folgendes Zitat doppelt zu oft:

Gib mir die Macht über die Währung eines Landes, und es interessiert mich nicht mehr, wer dessen Gesetze macht.“ Soll Amsel Mayer Rothschild gesagt haben. Der Gründer einer großen Bank und eben ein Jude.

Das belegt für die Linken als auch für die Rechten ganz großartig die Verschwörung des jüdischen Großkapitals zur Unterdrückung aller Andersdenkenden.

Hat Herr Rothschild aber nie gesagt. Das Zitat taucht zum ersten Mal im schrecklichen Buch „Money Creators“ von Gertrude Coogan auf. Das war 1935 und Herr Rothschild konnte – wegen seines derzeitigen Todes – schon seitziemlich genau 100 Jahren nicht mehr protestieren.

Das Zitat ist, wie zum Beispiel auch die berüchtigten Zion-Protokolle, eine Fälschung von Judenhassern für Judenhasser.

Aber wir sollten uns jetzt nicht zu überlegen fühlen. Denn jeder fällt auf falsche Zitate rein, wenn es nur die richtigen Leute sind, die sie erlügen.

Da wäre in meinem und in Deinem Falle sicher folgendes Zitat zu erwähnen:
Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Hach unsere Jugend, gell!

Als Quelle gibt es seit den Neunzigern einen Häuptling Seattle. In den Achtzigern flunkerte man auch gerne Sitting Bull hinter das Zitat. Meistens stand aber „Weisheit der Cree-Indianer“ hintendran.

Das hat mich damals sehr berührt. Allerdings vielleicht nicht ganz so dolle, wenn hinter dem Zitat gestanden wäre: Alanis Obomsawin, 1972.

Bleiben wir doch bei falschen Zitaten, die ich geglaubt habe. Da wäre ein Kalenderspruch:

Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.

Wer hat es gesagt, laut meinem Kalender? Der wundervolle Nelson Mandela.

Hach! Das wäre auch schön. Die Nelson-Mandela-Stiftung erklärt auf ihrer Internetseite, ihre Archivare hätten in allen katalogisierten Reden von Mandela nirgendwo diese Sätze gefunden.

Ist klar. Denn das Zitat ist von der Selbsthilfeautorin Marianne Williamson. Aus ihrem Selbsthilfe-Buch: „Rückkehr zur Liebe“. Muss ich mir vielleicht ‚mal kaufen…

Oder wie wäre es mit einem anderen meiner persönlichen Helden?

Sei der Wandel, den du in der Welt sehen willst“ ein Superspruch oder. Eindeutig, finde ich! Hat er gesagt, der Mahatma Ghandi. Weiß jeder. Hat er aber leider nicht. Vom Begründer des modernen Indiens ist jede Aufzeichnung und Veröffentlichung katalogisiert. Sogar seine Fanbriefe an Mussolini.

Am ähnlichsten wäre vielleicht noch: „Wenn wir uns selbst ändern könnten, könnten sich die Tendenzen in der Welt ebenso verändern. Ändert ein Mensch seine eigene Natur, ändert sich die Einstellung der Welt zu ihm. Wir brauchen nicht zu warten, um zu sehen, was andere tun.“

Das ist aber bei weitem nicht so knackig und dramatisch, dass man es mal schnell am Stammtisch der Yoga-Gruppe zitieren kann, oder?

Übrigens sind auch meine Künstlerhelden nicht dagegen gefeit, dass man ihnen Worte in den Mund legt. Zum Beispiel:

Gute Künstler kopieren, großartige Künstler klauen.
Soll natürlich er gesagt haben, der Pablo Picasso. Schon klar. Ein Zitat über Künstler muss halt auch von einem Künstler sein. Das ist dann wieder der schon oben erwähnte Lothar-Matthäus-Effekt.

Doch das hat der gute Pablo nie gesagt. Dazu war er viel zu sehr von sich selber eingenommen und mit sich selbst beschäftigt. Ein Narzisst, war er wohl eher, wie er im Bilderbuch steht. Weil ich gerade eine Sendung über Narzissten vorbereite, bin ich ihm dabei schon einmal begegnet.

Das Zitat, das am ehesten an diesen griffigen Spruch hinkommt ist: „Unreife Dichter imitieren, reife Dichter stehlen“. Stammt aber natürlich von einem Angelsachsen, im Gegenteil zu Picasso der Selbstironie mächtig. Es war der Lyriker T.S. Eliot.

Ich verehre ja auch das Bauhaus und damit verwende ich natürlich auch manchmal:

Der Teufel steckt im Detail
Hat er gesagt, der berühmte, geschätzte Ludwig Mies van der Rohe

Das ist auch eine schöne Arbeit am Original. Denn, wenn es der Teufel ist, der im Detail steckt, dann signalisiert das eher so etwas wie ein Schimpfen über die Kleinarbeit. Denn an den Teufel in persona glaubt keiner.

Was Mies van der Rohe wirklich des öfteren gesagt hat, ist aber das Gegenteil: „Gott steckt im Detail“. Aber das ist aber nicht mehr opportun. Da steckt zuviel Religion drinnen.

Aber gehen wir von meinen Lieblingen weg, schauen wir uns einfach nur die créme de lá créme der Zitate an. Und schauen dann einmal mit der Lupe auf die angebliche Quelle.

Bei uns besonders beliebt, wenn man die Wahl hat zwischen einer Nachspeise oder körperlicher Betätigung:

No sports!“ Hat der Churchill gesagt. Behauptet man auf jeden Fall bei uns in Deutschland. Sonst übrigens nirgendwo in der Welt. Aber so liebt der Deutsche halt seinen Churchill.

Zuviel trinken, zuviel rauchen und eine kesse Lippe. Da könnte man glatt vergessen, wessen Konzept das war mit dem Bombenkrieg, so sympathisch kommt er da rüber mit seinem Gehstock!

In England hingegen kennt man auch den jüngeren Churchill, nicht nur den mit dem Victory-Zeichen. Und daher weiß man, dass er zeitlebens ein leidenschaftlicher Reiter war und in seiner Jugend Florett fechtete, ein guter Schwimmer war und ein gefürchteter Amateurboxer.

Auch berühmt und auf jeder Baustelle immer gerne zitiert:

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ Hat Ober-Apparatschik Lenin angeblich gesagt.

Der war ja durchaus für Griffiges bekannt. Aber auch dessen Veröffentlichungen sind auf das Peinlichste erfasst und jeder Pups ist katalogisiert. Und nirgends findet sich dieses Zitat.

Wer aber etwas Richtiges von Lenin zitieren will, das ähnlichen Inhalt hat, kann ja auf:
„Nichts aufs Wort glauben, aufs Strengste prüfen – das ist die Losung der marxistischen Arbeiter!“ zurückgreifen. Wie? Ach was? DAS ist jetzt zuuu kommunistisch?

Bleiben wir bei einem anderen, berühmten Redner, der etwas in Vergessenheit geraten ist. Ein Ex-Bundespräsident mit Namen Lübke. Ja, liebe Kinder, der hat den gleichen Namen wie der Sidekick von „Danger Mouse“.

Der war ein begnadeter Improvisationskünstler. 1962, auf Staatsbesuch in Liberia sagte er:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!

Aber, ihr ahnt es schon. Das stimmt leider nicht. Das gibt weder das Archiv des Bundespräsidialamts noch das irgendeiner Rundfunkanstalt her. Und die Rede in Liberia ist durchaus aufgezeichnet.

Herr Lübke hat nicht viel zum Zitatenschatz der deutschen Sprache beigetragen. Ein Zitat würde aber schön zu WM passen: „Jeder hat gesehen, dass der Ball im Netz zappelte!“

Sagte Heinrich Lübke zum verhexten Wembley-Tor. Was auch der begeistertste Fussballnationalist niemals behaupten würde…

Sehr berühmt und recht modern ist auch folgendes Zitat:

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.
Hat der Michail Gorbatschow gesagt. Wie jeder weiß.

Das Original ist sehr genau protokolliert. Das war im Jahre 1990 und ist viel langweiliger und realpolitischer. Und unzitierbar:

„Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Und wer die vom Leben ausgehenden Impulse – die von der Gesellschaft ausgehenden Impulse – aufgreift und dementsprechend seine Politik gestaltet, der dürfte keine Schwierigkeiten haben, das ist eine normale Erscheinung.“

Kann man kaum dem Schüler um die Ohren hauen, dessen Bus angeblich schon zum dritten Mal die Woche vor der Nase weggefahren ist, oder?
Machen wir noch ein paar bekannte Zitate im Schnelldurchlauf.

Voltaire sagte niemals: „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Letzten dafür kämpfen, dass Sie es sagen können.“

Das hat ihm ein Fan in den Mund gelegt. Nämlich die britische Autorin Evelyn Beatrice Hall. Der echte, leibhaftige Voltaire hätte eher einen Dreck getan für das Recht irgendeines anderen.

Julius Cäsar sagte niemals: „Die Würfel sind gefallen.

Auch hier ist die Phantasie eines Fans mit ihm durchgegangen. In diesem Fall hieß der Fan Gaius Sueton. Wobei „Alea iacta est“ eigentlich wörtlich heißt: DER Würfel ist geworfen worden.

Latein ist präzise. Wenn sie geworfen worden, ist alles in der Schwebe, wenn sie gefallen sind, ist alles entschieden. Das ist einfach eine ziemliche Präzisionsanalyse, aber keine Haarspalterei…

Ludwig der Fünfzehnte hat nach seiner Niederlage gegen den Alten Fritz nicht gesagt: „Nach uns die Sintflut!“ Und die Pompadour auch nicht und auch nicht Giacomo Casanova. Tatsächlich ist das Jahrhunderte vor Ludwig ein Trinkspruch in Frankreich gewesen.

Und Galileo Galileo hat auch nicht „Und sie bewegt sich doch“ gsagt und „Und sie dreht sich doch“ schon gar nicht. Das ist eine dichterische Erfindung.

In der Wissenschaft wird Galileo auch häufig mit „Man muß messen, was messbar ist, und messbar machen, was noch nicht meßbar ist“ zitiert. Aber auch das stammt nicht von ihm sondern von Thomas Henri Martin, der sich das erst 1868 ausgedacht hat.

Aber hören wir auf mit diesem wunderschönen Zitat: „Wenn dieses Scheiß-Brummen jetzt immer noch auf der Aufnahme ist, dann schmeiße ich den ganzen Mist aus dem Fenster und radle morgen einfach bei jedem Hörenden persönlich vorbei!

Das wurde nachweislich von unserem Zen-Meisterchen Herrn Wunderlich so gesagt.
Kann ich bestätigen. Könnt ihr jederzeit gerne zitieren!