Erziehung – frei nach Paul



Erziehung ist schon für sich selber ein äußerst schwieriger Begriff, den auch kaum jemand gründlich definiert. Darum sind Eltern meistens auf sich selber gestellt.

Oder aber auf die Ratschläge von Dr. Web, der natürlich auch Pädagogik und Kinder-Psychologie studiert hat und gerne viele unnütze Ratschläge absondert.

Nach deren Lektüre man meistens noch ratloser ist. Geht auf jeden Fall Paul so, als sein Sohn beschließt, die Kommunikation auf Grunzen zu beschränken. Also sondert Paul selber eine Gegenphilosophie ab.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „ Schweinebraten“ von Freizeit / CC BY-SA 3.0


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Skript zur Sendung

Ich wollte Dir ‚was erzählen. Deine Meinung hören. Weil, jetzt mit dem verstauchten Knöchel, da hatte ich Zeit zum Nachdenken. Ja, ich weiß, da kommt auch oft Unsinn raus! Aber lass Dir einmal mein Erziehungskonzept, frei nach Paul, also mir, erklären, ok?

Reissen wir das Pflaster schnell ab: Ich habe als Vater versagt. Mein Sohn kommt seit Monaten nach Hause, gibt einen Grunzlaut von sich, geht in sein Zimmer und kommt erst gegen Abend für eine zweite Runde Grunzen in die Küche. Zur Schweinefütterung.

Ich bin ja einer dieser Väter, die zuhause bleiben, wie man in Amerika sagt. Stay at home dad. Keine Ahnung, was diskriminierender ist. Zu-Hause-Bleib-Papa oder Hausmann. Ich mag’s, dass in der amerikanischen Version eben der „Papa“ dabei ist. In der deutschen Version „Hausmann“ klingt es ein bisschen so, als wäre es schon gute Kindererziehung, wenn man die regelmäßig abstaubt.

Am liebsten wäre ich aber einfach normal. Weil ich das irgendwie normal fand, zu Hause zu bleiben. Die Susanne verdient lässig die doppelte Kohle in der gleichen Zeit und die Debatte, ob Kinder eher den Vater brauchen oder die Mutter ist unserem Vermieter am Ende des Monats aber so ‚was von egal!

So bin aber ich nun der Teil der Mannschaft „Wir erziehen Dennis und Lisa“, der eben besser weiß, wo die blöde Flüssigseife im Angebot ist oder wohin der blöde Vierkantschraubenzieher wieder hin verschwunden sein könnte. „Schon ‚mal im Werkzeugkasten geschaut, Schatz“ – „Wie kommt er denn dahin?“

Vor allem bin ich dann auch der, der losfährt, wenn der Sohn sich im Pausenhof einen Holzsplitter eingezogen hat, der in meiner Erinnerung ungefähr ein Meter fünfzig groß war. Oder wenn die Tochter sich auf dem Schulhof geprügelt hat.

Ja, das passiert. Vor allem, wenn die beste Freundin als „dumme Pute“ beschimpft wird. Ich wußte, ehrlich gesagt, nicht, wie ich empfinden sollte.

„Recht hast Du! Irgendwann ist auch einmal Schluß! Und diese Viktoria, mit ihren reichen, blöden Eltern, die nervt wahrscheinlich genauso wie ihre Mutter beim Elternabend! Am liebsten würde ich…“ – Nein. Das wäre wahrscheinlich nicht die richtige Antwort. Ehrlichkeit ist in der Erziehung nicht immer der richtige Weg.

„Meine kleine Perle! Gewalt ist keine Lösung! Denn Gewalt führt irgendwann zur Gegengewalt, musst Du wissen. Und wenn wir dann 2024 Österreich den Krieg erklären, dann war wahrscheinlich genau diese eine Pausenhof-Schlägerei der Auslöser!“ – Nein. Auch nicht gut. Sarkasmus ist wohl in der Erziehung auch nicht der richtige Weg.

Dabei hatte mir der Sarkasmus ziemlich geholfen, als ich überall immer der einzige Mann war. „Wir begrüßen alle Mütter, die sich in unseren Krabbelgruppen engagieren! Ja, und auch diesen einen komischen Mann.“ Das hat sie nicht wörtlich so gesagt, die Pädagogin, die uns das Dekanant geschickt hat. Zugegeben.

Aber sie hat wohl später, in einer anderen Runde, durchaus gesagt: „Schön, dass wir wenigstens in der Still-Gruppe noch unter uns sind.“ Aber hey, damit muss ich wohl leben. Das ergeht Frauen, die Männer-Domänen betreten schon seit Jahrhunderten so. 2000 Jahre Diskriminierung haben die Frauen also gut. Aber dann sollten wir uns ernsthaft einmal zusammen setzen, finde ich.

Aber ich rede und rede hier. Das ist so eine Taktik, um möglichst vom eigentlichen Problem abzulenken. Nicht so sehr Dich, sondern eigentlich mich selber. Und hat ja schon fünf Minuten ganz gut geklappt.

Aber das eigentliche Problem ist, dass ich wohl als Vater versagt habe. Weil, wie schon im ersten Absatz in einem äußerst seltenen Anfall von Mut gesagt, mein Sohn die Kommunikation mit mir eingestellt hat. Bis auf das Grunzen.

Vielleicht verwendet er einen speziellen Dialekt der Sprache, die auch Hausschweine entwickelt haben und kommuniziert mit seinen Grunzlauten vielleicht hochkomplexe Sachverhalte. Vielleicht bedeutet (grunz) eigentlich „Die String-Theorie benötigt eigentlich 12 Dimensionen, habe ich gerade ausgerechnet“. Oder (grunz): „Meine Adoleszens quält mich sehr und darum widme ich mich nun der Lyrik der frühen Romantik!“

Aber natürlich weiß ich, was Grunzen bedeutet. Es bedeutet ganz schlicht und einfach: Lass mich in Frieden! Geh‘ mir aus dem Weg! Hau‘ ab!

Ich weiß das so genau, weil ich selber in einer Familie von Grunzern groß geworden bin. Wenn ich etwas getan habe, was meiner Mutter nicht gefallen hat, dann hat sie die menschliche Sprache als Kommunikationsform abgelegt und tagelang gegrunzt.

Und mein Vater war so selten da und so wenig vertraut mit unserem Zusammenleben als Familie, dass in meiner Erinnerung alles, was er gesagt hat, zu einem Grunzlaut verschmilzt. Er war einfach nicht relevant.

Und dann waren wir noch drei Brüder mit allen klassischen Symptomen einer Rivalität. Einer Rivalität darin, mit welchen Idiotien wir Aufmerksamkeit bekommen, dass die Schwestern in der Ambulanz unseres kleinen Krankenhauses uns alle schon kannten.

O.k. Ich habe schon wieder abgelenkt. Ich wollte nur sagen, dass ich Grunzen als Sprache eigentlich fließend beherrsche. In allen Nuancen. Ich bin ein Fachmann für die Übersetzung Grunzen-Deutsch.

Und trotzdem bricht mir das Grunzen meines Sohns das Herz.

Weil ich unter Grunzern groß wurde, habe ich eigentlich alles versucht, um genau das zu vermeiden: Diese Wortlosigkeit. Diesen Beziehungabbruch als Strafe. Diesen Liebes-Entzug. Diese Trennung, diese Kälte und diese Art von Schmerz.

Ich wollte nicht, dass meine Kinder diese spezielle zwischenmenschliche Foltermethode erleiden müssen. Und jetzt hat’s dafür wieder mich erwischt.

Wahrscheinlich war es nicht schlau, meine Achillesferse mit so Zielscheiben-Kringeln hervorzuheben. Mit Leuchtfarbe gemalte Zielscheiben-Kringel. Und dann auf einem Bein durch die Wohnung zu hüpfen und zu rufen: „Kuckt ‚mal! Hier bin ich verwundbar! Kuckt alle her!“

Na gut. Ich gebe es offen zu. Die Metapher zeichnet kein besonders passendes Bild.

In meiner Verzweiflung bin ich lange da gesessen und habe mit meiner Frau gesprochen. Und mit meinen Brüdern. Sogar mit meiner Mutter, aber das war ein großer Fehler.

Jeder betonte als Erstes: „Das ist nicht Deine Schuld!“ Die Tatsache, das allen das als Erstes einfällt, bestätigt aber meinen Verdacht: Natürlich bin ich schuld.

Mein Sohn muss sich von mir abgrenzen. Ich weiß nicht, ob er das müsste, wenn ich seine Mutter wäre. Also eine Bleib-Zuhause-Mutter. Ich meine: Wenn seine leibliche Mutter Hausmann wäre und nicht sein Vater Hausfrau. Ach, Du verstehst schon, was ich meine!

Und ich habe auch lange überlegt, wie das für meine Kinder so war, dass ich zu Hause war und nicht meine Frau. Das führt bloß alles zu nichts. Nur zu sinnlosen Konjunktiven. Hätte, wäre, sollte, könnte. Du weißt schon: Fahrradkette und so.

Also habe ich mir lieber proaktiv Gedanken gemacht. Wie soll das weitergehen? Was sind die Prinzipien, die einen zu einem guten Vater oder eine gute Mutter machen? Formuliert von jemandem, der daran vielleicht gescheitert ist. Und ich habe drei gefunden. Die wollte ich Dir eigentlich erzählen, damit Du mir die Flausen gleich wieder austreiben kannst!

Prinzip eins ist: Sei da.

Klingt einfach. Doch das ist es nicht. Im Prinzip kann es eine Beziehung, auch zwischen zwei Schweinen, nur geben, wenn beide da sind.

Ist aber schwer. Denn, wenn die eine Seite sich auf Grunzen zurückzieht, dann ist der Impuls der anderen, das auch zu tun. Ich könnte also jetzt auch die Beziehung abkühlen lassen und meine ständigen Kommunikationsversuche abbrechen. Dann würde das auch nicht jedes Mal so weh tun.

Aber das geht nicht. Weil ich der Erwachsene bin. Und meine Aufgabe ist es, da zu sein. Das ist schon der halbe Weg. Da zu sein und zu signalisieren: Egal, was passiert: Wir geben uns nicht gegenseitig auf.

Wir akzeptieren es, dass der andere vielleicht gerade Platz und Raum braucht ohne uns. Aber gleichzeitig zeigen wir, dass wir da sind, wenn die Grunzphase vorbei ist. Ohne Wenn und Aber. Dann kann auch das Zusammensitzen halt irgendwie extrem ungemütlich sein, aber es findet in Frieden statt.

Das ist unser Job. Nicht empfindlich sein. Sondern einfach da sein.

Prinzip zwei ist: Gebe Sicherheit.

Das klingt wenigstens schon schwer, das ist es nämlich auch. Aber das ist, glaube ich, wirklich wichtig.

Wie bei Dennis, als er gerade noch nicht einmal anderthalb ist. Und wie seine Schwester, beschlossen hat, er kann auch die Leiter der Rutsche selber hochklettern. Dabei kann er gerade eben überhaupt humpeln.

Ich sehe das noch vor meinem geistigen Auge, wie er das Laufen lernt. Und ich frage mich, warum es nicht „Pampers Impact“ gibt. Also, Windeln mit einem Extra-Aufprallschutz, für Kinder, die das Laufen lernen.

Und, als er da versucht, auf die Leiter zu klettern, stellt sich die Frage: Soll ich dahin, um ihn zu fangen? Soll ich ihm das untersagen? Oder soll ich ihn einfach machen lassen?

Viele Eltern haben auf diese Frage eine einfache Antwort parat. Die einen unterbinden alles, was sicherheits-gefährdend ist. Und die anderen kucken lieber einmal zuviel weg.

Das ist aber beides nicht richtig. Es gibt Situationen, wo man eingreifen muss. Und solche, wo man wegkucken muss. Da gibt es keine Pauschalantwort darauf.

Am besten sollten Eltern wohl selber so eine „Pampers Impact“ sein.

Prinzip drei: Versage beim Erziehen.

Meine persönliche Empfehlung. Im Prinzip ist „Erziehung“ die Idee, dass man durch bestimmte Handlungen die verschiedenen seelischen Vorraussetzungen, die so ein Kind in die Welt mitbringt, so beeinflusst, dass das Kind die mal besser zu seiner eigenen Persönlichkeit integrieren kann.

Schwierig, gell? Da kommt nämlich nicht einmal Glück. Dabei wollen alle doch glückliche Kinder. Vielleicht zeichnen wir einen Kontrast zur ersten Idee:

Erziehung im Sinne der Nazi-Pädagogik: Unerwünschtes Verhalten wird bestraft und erwünschtes belohnt. Damit sich das Kind besser in die Gesellschaft integriert. Oder ins Volkswesen, um im Jargon zu bleiben.

Und ganz ehrlich: So einige Eltern erziehen noch eher nach dieser Methode.

Die erste Idee von Erziehung aber ist natürlich schwieriger, weil da die Dressur fehlt. Strafe und Belohnung, das ist auch die Methode, wie man Pudel zum Pfötchengeben bringt.

Die erste Idee hat vor allem die Schwierigkeit, dass wir als Eltern selber durch unsere persönlichen seelischen Vorraussetzungen niemals einen vernünftigen Blick auf das Empfinden unserer Kinder richten können. Wer unter Grunzern aufwächst, achtet halt mehr auf das Grunzen. Ob im Guten oder im Schlechten.

Darum muss jede gute Erziehung scheitern. Das Scheitern ist der ersten Idee von Beziehung eingebaut. Denn die Kinder sind eigene Menschen und wir auch. Und darum passt das nie. Unsere Wahrnehmung ist subjektiv und die der Kinder auch.

Wir dürfen und müssen also scheitern. Aber dann können wir versuchen, daraus zu lernen und uns besser aufeinander abzustimmen. Bis zum nächsten Scheitern. Denn eine gelungene Erziehung gibt es nicht. Die sind alle nur verschieden traumatisch. Und wir sollten halt versuchen, die am wenigstens traumatische rauszuspüren.

So. Ende der Theoriestunde.

Der Sohn der Grunzer-Eltern, der auf einem Bein durch die Wohnung hüpft und von seinem Sohn ignoriert wird – der hat über Erziehung philosophiert. Du ahnst wahrscheinlich, wieviel das wert ist. Wenn ich Du wäre, würde ich mir ja gar nicht zuhören. Aber wenn ich Du wäre, dann wärst Du ja ich, und dann würde ich Dir schon zuhören.

Um die Geschichte zu Ende zu erzählen: Mein Sohn grunzt also nur noch mit mir. Und meine Hauptaufgabe ist für Monate, genug Essen ranzuschleppen. Für die halbe Stunde am Abend, in der er zum Grunzen sein Zimmer verlässt und das in der Küche fortsetzt.

Nach meinem ganzen Grübeln und Studieren und nach der Formulierung der Erziehungsregeln nach Paul ist mir aber irgendwann auf einmal aufgefallen: Das ist in Wirklichkeit ein Entgegenkommen von ihm!

Er hätte sich ja auch sein Essen mit auf’s Zimmer nehmen können. Gut, dass hatten wir hier noch nicht so, aber ich habe dass bei meinen Eltern irgendwann schon so praktiziert.

Also war ich halt einfach immer da, um der Nahrungsaufnahme beizuwohnen. Du erinnerst Dich: Prinzip eins: Da sein.

Und dann, eines schönen Tages, verließ mein grunzender Sohn auf einmal – zack – sein Zimmer und unterbreitete ein Angebot zu einem Pow-Wow, einer Friedensverhandlung:

Das geht mit 14 ungefähr so: „Ich hätte gerne einen Roller!“

Klingt kitschig, aber ich glaube, noch nie hat jemand in meinem Leben so etwas Schönes zu mir gesagt. Wobei ich den Inhalt der Worte zuerst gar nicht verarbeitet habe.

Es war alleine der Klang: „Ich. Hätte. Gerne. Einen. Roller!“

Menschliche Sprache ist so wohlklingend, mir trieb es ein wenig Wasser in die Augen.

Dann verarbeitete ich die Syntax und wir kamen miteinander ins Reden. Wieso er das will und wie er sich das vorstellt. Und was es für Roller gibt und wieviel Hubraum die haben und dass ich früher auch ein Moped wollte, aber’s nicht gekriegt habe. Und zuletzt halt leider auch, dass es einen Rollerführerschein erst mit 16 gibt.

Weswegen wir dann losgezogen sind und ihm ein Skateboard gekauft haben. Ein Longboard. 60 Euro – Hälfte er, Hälfte wir. Ein gebrauchter Cruiser der Marke „Long Island“. 31 Zoll. Also schon fast ein richtiges Longboard, aber besser für Rollsplit und Kopfsteinpflaster geeignet. Für den Schulweg. Ich kenne mich jetzt aus, wie Du siehst.

Ach, das Skateboard ist übrigens auch der Grund, warum ich einen verstauchten Knöchel habe.

Aber das hat ja nichts mit Erziehung zu tun, sondern eher mit Dummheit.

Noch’n Kaffee?