Englische Gartenbaukunst



Einer der beiden Gründe, warum Herr Wunderlich manchmal sein München vermisst, ist der sogenannte „Englische Garten“. Der hat seinen Namen zu Recht.

Denn die Art, wie dieser größte Stadtpark Deutschlands (und bald der Welt!) angelegt ist, steht zur sogenannten „französischen“ Gartenbaukunst à la Versailles in starkem Kontrast.

Warum erzählen wir das hier? Ach ja! Weil das der Aufhänger ist für die wirklich unglaubliche Geschichte, die uns heute ein sympathisches Rentnerpärchen aus Dearborn, England erzählen wird!


Website der Alptraum-Sammler: Daily Nightmare
Click-and-Point-Adventure „Not Tonight
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Nightmares“ von Philomela/ CC BY-SA 3.0
Philomela auf VK.com – der russischen Version von Facebook


Wegen der DSVGO ist uns eine eigene Kommentarfunktion zu zeitaufwändig.
Ihr könnt diesen Artikel unter diesem Facebook-Post oder diesem Tweet kommentieren.


Skript zur Sendung

FA: Alles fängt mit dem Garten an. Oder dem Gärtnern. Der Gartenbaukunst. Egal, wie man es nennt. Spielt auch keine Rolle. Wir haben schon lange einen Garten, aber früher war das halt einfach eine Rasenfläche mit Hainbuchen drumrum. Wie sagte mein Mann? Na, wie hast Du immer gesagt?

HW: Das ist einfach und praktisch, da muss man sich nicht drum kümmern. Alle vier Wochen Rasenmähen, im Winter bleibt das Laub an den Büschen, muss man nur im Frühjahr rechen – fertig!

FA: So sagte er. Mein Mann. Man mag es nicht glauben, aber mein Mann ist das Kind von Bauern. Seine Eltern haben diesen wirklich wunderschönen Hof in Compton Chamberlayne, das ist in der Nähe von Salisbury. Wunderschön! Mit einem Bach und mit kleinen Wäldchen – aber er findet Gärtnern einfach langweilig.

HW: Du wolltest doch eigentlich nicht von unserem Garten erzählen, Darling, oder?

FA: Oh doch, mein Liebling! Denn mit unserem Garten fing diese ganze schreckliche Geschichte doch an!

HW: Bist Du wirklich in der Lage, die Geschichte diesen beiden freundlichen Menschen in ihr Mikrofon zu sprechen?

FA: Aber natürlich, aber natürlich. Wo war ich noch einmal stehen geblieben?

HW: Ich glaube, beim Hof meiner Eltern. Auch wenn ich nicht den Anflug einer Idee habe, was das mit der furchtbaren Susan zu tun h at.

FA: Genau! Bei der Gartenbaukunst waren wir. Sehen Sie, es ist in unserem Leben so geschehen, dass wir nicht in der Lage waren, selber Kinder zu bekommen. Und für die war ja eigentlich der Rasen gedacht. Damit die da spielen können und sich jagen und bolzen und raufen.

Ich habe viele Stunden damit verbracht, durch das Terassenfenster zu starren und habe sie vor meinem geistigen Auge gesehen. Einen Jungen und ein Mädchen hätten wir gehabt. Und die hätten sich genauso gut verstanden wie ich und mein Mann. Und niemals gestritten.

HW: Da hat meine Frau recht. Wobei ich auch betonen möchte, dass wir nur in den seltensten Fällen bolzen und raufen. Und über den Rasen gejagt sind wir, so weit mein Gedächtnis reicht, sogar noch nie.

FA: Wenn Du mich ständig unterbrichst, dann dauert die Geschichte noch viel länger, mein Liebling.

HW: Ich wollte ja nur sagen, von uns haben unsere imaginären Kinder das mit dem Bolzen und Raufen sicher nicht. Muss von Deinen Eltern kommen.

FA: Vielleicht ignorieren Sie meinem Mann einfach. Obwohl ich im sehr dankbar war, dass er bei dieser Geschichte dabei war.

HW: Vielen Dank, Darling.

FA: Ich danke Dir. Gut. Also. Ich war also bei unseren Kindern. Die wir nie hatten. Stattdessen arbeiteten wir beide sehr lange und sehr viel. In völlig verschiedenen Berufen übrigens, aber das tut nichts zur Sache.

Kurz nach meinem 60sten Geburtstag war es, dass die Musikschule, in der ich unterrichtete, in den Konkurs gehen musste. Speziell in meinem Fach, der Violine, fanden sich einfach keine jungen Menschen mehr, die diese Königin der Instrumente erlernen wollten. Ich glaube, das liegt daran, dass sich Erfolgserlebnisse nicht schnell genug einstellen.

HW: Das stimmt. Meine Frau hat auch hier im Haus Nachhilfestunden gegeben. Für Anfänger. Ich habe mir in dieser Zeit ein neues Hobby zugelegt, um dem Haus fern bleiben zu können! Aus akustischen Gründen.

FA: Ach ja? Das ist aber eine fesselnde, neue Wendung! Was wäre denn Dein Hobby gewesen?

HW: Das war natürlich sozialer Natur. Man nennt es: „Im Pub mit Freunden zwei Pint Ale trinken, eine kleine Tüte Crisps knabbern und sich gegenseitig einen Bären aufbinden.“

FA: So war es wohl. Auf jeden Fall war meine Berufstätigkeit auf einmal zu Ende. Und nach einigen Wochen dachte ich mir, ich muss etwas tun, bevor ich dem Gin verfalle. Und so reifte in mir der Plan, unseren Garten in ein kleines Pflanzenparadies zu verwandeln.

Allerdings, das muß ich einräumen, hatte ich vom Gartenbau überhaupt nicht die geringste Vorstellung. Die erste Saison endete in einem Fiasko.

HW: Das ist eine Übertreibung. Die Blütezeit war ein Farbenspektakel. Auch wenn – und das ist leider wahr – die Blüten an Brennesseln sehr klein sind.

FA: Na ja, es wuchsen ja nicht NUR Brennesseln. Aber sie werden verstehen, dass ich beschloß, einen Kurs zu nehmen. Denn so weit weg von der Wahrheit ist das Bild nicht, dass mein Mann da entworfen hat.

HW: Und jetzt beginnt die Geschichte eigentlich erst.

FA: Denn da geschah es, dass ich Susan kennenlernte.

HW: Oder auch die Blumen-Scharfrichterin, wie ich zu sagen pflege.

FA: Susan ist wirklich ein bisschen anstrengend. Etwas sehr selbstbewusst, um ihren Charakter zu beschreiben. Und vielleicht sogar ein bisschen zu selbstbewusst, wenn ich meine persönliche Meinung abgeben müsste.

Aber ich habe sehr viel von Susan gelernt. Sie hat ein enormes Fachwissen, was die Flora hier aug den britischen Inseln betrifft und ich habe sehr von dieser Beziehung profitiert.

HW: Und so ergab es sich, dass wir natürlich eingeladen wurden, Susans Garten zu bewundern.

FA: Wenn es Dir nichts ausmacht, darling, dann erzähle ich meine Geschichte weiter.

HW: Das kann ich nur begrüßen, auch wenn ich ein bisschen besorgt bin, dass wir bei Deinem Erzählstil vielleicht etwas an Dramatik verlieren.

FA: Danke für die Anregung! Dann mache ich es ganz kurz. Susans Garten war riesig! Unglaublich groß! Dass es in unserem Dorf überhaupt solche Anwesen gibt, war für mich eine Überraschung. Und ich wohne seit vierzig Jahren hier!

Diesen Flächen konnte sie selber nicht Herr werden und so bestellte sie immer wieder professionelle Gärtner, um die schiere Menge an Arbeit überhaupt zu bewältigen.

Sie erklärte uns, dass sie dieses Jahr auf ein neues Unternehmen zurückgreifen würde, die ganz neue Gestaltungsideen eingebracht hätten. Und was soll ich Ihnen sagen? Diese Formulierung hat das Zeug zur Untertreibung des Jahres.

HW: Es war wie das Schlachtfeld von Verdun! Als ob die Royal Air Force den Garten ins Visier genommen hätte.

FA: Das ist das passende Bild. Die Gärtner haben den Garten im Prinzip komplett umgegraben. Und überall waren große rechteckige Löcher ausgehoben. An den Gartenmauern hatten sie die Neubepflanzung schon begonnen, aber…

HW: Nach einem bizarren Plan.

FA: Ja, auf kleinen Erdhügelchen von vielleicht drei mal drei Fuß standen immer vier Pflanzen von einem Typ im Quadrat. Vier Rosen, vier Margariten, vier Maispflanzen, vier Karotten, vier Radieschen, vier Bohnenstangen. Haben Sie so etwas schon einmal gehört?

Das hat mich sehr verunsichert, was die Fachkenntnisse von Susan betrifft. Das kann ich ihnen sagen. Es hatte etwas seltsam Brutales und Grausames an sich. Eigentlich das Gegenteil von Gartenbaukunst.

Aber Susan war völlig begeistert von dem Werk der Gärtner und kicherte beinahe hysterisch, jedes Mal, wenn sie in unsere ungläubigen Gesichter schaute.

Ich war auf einmal sehr von diesem untoten Garten verschreckt und mir wurde beinahe schwindlig, als ich mit ansehen musste, wie Dutzende von Gärtnern mit dem Vernichtungswerk fortfuhren, während Susan durch ihren Garten lief. Beinahe tanzte.

Also fragte ich sie, ob ich mich im Haus erfrischen könnte und kurz einfach einmal sitzen. Sie beschrieb uns den Weg und ließ uns ziehen. Begleitet von ihrem hysterischen Lachen.

HW: „Das Haus“ ist eine weitere Untertreibung. Viktorianische Villa trifft es am besten. Riesige, viktorianische Villa.

FA: Und auch die hatte ich in den vierzig Jahren hier im Dorf nie gesehen. Ein traumhaftes Anwesen. Als wir das Haus betraten, waren wir etwas verunsichert, den n Aberdutzende von Kindern bewegten sich durch die Räume.

Aber die spielten nicht, sondern die arbeiteten. Die einen fegten, die anderen wischten, die meisten trugen Möbel durch die Gegend, aber jedes Kind hatte sichtlich eine Aufgabe. Und die schauten uns auch nicht an, als wir das Haus betraten, die liefen einfach um uns herum, als ob wir nur ein Hindernis sind auf ihrem Weg.

Die ließen sich auch nicht ansprechen. Das ganze Haus voller blasser, blonder Kinder, die alle arbeiteten. Wie die Bienchen. Und alle sahen so aus, als wären sie dem Musical „Oliver Twist“ entsprungen. Schmutzige abgerissene Kleidung, ungewaschen und einfach ärmlich anzusehen waren die Kleinen.

HW: Wie aus einer dieser Illustrationen zur industriellen Revolution. Wie in dem Bildband, den wir haben. Weißt Du, welchen ich meine?

FA: Absolut. Er heißt „Childhood and Child Labour in the British Industrial Revolution“. Und ist von Jane Humphries. Ist bei Cambridge University Press erschienen. War, glaube ich, 2010. Aber nicht gerade ein Bildband.

HW: Meine Frau hat ein unglaublich präzises Gedächtnis, müssen sie wissen.

FA: Nach dem Schock mit dem Zombie-Garten war das mit der Kinderarbeit eigentlich nur ein weiteres Bausteinchen, um ein Charakterbild von unserer Gastgeberin zu zeichnen. Ich muss gestehen, dass mir nicht sehr wohl war.

Das waren ja schließlich wohl kaum alles ihre eigenen Kinder. Auch wenn sich die Jungs und die Mädchen sehr ähnlich sahen, so waren sie alle ungefähr zehn Jahre alt. Und selbst, wenn man in Betracht zieht, dass Mehrlingsgeburten durch moderne Hormonbehandlungen mittlerweile nicht mehr selten sind, so habe ich noch nie davon gehört, dass eine einzelne Frau gleich vierzig Kindern das Leben geschenkt hätte. Denn soviele Kindersklaven schwirrten mit Sicherheit durch das Haus.

Aber halten wir uns nicht weiter mit diesem doch ungewöhnlichen Dienstpersonal auf. Das uns, nebenbei erwähnt, keinerlei Auskunft geben konnte, wo denn die Toiletten zu finden sind.

Wir mußten uns also selber auf den Weg machen und durchsuchten die langen Korridore von Susans Villa nach den selbigen. Es war eine sehr verstörende Erfahrung, kann ich nur berichten. Man fragt sich bei solchen Anwesen immer: Wie benutzen die Besitzer eigentlich vier Wohnzimmer oder zwölf Schlafzimmer?

Aber das ist wohl eine Frage, die sich Menschen schon stellen, als in Knossos der erste Palast gebaut wurde. Und, ehrlich gesagt, das ging mir in diesem Moment auch gar nicht durch den Kopf.

Ich wollte nur die Toilette aufsuchen, mich etwas frisch machen und dann das Anwesen schnellstmöglich wieder verlassen. Auch, wenn es im Notfall durch eine Hintertür geschehen musste. Auf jeden Fall wollte ich Susan nicht mehr begegnen. Mit ihren Zombigärtnern, ihrem hysterischen Lachen und ihren Kindersklaven.

Eine Anzeige würde ich erstatten, damit diesem illegalen Treiben ein Ende gesetzt wird. Das war mein Plan, als wir endlich die Toiletten gefunden hatten. Mein Mann hatte keinerlei Bedürfnis, also besuchte ich alleine die selbigen.

HW: Ich hatte den Tee ausgelassen und musste halt einfach nicht auf’s Klo! Ich tat das nicht, um Dich in Ruhe Deine Geschäfte erledigen zu lassen, sondern einfach weil ich nicht musste. Denke ich ‚mal.

FA: Während ich also auf der Toilette beschäftigt bin, entdeckt mein umtriebiger Gatte einen seltsamen Hebel an der Wand gegenüber und eine Schiebetür dazu, direkt an der Gardarobe.

Wenn er den Hebel in eine Richtung bewegte, dann surrte es hinter der Schiebetür. Also schob er das Holzpaneel zu Seite, um dahinter eine Art Fließband zu entdecken. Das konnte man mit dem Hebel hin und her bewegen.

Und auf dem Fließband lagen Hüte, Schuhe, Schals und viele andere Kleidungsstücke.

HW: Eigentlich nicht unähnlich, wie es in Wäschereien gehandhabt wird, wenn man so darüber nachdenkt.

FA: Und weil mein Mann von technischen Spielereien leicht zu begeistern ist, bediente er den Hebel ausgiebig. Das Fließband musste sehr lang sein, denn bis ich wieder aus der Toilette kam, hatte sich noch kein Gegenstand wiederholt.

Ich verlasse also die Toilette, sehe ihn an der Garderobe stehen und rufe seinen Namen. (aufgeregt) Er dreht sich zu mir um, ohne natürlich den Hebel loszulassen. Und wie er mir seinen Fund stolz präsentiert, da passiert es! Da sehe ich… Das war der Moment, als…. Ich… Verzeihen Sie!

HW: Darling, bist Du sicher, dass Du in der Lage bist, Deinen Bericht fortzusetzen? Oder soll ich?

FA: Mach‘ Du. Es ist ein bisschen zu viel. Sie verzeihen hoffentlich.

HW: Als ich meiner Frau also meine Bewunderung für dieses kleine Wunderwerk mitteilen will, da sieht sie auf dem Fließband etwas Schreckliches. Den abgetrennten, blutigen Kopf von Frau Higgins.

FA: Wiggins. Frau Wiggins.

HW: Verzeih‘, Darling. Frau Wiggins. Sie müssen wissen, das war die Lehrerin aus dem Volkshochschulkurs. Und deren Kopf hat meine Frau gesehen. Das muss schrecklich gewesen sein. Denn es ist natürlich nicht davon auszugehen, dass Frau Wiggins das überlebt hätte.

Sie schreit also auf, und ich erschrecke, stolpere einen Schritt zurück und drücke den Hebel noch fester, so daß das Fließband jetzt sogar noch schneller wird.

Meine Frau schreit: „Zurück! Zurück! Da war der Kopf von Frau Higgins!“

FA: Wiggins.

HW: „Zurück, zurück! Da war der Kopf von Frau Wiggins!“ Und ich schau‘ sie erst einmal verblüfft an. Das ist ja nicht etwas, dass einem im normalen Leben in Reglemäßigkeit widerfährt, müssen sie verstehen. Und derweil fließt das Band weiter munter in die falsche Richtung.

Als ich dann verarbeitet hatte, was mir gerade mitgeteilt wurde, kippe ich den Hebel sofort in die andere Richtung, um selber bezeugen zu können, was genau meine Frau da gesehen hat.

Und während das Fließband läuft, stecken wir beide unsere Köpfe in diese Wundergarderobe und schauen also nach dem corpus delicti. Susan war sichtlich mehr als nur jemand, der Kinderarbeit befürwortete, wenn Sie verstehen, was ich mein e.

FA: Und während wir beide also da stehen, da hören wir aus der Ferne das schrecklichste Geräusch, dass man sich nur vorstellen kann!

Am anderen Ende des langen Korridors konnte man das hysterische Gelächter von Susan hören. Und sieh kam immer näher. Viel zu schnell kam das Lachen immer näher!

HW: Und genau zu diesem Zeitpunkt endet die Geschichte. Genau dort.

FA: Ja, das tut mir leid. Genau an der Stelle endet die Geschichte. Sie schauen so verstört? Sie… Sie sind schon dieses Pärchen, das Alpträume sammelt, oder?

FA: Hallo?

HW: Vielleicht sollten wir unseren Gästen etwas Höherprozentiges anbieten, was meinst Du, Darling? Etwas von Deinem Gin vielleicht?