Emma hassen


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Unsere Erzählerin freut sich, eine kleine Schwester zu bekommen. Als sie begreift, dass an der Schwangerschaft aber die Ehe der Eltern zerbricht, nimmt sie sich vor, Emma zu hassen!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „I Hate Babies“ von Colin Lazzerini


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Ich war zwölf Jahre alt, als meine Mutter mir mitteilte, dass sie einmal mit mir reden wollte. (Pause) Wenn ich so nach höre, was ich da gerade gesagt habe, dann bemerke ich erst, dass eigentlich alle entscheidenden Infos in diesem Satz schon drinnen stecken.

Eine Mutter ersucht ihre zwölfjährige Tochter um einen Termin! Meine Mutter, die klassische Geschäftsfrau. Die Powerfrau mit den beigen Hosenanzügen mit Bügelfalte, die man so in den Neunzigern als erfolgreiche Frau trug. Die mit dem Blueberry-Handy und dem Leder-Aktenkoffer von Louis Vuitton. Eine taffe Frau, deren Beruf es war, wichtige Dinge in ihr Telefon zu brüllen. So meine Theorie.

Man konnte durchaus sagen, dass unser Verhältnis nicht das allerbeste war. Sie war einfach zu oft nicht da für mich und meinen kleinen Bruder. Weil sie mit ihrem wichtigen Handy und ihrem wichtigen Aktenkoffer an anderen Orten des Planeten wichtige Dinge in ein Telefon brüllen musste. So meine Theorie.

Diese wichtige Frau hatte also um einen Termin bei mir nachgesucht, um mir zu erklären, dass sie schwanger war. Dass ich noch ein Geschwisterkind bekommen würde. Aber sie wirkte nicht glücklich und hatte keine rosa Bäckchen wie die Mütter in den Filmen.

Damals, vor acht Jahren, als mein Bruder unterwegs war, da war das noch völlig anders gewesen. Da waren alle Menschen um uns herum die ganze Schwangerschaft über happy und aufgeregt gewesen. Alle hatten Vorschläge für Namen, gefühlt jeden Tag kamen Glückwunschpostkarten an und alle Großeltern hatten kein anderes Thema mehr als mein Geschwisterchen, wenn sie mit mir redeten.

Dieses Mal lag nichts von dieser Begeisterung und diesem Optimismus in der Luft. Nur ich hielt dagegen. Denn ich hatte die Hoffnung, dieses Mal endlich einen Bruder zu bekommen, mit dem man Fußball spielen konnte, mein erster war in dieser Hinsicht irgendwie beschädigt.

Ich war also unterwegs allen, denen ich begegnete die freudige Nachricht zu erzählen. Allen Nachbarn, unserem Kindermädchen, den Verkäuferinnen von unserem Lebensmittelmarkt, der Friseurin, allen Lehrern in der Schule, den Eltern meiner Klassenkameradinnen und den Eltern der Klassenkameraden meines Bruders. Alle sollten es wissen. Alle sollten sich mit mir freuen, so wie sie sich damals doch auch über meinen Bruder gefreut hatten! War ja wohl das Mindeste!

Aber die richtige Freude wollte sich einfach nicht einstellen. Viele Menschen reagierten auf die Nachricht betreten und keiner, nicht ein einziger, gratulierte meinem Vater! Im Gegenteil, manchmal sagten die Leute zu ihm: „Tut mir leid für Dich, Robbie.“ Warum auch immer; Erwachsene sind seltsam. Ich dachte mir nicht besonders viel.

Bis mein Vater mit mir ein Eis essen gehen wollte. DAS verhieß nichts Gutes.

Mein Vater war damals für mich mein bester Freund. Er war verlässlich jeden Tag zu Hause, musste nicht wegen dringender Geschäfte um die Welt reisen, sondern war jeden Abend bei uns, um uns etwas vorzulesen.

Er hörte sich geduldig alle meine Sorgen an, von der blöden Katherina über die dumme Sportlehrerin, bis hin zu dem enttäuschenden Pokemonfilm.

Mein Vater war es, mit dem ich regelmäßig zum Kicken auf dem Fußballplatz unserer Gemeinde war. Meistens waren da andere Kinder und andere Eltern und irgendein Spielchen kam immer zusammen. Er war mein erster Fußballlehrer, eine Funktion, in der er bei meinem Bruder völlig versagte.

Er erklärte uns, dass Darth Vader so aussah, wie er aussah, weil er einen schrecklichen Autounfall hatte. Und, wenn wir uns nicht anschnallen würden, dann könnten wir so enden wie Darth Vader! (Atmet schwer) Wollten wir das etwa? Ihr ahnt vielleicht, dass die Prequels für mich aus vielen Gründen sehr, sehr enttäuschend waren.

Eiskrem war auf jeden Fall kein gutes Omen! Ich kann euch nur empfehlen: Sucht das Weite, wenn mein Papa mit euch ein Eis essen gehen will! Da kommt nix Gutes bei rum, sage ich euch!

Da erfahrt ihr dann nur, dass euer Kindermädchen gekündigt wurde, weil sie eurer Mutter Geld geklaut hat. Oder, dass euer Hund eingeschläfert werden muss oder Opa schlimmen Krebs hat.

Da saß ich also, vor meinem Eisbecher des Schicksals und wartete, was mein Vater dieses Mal an Kassandrarufen mitzuteilen hatte.

Er fasste sich kurz: „Das Baby Deiner Mutter, Deine neue Schwester, die ist nicht von mir.“

Und er blickte mich so an wie ein Forscher sein Untersuchungsobjekt. Würde sie diese Nachricht verstehen? Würde sie erfassen, was das bedeutet? Hat sie schon von Sex gehört?

Nun, das hatte ich. Ich wurde tatsächlich vollumfänglich erst in der Schule aufgeklärt. Denn ich war es, die in Biologie einen Text vorlesen musste, in dem die unvergessliche Textstelle vorkam: „Und dann schlüpft der Mann mit seinem Penis in die Vagina.“

Nervöses Gekicher in der Klasse, bis einige sich nicht mehr zusammenreißen konnten. Danach donnerndes Gelächter. Mir war klar, dass diese Passage nicht angemessen formuliert war.

„Der Mann schlüpft mit seinem Penis“, das war weder wissenschaftlich neutral gefasst, noch lockerer Umgangston, sondern eine Missgeburt dazwischen und obendrein auch missverständlich. Als ob der ganze Mann …

Egal! Dieses traumatisierende Erlebnis sorgte auf jeden Fall dafür, dass ich genau wusste, was mein Vater meinte.

Und ich verstand noch mehr. Ich verstand, wie schwer es ihm fiel, mir das zu sagen.

Er fragte mich, ob ich denn wusste, wer der Vater war. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich Andi, der Assistent meiner Mutter! Der junge, schlaksige Mann aus England, der immer um sie herumflatterte wie eine Motte ums Licht.

Andi, der mit uns Nachmittagsausflüge unternahm, wenn meine Mutter überraschend nicht zu Hause war; der uns immer Geschenke machte, die wir von unseren Eltern nie bekommen hätten. Der sogar – und das ist wirklich sehr strange – manchmal mit uns in die Kirche ging.

Ich hätte es wissen müssen! Darum hatten die anderen Erwachsenen so seltsam reagiert, wenn ich freudig von der Schwangerschaft meiner Mutter erzählt habe. Weil da der falsche Penis wohin geschlüpft ist!

Aber es war noch schlimmer für mich. Weil ich ein Kind war und mir an allem die persönliche Schuld gab: Wenn ich es nur früher wahrgenommen hätte, früher verstanden hätte, dann hätte ich es auch verhindern können. Die richtigen Wutausbrüche zur richtigen Zeit, lautes Zuknallen von Türen, tagelanges Schmollen. Ich hätte es vielleicht verhindern können!

Stattdessen hatte ich meinen Vater nur gedemütigt. „Schau, Andi hat uns Lego-Hogwarts gekauft!“ Oder „Andi war mit uns auf dem Reiterhof“ oder „Andi war mit uns in Seaworld!“ Das hatte ihm sicher weh getan.

Meine Eltern ließen sich scheiden, einige Tage nach dem Eisbecher des Schicksals zog meine Mutter mit Andi in ein Haus, vier Straßen weiter. Weil die Nachbarn noch nicht genug zu lästern hatten.

Mein Bruder und ich mussten regelmäßig im neuen Haus vorbeischauen, aber mich erdrückten dabei die Schuldgefühle. Irgendwie hatte ich an der Trennung eine Mitschuld, wenn ich auch nicht wusste, wie.

Eines Samstags, als mein Bruder und ich wieder antanzten, stand in der Küche auf dem Tresen so eine pinke Torte. Meine Mutter hatte Andi geheiratet und wir durften ein Stück Kuchen haben. Nie im Leben hätte ich von dem Lügenkuchen gegessen! Niemals!

Und, an einem anderen Samstag, lag da im Maxi-Cosy auf dem Couchtisch so eine pinke Neugeborene. Meine kleine Schwester, sagte meine Mutter. Das Baby der Lüge, dachte ich mir. Emma, so sollte es heißen, das Monster, dass meinem Vater das Herz gebrochen hat.

Eines war mir klar. Ich würde dieses kleine Ungeheuer mein Leben lang hassen und verabscheuen und es niemals auch nur anlächeln oder berühren. Ich würde einfach so tun, als wäre dieser knuddelige Haufen Mensch Luft. Als würde es dieses Dingsda, dessen Name ich auch niemals aussprechen würde, nicht geben!

Da gab es nur ein Problem. Ich meine, hast Du das schon einmal versucht? Ein Baby zu hassen? Das geht einfach nicht! Da läuft irgendeine magische Elfenscheiße, wenn man ein Baby auch nur anschaut!

Alles in einem will dieses kleine Wesen schützen und nicht so tun, als wären diese Riesenaugen und diese Teigfingerchen und dieses zahnlose Lachen Monsterdinge. Man kann Babys nicht hassen, so sehr man es auch versucht. Wir sind einfach nicht dazu gebaut, Babies zu hassen! Geht einfach nicht. Tut mir leid, ich war machtlos.

Wenn ich am Wochenende bei meiner Mutter schlief, dann weigerte sich Emma einzuschlafen, wenn ich ihr nicht das Schlaflied vorsang. „Mit Dir“ von Freundeskreis. Ja, passt nicht so toll. Aber es war 2000 und ich war dreizehn und verstand den Text selber kaum. Immerhin kommt da vor: „Baby baby, du siehst schön aus im Schlaf – ich komm’ wieder wenn ich darf“.

Es lag sicher daran, dass Emma einfach Emma war und damit eben ein ganz besonderer Mensch, aber über sie konnte ich wieder eine Verbindung zu meiner Mutter aufbauen. Wir beide liebten sie und wir hassten die Teletubbies.

Meine Wut verrauchte. Weil ich meiner kleinen Schwester Emma vergeben konnte, konnte ich auch meiner Mutter vergeben. Und weil ich meiner Mutter vergeben konnte, konnte ich auch mir selber vergeben.

Nur Andi habe ich nicht wirklich vergeben, aber der war auch nicht lange Teil des Bilds, der hatte sich bald eine andere verheiratete Frau gesucht, mit deren Kindern er jetzt in die Kirche ging, um alles zu wiederholen.

Meinem Vater musste ich nichts vergeben. Er war immer für mich da und hat niemals jemandem einen Vorwurf gemacht. Auch sein Herz war nicht für immer gebrochen und seine neue Freundin ist mir auch eine Freundin geworden, so wie auch meiner kleinen Schwester Emma.

Emma ist jetzt volljährig und wir sind uns immer noch sehr nahe. Ich hoffe wirklich, ich habe sie mit „Freundeskreis“ nicht ganz kaputt gemacht. Denn auf Teletubbies folgte Bibi Blocksberg und darauf dann Twilight und die Tribute von Panem – guter Geschmack scheint mehr mit der DNA meines Vaters gekommen zu sein, Emma ist halt eine halbe Engländerin. Wir machen uns alle ein bisschen Sorgen …

Wenn ich so auf meine Jugend zurückblicke, dann kann ich schon verstehen, warum ich versucht habe, Emma zu hassen.

Ich war wirklich traurig, dass es meine Familie so zerschlagen hat und meine Kleinmädchenträume alle kaputtgemacht wurden.

Aber, wenn das nicht geschehen wäre, dann hätte die Welt heute keine Emma. Und ich hätte auch keine kleine Schwester.

Obwohl sie, wie unser Bruder übrigens, kein bisschen an Fußball interessiert ist!


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