Eis am Stiel


Wenn Sommerferien waren, dann gehörte es zur Routine, dass wir am Nachmittag unsere Hosentaschen leerten und das Kleingeld zusammenwarfen. Meistens reichte es für ein kleines Eis.

Also pilgerten wir zu unserem Stamm-Kiosk und diskutierten schon auf dem Weg leidenschaftlich über die Wahlmöglichkeiten, die uns unser Etat ermöglichte.

Dort angekommen, meditierten wir ein halbe Ewigkeit über der Eistafel, bevor wir uns entscheiden konnten. Manchmal musste auch ein Eis für uns drei reichen – macht ja nichts, wir waren ja eh‘ Blutsbrüder!

Frau Anders und Herr Wunderlich haben nicht nur die Entstehungsgeschichte des Eis am Stiel recherchiert, sondern verzieren das Ganze mit weiteren nostalgischen Erinnerungen.


Download der Sendung hier.
Musik: „Popsicle Truck“ von Jan & Dean (1963)


Skript zur Sendung

Heute geht es aber natürlich um das echte Eis am Stiel. Vielleicht sind wir jetzt sogar ein bisschen spät dran, irgendwie klingt die Hitzewelle ja wohl gerade ab…

Neulich haben wir, zum ersten Mal – glaube ich – gemeinsam ein Eis am Stiel gegessen. So irre aufregende Abenteuer gibt es hier im morgenradio-Land. Wir hatten zwei Capri in der TK eingelagert. Für den Notfall. Und der trat am Sonntag ein.

War ein bisschen eine nostalgische Erfahrung. Irgendwie hat Eis am Stiel nicht mehr so richtig Platz im Leben. Aber das spielte einst schon eine wichtige Rolle im Sommer. Kaum ein Sommertag, wo wir nicht zum Kiosk gepilgert sind. Und da dreißig bis fünfzig Pfenning abgedrückt haben.

War dann eher Mini milk oder brauner Bär. Oder Capri. So ein Nogger für eine Mark war schon der richtige Luxus. Aber lass uns erst die Geschichte des „Eis am Stiel“ abklopfen. Weil heute wieder Bildungsauftrag statt Erziehungsratgeber.

Fangen wir unsere Grabungsarbeiten bei der ewigen Nummer zwei an. Und das ist in Deutschland Schöller. Mittlerweile Nestlé Schöller. Wenn ich mr als Kind sich irgendwo ein Eis aussuchen durfte und es gab Schöller, dann war das immer nur zweite Wahl.

Denn irgendwie waren das alles Klone der Modelle, die unser Kiosk am Start hatte. Vor der Tafel mit den Eissorten verbrachten wir andächtig viel, viel Zeit. Obwohl wir jedes Eis natürlich schon kannten und auswendig die Preise herunterbeten konnten.

Schon auf dem Weg zum Kiosk diskutierten wir die Pro und Contras der einzelnen Sorten. Eis-am-Stiel-Fachmänner, das waren wir.

Aber bei Schöller gab es halt nicht die Klassiker, sondern nur die nachgemachten Klassiker. Deren Capri hieß halt Caretta. Deren Cornetto hieß Nucki. Und deren Domino einfach Big Sandwich.

Und so verlief in Wirklichkeit die gesamte Geschichte der Firma.

Da war dieser junge Mann, Theo Schöller, 1935 einmal auf Ausflug in Berlin. Eigentlich sollte er den elterlichen Betrieb übernehmen. Büromöbel aus Nürnberg.

Aber mit seinem Bruder wollte er höher hinaus und gründete ein Startup, würde man sagen. Das hieß „Kinoreklame“. Erklärt sich von selber, die Geschäftsidee. Kürzester elevator pitch aller Zeiten.

Und da saß also Theo 1935 in einem Varieté in Berlin. Und dann kam die Eisverkäuferin. Und die verkaufte ihm ein Eis am Stiel. Etwas, dass er noch nie im Leben gegessen hatte.

Am nächsten Tag besuchte er ein Autorennen und beobachtete, dass sich diese Süßigkeit bei der Hitze wie doof verkaufte. Besser als geschnitten Brot. Wer will an einem Sommertag auf der Rennbahn auch geschnitten Brot kauen?

Also kaufte er sich eine Lizenz von der Firma Jopa, deren Eis sich da wie doof verkaufte. Und entwarf mit seinem Bruder ein kleines Milcheis am Stiel, dass es in den klassischen Geschmacksrichtungen Erdbeer, Vanille und Schoko gab. Plus ein Wassereis mit Zitrone.

Dann kam der Krieg, die Eisproduktion in Deutschland lag auf Eis. Staatlich angeordnet. Man brauchte kein Eis am Stiel, eher Granaten.

In den Fünfzigern ging es für Theo dann so richtig los. In Nürnberg baute er Schöller zur Nummer zwei in Sachen Speiseeis aus. Und verdiente im Winter an Lebkuchen. Dieses Jahr hat die letzte Fabrik in Nürnberg geschlossen, die Technik war veraltet. Mittlerweile gehört Schöller aber sowieso Nestlé.

Die Nummer eins in Sachen Eis am Stiel in Deutschland hat der Unternehmer nie eingeholt. Das war natürlich Langnese.

Deren Geschichte beginnt mit der „Deutsch-Chinesischen Eisgesellschaft“. Deren Chef, Karl Rolf Seyfahrt. Der suchte 1927 nach einem neuen Markennamen für seine Company und kaufte sich eine Firma, die Biskuit herstellte und einem Herrn Viktor Emil Heinrich Langnese gehörte.

Dazu holte er sich noch aus Dänemark die Idee mit dem Eis am Stiel. Für 10 Pfenning gab es so ein Eislollie, wie er damals genannt wurde. Und weil es 1935 eben sehr heiß war, brummte der Laden wie verrückt. Gleich im allerersten Geschäftsjahr verkauften sich 1,5 Millionen Eislollies der Marke Langnese.

Das Logo war damals ein kleiner Junge, der eine lange Nase drehte. Langnese = Lange Nase. Lustig, dass das im Chinesischen ein Spottname für Europäer ist…

Die Nazis mochten aber auch kein Eis von Langnese, so daß die Produktion erst 1948 wieder begann. Aber bevor die Deutschen Eis kauften, brauchten sie erst einmal ein paar Groschen in der Tasche und einen heißen Sommer. Das war 1953.

Danach entstanden bald die ganzen Marken, die wir auch heute noch kennen.

Langnese hat sich dann nicht Nestlé gekauft, sondern die Unilever. Dann hat man der Company ein neues Logo verpasst – diese zwirbeligen Herzen und die Marke international aufgestellt.

Immer mit dem gleichen Logo, aber mit verschiedenen Markennamen. Algida in Italien, Eskimo in Österreich, Frigo in Spanien, HB in Irland, Holanda in Mexiko, Lusso in der Schweiz oder Ola in Holland und Belgien.

Aber was wir jetzt noch nicht haben, dass ist das allererste Eis am Stiel. Denn der Herr Seyfahrt, der eigentlich der Herr Langnese war, der hat sich die Idee ja in Dänemark eingekauft.

Die Eismacher in Dänemark aber die hießen die Gebrüder Gram. Oder Brodrene Grams. Ihr Logo ist ein blaues Wappen mit zwei Löwen darauf. Die haben zwar dem Herrn Langnese eine Lizenz verkauft und auch die Maschinen zur Eisherstellung, aber so ganz mit rechten Dingen ging das nicht zu. Denn die Grams-Brüder haben sich die Idee für das Eis am Stiel wiederum selber lizensiert.

Und zwar in den Vereinigten Staaten. Ja, es ist wahr. Die Amerikaner haben uns nicht nur die Aquädukte, den Wein und Asterix-Comics gebracht, sondern auch Eis am Stiel. Live with that.

Und weil die auch das Wort „Legende“ gepägt haben – oder war es das Wort „Marketing“ – deswegen gibt es eine drollige Geschichte dazu.

Die handelt im Jahre 1905. Und Held ist ein 11 Jahre alter Junge mit dem Namen Francis-William Epperson. Kurz einfach „Frank“. Der war gerade damit beschäftigt, sich eine Limo zu machen. Dazu hatte er ein Soda-Pulver mit Wasser verrührt. Man darf sich das gerne vorstellen wie die Ahoi-Brause.

Aber dann wurde die Zubereitung gestört, weil seine Mutter allen Ernstes darauf bestand, dass er reinkommt und ins Bett geht. War nämlich eine kalte Nacht in Oakland, Kalifornien.

Also ließ Frank das Glas mit der Limo stehen. Mit dem Holzstöckchen, dass er zum Umrühren verwendet hatte. Und – hoppla hopp – am nächsten Morgen stand das allererste Eis am Stiel für ihn bereit. Zum Frühstück.

Die Legende geht so weiter, dass er der Zufalls-Erfindung einen Namen gab. Dazu mischte er das Wort für Eiszapfen „icicle“ mit seinem Nachnamen. Schon war der Markenname geboren, den auch heute noch jeder kennt. Und der in Amerika ein Synonym ist für alle Eise am Stiel. Der Epsicle!

Ach. Nö. Sorry. Die Geschichte geht anders. Frank hat sein Eis wirklich Epsicle genannt und angeblich an seinen Schulkameraden ordentlich Geld verdient. Aber seine eigenen Kinder nannten das Eis nicht Epsicle. Sondern einfach Papas Eiszapfen. Pops ‚cicle. Popsicle.

1924 hat Frank darauf ein Patent bekommen. Der Popsicle ist tatsächlich das erste Eis am Stil. Und den gibt es immer noch. Zwar hat Frank die Rechte schon im Jahr darauf wieder verkauft, weil er pleite war. Und danach keinen Cent mehr für sein Eis gesehen, aber trotzdem wurde der Popsicle so erfolgreich, dass er in den Staaten wirklich das Synonym für Eis am Stiel ist.

Ob die Papa-Geschichte so stimmt, könnte man auch noch diskutieren. Denn Limo heißt in einigen Staaten einfach „Pop“. Könnte also auch der Limo-Eiszapfen sein.

Popsicles gehören mittlerweile auch der Firma Unilever. Und natürlich gibt es mittlerweile nicht nur die kleinen Wassereis-Stangen, sondern auch Creamsicles mit Milcheis, Fudgicles mit Schokogeschmack, Yosicles mit Joghurt und Firecrackers oder Revello.

Die am meisten verkaufte Eis-Sorte in den Staaten ist aber immer noch der Popsicle. Und zwar in der Geschmacksvariante Kirsch. Dieser künstliche Kirsch-Geschmack konnte sich in Europa nie durchsetzen.

Von Mövenpick gibt es Schwarzwälder Kirsch und von Calippo gibt es so Banana-Cherry-Eiskugeln. Dafür hat sich in den Staaten Cola als Geschmack für Eis nie richtig bewährt.

Damit hätten wir die Geschichte des Eis am Stiel geklärt. Reicht für heute, finde ich.

Die Geschichte des Speise-Eis selber machen wir wann anders. Da gibt es zum Beispiel die Story, das hätte Nero erfunden. Reiter-Staffetten hätten Schnee aus den Alpen nach Rom gebracht für die Orgien des größenwahnsinnigen Kaisers. Ist natürlich Quatsch – jeder, der das behauptet, war noch nie im Sommer in Italien…

Lass‘ uns einmal über Eisvorlieben reden. Ich habe hier eine Eiskarte wie aus meiner Kindheit. Eigentlich wie aus der Jugend, denn die ist von 1977. Die ist auch im Artikel auf der Website verlinkt…