Eine Stunde am Steg


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Wie findet man Geschichten? Zum Beispiel, in dem man beim Arzt einmal wieder einen „Reader’s Digest“ liest. Und dann der Geschichte nachspioniert, die da in einem kleinen, erbaulichen Absatz erzählt wird.

Oft ist da viel mehr zu finden – denn jeder Mensch hat eine lange Geschichte zu erzählen. So wie heute Rivers, dessen Leben für eine Stunde ganz schön auf der Kippe stand. In dieser einen besonderen, endlos langen Stunde am Steg.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Free“ von Chris Barba Band / CC BY-SA 3.0


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Zu Hause war es so scheiße geworden, dass ich weg musste! Es war nicht auszuhalten! Voll die Sozialhilfenummer. Meine Mutter war den ganzen Tag blau und kümmerte sich einen Dreck um ihre Kleinen. Und mich hasste sie, weil ich der Sohn von ihrem ersten Mann war.

Und mein Stiefvater war einfach das größte Arschloch, das man sich überhaupt vorstellen kann. Immer eine große Klappe, aber nichts dahinter. Der arbeitet gerade im Lager von einem Supermarkt hier im Einkaufszentrum, aber die beiden hauen die Kohle am Anfang des Monats raus und sind am Fünfzehnten pleite.

Dann fangen sie an, zu jammern. Und mich zu terrorisieren. Ich soll doch ‚mal Kohle herschaffen und nicht immer nur fressen auf ihre Kosten! Dabei bin ich es, der sich um die Kinder der beiden kümmert, wenn die von der Schule kommen. Und der mit denen Hausaufgaben macht und so’nen Scheiß. Weil die sonst nämlich unter die Räder kommen. Und die können ja nichts dafür, dass ihre Eltern scheiße sind, oder?

Hey, alle Erwachsenen haben irgendwie echt einen Vogel, kann ich Dir sagen. Die sind alle volle Kanne dabei, sich ihr Leben schön zu lügen. Das ist deren Problem: Die lügen sich alle vor, dass ihr Leben richtig ist und gut und wahr, aber in Wirklichkeit glauben sie das selber nicht. Und das kann man spüren, Mann.

Und mein Stiefvater und meine Mutter, die sind von allen Erwachsenen mit Abstand die schlimmsten. Meine Mutter hat sich aufgegeben, da hatse mich noch nicht einmal gehabt! Mein echter Vater, den ich einmal im Jahr sehe, an Weihnachten, der ist eigentlich okay. Aber voll nur mit sich selber beschäftigt.

Auf den hat sie irgend so einen schmierigen Anwalt gehetzt, bis am Ende der Scheidung alle pleite waren. Bis auf den Anwalt. So war das.

Und jetzt leben wir zu fünft in dem Loch und jeden Tag gibt es irgendwo eine Explosion. Jeden Tag gibt es Stress. Jeden Tag brüllt einer von denen rum – das kannste Dir echt nicht vorstellen, wenn Du’s nicht erlebt hast, was das für ein Lärm ist!

Und dann, eines Tages, will mein beschissener Stiefvater den Kleinsten mit einem Gürtel verprügeln. Ich weiß gar nicht warum, aber ist ja auch echt egal! Der Kleine ist nichma zehn, Mann! Der wird schon niemanden ermordet haben oder den Präsidenten erschossen haben oder irgendwas echt Kriminelles.

Also stelle ich mich dazwischen, damit er den Kleinen nicht haut. Da zieht er mir den Gürtel rüber, der Sack. Haut er halt stattdessen mich! Tja. Aber ohne mich! Ich hab‘ mich gewehrt. Dieses Mal. Erst hab‘ ich ihn dahin getreten, wo es wirklich wehtut, Du verstehst, was ich meine, oder? Und dann hab‘ ich ihm noch ein paar mitgegeben und dann bin ich raus aus dem Loch.

Ich hab’ mein Telefon geschnappt und bin raus. Einfach nur raus. Da drinnen komme ich um. Da gehe ich vor die Hunde! Ich musste da weg. Ich erzähl‘ das alles nur, damit Du kapierst, dass ich da weg musste. Und damit Du verstehst, warum ich auf einmal auf der Straße lebe.

Alles, was ich hatte, war das T-Shirt, mein Hoodie, die Shorts, die Flipflops und mein Telefon. Es war echt Glück, dass ich wenigstens die Ohrstöpsel und das Ladekabel in der Hosentasche hatte. Aber das war alles, was ich besaß.

Trotzdem bin ich erst einmal so weit von dem Loch weggelaufen, wie ich es an einem Tag geschafft hab‘. Einfach immer nur den Strand hoch. Da kannste hier in Florida wochenlang gehen und dann ist da immer noch irgendwo wer. Ist immer noch ein Haus. Wildnis oder echte Natur oder so, das gibt es hier gar nicht.

Wenn Du von Miami nach Norden läufst, dann ist da nur Zivilisation. Miami, Orlando, Jacksonville. Danach vielleicht. Hinter Savannah vielleicht. Aber das sind ein Haufen Meilen. 300 vielleicht, oder 400, ich weiß nicht.

Geschlafen habe ich draußen und tagsüber habe ich Leute angesprochen und um ein paar Cent gebettelt. In vielen Cafes kannste Dein Smartphone laden und freies Wlan gibt’s da auch. So habe ich meine Tage verbracht.

Und so bin ich auch zu dem Laden von Robert gekommen. Der hatte den gerade erst vor einem Jahr aufgemacht, hat er mir erzählt – nach der Stunde am Steg, als ich ihn dann gekannt habe. Er wollte den eigentlich nicht weitermachen, weil sein Vater hat den Laden gemacht und der hat sich auch totgesoffen, sagt Robert.

Aber egal. An diesem Tag sitze ich also draußen auf den Bänken vor Roberts Bude und kuck‘ so auf den Strand. Wenn Du so eine Bude hast, die direkt am Strand liegt, wo die ganzen Leute abends hinkommen, dann haste irgendwie einen sicheren Job. Da kannste nicht viel falsch machen. Da musst Du schon Dein Eis vergiften oder Deine Burger aus Abfall machen, damit Du da nichts verkauft.

Ein, zwei Meter von mir weg ist auf jeden Fall diese Frau. Nicht mehr die Jüngste und auch nicht mehr die Schlankste, wenn Du verstehst, was ich meine. Weil ich will hier ja nicht unhöflich sein, verstehst Du. Man sagt nicht, dass jemand fett ist. Das ist nicht nett.

Auf jeden Fall sitzt die da und packt ihr Zeug zusammen, da klingelt ihr Telefon. Und sie geht ran und beginnt gleich zu quatschen wie ein Lexikon. Alles super, sagt sie, obwohl sie wahrscheinlich den Sonnenbrand des Lebens hat.

Und dann zieht sie los und lässt doch glatt ihren Geldbeutel auf der Bank liegen. Ich kuck ihr noch nach, wie sie fortgeht. Und dann kuck ich auf die Brieftasche. Dann seh‘ ich, wie sie in ihr fettes Cabrio steigt und ich kuck‘ wieder auf die Brieftasche. Und dann fährtse weg und ich kuck schon wieder auf die Brieftasche.

Und dann bin ich halt hin und hab‘ die genommen. Und dann gleich weg aus dem Laden. Und vor zum Steg, wo die Schiffe anlegen. 150 Dollar waren da drinnen, die hab‘ ich mir genommen. Und im Fach für die Münzen war nichts, nur ihr Ehering. Dann hab‘ ich mir das Geld genommen und hab‘ den Geldbeutel ins Meer geworfen. Wegen Beweisstück und so.

Für mich war das echt viel Kohle! Klar, dass war eigentlich geklaut. Aber irgendwie war es auch gefunden, oder? Ich hatte nur superkurz ein schlechtes Gewissen. Erstens, weil die Frau ja so aussah, als würden ihr 150 Dollar nicht so weh tun.

Und zweitens, weil… ich meine: 150 Dollar! Das würde mir echt helfen. Ich würde erst einmal ins Steakhaus gehen und richtig essen. Hab‘ ich schon seit Weihnachten nicht mehr!

Die Geschichte ging dann in der Bude von Robert weiter. Denn, kaum war sie zuhause, hat die Frau das gemerkt, dass ihr Geldbeutel weg ist und ihr Ehering und hat Robert angerufen, dass jemand den geklaut hat. Bei ihm im Restaurant.

Das fand er nicht toll, dass bei ihm geklaut wird. Kann man auch verstehen, oder? Auf jeden Fall hat der aber Kameras installiert. Das habe ich natürlich nicht gemerkt, aber heute sind ja überall Kameras, Mann. Hätte ich mir denken können. Aber wahrscheinlich hätte ich es trotzdem versucht.

Und Robert kuckt die Videos von den Kameras durch, bis er die Aufnahme findet, wo ich die Brieftasche in meinen Hoodie schiebe. Da ist mein Gesicht nur halb drauf, aber man sieht den Hoodie mit dem Metallica-Logo, meine Shorts und mein T-Shirt.

Das Bild nimmt Robert dann und postet es auf Instagram und Facebook. Und schreibt dazu: „Kennt jemand diesen jungen Mann? Bitte helft mir weiter, ich muss ihn dringend sprechen.“

Mehr nicht. Das ist schon einmal voll fair, oder? Im Zweifel für den Angeklagten, hat Robert gesagt. Obwohl er das Bild hatte, dachte er, dass es ja irgendwie auch eine andere Geschichte sein könnte, als man da sieht. Voll gut, finde ich.

Na ja, die Frau hatte natürlich eine Anzeige bei der Polizei gemacht und die suchten mich. Ich sitze, während das alles passiert, schon fünf Meilen weiter am Strand und versuche gerade das Steak und den Mais zu verdauen, als mich einer anquatscht.

„Bist das nicht Du auf dem Bild?“, meint er. Und, was soll ich sagen: Widerspruch war echt zwecklos, weil das war ich, da gibt es keine Diskussion. Und ich sage: „Ja, Mann, das bin ich“. Und dann sage ich noch: „Hey, da ruf‘ ich gleich an, Mann. Danke!“

Aber natürlich will ich genau das Gegenteil tun. Ich will nur abhauen. Ich nehme die restliche Kohle, werf meinen Hoodie weg und hau ab. Immer nach Norden hoch, so denke ich mir. Ich könnte mir auch einen neuen Hoodie kaufen, hatte ja noch genug Kohle über.

Irgendwie habe ich die Kohle auch verdient, denke ich mir. Irgendwie steht die mir zu. Und nicht der Frau, die nicht einmal darauf aufpassen kann. Die kennt sicher das Gefühl von Hunger nicht. Das ist eigentlich nur gerecht, denke ich mir.

Aber, weißt Du, was dann passiert? Ich stehe da und dann sage ich mir: Mann, Du heulst genauso rum wie Deine Scheißmutter! Und jammerst schon wie Dein blöder Stiefvater am Fuchzehnten, dass die Welt so ungerecht ist. Wie ein kleiner Junge. Du bist genau wie die Leute, vor denen Du wegläufst!

Das war eine voll schockierende Erkenntnis, kann ich Dir sagen. Das hat mich echt umgehauen. Wenn ich so weitermachen würde, dann würde ich genauso enden! Wenn ich so weitermachen würde, dann würde ich auch so ein chronischer Lügner werden! Und das wollte ich auf keinen Fall.

Und dann bin ich umgedreht, ohne viel nachzudenken. Auf der Stelle umgedreht und bin zurück gelaufen zu Roberts Bude. Weil ich das Posting auf Instagram nicht mehr gefunden habe.

Und dann habe ich mich hingestellt und habe gesagt: „Ich bin’s. Ich habe den Geldbeutel geklaut. Aber es tut mir leid. Ich will das wiedergutmachen. Und kein chronischer Lügner werden.“

Robert hat mich angekuckt, kurz genickt und gesagt: „Du steckst voll in der Scheiße, Kleiner! Wie ist das denn passiert? Geht’s Dir gut?“

Das hatte mich, glaube ich, schon seit Jahren keiner mehr gefragt. Und darum habe ich Robert die ganze Geschichte erklärt. Nicht nur, dass ich den Ring nicht genommen habe, sondern auch, wie ich von zu Hause weggelaufen bin.

Wir sind dann gleich vor zum Steg, aber das Wasser war echt zu tief. Keine Chance. Und wenn wir die Brieftasche nicht finden mit dem Ehering, dann würde die Lady auch ihre Anzeige nicht zurückziehen. Und das würde für mich wahrscheinlich Knast bedeuten.

Zurück in Roberts Bude haben wir erst einmal überlegt, wie es weitergehen könnte. Er hat dann auch den Sheriff gerufen, der war ein Freund von Robert und der ist dann vorbeigekommen. Völlig unspektakulär und ohne Uniform und so.

Und dem habe ich auch die Geschichte erzählt und dass ich den blöden Ehering nicht geklaut habe. Robert glaubte mir ja voll, aber der Sheriff, glaube ich, der nicht. Auf jeden Fall sagte er, wir haben einen Tag Zeit, dann würde er mich verhaften müssen. Und ich musste ihm versprechen, dass ich nicht abhaue. Und das habe ich dann versprochen.

Robert nahm mich mit nach Hause, ich durfte da pennen. Seine Frau war auch voll nett und ich habe an dem Tag zum zweiten Mal gutes Essen bekommen. Miranda heißt die und mit der kann man auch voll gut reden. Die haben zwei kleine Kinder und ich kann ja echt gut mit Kindern. Und ein drittes ist unterwegs. Miranda sah schon aus wie eine Boje! Trotzdem haben die sich um mich gekümmert.

Na ja, am nächsten Tag war dann Showdown am Steg. Robert hatte zwei Taucher engagiert, die in der Nähe eine Tauchschule haben. Und die haben auch gesagt, sie helfen uns und schauen nach der Geldbörse, da wo ich sie ungefähr versenkt hatte.

Und da saß dann der eine Taucher, die haben sich immer abgewechselt und da stand dann Robert und neben uns der Sheriff. Dieses Mal in Uniform. Und mit Handschellen am Gürtel. Die musste ich die ganze Zeit anstarren. Ich dachte, wenn die Taucher nicht die Geldbörse finden, dann krieg‘ ich die verpasst und dann war die ganze Show vorbei.

Dann käm ich erst einmal in den Knast. Und dann wieder raus und dann wieder rein. Und dann würde ich auch so ein Versager werden wie mein Stiefvater und die ganze Zeit rumheulen, dass die Welt so ungerecht ist.

Wir standen da und standen da und die Taucher haben sich immer abgewechselt. Aber keine Geldbörse zu finden.

Es hat furchtbar lange gedauert, ich hatte den Eindruck, ein ganzer Tag würde vergehen. Mein letzter Tag in der Freiheit. Es war, als würde im Himmel so ein Countdown laufen und die Sekunden immer schneller ablaufen! Tick, tick, tick…

Dabei war es dann nur eine Stunde, bis einer der Taucher die Geldbörse gefunden hatte! Wir klatschten alle Applaus, als er damit an Land kam. Und in der Geldbörse, im Fach für die Münzen war der blöde Ehering von der Frau! Hatte ich ja gesagt.

Robert hat sie dann sofort angerufen und sie hat dem Sheriff gesagt, dass sie die Anzeige zurückzieht. Damit war ich noch nicht aus dem Schneider, denn natürlich musste die Polizei das weiterverfolgen. Aber ich bekam ein vermindertes Strafmaß. 20 Tage Sozialdienst und keine Vorstrafe. Das finde ich nicht ungerecht. Klauen ist ja auch nicht o.k. Egal, ob die Frau nun ein Cabriolet hat oder nicht.

Ich durfte dann sogar noch ein paar Monate bei Robert wohnen. Ich arbeitete in seiner Bude und verdiente Geld, um meine Schulden bei der Frau abzuzahlen und zu Hause passte ich auf die Kleinen auf. Das konnte ich ja gut und Robert und Miranda hatten ja echt viel um die Ohren, als das Baby auf die Welt kam.

Robert war der erste Erwachsene in meinem Leben, der mir richtig zugehört hatte. Und er hat mir geholfen, als ich es echt gebraucht habe. Man kann auch durch’s Leben kommen, ohne dauernd lügen zu müssen.

Wegen Robert habe ich hier ein ganz neues Leben angefangen. So sind die echten Superhelden im echten Leben, Mann. So wie Super-Robert.

Dieser blöde Ehering! Aber, muss man auch sagen: Wegen dem blöden Ehering kenne ich auch schon eine Menge Leute hier.

Das war verflucht knapp, als wir da auf dem Steg waren. Diese eine, unendlich lange Stunde am Steg. Eigentlich nur ein paar Minuten, in denen Dein Leben entweder diese Richtung nehmen kann oder eine komplett andere. Wegen dem Ehering. Tick, tick, tick…

Ehrlich sein ist schon voll schräg, oder?

Aber trotzdem cool.