Eine offene Frage

play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Der Erzähler der heutigen Geschichte ist das Produkt der maximalen Helikopter-Erziehung – er hatte wahrscheinlich eine ähnlich behütete Kindheit wie Gautama Siddharta!

Und wie dieser sehnt er sich nach offenen Fragen in seinem Leben. Hoffentlich hat die neue Lehrerin einige davon im Gepäck!


Wenn Dir die Geschichte gefallen hat, solltest Du vielleicht Mitglied in unserer Sekte werden: Hier lang, bitte sehr!


Download der Sendung hier.

Musik im Hörspiel: “Too Short Melodies” von Sandy Owen

Musiktitel: „On the Come Up“ von WORDSMITH / CC BY 3.0

Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Die Umstände meiner Kindheit und Jugend „geordnet“ zu nennen, wäre ein Euphemismus. Für mich war perfekt gesorgt, an alles war gedacht, alles organisiert – ich genoss ein Leben, in dem es keine offenen Fragen gab!


Als ich begriff, wie das mit meinen Lehrern läuft, war ich ungefähr zwölf. Ralf hieß der junge Mann, der sich um mich gekümmert hat, seit ich … seit vielen Jahren. Viele meiner Kindheitserinnerungen haben mit ihm zu tun. Er muss mindestens vier Jahre da gewesen sein.

Eines Abends, saßen wir wie an jedem Sommerabend vor dem Haus, das ich im Park meines Vaters bewohnte. Wie an den meisten Abenden drehte er sich eine Zigarette.

Ich kuckte ihm zu. Heute sahen seine Bewegungen wichtiger aus als sonst. Man konnte sehen, dass heute etwas anders war, dass etwas Außergewöhnliches geschehen würde.

„Habe ich Dir genug beigebracht, Kleiner?“, fragte Ralf.

„Du sollst mich doch nicht ‚Kleiner‘ nennen!“

„Okay, Großer: Habe ich Dir genug beigebracht?“

„Du hast mir viel beigebracht!“

„Wer hat Dir das Schwimmen gelehrt?“

„Du! Und Tauchen auch!“

„Nein, Tauchen konntest Du, bevor Du schwimmen konntest!“

„Ja. Ertrinken konnte ich auch, bevor ich schwimmen konnte.“

Er klopfte mir auf die Schultern:

„Du bist echt okay, Großer! Es hat mir Spaß gemacht mit Dir!“

„Was soll das heißen?“

„Ich bin dann mal weg, Kleiner. Wenn ich heute Abend gehe, dann war’s das.“

„Wie? Was war was?“

„Dann ist unsere Zeit vorbei.“

Ich verstand nicht, was er meinte. Aber als er die Zigarette ausdrückte, lächelte er nicht mehr. Es hatte sich eine Traurigkeit in seine Mundwinkel gestohlen, die ich nicht kannte.

„Dann kommst Du nicht morgen wieder?“, fragte ich.

„Nein. Dann komme ich nie wieder. Und ich darf Dich auch nie mehr sehen!“

„Wieso das denn?“

„So sind die Regeln!“

„Welche Regeln?“

Er wuschelte er durch meine Haare und lächelte mich an:
„Frag‘ Deinen Vater – ich habe die Regeln nicht gemacht! Frag‘ Deinen Vater!“

Dann fuhr er auf seinem Fahrrad fort aus meinem Leben.

In mir starb ein Stück Vertrauen in die Welt. Ich konnte die ganze Szene von oben sehen. Den unendlichen Park, das Haus aus Gold, das große Luftschiff davor, mein Sommerhäuschen und davor der kleine rothaarige Junge, der um seine Kindheit weinte.

Das war der Moment, in dem ich begriff, wie das mit meinen Lehrern läuft, wie das wahrscheinlich schon immer gelaufen ist. Unabhängig davon, was ich dabei empfand oder ob ich verstand, was die Regeln waren.


Ralf war nicht nur mein Lehrer gewesen, sondern der erste Freund, den ich verloren habe. Danach kamen noch viele Lehrer und Lehrerinnen. Ich hatte natürlich immer Angst vor dem Schmerz, aber ich habe sie alle trotzdem so behandelt, als würde ich nicht wissen, dass sie nur so nett zu mir waren, weil mein Vater ihnen ein großzügiges Salär zahlte.

Ich habe sie alle so behandelt, dass die Chance, dass wir Freunde wurden, nicht ausgeschlossen war. Als ob ich die Erfahrung, die ich mit Ralf hatte, wiederholen könnte.

Viele der Menschen, die mich lehrten, teilten wohl den Wunsch, den jungen Mann kennenzulernen, den sie Wochen oder Monate lang in ihrem Fach lehrten und der so eifrig versuchte, die Welt zu verstehen.

Doch, bevor aus diesen zarten Keimen der Mitmenschlichkeit so etwas grünen konnte wie Freundschaft oder auch nur Zuneigung, waren sie schon wieder aus meinem Leben verschwunden! Von heute auf morgen!


Keine Ahnung, ob ich mich sofort in sie verliebt habe. Wie sollte ich das wissen? Wie hätte ich als Zwanzigjähriger Liebe erkennen können? Ich kann mich nicht an eine einzige Umarmung meiner Mutter erinnern oder an einen einzigen Kuss. Ich kann mich ja kaum an meine Mutter erinnern.

Wenn ich am Abend ins Haus aus Gold gehe, um mit meinem Vater zu essen, nickt er, wenn er mich sieht. Wenn ich etwas Außergewöhnliches geleistet habe, wie zum Beispiel ein Studium abgeschlossen, dann steht er auf, geht den ganzen Tisch entlang und wartet, bis ich auch aufgestanden bin und dann schüttelt er mir die Hand. Das war in meiner Erziehung die maximale körperliche Nähe.

Sie war nur vier Jahre älter als ich und sie roch nach Zimt, als ich sie kennenlernte. Auf der linken Wange klebte noch Puderzucker, als ich sie das erste Mal sah. Und mir wurde so warm um den Bauch herum, als sie mich anlächelte. Aber ob das Liebe war?

Am ersten Tag hatten wir uns vorgenommen, möglichst viel vom Park zu sehen. Ich hatte die Tour so gelegt, dass wir am Nachmittag am Wasserfall Pause machen konnten.

„Und? Wie gefällt Dir unser Wasserfall?“, fragte ich, als ob ich ihn gebaut hätte!

„Ganz gut.“

„Wow. Das klingt ja nicht gerade begeistert.“

„Begeistert? Das ist halt ein künstlicher Wasserfall. Warum sollte ich begeistert sein?“

„Ach, hast Du schon einen größeren gesehen?“

„Natürlich. Schon einmal vom Rheinfall bei Schaffhausen gehört?“

„Ja, habe ich. Habe ich schon gesehen.“

„Du warst in Schaffhausen?“

„Nein, ich meine auf YouTube habe ich ihn gesehen.“

„Aber das ist doch nicht das Gleiche!“

„Man kann aber nicht überall auf der Welt sein, oder? Man kann sowieso nicht alles sehen!“

„Du solltest den Rheinfall in echt sehen. Da draußen ist eine ganze, riesige, bunte Welt, Kleiner. Und Du hast das Recht, die auch zu sehen!“

„Nenn‘ mich bitte nicht ‚Kleiner‘!“

„… und zu fühlen und zu riechen und zu schmecken!“

Von diesem Tag an verbrachte sie die ganze Unterrichtszeit damit, mir von der Welt außerhalb des Parks zu berichten. Alle Dinge zu beschreiben, die sie schon erfahren hatte. Wie hoch der Wallberg war und wie klein der Tegernsee wirkte, wenn man ihn bestiegen hat. Wie die Wellen sich bei Sturm auftürmen und die Fähre zu kentern drohte, als sie nach England fuhr. Wie das Hochwasser ihren Keller überflutete und ganz oben im Dreckwasser die Jonglierbälle trieben, die sie so lange gesucht und nie gefunden hat. Wie sie und ihre Schwester nach einem Regen so lange in alle Pfützen hüpften, bis sie komplett fortgetrampelt waren. Wie der Mann von der Eisdiele stolz lächelte, als alle sein After-Eight-Eis für eine Genietat hielten – und das mit Fug und Recht!

Ich hing an ihren Lippen, wenn sie so von der bunten Welt schwärmte und sagte, nicht nur einmal: „Das hätte ich auch gerne erlebt!“

„Kannst Du doch!“, sagte sie dann mit ihrem Kinderlachen.

Aber natürlich wusste ich, dass unsere Zeit miteinander begrenzt war und wir, mit jeder Sekunde, die wir miteinander verbrachten, dem Ende unserer Bekanntschaft näherkamen. Und ich wusste, dass ich sie danach niemals wiedersehen würde.


Ich sitze im Büro meines Vaters im Haus aus Gold, vor seinem riesigen, leeren Schreibtisch. Ich sehe zu, wie er einen wichtigen Brief schreibt an eine wichtige Person.

Ich nehme meinen Mut zusammen und frage:

„Warum verschwinden alle meine Lehrer und Lehrerinnen?“

„Weil sie irgendwann ihren Nutzen verlieren.“

„Aber sie hätten mir alle noch viel beibringen können!“

„Das meine ich nicht mit Nutzen, Kleiner.“

„Was meinst Du mit Nutzen?“

Ich erschrak ein bisschen, als mein Vater schlagartig aufhörte, während des Gesprächs weiter seine Briefe zu schreiben. Er blickte mich sogar direkt an:

„Willst Du die Wahrheit hören, Kleiner?“

„Ja. Natürlich. Ich will die Wahrheit hören.“

„Sie müssen gehen, wenn sie Deine Freunde werden.“

„Wie bitte?“

„Sobald euer Verhältnis kein geschäftliches mehr ist, muss es enden.“

„Aber warum das denn?“

„Weil man nicht erfolgreich sein kann, wenn man asymmetrisch befreundet ist.“

„Was soll das bedeuten?“

„Deine Lehrenden sind meine Angestellten. Du bist, strenggenommen, ihr Vorgesetzter. Also können sie von einer Freundschaft immer mehr profitieren als Du.

SIE werden DICH nie als Freund sehen. Darum pflegt man keine Freundschaften mit Geschäftspartnern. Auch nicht mit Kunden.“

„Wer sind denn unsere Kunden?“

„Unser Geschäft sind Medien. Alle Menschen sind unsere Kunden.“

„Man pflegt also keine Freundschaften.“

„Beantwortet die Wahrheit Deine Frage zureichend?“

„Ich denke schon, Vater.“

„Dann lässt Du mich bitte meine Arbeit fortführen, Kleiner?“


Sie sitzt in meinem Haus am Fenster und kuckt in den Regen. Es ist unser letzter Tag, es ist unser letzter Abend. In mir tickt eine Uhr die Sekunden unserer gemeinsamen Zeit herab.

„Was wirst Du jetzt machen?“

„Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich werde eine kleine Reise unternehmen.“

„Wohin?“

„Zu Orten, die ich noch nie gesehen habe, denke ich.“

„Und dann hast Du mehr zu erzählen, bei Deinem nächsten Schüler.“

„Du solltest …“

„Was sollte ich?“

„Ach nichts. Es war ein schöner Sommer mit Dir, Kleiner!“

„Nenn‘ mich nicht ‚Kleiner‘.“

„Es hat Spaß gemacht, ich werde Dich wirklich sehr vermissen! Du warst ein toller Boss!“

„Sind wir Freunde?“, platzte ich heraus.

„Was?“

„Sind wir Freunde? Oder bin ich nur Dein Boss?“

„Aber nein! Natürlich bist Du nicht nur mein Boss! Das war ein Scherz! Natürlich sind wir Freunde!“

„Oh, gut.“

„Hast Du das die ganze Zeit geglaubt?“

„Nein. Aber ich hatte Angst, dass es so ist.“

„Ja. Angst hast Du viel. Wovor hast Du noch Angst, Großer?“

„Ich habe Angst vor der Welt außerhalb des Parks. Und ich habe Angst, sie zu sehen und zu riechen und zu hören und zu fühlen. Aber ich habe auch Angst, dass wenn ich das nicht tue, wenn ich jetzt nicht mit Dir gehe, dass ich es mein Leben lang bereuen werde! Davor habe ich auch Angst!“

„Na, dann komm!“

„Einfach so?“

„Klar! Warum denn nicht?“

Gute Frage. Ich glaube, ich werde ab jetzt ein Leben genießen, in dem es offene Fragen gibt.


Ähnliche Geschichten:

  • Das Double Date
  • Eine normale Liebesgeschichte aus den Datingräumen der Welt, wo aus einem normalen Date schnell ein Double Date werden kann.


  • Im Dunkeln pfeifen
  • Wenn es ganz dunkel ist im Wald und sich ein Werwolf anschleicht, dann hilft nur eines: Weitergehen und ein Liedchen pfeifen! Hilft echt!


  • Alfie und Candy
  • Zwei künstliche Wesen geistern durch die menschenleere Wüste und tauschen sich über Philosophischeres aus, als man das von Maschinen erwarten mag.