Ein Schotte ist schuld!


Neben der Geschichte gibt es die Geschichtsphilosophie. Und die versucht gerne Zusammenhänge zu verdeutlichen, indem sie spekuliert.

Das ist nicht im strengen Sinne wissenschaftlich und die meisten Gedankenspiele mit der Form: „Was wäre eigentlich, wenn dies oder jenes nicht oder anders geschehen wäre…“ – sind nicht besonders hilfreich.

Heute stellt Herr Wunderlich die These aus, dass unsere Welt ein völlig andere wäre – ohne Donald Trump, ohne Twitter, ja sogar ohne die USA – wenn nicht ein einzelner Schotte so gierig gewesen wäre.

Steile Behauptung, oder?


Musik: Awesome Scottish street music – Clanadonia
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Ja, ein einziger Mann kann verantwortlich gemacht werden für die Tweets von Donald Trump. Oder die Existenz der USA an und für sich. Und um meine Theorie zu erläutern, müssen wir natürlich weit ausholen. Unsere Geschichte beginnt am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. Und sie beginnt in Schottland. In Aberdeen genau genommen.

Und diese Geschichte verdient eigentlich schon längst eine Verfilmung. Da drehen sie einen Superheldenfilm nach dem anderen, jede alte Fernsehserie aus den Neunzigern wird relauncht, dabei sind die Geschichtsbücher voller faszinierender Stories!

Und diese Geschichte ist so aktuell, man braucht eigentlich kaum Phantasie, um sie 2008 spielen zu lassen. Aber egal – wir sind ja in Schottland. Stellt euch also die Highlands vor. Wie in Highlander eben. Einsam steht da ein Mann. Mit einem Beutel im Arm, aus dem mehrere Röhren ragen. Der Mann trägt einen Rock.

Clip /Really badly played bagpipes from hell…

Jede Nation hat ihr Lieblingsinstrument. Und die Schotten haben sich für den Dudelsack entschieden. Bag-Pipes auf Englisch. Aber Dudel-Sack ist der treffendere Ausdruck.

Wir schreiben als den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. George Fordyce ist Probst in Aberdeen. Das bedeutet in Schottland, er ist der oberste städtische Verwaltungsbeamte.

Er hat mit seiner Frau vier Söhne: David, Alexander, William, James. Und die sind alle schlau und erfolgreich. David wird ein wichtiger Philosoph, einer der Väter der sogenannten schottischen Aufklärung. William wird ein berühmter Chirurg, macht seinen Doktor in Cambridge und wird später sogar geadelt. Sir William Fordyce.

James wird ein berühmter Prediger und veröffentlicht mit 40 die „Sermons to Young Women“. Mansplaining Deluxe. Diese Predigtsammlung wird berühmt, kommt sogar in „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen vor.

Und Alexander… naja… der interessiert sich nicht sooo sehr für die akademischen Weihen. Mit Thomas Blackwell hat er zwar den besten Lehrmeister in der Philologie und in den toten Sprachen, aber sein Interesse ist wohl nicht gerade überschäumend.

Es kommt zum Zerwürfnis – wer da die Notbremse gezogen hat, wissen wir nicht. Sicher hat das niemanden in seiner Familie erfreut. Alexander, der zweitälteste Sohn wird das schwarze Schaf der Familie. „Denen werd‘ ich’s aber zeigen!“ (triumphal) Denkt er sich und bricht auf, die Welt zu erobern!

(shy) Und so steigt er in Aberdeens Miederwaren-Business ein. Ja, es gab in Aberdeen, Schottland im achtzehnten Jahrhunder ein Miederwaren-Business. Die feine Kleidung der Damen von Welt war ein kompliziertes Martyrium an Stoff, Rüschen, Walfischknochen und Schnüren. Und Alexander schlägt sich nicht schlecht in dieser Branche. Er kann sich mehr als nur über Wasser halten.

Aber so erobert man nicht die Welt. Was kann man da in Aberdeen schon erreichen? „Hallo, ich bin der erfolgreichste Miederwarenhändler in Aberdeen!“ Das war ihm nicht genug. Er wollte hoch hinaus.

Also geht Alexander folgerichtig nach London. Die Schaltstelle des Britischen Empires. Und Sitz des wichtigsten Finanzmarkts der Welt. Die Banken in London waren der Vorläufer der Wall Street. Dort konnte man schnell viel Geld machen und verlieren.

Und so fängt Alexander im Finazgeschäft an. Er wird Praktikant bei einer kleinen Bank, die einem Herrn Boldero gehört . Die Stellenbeschreibung war „Outdoor Clerk“. Das ist jemand, der für die Anwälte die Laufarbeit macht.

Das macht er eine ganze Weile und lernt so, wie das Bankengeschäft in London so tickt. Und er bemerkte, dass er das echt gut kann. Ein riesiger Ehrgeiz gepaart mit der Fähigkeit, Leute überreden zu können. Dank seiner humanistischen Erziehung eben durchaus auch in akzentfreiem upper-class-English.

Darum wechselt er zu einer anderen Bank, um eine Stufe weiter zu kommen. Hier ist er nicht mehr nur ein Outdoor-Clerk, sondern ein Agent. Jemand, der der Bank Kunden gewinnt und mit Kunden eben auch Cash. Auch diesen Job erledigt er sehr gut – da ist seine große Klappe noch dienlicher.

Schnell begriff Alexander, wie das in Wirklichkeit funktioniert, dieses Business mit dem Geld. Das schaut auf den ersten Blick kompliziert aus. Zinsen, Zinseszinsen, Kredite, Obligationen, Optionsgeschäft, Investitionen, Wechsel, Schuldscheine – im Kern war das damals schon das gleiche Geschäft, dass es auch heute an den Börsen ist.

Doch hinter den Kulissen ist das gar nicht kompliziert. Denn hinter dem ganzen Papierkram stecken einfach Menschen. Gierige Menschen, die einfach möglichst schnell mit möglichst geringem Risiko möglichst viel Geld machen wollen.

Clip /Gordon Gecko: Gier ist gut!

Michael Douglas aus „Wall Street“. Klassiker. Wahrscheinlich sollten wir uns auch Alexander so vorstellen wie Charlie Sheen in diesem Film. Als er noch geistig bei Kräften war.

Der gierige, ehrgeizige und großmäulige Alexander wird bald zum wichtigsten Agenten dieser kleinen Bank. Und in ein paar Jahren ist er unentbehrlich. Seine flinke Zunge führt dazu, dass die Gründer der Bank reich werden.

Sie können fast gar nicht anders, als ihn zum Partner zu machen. Und so heißt die Bank bald „Neale, James, Fordyce, & Down“. Und durch ihn wird diese Bank zu einem der großen Spieler werden in den verrückten Tagen des frühen kapitalistischen Geldmarkts.

Denn im Vergleich zu den Regeln, die wir den Börsen heute geben, flottierte im achtzehnten Jahrhundert das Geld frei und ohne jegliche staatliche Kontrolle.

Das sieht man gut an einem Coup, den sich Alexander ausgedacht hat. Und der sein Bankhaus wirklich an die Spitze bringen wird.

Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1763. Der siebenjährige Krieg geht zu Ende. Das ist ein europäischer Konflikt, der kompliziert zu erklären ist. Auf der einen Seite fochten auf jeden Fall die Briten und die Preußen und auf der anderen die Österreicher und die Franzosen.

Dieser Konflikt wurde vor auch in und vor allem um die Kolonien ausgetragen. In Amerika hauten sich deswegen Indianderstämme, ohne zu wissen, warum und in Indien Hindus und Muslime. Es war wirklich kompliziert.

Und keiner wusste, was wohl am Ende in diesem Friedensvertrag stehen wird. Wer also was bekommt. Darum schickt Alexander einen sportlichen jungen Mann mit viel Geld in der Tasche nach Paris.

Der erfährt dann direkt vor Ort, was in dem Vertragswerk steht und schingt sich sofort auf’s Pferd. Und auf jegliches denkbare Transportmittel, dass gutes Geld kaufen kann. So erreicht er London einen Tag bevor die Ergebnisse dort bekannt werden.

Und Alexander arbeitet einen Tag lang wie ein Verrückter. Er verkauft die Papiere und Schuldscheine aller Firmen, die Verlierer des Vertrags werden würden, einen Tag bevor die das selber wussten.

Und er nimmt alles Geld der Bank und wirft es auf die Companies, die Gewinner dieses Vertrags werden würden. Zum Beispiel auf die ehrenwerte Ost-Indische Handelsgesellschaft. Denn die war mit der Unterzeichnung des Vertrags praktisch der Eigentümer der Bengalen. Das ist damals ungefähr Bangladesh und noch einmal die gleich Fläche vom benachbarten Indien.

Am nächsten Tag kuckt er dann zu, wie der Rubel rollte. Oder das Pfund. Rollt ein Pfund? Kurz gesagt: Sein Bankhaus ist finanziell der große Gewinner des Siebenjährigen Kriegs.

Und Alexander ein reicher Mann. Ihr könnt jetzt in euren Köpfen von „Wall Street“ umschalten auf „Wolves of Wall Street“. Und euch Alexander vorstellen wie Leo DiCaprio in diesem Film. Er läßt es richtig krachen. Kauft sich ein kleines Schloss, heiratet eine Adelige und versucht Mitglied des britischen Parlaments zu werden.

Natürlich nicht, um die Krone zu retten oder die Demokratie zu fördern. Alexander wollte ins Parlament, weil das die Quelle für Informationen war, die wir heute Insider-Geschäfte nennen würden.

Eigentlich waren die Finanzmärkte noch verrückter als heute, weil komplett unreguliert. Man könnte sagen, jedes große Bankhaus hatte eine eigene Währung. Druckte ihr eigenes Geld.

Seine Bank vergab einen Kredit. In London. Dann verkaufte sie diese Kreditpapiere mit Gewinn an die eigene Tochterbank in Schottland. Um mit dem Gewinn wieder in London neue Schuldpapiere zu erwerben.

Reichtum, der auf nichts basiert. Eine Pyramide von Geldmacherei, die im Kern auf nichts basiert. Auf einem großen Betrug. Einfach, weil es geht. Ja – es ist genauso wie 2008. Haargenau.

Und ganz Europa zockt bald mit. Die Idee, Kredite zu verkaufen, der Swap, Alexanders Idee, wird zu einer hysterischen Mode in allen Bankhäusern der Welt. Das Banker-Paradies. Milch und Honig! Nie würden die Gelddruckmaschinen stillstehen! Hosianna!

(sachlich) Ihr kennt euch mit Storytelling aus. Dramatisch gesehen haben wir jetzt also den Peak erreicht. Wie in griechischen Trägodien beschreiben wir in solchen Stories ja immer die menschliche Hybris. Wir alle wissen also: Jetzt kommt der tiefe Fall!

Alexander hatte sieben fette Jahre. Bis ihm auffiel, dass da etwas nicht rund lief. Sein Bankhaus hatte soviele Schulden, dass er bald die Zinsen nicht mehr bedienen können würde. Er brauchte wieder einen Coup. Eine rettende Idee, die ihm schnell viel Geld bringen würde. Wie damals in Paris. Hat ja prima geklappt.

Aus Insiderquellen wusste er, dass es der Ost-Indischen Handelsgesellschaft genauso ging wie ihm selber. Auch die waren bis zum Hals in unübersichtlichen Spekulationen verstrickt und ihre Buchhaltung spottete jeder Beschreibung.

Also setzte er jeden Pennie auf einen sinkenden Kurs der Anteilsscheine für die Besitzer eines großen Teils von Indien. Kurz gesagt, er wettete auf den Kollaps der Ost-Indischen Handelsgesellschaft.

Und er hatte natürlich die richtige Nase. Bald begann der Kurs tatsächlich deutlich zu bröckeln. Aber Alexander wettete weiter. Da ging noch mehr. Je dramatischer der Kollaps, desto reicher wurde er.

Aber so kam es nicht. Um die Geschichte nicht zu komplizieren: Bevor die Handelsgesellschaft pleite gehen konnte, schaltete sich die Regierung ein. Militärisch in Indien und finanziell direkt an den Märkten. Sie richtete einen Schutzschirm auf. So nennen wir das heute.

Am 7. Juni 1772 kehrt Alexander nach Hause zurück. Etwas blass. Und er ließ es ein letztes Mahl krachen und feierte seinen Triumph mit Champagner und den besten Rotweinen. Er war ein Mann, keine Maus! Er war der Herr der Welt!

Danach packt er seine Sachen und flieht mit seiner Frau nach Frankreich. Sein Bankhaus öffnet am nächsten Morgen nicht die Türen. Denn man ist schlicht pleite. Man würde keine Schulden mehr bedienen.

Tja, so fragt sich so mancher, wenn schon Alexander Fordyce, der Herr der Kreditwelt flüchtet und seine Bank pleite ist, wie ist es dann eigentlich mit meiner? Ich werde mit mal mein Geld lieber holen! Endlich ein Grund zur Panik!

Es ist wie 2008. Bloß viel schlimmer. Nicht nur die Lehmann-Brothers machen hier pleite, sondern die zwanzig der größten Banken Großbritanniens gehen bankrott. Und damit auch die Ost-Indische-Handelsgesellschaft. Fast…

Und fast das Heilige Römische Reich. Und fast Frankreich. Holland. Spanien. Portugal…

Und eben auch Nordamerika. Die holten sich jedes Jahr zinsfrei 240.000 Pfund von den englischen Börsen als Kredit. Und verkauften als Sicherheit ihre kommende Ernte an die Bankhäuser.

Die Kreditkrise trifft besonders die Südstaaten sehr hart. Virginia ist faktisch bankrott.

Die Ost-Indische Handelsgesellschaft muss derweil genau das machen, was ihr die Regierung befiehlt, denn sie gehört praktisch der Bank of England.

Und da bemerkte jemand, dass die Warenhäuser voller Tee waren, den die Amerikaner nicht kaufen wollen. Denn er ist denen schlicht zu teuer. In den Staaten trinkt man lieber Tee aus Holland, denn der ist erschwinglich.

Das war und ist das Geschäft einiger wohlhabender amerikanischer Schmuggler. Obwohl, sagen wir lieber, Unternehmer.

Also beschließt das Parlament, der Handelsgesellschaft die Steuern zu erlassen und ihren Tee ohne Mittelsmänner selbst verkaufen zu dürfen. Und überhaupt, wenn wir schon dabei sind, ab jetzt gibt es auf jedes Kilo Tee 3 Pennies Steuern! Bis auf den Tee der Ostindischen Handelsgesellschaft natürlich, weil der gehört ja uns.

Die amerikanischen Schmuggler, äh, Unternehmer verlieren durch diesen einfachen „Tea-Act“, durch diesen Beschluss der britischen Regierung, ihre Handelsgrundlage. Keiner will mehr den amerikanischen, äh, holländischen, äh, indischen Tee.

Sondern alle kaufen den britischen, äh, bengalischen Tee. Könnt ihr mir noch folgen?

Es kommt, wie wir es aus den Englischbüchern kennen. Eine Reihe dieser Schmuggler, äh, dieser findigen Unternehmer verkleiden sich als Indianer und kapern eine Lieferung britischen Tees und werfen die ins Hafenwasser. Aus Protest. Da habt ihr’s, ihr blöden Briten!

Das war die berühmte Boston Tea Party. Und die war der Anfang der amerikanischen Unabhängigkeit. Ohne Alexander Fordyce und seine Gier gäbe es die USA heute nicht. Und ohne die USA gäbe es auch deren erratische Außenpolitik nicht. Oder einen Präsidenten, der nur über Twitter kommuniziert.

Ein Schotte hat also nachweislich schuld.

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