Eckstein! Eckstein!



Die Wahrscheinlichkeit im Alter dement zu werden, ist größer, als wir das glauben wollen. Wenn man das Glück hat, alt zu werden, steigt die Wahrscheinlichkeit mit jedem Jahr.

Doch obwohl es so viele Menschen betrifft, räumen wir der Demenz wenig Raum in unserer Gesellschaft ein. Die Werke zum Beispiel, die sich dieses Themas widmen, sind rar.

Unsere Protagonistin Martina muss ihren Vater in einem Heim unterbringen, weil ein Zusammenleben nicht mehr möglich ist und wir hören der Unterhaltung einmal zu!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „When You Leave“ von Boom Boom Beckett / CC BY-NC-SA 3.0


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Skript zur Sendung

HW: Das ist wirklich sehr lästig! Sehr lästig! Manchmal sitze ich hier im Bett und dann denke ich so nach und dann fängt es an zu jucken. Meistens am Arm, aber manchmal auch an den Beinen. Und dann fange ich an zu kratzen. Und wenn ich dann kratze, dann tut das so gut, das ich nicht wieder aufhören kann. Und selbst, wenn’s dann wehtut, dann tut das immer noch gut, weil dann spüre ich wenigstens, dass das wehtut. Verstehen Sie das?

FA: Nein, ehrlich gesagt, verstehe ich das nicht.

HW: Kennen wir uns?

FA: Ja, wir kennen uns.

HW: Veronika, stimmt’s?

FA: Nein, ich heiße Martina.

HW: Ach! Ich hätte wetten können, Sie heißen Veronika. Sind Sie sich ganz sicher, dass Sie nicht Veronika heißen?

FA: Ganz sicher. Willst Du meinen Personalausweis sehen?

HW: Ach, wir duzen uns! Angenehm, ich bin Stefan.

FA: Ich weiß.

HW: Du musst wissen, meine Frau hieß Veronika. Die hab‘ ich noch im Krieg kennengelernt, da war ich noch ein kleiner Junge und dann haben wir geheiratet, da war ich ein junger Mann und dann seitdem sind wir zusammen. Bis heute.

FA: Ich weiß. Aber Deine Frau hieß nicht Veronika, sondern Elisabeth. Meine Mutter.

HW: Elisabeth! Stimmt, so war’s! Kannst Du Dir das vorstellen, wir sind fünfzig Jahre verheiratet!

FA: Fünfundsechzig Jahre, Papa.

HW: Ach, wirklich? Das ist ja noch mehr. So lange? Wie es Veronika wohl geht?

FA: Elisabeth.

HW: Tschuldigung, wie war noch einmal ihr Name?

FA: Ich bin die Martina. Deine Tochter.

HW: Meine Tochter? Aber meine Tochter ist doch eine junge Frau!

FA: Das nehme ich jetzt einfach als Kompliment.

HW: Warum sortierst Du eigentlich die ganzen Kleidungsstücke in diesen hässlichen Schrank?

FA: Weil das hier Dein neues Zuhause ist, Papa. Ab jetzt wohnst Du hier!

HW: In diesem Loch? Wer hat sich denn so eine Architektur ausgedacht? Und diese Farben! Erbsgrüne Wand und die Schränke in Curry-Gelb! Mein Gott, wenn man sich das anschaut, dann bekommt man ja immer Apettit auf indisches Essen. Ich mag indisches Essen! Magst Du auch indisches Essen, Martina?

FA: Ja, Papa. Ich liebe indisches Essen.

HW: Wo habe ich denn vorher gewohnt, bevor ich in diesen indischen Salon gezogen bin?

FA: Da hast Du bei uns gewohnt, aber das geht nicht mehr.

HW: Aha. Verstehe. Warum denn nicht, wenn ich einmal fragen darf?

FA: Weil Du eine Gefahr geworden bist, Papa. Für mich, meine Kinder, für das Haus.

HW: Oh. Ich bin eine Gefahr? Warum? Bin ich etwa bewaffnet?

FA: Nein. Aber Du vergisst den Herd auszumachen oder Du verbarrikadierst die Wohnungstüren, weil Du denkst, Du bist im Krieg. Oder Du schlägst meine Kinder, weil Du denkst, es wären Deine. So, wie Du mich geschlagen hast. Und das geht nicht.

HW: Oh. Das ist schlecht. Das stimmt. Das geht nicht.

FA: Nein. Das geht nicht. Und hier, in diesem Heim, da kannst Du Dich nicht mehr gefährden und uns auch nicht. Es tut mir sehr leid, aber ich kann nichts dafür und Du auch nicht. Es sind die Umstände.

HW: Ja, die Umstände sind’s. Es sind immer die Umstände. Immer. Man kann nichts machen gegen die Umstände. Die sind einfach so, wie sie sind. Damit muss man leben. Es sind immer die Umstände. Immer. Man kann nichts machen gegen die Umstände….

FA: Papa, hör auf! Und hör auf, Dich zu kratzen!

HW: Oh, Schwester! Ich habe gar nicht gehört, wie sie in den Raum gekommen sind! Sind Sie schon lange da?

FA: Ich bin mit Dir hierher gekommen. Und ich bin Martina.

HW: Martina? Ich kannte eine Martina. Meine… Meine Tochter hieß Martina. Aber ich habe schon lange nichts mehr von ihr gehört.

FA: Wo soll ich Deine Zeichensachen hintun, Papa? In den Schrank, damit Du sie später holen kannst oder soll ich sie Dir gleich auf den Tisch legen?

HW: Meine Zeichensachen? Bitte leg‘ sie auf den Tisch. Wie war noch einmal Dein Name?

FA: Martina. Darf ich ‚mal durch den Block blättern?

HW: Natürlich. Sind da Zeichnungen von Dir drinnen?

FA: Nein. Da sind Deine Zeichnungen drinnen. Darf ich Deine Zeichnungen anschauen?

HW: Natürlich. Darf ich mit kucken?

FA: Gerne! Oh. Das ist aber gleich ein düsteres Bild. Das ist ja fast ganz schwarz.

HW: Das ist der Keller.

FA: Welcher Keller?

HW: Der Keller bei unseren Nachbarn. Das war der einzige Weg in den Keller, bei unseren Nachbarn war der einzige Weg. Und dann sind wir in den Keller gegangen und haben gewartet.

FA: Ist das der Luftschutzkeller, wo Du als Kind warst?

HW: Oh, da war ich kein Kind mehr. Ich war 15 Jahre alt, aber ich war kein Kind mehr. Ich war im Aufgebot III des Volkssturms, obwohl ich eigentlich Jahrgang 30 war und nicht 28. Aber am Ende war das egal. Und dann habe ich jemanden erschossen. Richtig erschossen. Einen Amerikaner. Der ist nicht mehr aufgestanden. Ich habe aber eigentlich über seinen Kopf gezielt, aber trotzdem getroffen. Dann habe ich mein Gewehr weggeworfen. Und dann bin ich weggelaufen und habe mich, wie die anderen im Keller versteckt. Und in dem Keller gab’s nur eine Glühbirne und darum war alles dunkel.

FA: Und das Häufchen da, das bist Du, oder?

HW: Ja, das bin ich. Ich habe noch die Armbinde vom Volkssturm an. Und ich habe so arg Angst. Ich war mir sicher, wir würden alle sterben an diesem Tag. Und ich hatte das ja auch verdient, denn ich hatte jemanden getötet. Aber das war keine Absicht. Das war ein italienisches Gewehr und der Lauf muss verbogen gewesen sein. Auf jeden Fall saß ich in der Ecke und habe geweint und gewimmert.

FA: Und das Häufchen neben Dir, wer ist das?

HW: Das ist Elisabeth. Die Nachbarstochter. Die war schon 16 Jahre alt und die kam und hat mich getröstet. Ohne Deine Mutter wäre ich wahrscheinlich an diesem Tag gestorben, musst Du wissen.

FA: Du erinnerst Dich, dass Deine Frau Elisabeth hieß?

HW: Aber natürlich, meine Liebe.

FA: Und wie heiße ich?

HW: Martina. Denkst Du, ich bin schon völlig verkalkt?

FA: Nein, Papa, aber Du hast Alzheimer und nur ganz wenige helle Momente. Ich muss Dir unbedingt erklären, warum Du jetzt im Heim bist!

HW: Reg‘ Dich nicht auf, Kleines! Das musst Du mir nicht erklären, ich verstehe schon. Ich bin zu gefährlich geworden. Du hast völlig Recht. Reg‘ Dich nicht auf, alles wird gut!

FA: Meinst Du?

HW: Aber sicher! Wollen wir das nächste Bild anschauen?

FA: Gerne!

HW: Ha! Das ist doch gleich viel schöner! Was erkennst Du auf dem Bild?

FA: Das bist Du als junger Mann und Mama. Genauso habt ihr auf den Fotos auch ausgeschaut! Das ist so realistisch gezeichnet! Wann hast Du das gezeichnet?

HW: Das war vor ca. vier Tagen, warum?

FA: Das habe ich gar nicht mitbekommen.

HW: Da warst Du in der Arbeit. Und die Erinnerung ist schon von 1956. Schon eine ganze Zeit nach dem Krieg. Da ging’s uns schon wieder richtig gut. Ich habe eine Arbeit in einem Fotoladen in der Stadt gehabt und Lisi hat als Stenotypistin bei Gericht gearbeitet. Mein Gott, konnte die schnell schreiben! Du hast dann schon gar nicht mehr Steno gelernt an der Schule.

FA: Aber ich hab’s mir selber beigebracht. Denn alle Tagebücher von Mutter sind in Steno.

HW: Ja, ich weiß. Das hat sie gemacht, damit wir sie nicht lesen können!

FA: Im Ernst? Meinst Du?

HW: Da bin ich mir ganz sicher. Denn eigentlich hat sie ihr Steno-Schriftbild gehasst.

FA: Ach, so ist das. Dafür sind ihre Einträge aber eher unspektakulär.

HW: Was schreibt Sie denn so?

FA: Das meiste, was sie schreibt, ist eher belanglos. Wie das Wetter war, wie zudringlich der Chef immer war, Einkaufslisten, wie lieb ihr euch hattet. Mit Details, die eine Tochter vielleicht nicht wissen sollte…

HW: Ach, Kleine, keiner zwingt Dich, das zu lesen!

FA: Doch, ich muss das wissen! Ich muss das alles wissen!

HW: Warum denn? Das ist doch alles schon ewig her!

FA: Ich muss das fest halten! So wie ich diesen Moment festhalten muss, in dem Du gerade wieder Du selber bist! Alles rinnt mir so schnell durch die Finger!

HW: Kleine, das kannst Du nicht festhalten. Es ist ein blödes Spiel und die Regeln sind fies, aber wir müssen es spielen.

FA: Ich hasse das!

HW: Wie lange dauern meine „Momente“ denn so?

FA: Das ist ganz verschieden. Manchmal nur Sekunden, manchmal eine Viertelstunde, manchmal…

HW: Na, dann sollten wir uns schnell noch ein paar Bilder ankucken.

FA: Gut. Oh! Das nächste Bild bin ja ich! Als kleines Mädchen. Aber wer ist der Junge daneben?

HW: Das ist unser Sohn, ich habe mir vorgestellt, wie der mit drei Jahren wohl ausgesehen hätte. Du bist auf dem Bild fünf Jahre alt. Und das in Deinen Haaren ist eine Kette aus Gänseblümchen. Die hast Du im Frühjahr oft gemachte…

FA: Wie hätte denn mein Brüderchen heißen sollen?

HW: Oh, da waren wir uns nicht einig. Ich dachte ja an Hannes, wie mein Vater, Deine Mutter wollte Peter. Aber nicht deutsch ausgesprochen, sondern englisch: Pieter.

FA: Das wusste ich ja gar nicht!

HW: Oh ja! Die hatte nach dem Krieg die Nase von allem Deutschen richtig voll. Sie hat sich noch mit 16 selber Englisch beigebracht und konnte mit den Amis plaudern wie Du und ich jetzt auch. Beerdigt haben wir den drei Tage alten Jungen dann als Peter. Aber deutsch ausgesprochen, wegen der Verwandtschaft. Ein Kompromiss, aber einer, über den ich mich heute noch ärgere.

FA: Hm. Und warum habt ihr dann keine Kinder mehr bekommen?

HW: Das ging nicht mehr. Peter war ein Kaiserschnitt und die Gebärmutter ist schlecht zugeheilt. Noch eine Schwangerschaft wäre gefährlich gewesen für Mutter und Kind.

FA: Verstehe.

HW: Da war die Medizin noch nicht so weit. Das waren einfach damals die Umstände.

FA: War wohl so.

HW: War das denn ein Problem für Dich, als Einzelkind aufzuwachsen?

FA: Für mich? Na ja, damals, mit fünf, wie auf Deinem Bild hätte ich mir schon ein Brüderchen gewünscht, um ehrlich zu sein. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob nicht ein Hund noch toller gewesen wäre?

HW: (lacht) Das kann ich mir auch vorstellen!

FA: Aber ich hab‘ keinen gekriegt!

HW: Hörst Du die Vögel im Garten singen? Das ist ein wirklich schöner Garten hier!

(Pause)

FA: Papa?

HW: Wie bitte?

FA: Papa? Bist Du noch da?

HW: Was machen Sie mit meinem Block? Und wie sind Sie hier reingekommen? Und wo bin ich hier überhaupt? Wo ist meine Frau?

FA: Ich bin’s, Papa. Deine Tochter.

HW: Ach! Das kann ja jeder behaupten! Geben Sie mir meinen Block! Und lassen Sie mich in Ruhe!

FA: (seufzt) Na gut. Ich räume dann weiter Deine Sachen in den Schrank.

HW: Was? Wieso das denn? Lassen Sie das! Ich kann doch hier nicht eine wildfremde Frau meine Unterwäsche sortieren lassen! Haben Sie denn keinerlei Schamgefühl?

FA: Papa, hörst Du noch die Vögel im Garten?

HW: Wie bitte?

FA: Na, die Vögel. Draußen im Park. Vorhin hast Du denen so lange zugehört!

HW: Die Vögel…

FA: Schön, oder? Hör‘ doch den Vögeln zu, während ich Deine Sachen einräume, in Ordnung?

HW: Ist in Ordnung.

(Pause)

HW: (Kinderstimme) Du, Lisi?

FA: Wie bitte?
HW: Du, Lisi, wollen wir Verstecken spielen?

FA: Verstecken?

HW: Ja, ich bin’s auch, einverstanden?

FA: Na gut. Von mir aus.

HW: Und wer an der Tür abklatscht, der ist frei, in Ordnung?

FA: Gut.

HW: O.k. Dann zähle ich jetzt und Du tust Dich verstecken!

FA: Äh…

HW: Zehn, neun, acht, sieben… Hey! Du musst Dich verstecken, nicht da sitzen bleiben!

FA: Und Du schummelst! Du hast durch die Finger gelinst! Dreh‘ Dich um zur Wand!

HW: Ach, Manno!

FA: Jetzt mach‘ schon!

HW: Na guuut…. Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins. Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein Ich komme!

Äh… Also… Hier ist sie nicht… und… daaa ist sie auch nicht…und… daa auch nicht…

Lisi? Lisi, mach ‚mal Piep!

Ach, komm schon! Ich find‘ Dich nicht! Mach‘ mal Piep!

Lisi? Mach mahaaal Piep!

FA: leise (Piep)

HW: Was? Wo? Ach da! Was machen Sie denn da? Haben Sie die Lisi gesehen? Die muss hier irgendwo sein!

FA: Aber… Ich bin doch die Lisi…

HW: Quatsch mit Soße! Die Lisi ist so groß! Und hat Zöpfe! Lisi! Mach‘ ma‘ Piep!

Lisi! Komm‘ raus! Lisi! Ich find‘ Dich nicht! Komm wieder her, Lisi!

Lisi, wenn Du nicht rauskommst, dann bist Du fei total doof! Dann spiel‘ ich nie mehr mit Dir!

Lisi, das ist fei echt nicht mehr lustig! Ich hab‘ überall gesucht! Du hast Dich wo versteckt, wo man Dich nicht finden kann und das zählt fei überhaupt nicht! Das ist total fies!

FA: Die Lisi ist nicht da! Reg‘ Dich nicht auf! Ich bin ja da!

HW: Das hilft mir aber überhaupt nicht, dass Du da bist! Überhaupt nicht hilft mir das! Ich will die Lisi wieder! Lisi! Jetzt, komm raus! Ich will, dass Du wieder da bist!

FA: Bitte, das ist nur ein Irrtum! Die Lisi kann nicht kommen! Deine Frau ist schon seit zehn Jahren tot!

HW: Du redest immer so einen Quatsch! Die Lisi ist überhaupt nicht tot! Gerade war sie noch da! Die kann sich nur viel zu gut verstecken! Und überhaupt: Du darfst überhaupt nicht mitspielen! Geh‘ weg!

Lisi! Komm jetzt bitte raus! Das ist überhaupt nicht mehr lustig! Bitte! Bitte, bitte, bitte!

Bitte, Lisi! Ich hab‘ Angst! Bitte, komm wieder! Ich hab‘ hier so Angst, wenn Du nicht da bist! Bitte! Ich brauche Dich!

Bitte! Das ist so ein blödes Spiel! So ein blödes, blödes, blödes Spiel!

Ich hasse dieses Spiel! Ich hasse es! Komm wieder, Lisi!

Ich will, dass dieses Spiel endlich vorbei ist!

Ich will, dass es vorbei ist…

Endlich vorbei ist…

Vorbei…