Dylan Thomas


Nicht jeder mag ja Lyrik. Sie ist mittlerweile das Stiefkind der modernen Literatur. Aber sie hat ihre Helden und Dylan Thomas ist einer.

Herr Wunderlich hat ein sehr persönliches Verhältnis zu diesem walisischen Dichter und tut sein Möglichstes, uns das heute nahe zu bringen.

Denn hinter jeder Legende verbirgt sich auch eine kleine Botschaft, die für jeden von uns autobiografisch ist…


Download der Episode hier.
Musik: „And Death Shall Have No Dominion“ von Dylan Thomas
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Skript zur Sendung


Kapitel eins: Harte Fakten

Dylan Thomas wurde geboren. Wen wundert’s. Und zwar am 27. Oktober 1914 in Swansea. Ich war da schon. Das ist auf einem Ärmchen von Wales, der in den Kanal von Bristol reicht. Keine Kleinstadt, von der Größe her so wie Augsburg.

Sein Papa war Englischlehrer am Gymnasium und ein bibeltreuer Christ. Predigten und Literatur waren wichtig. Mit vier kann er Shakespeare-Sonnette auswendig und mit acht schreibt er sein erstes Gedicht.

Bald arbeitet er im Rundfunk und verdient im Prinzip nicht schlecht. Er heiratet, bekommt drei Kinder, wird einer der wichtigsten Lyriker Englands aber stirbt bereits früh, am 9. November – echt blödes Datum – 1953.

Nach seinem Tod werden seine Werke auch in den USA so richtig populär, aber da hat er ja nüscht mehr davon.

Kapitel zwei: Geh‘ nicht gelassen in die Nacht

Na gut. Da ist also dieses walisische Genie und das schreibt Gedichte. Und einige davon werden richtig berühmt und bekannt. Und das berühmteste ist eben „Geh‘ nicht gelassen in die Nacht“.

So, und jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem. Dieses Gedicht ist in Englisch so perfekt, dass es sich nicht wirklich übersetzen lässt. Das meine ich nicht ironisch. Daran kann man keine Silbe ändern und kein Komma, ohne es schlechter zu machen. Man kann das nicht beschreiben, darum hören wir Dylan Thomas hier einfach zu, wie er das Gedicht vorträgt.

Am besten ist, Du versuchst gar nicht, alles zu verstehen, sondern Du hörst einfach nur zu. Und fühlst ‚mal, wie sich das so anfühlt, ok?

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Das war schwierig, gell? Ich verstehe auch nicht jedes Wort, ehrlich gesagt. Und ich bilde mir ein, richtig gut Englisch zu sprechen und noch besser zu lesen. Ich träume manchmal, wenn ich englische Bücher lese, nicht in Deutsch, sondern in Englisch.

Trotzdem erschließt sich mir das Gedicht nicht völlig. Hören wir einmal der besten deutschen Übersetzung zu. Von Johanna Schall.

 

Zum Hintergrund ist zu sagen, dass Dylan Thomas dieses Gedicht für seinen Vater geschrieben hat. So heißt es. Der hatte kein einfaches Leben und diente lange in der Army, hatte also einen Haufen Scheiße gesehen. Und jetzt, im Ruhestand, wo er einfach sein Leben genießen könnte, jetzt muss er also sterben.

Aber Dylan will nicht, dass er einfach seinen Frieden macht und selig lächelnd einschläft. Denn Tod ist einfach scheiße. Mit dem Tod sind sie für immer getrennt.

Ernste Männer und wilde Männer und gute Männer und weise Männer, die kämpfen gegen den Tod! Die kämpfen um jeden einzelnen Lichtstrahl! Um jeden Atemzug! Die holen sich so viel vom Leben wie nur möglich!

Das ist schon berührend, oder?

Noch stärker ist das halt in Englisch. Denn, nur eine Beispiel: In allen Übersetzunge funktioniert ein Satz nicht. „Rage, rage against the dying of the light!“

Alle Übersetzer wollen klarmachen, dass das sowohl ein Substantiv als auch ein Imperativ ist. Aber ich finde, dass macht die Zeile schwacher. Ich würde gerne übersetzen „Verdammt noch einmal: Sei wütend auf die Dämmerung!“ Aber das ist halt kein Gedicht mehr…

Ich bin halt kein Dichter. Doch das ist die Emotion, die für mich dahinter steckt.

Wir müssen um jeden Millimeter Leben kämpfen. Tot sein kann man auch, wenn man dann tot ist. Wir müssen uns vom Leben jede Sekunde holen, die es zu holen gibt. Wir müssen leben! So fest und weich und laut und leise und bunt und grau, wie wir es eben erleben.

Kein resignatives: Ich finde mich mit meinem langweiligen Dasein ab und warte brav und still, bis ich einen Infarkt habe und beerdigt werde, wie sich das so gehört.
Das ist die Botschaft des Gedichts! Und die hat mir als junger Mann wirklich gut gefallen.

Das bringt uns gleich zur Legende.

Kapitel drei: Die Legende

Denn Dylan Thomas ist auch ein Popstar der Lyrik. So, wie meinetwegen die Beatniks in den USA. Der hat versucht, so geht die Legende, sein Leben auch zum Maximum auszuschöpfen. „Er liebte das Leben und die Götter“, dichtet zum Beispiel der Deutschlandfunk über ihn.

Schon als junger Mann liebte er es, mit seinen Kumpels durch die Pubs zu ziehen und heftig einen drauf zu machen. Er dichtete Loblieder auf Bier und was es mit einem macht, wenn man es trinkt.

Er bricht sein Studium ab und arbeitet lieber als walisischer Lokaljournalist. Nebenbei schreibt er seine klangverliebten Gedichte und wird in England berühmt. Er arbeitet bei der BBC, sein schöner Bariton verschafft ihm viele Sprecherrollen. Und nebenbei schreibt er seine perfekten kleine Gedichte.

Dann heiratet er und bekommt drei Kinder. Weil er aber alles Geld immer wieder in die Pubs trägt, bleibt der Familie nur ein kleines, umgebautes Bootshaus als Heimstätte.

Auch in London und auch in den USA kann er nicht von seinem intensiven Lebensstil lassen. Party hard and party andauernd. Zahlreiche Affären und viel Alkohol zerrütten natürlich seine Beziehung.

Aber weil er ja so intensiv und so poetisch ist, ist das nun einmal das Leben, das er gewählt hat. Jede Sekunde Lebensgenuss will er aufsaugen – so die Legende.

Und er musst halt so sein, als verkanntes Genie, er hat halt so gelitten, weil er als einsamer Poet so verkannt war.

Und darum hat er sich dann auch zu Tode gesoffen, ist nicht einmal 40 geworden. Und dieser frühe Tod rundet das Bild ab. So voll hat er gelebt und so toll hat er gegen the dying of the light gekämpft, dass er schon so früh von uns ging.

Es ist wie mit diesem ganzen blöden Club 27. Also Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain. Oder mit Amy Whinehouse. Oder James Dean. Der frühe Tod sichert den Ruhm.

Ich finde das ein sehr dummes Narrativ. Ein Mythos, der viele Menschen immer noch das Leben kostet, so meine These.

Kapitel vier: Alkohol

Dylan Thomas war Alkoholiker. Seine Frau wurde Alkoholikerin. Die Kinder wuchsen ohne Eltern auf. Er hatte eine sichere Laufbahn und ein sicheres Einkommen und hat alles versoffen. Und das Leben für sich und seine Familie zur Hölle gemacht.

Das liegt daran, dass Alkoholismus eine zerstörerische Krankheit ist. Dylan Thomas hat an einer tödlichen Krankheit gelitten, die ihn am Ende das Leben gekostet hat. Und die auch das Leben der Menschen um ihn herum zur Hölle gemacht hat.

Er hat aber nicht getrunken, weil er so genial und sensibel war. Und vor allem hat er nicht getrunken, weil das bedeuten würde, das Leben zu genießen! Das ist ein saudummer Mythos.

Glaubt einem Alkoholiker, wenn er euch sagt: Das Gegenteil ist der Fall. Das gilt schon für den Normal-Party-Trinker, aber für den geübten Trinker noch mehr.

Das, was man mit Alkohol zu erleben meint, das hat nichts mit Lebensgenuss zu tun. In Wirklichkeit ist das ein Betäubungsmittel, mehr nicht. Ihr geht auf eine Party, um zu tanzen? Gut, wenn ihr das wirklich wollt, trinkt besser nichts. Oder auf ein Konzert, um gute Musik zu hören? Gut, wenn ihr das wirklich wollt, dann trinkt besser nichts.

Keine Wahrnehmung wird besser mit Alkohol. Kein Sinn schärfer, kein Witz besser. Das ist eine Illusion, weil der Alkohol am Anfang einfach entspannend und enthemmend ist. Aber das gilt halt für ein Bierchen oder ein Glas Wein.

Alkoholiker aber, die gewöhnen sich an den Rausch und der Körper braucht das dann bald jeden Tag. In der Früh, weil sie sonst kotzen müssen. Und während des Tages, damit sie überhaupt funktionieren. Und am Abend, damit sie überhaupt schlafen können.

Und der Rest dazwischen ist pure Qual! Kein Alkoholiker genießt sein Leben! Und kein Mensch kann mit Alkohol besser arbeiten als ohne. Das erzählen zwar manche Alkoholiker, aber das ist eine Lüge.

Wenn wir diesen Kunst-Poesie-Alkohol-Lebensgenuss-Mythos verbreiten, dann sorgen wir nur für noch mehr Alkoholtote.

Dylan Thomas hätte uns noch viele, viele viel bessere Gedichte schreiben können ohne Alkohol! Dylan Thomas hätte sich und seine Familie lieben können ohne Alkohol! Saufen und Rumbumsen und Pleitesein sind nicht ein Indiz für Lebensgenuss.

Das Gegenteil ist der Fall. Das ist so ungefähr der dämlichste Mythos, den wir haben. Alkoholiker sind kranke Menschen. Und Alkoholiker sind auch alle depressive Menschen. Die Abhängigkeit von einer Substanz macht nicht glücklich. Selbst, wenn sie allgemein so akzeptiert wird, wie die Abhängigkeit von Alkohol.

Auch die Mitglieder vom Klub 27 haben nicht ihr Leben intensiv gelebt, weil sie an Drogen gestorben sind. Das ist doch kompletter bullshit! Die haben sich alle umgebracht und das sicher nicht, weil sie so glücklich ihr Leben genossen haben!

Das sind nicht unsere Helden, das ist eine Krankenhausabteilung.

Ich mache weder dem Klub 27 noch Dylan Thomas Vorwürfe. Alkoholismus ist eine Krankheit, die den meisten Erkrankten auf Dauer das Leben kostet. Die gibt es schon sehr lange. Und die Abhängigkeit ist kein Indiz für Schwäche, Dummheit oder Willensarmut.

Aber es ist an der Zeit, diese Legende aufzuhören. Für mich, als Alkoholiker, liest sich das Gedicht ganz anders. Denn Dylan Thomas hatte in Wirklichkeit ein beschissenes Verhältnis zu seinem strengen, prüden Vater. Der dichtet dem nicht schnell am Schluss ein Liebesgedicht. Der war froh, dass der Alte ging.

„The dying of the light“, das ist der Alkohol. Das ist die Lähmung und die Betäubung. Das ist, was Alkohol macht. Jeder Alkoholiker weiß im Kern, dass er dabei ist, sich umzubringen. In die gute Nacht zu gehen. Und dagegen gilt es zu wüten!

„Geh nicht gelassen in die gute Nacht!
Verfluch den Tod des Lichts mit aller Macht!“

Das ist für mich nicht nur eine autobiografische Deutung. Ich glaube wirklich, das ist gemeint. Punkt.

Aber, auf der anderen Seite, das Tolle an guter Lyrik ist ja, dass sie einen berührt. Dass sie jeder anders versteht. Und das es da kein Falsch und Richtig gibt.