Du feiger Hund!



Eine unserer jüngsten Hörererinnen bat mich eine Sendung über unsere Hunde zu schreiben. Die könnt ihr heute hören: Wie Frau Anders sich das Leben unserer Hunde vorstellt, bevor sie zu uns kamen.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Disappear“ von Josh Woodward / CC BY-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Da waren sie wieder. Die Schüsse. Ich versuchte panisch vor den Gewehrschüssen zu fliehen. Weg hier, nur weg!

Diese Panik nahm mich vollkommen in ihren Besitz. Ich wusste nicht woher diese Schüsse kamen und ich wusste auch nicht ob sie mich treffen sollten oder eines der anderen Tiere. Die Jagdsaison begann. Ich dachte nur an Eins: Flucht!

SFX Gewehrschüsse im Hintergrund

Schon ein paar Mal kam der Jäger vor einer großen Treibjagd in das Zwinger-Gehege, um mich in seinem Fahrzeug mit den Anderen ins offene Feld mitzunehmen.

Heute war es wieder soweit: Die Männer trafen sich am großen Außengehege wo ich und alle anderen, auch meine Freundin Blanca den ganzen Tag zusammen eingesperrt waren. Hier waren wir fast immer unter uns. Keiner der Menschen hielt sich jemals länger als ein paar Minuten innerhalb unseres Geheges auf. Das lag auch daran, dass sogar wir nicht alle darin stehen konnten.

Es war radikal eng für so viele von uns. Einige kamen damit nur schlecht klar und wurden übellaunig und aggressiv. Dadurch konnte es leicht zu Machtkämpfen und Beißereien kommen. Immer ging es dabei blutig aus. Immer für den Schwächeren.

Es waren nie lebensbedrohliche Verletzungen, aber doch trugen einige schon beträchtliche Narben davon. Manchmal versuchte der Jäger mit dem starken Wasserstrahl, der auch unser Gehege säuberte, die Kontrahenten zu trennen. Das funktionierte normalerweise zuverlässig.

Ich hielt mich so gut es ging aus diesem Geraufe heraus, denn ich hatte große Angst vor den Rudelführern. Den meisten von uns waren sie nicht nur an Größe und Gewicht sondern auch an Aggressivität und Selbstbewusstsein weit überlegen.

Als der Jäger begann die Hunde-Meute zusammenzustellen, die ihn zur Jagd begleiten sollte, versuchte ich mich hinter einem großen Rüden zu verstecken. Aber dann ging der Mann genau auf ihn zu, packte ihn mit einer Hand im Genick und mit der anderen zog er mich am Fell neben sich her Richtung Fahrzeug. Das wiederholte er einige Male, solange bis keiner sich keiner mehr auf der vollgestopften Ladefläche bewegen konnte.

Als der Wagen wieder zum Stehen kam, wurden wir aufs offene Feld losgelassen. In einiger Entfernung konnte ich einen imposanten Wald erkennen. Ein großes Gebiet mit hohen Kiefern und dichtem Unterholz. Alle rannten los. Ich genauso. Entfernt konnte ich Schüsse hören.

SFX Gewehrschüsse im Hintergrund

Fliehen. Einfach ganz schnell wegrennen, am besten weit weg von dort wo die Schüsse herkamen.

Ich lief einfach den anderen hinterher. Auch sie versuchten den grauenhaften Schüssen zu entkommen… versuchten zu fliehen…

Doch dann, als ich die Augen der anderen sah, da wusste ich plötzlich, sie waren gar nicht auf der Flucht. Sie hatten Fährte aufgenommen. Ja, sie hatten offensichtlich eine Spur von einem wildlebenden Tier aufgenommen und hetzten kläffend, wie besessen hinter ihm her.

Aber dann waren sie gar nicht auf der Flucht!? Versuchten gar nicht den immer näherkommenden Gewehrschüssen zu entkommen? Versuchten nicht den schrecklichen Lärm und die Bilder hinter sich zu lassen?

Was sollte ich jetzt tun? Konnte ich mich in diesem Augenblick überhaupt entscheiden? Ich lief immer noch mit den anderen zusammen Richtung Waldgrenze, die wir bald erreichten. Wir waren schnell, so schnell, dass sogar die Galgueros auf den schlanken Pferden uns nicht mühelos folgen konnten.

Dann brachen wir ins Dickicht. Die Gesamtheit der Pferde mussten spätestens jetzt zurückbleiben.

Die Männer sprangen aus den Sätteln und versuchten uns zu folgen. Dann wieder, die Schüsse.

SFX Gewehrschüsse im Hintergrund

Ich hatte Angst, furchtbare Angst. Mein Körper zitterte durch und durch. Immer tiefer liefen wir in den Wald hinein und zerstreuten uns, zwangsläufig mehr und mehr, um weiter durch das dichte Unterholz zu dringen.

Weit hinter uns hörten wir entfernt die Stimmen der Jäger, die die Verfolgung aufzugeben schienen. Befehlstöne gemischt mit schrillem Pfeifen, war das letzte woran ich mich sicher erinnern kann, bevor am Himmel ein Donnergrollen einsetzte.

Mächtige Feuerblitze schickte das Unwetter auf uns herab. Das war zu viel für mich. Ich kroch so dicht es ging über den Waldboden, um zu verhindern, dass einer dieser Donnerpfeile mich traf.

Direkt vor mir sah ich ein kleines Erdloch, in das ich eilig versuchte mich hineinzuzwängen. Doch es war zu klein. Mehr als die Hälfte von mir hing noch außerhalb des Unterschlupfs. Rückwarts verließ ich wieder das Loch, schlug meine Pfoten in den weichen Wald-Boden und buddelte in aberwitzigem Tempo so viel Erde weg, dass ich mich bald darauf vollständig hineindrücken konnte.

Offenbar eine verlassene Tierhöhle, die sich nach innen massiv verbreiterte, bot mir jetzt wenigstens vor den Blitzen Schutz.

Der Lärm war jedoch standhaft.

Ich weiß nicht wie lange ich unter der Erde erstarrt auf eine Rettung wartete. Die aber niemals kam.

Immerhin, nach einigen Stunden, als der Morgen graute, sollte sich das Unwetter vollständig zurückziehen und die vertraute Ruhe des Waldes breitete sich weiträumig aus.

Das Singen der Waldvögel bedeutete, dass wieder alles in seiner gewohnten Ordnung dort draußen vorging und ich kroch vorsichtig aus meinem geheimen Lager zurück ans Tageslicht. Um mich herum tropfte der feuchte Dunst von den Blättern herunter, in Rinnsalen zu gewaltigen Pfützen.

Als ich begann das frische Regenwasser aus einer Vertiefung zu lecken, spürte ich das ich sehr durstig war. Anschließend begann ich, mich langsam von meinem Unterschlupf zu entfernen, immer suchend nach etwas, was mir irgendwie bekannt vorkam.

Ständig blieb ich stehen, um mich zu orientieren und vor allem um jederzeit wieder den Weg zu meinem Versteck zu finden.

Doch ich hatte nicht im Entferntesten eine Idee davon, wo ich war. Und was noch schlimmer war, wohin ich gehen sollte. Aber ich wusste, dass ich inzwischen sehr hungrig war. Da ich seit Tagen nichts mehr gefressen hatte.

Vor Beginn der Jagdsaison war es die Regel, dass die gesamte Meute wochenlang sehr knapp bis gar nicht gefüttert wurde. Dies sollte den Anreiz des Jagdhundes um ein Vielfaches erhöhen ein gewittertes Wild nicht entwischen zu lassen. Sondern es solange zu hetzen, bis es entweder besinnungslos umfiel oder gestellt werden konnte.

Beides zu dem Zweck, das Tier dem Jäger zum Abschuss zu präsentieren und ein Stückchen frisches Wild zu schnappen.

Doch ich war nicht mehr Teil dieses Plans. Ich hatte das Spiel verlassen, mich selbst ins Aus geschossen. Ich war gescheitert auf allen Ebenen, auf denen man als Jagdhund scheitern kann.

Ich war feige, ein enormer Angsthase, hatte keinerlei Führungsqualität und noch dazu wollte oder konnte ich keine harmlosen Hasen fangen. Ich wusste nicht warum, jedenfalls hatte ich es bislang nie getan. Unbrauchbare und unnütze Fresser, so nannten die Menschen um uns herum solche Hunde wie mich.

Eins wurde mir in diesem Moment vollkommen klar, es gab keinen Weg mehr zurück. Niemals. Nirgendwohin. Selbst wenn ich einen Weg zur Farm zurückfinden würde, was mich dort erwartete ließ auch den kümmerlichsten Mut in mir versinken. Mehr als nur einmal wurden solche Nieten wie ich, eines Tages von den Anderen getrennt und kehrten nie wieder zurück.

Also lief ich weiter. Immer in der Hoffnung bei plötzlich drohenden Gefahren wieder zurück in meine Festung zu finden.

Doch der Hunger fraß sich immer schärfer in meine Gedanken. So radikal, dass sogar meine Angst begann dagegen kleiner zu werden. Ich wagte mich immer tiefer in die Dörfer und Orte der Menschen hinein.

Nachts suchte ich in ihren Küchenabfällen und Müllsäcken, die sich in der Nähe ihrer Häuser stapelten. Allerdings war ich nicht die Einzige, die der Hunger dorthin trieb. Oft waren schon andere Hunde vor mir auf Beute gestoßen und dann brach ein wilder Streit um die Mahlzeit aus. Ungern wollten die Finder die Beute mit zusätzlichen Besuchern teilen.

So schnell wie möglich versuchte ich solchen Situationen zu entkommen.

Einmal allerdings war ich so vertieft in mein nächtliches Fressen, dass ich den Mann, der sich mir näherte viel zu spät bemerkte. Er schrie laut und war wohl sehr wütend darüber, dass ich in seinem Müll herumwühlte, denn er kam mit einem großen Stock auf mich zu gerannt, den er drohend über seinem Kopf kreisen ließ.

Blitzartig versuchte ich aus dem Abfallberg zu entkommen, doch der Unrat und das Gerümpel waren in so einem wilden Durcheinander, dass ich einige Sekunden benötigte, um mich daraus vollständig zu befreien.

Er erwischte mich am hinteren Rückenbereich, was mich sofort unter dem Knüppel wegbrechen lies. Ich jaulte wahrscheinlich entsetzlich laut auf und begann in meiner panischen Angst noch wilder zu zappeln und zu strampeln als es einem Hund unter normalen Umständen überhaupt möglich ist. Das jedenfalls ließ in kurze Zeit zögern in seinem Angriff, was ich wiederum unmittelbar zur Flucht nutzte.

An einen Schmerz kann ich mich kaum erinnern, da ich schon am nächsten Morgen wieder Fersengeld geben musste, war diesmal allerdings ein Rudel wilder Hunde hinter mir her, die mich unzweifelhaft nicht in ihr Revier einluden.

Ich rannte weiter, den Weg zurückzufinden zu meinem Versteck hatte ich längst aufgegeben, war er doch irgendwo inmitten der riesigen Wälder gelegen.

Später wurden die Häuser mehr, die Menschen wurden mehr, genauso wie die Autos und der Lärm den sie machten. Auch wenn es hier viele zusätzliche Abfälle gab, so wurde es nicht unbedingt einfacher Nahrung zu finden. Hier war es immerhin so, dass die Menschen sich offenbar nicht für die Tiere, die in der Stadt lebten, interessierten.

Sie hatten offenbar genügend mit sich selber zu tun… Allerdings schienen sie äußert in Eile zu sein und deshalb musste man darauf achten, nicht vor ihre Fahrzeuge zu geraten. Denn es kam sehr häufig vor, dass nicht nur massenweise Katzen, sondern auch fast genauso viele Hunde von diesen angefahren oder überfahren wurden.

Dieses neue Stadtleben machte mir sehr viel Angst. Ihr werdet sicher denken, gibt es eigentlich irgendwas, was diesem Tier keine Angst macht? Und ja, da habt ihr vollkommen recht, es gab bisher äußerst wenig in meinem Leben, was mich nicht verängstigte!

Es war ein Leben, das für Hasenfüße wie mich nichts übrig zu haben schien. In dieser Welt musste man kämpfen, stark und mutig sein um zu überleben, um vielleicht sogar auch gut zu überleben. All das konnte ich nicht!
Ich hatte Angst vor Menschen, vor allem vor den lauten Kindern und den noch lauteren Männern. Ich hatte Angst vor Hasen. Und vor allem hatte ich Angst vor großen Hunden.

Obwohl meine bisher einzige Freundin Blanca, die ich zutiefst vermisste, zu mir sagte, dass ich überhaupt keine Angst vor großen Hunden haben bräuchte, da ich ja selber ein großer Hund wäre. Und dass ich gewiss noch weniger Angst vor Hasen haben müsste. Aber beide, die Hunde und die Hasen hatten riesige Zähne. Und wenn ich mir die vorstellte, dann genügte das schon um mich jaulend in ein Erdloch zu verbuddeln.

Außerdem was sollte es mir denn schon nutzen groß zu sein? Würden die anderen doch sofort merken, dass sie Panik bei mir auslösten…

Nein. Es half nichts… auch kein Mensch würde mich unnützen Fresser aufnehmen. Niemand würde einen riesigen Hund, mit einem riesigen Appetit haben wollen, der panisch wegrennen würde, wenn jemand das Grundstück betrat.

Dann passierte es. Ich musste ein paar Sekunden im kühlen Schatten eingenickt sein…. Eine kalte Metallschlinge legte sich blitzschnell um meinen Hals und zog sich zu. Mir blieb sofort die Luft weg. Bevor ich überhaupt begreifen konnte was geschah, sah ich zwei Männer, die kämpfend versuchten jeder eine lange Stange festzuhalten.

Durch den Druck auf meine Kehle spürte ich wie mich nach und nach die Kraft verließ, trotz der erheblichen Gegenwehr mit der ich mich aufbäumte. Ich hatte kein Gefühl mehr in meinem Körper, als ich benommen auf die Seite fiel.

Als ich wieder zu mir kam, wusste ich nicht wo ich war und was zwischenzeitlich passiert war. Ich lag auf einem Metallgitter, welcher den Boden einer winzigen Kammer darstellte. An der Wand lagen ein paar Holzbretter und weit oben an der gemauerten Rückwand befand sich ein schmaler Schlitz an der Wand durch die helle Sonne drang.

Der Käfig war mit Gitterstäben verschlossen, vor denen sich ein paar Menschen zu unterhalten schienen. Mein Hals schmerzte und ich hatte unerträglichen Durst. Ich schaute mich um. Wasser schien nicht vorgesehen zu sein.

Irgendwann schleppte ich mich auf die Holzbretter, dort blieb ich einfach liegen. Ich weiß nicht wie lange. Aber eins war mir klar. Dies hier war kein freundliches Tierasyl, indem sich hilfsbereite Menschen ein Tier aussuchen konnten, um es mit nach Hause zu nehmen.

Eines war unausweichlich klar. Dies hier war das Ende eines Weges an dem ich angekommen war. Der Geruch von Angst und Verzweiflung war allgegenwärtig. Hier kommen die hin, die nie wieder einen Himmel sehen.

Ich weiß nicht wie viele Tage oder Stunden ich dort lag auf diesen Brettern, nur um ununterbrochen auf den gleichen Punkt am Boden zu starren. Nichts geschah. Nur der Tag und die Nacht wechselten sich regelmäßig ab.

Alles wurde gleichförmig. Zuerst wartete ich noch, ich weiß nicht auf was. Vielleicht das jemand kam und mich mitnahm, dass mir jemand Wasser hinstellte oder ein trockenes Brot hinwarf. Aber irgendwann wusste ich, es wird niemand kommen und mir etwas bringen oder mich mitnehmen. Wohin auch mitnehmen? Ich gab auf.

Manchmal ging ein Mann mit einem Stock vor den Käfigtüren auf und ab. Dann war plötzlich wieder meine Angst zurück, scheinbar lebte ich doch noch.

Eines Tages, kam eine Frau mit diesem Mann und blieb vor meinem Käfig stehen. Sie schaute mich eine Weile an, dann sprach sie kurz mit dem Mann zeigte auf mich und ging wieder.

Am nächsten Morgen kam diese Frau wieder. Der Mann öffnete meine Gittertür. Ich zitterte bereits vorher schon so sehr, dass ich kaum noch stehen konnte. Dann legte die Frau mir ein Halsband und eine Leine an und nahm mich mit. Naja, sie zog mich hinter sich her.

Die Gittertür fiel ins Schloss. Nur ich und die Frau, die ganz leise mit mir sprach, wir gingen, sie schleppte mich mehr, den ganzen Gang entlang vorbei an all den Anderen und wir verließen den Ort ohne noch einmal anzuhalten.

Wir fuhren eine kleine Weile mit dem Auto, bis ich glaubte das Meer zu hören. Dann brachte sie mich ebenso ruhig und leise in ein Haus und wies mir einen Platz mit einer Decke, einer weichen Decke. Ich spürte, dass mir nichts geschehen würde, ich spürte das ich in Sicherheit war.

In diesem Haus, das Erste das ich bis dahin von innen sah, in diesem Haus war Frieden.

Ich schlief einfach ein. Ich war so erschöpft, dass ich weder fraß noch trank in den nächsten Tagen. Irgendwann öffnete ich die Augen und sah die Frau direkt vor mir. Sie streichelte mir sehr langsam und überaus zärtlich. So hatte mich bis dahin niemals ein Mensch zuvor berührt.
Diese Berührung entfachte etwas in mir. Etwas, dass ich nicht glaubte in diesem Leben jemals kennenzulernen.

Ab diesem Tag begann es mir langsam besser zu gehen. Ich fing wieder an zu trinken und irgendwann hatte ich täglich frisches Wasser und Fressen vor meiner Decke stehen, auf das ich mich freute. Und dass ich mit keinem der anderen Tiere teilen musste.

Doch eines Tages schaute die Frau mich lange an und fuhr dann eine lange Zeit mit dem Auto, mit mir im Kofferraum. Währenddessen saß ich in einer großen Kiste aus der ich rausschauen konnte. Mit dieser Box stellte sie mich später auf ein Band, das mich von ihr fortbrachte. Ich sah sie, wie sie dort stand und mir hinterher schaute, solange bis ich sie nicht mehr sehen konnte.

Das war der erste Mensch in meinem Leben, der mir etwas gab ohne dafür etwas zu bekommen. Ich war sehr einsam und sehr traurig, als ich begriff, das ich nicht mehr zu ihr zurück konnte. Nie mehr. Jetzt sollte ein neuer Teil meines unberechenbaren Hundelebens beginnen.

Das Band brachte mich durch einen dunklen Tunnel in einen großen Raum indem sehr laute Maschinengeräusche zu hören waren. Nicht nur laut war es hier, sondern auch dunkel und eiskalt. Ich zitterte unaufhörlich.

Der Lärm wurde schließlich noch lauter und ich hatte das Gefühl, dass der Raum in dem meine Box stand, sich zu bewegen begann. Ich drückte mich flach auf den Boden und gegen die Seitenwand der Kiste, um mich irgendwie zu beruhigen. Flucht war unmöglich.

Irgendwann spürte ich ein heftiges Rucken unter mir. Dann plötzlich war Ruhe. Die Maschinen hatten ihr Brummen eingestellt und ich wurde zusammen mit meiner Box wieder auf ein Fließband gehoben, diesmal in die entgegengesetzte Richtung.

Viele Menschen. Das war das Erste was mir einfiel als mich jemand vom Fließband auf einen anderen rollenden Wagen verstaute. Überall Menschen, soweit ich sehen konnte, aus meiner vergitterten Box waren nur Menschen zu sehen. Es war schrecklich. Ich hoffte nur das dies bald vorbei sein würde.

Und dann, tatsächlich, wurde es plötzlich still und ich wurde mit meiner Kiste in ein Auto gehoben. Nur ich alleine war in dem Auto und ein Mensch der das Auto fuhr.

So ging es wieder eine ganze Zeit. Wie lange kann ich nicht mehr sagen.

Ich war schon sehr müde, als dieses Auto wieder anhielt und die Kiste mit mir zusammen aus dem Kofferraum herausgehoben wurde.

Menschen schauten jetzt neugierig direkt in meinen Käfig, Kinder Menschen auch. Direkt vor meinem Gitter. Diese hier schienen aber wenig gefährlich zu sein, denn ihre Stimmen klangen anders, als die Stimmen der Menschen, die mich bisher mit Stöcken oder Steinen verfolgten.

Trotzdem beschloss ich, erst Mal noch in der kleinen Box sitzen zu bleiben und abzuwarten, was da draußen alles so passieren würde… schließlich war jetzt an Flucht nicht mehr zu denken. Auch meine Angst hielt mich fest im Griff.

Ein Mädchen schob mir eine Schale mit Wasser und noch Eine mit etwas das herrlich roch, direkt vor den offenen Käfig.

Sollte das für mich sein? Bevor ich lange überlegen konnte, leerte ich beide Näpfe, auf die Gefahr hin, dass das Mädchen wieder zurückkam und die Schüsseln mitnahm…

Sieben Jahre ist das nun schon zurück sagt mein Frauchen, sieben Jahre seit ich die Reise hierher zu meiner Familie machen durfte… eine Reise voller Angst, Aufregung und Schmerzen.

Doch sie hat sich gelohnt, mehr als das. Am Ende meiner Reise habe ich das bekommen, was sich wohl nicht nur jeder Straßenhund, sondern jedes lebendige Wesen in seinem Tiefsten herbeisehnt.

Ein zuhause. Einen Platz, wo die Anderen dich mögen und schätzen und nicht auf dich verzichten wollen. Egal was du tust oder nicht tust!

Dort wo du nicht hungern musst, auch wenn du keine Hasen oder Hühner gefangen hast. Dort wo die anderen dich mögen, auch wenn du bei jedem Gewitter lieber unter dem Sofa liegen würdest.

Heute liege ich auf dem Sofa während der Donner über unserem Haus grollt, mein Mensch sitzt neben mir, drückt sanft ein dickes Kissen auf meine Ohren und streichelt mich dabei. Ab und zu spricht sie leise Worte zu mir während ich dabei immer wieder wegdöse…

Nach einiger Zeit nimmt sie das Kissen von meinen Ohren und ich spüre das die Vibrationen und der grässliche Donner nachgelassen haben. Es hat aufgehört. Nur noch Stille war jetzt da draußen. Nur noch ganz entfernt konnte ich vereinzelte Donnerschläge wahrnehmen, die mir aber keine Angst mehr machen konnten. Obwohl ich immer noch einer der größten Angsthasen unter den größten Hunden war…

Dann steht der Mensch neben mir auf, geht in die Küche und holt aus der Kammer zwei große Kau-Knochen.

Hier war die Welt gut zu mir, hier war ich im Frieden und hier bekam ich jeden Tag das Beste und Leckerste in meinen Napf, dass ich je gerochen hatte!

Hoffentlich muss ich nie wieder zurück, dorthin wo ich vor langer Zeit meinen Weg begonnen hatte.