Drachenbaby



Ein ganz besonderes Sagen-Lebewesen ist der Drache. Er kommt in den Mythen von Völkern auf fast allen Kontinenten vor und wir wissen nicht genau, woran das liegt. Entweder, die Entwicklung erfolgte ähnlich und voneinander getrennt oder wir haben es mit einer sehr, sehr alten Mythenfigur zu tun.

Auch in der Neuzeit ist er ein wichtiges Erzähl-Element in vielen Filmen, Serien, Büchern, Theaterstücken, Bildern oder eben in Hörspielen und Hörgeschichten.

Bei uns hat die Erzählerin eine ganz spezielle, individuelle Beziehung zu ihren Drachen. Besonders, weil sie Teil ihres täglichen Lebens geworden sind. Und, genau genommen, sogar noch mehr als das…


Download der Sendung hier.
Musik im Stück: Henryk Mikołaj Górecki – Three Pieces in Old Style
Musiktitel: „Wake up dragons“ von The Arbiters / CC BY-SA 3.0


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Skript zur Sendung

An den allerersten Drachen, den ich gesehen habe, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war am helllichten Tag und nicht in der Nacht. Und es war auch nicht in einem Märchenwald, sondern in einem U-Bahnwagen, der ekelhaft nach Pisse roch. Es war also kein erhebendes Erlebnis, sondern ein eher banales.

Als ich da in der U-Bahn saß, hatte ich vorher an die 70 Stunden nicht geschlafen. Mit 29 kann man das schon einmal machen. Meine Dissertation hatte am Tag vorher den letzten möglichen Abgabetermin gerade einmal so gerissen. Oder, um ganz genau zu sein: Eigentlich war ich einen Tag zu spät dran.

Aber ich wusste, dass mein Prof mindestens einen Tag Puffer eingebaut hatte, weil er mich ja kannte. Und der Prof wusste, dass ich das wusste, weswegen ich davon ausging, dass er vielleicht sogar drei oder vier Tage eingebaut hatte.

Trotzdem waren es an die 48 Stunden Arbeit am Stück gewesen. Es ging bei meiner Dissertation um die Frage, ob Christian Kracht einfach eine deutsche Version von Bret Easton Ellis ist. Ein Plagiator. Und das mit dem Schwerpunkt, wie beide Autoren von der Darstellung von Gewalt besessen sind und wie ähnlich sie diese beschreiben.

Vor diesen 48 Stunden war die Arbeit gerade einmal halb fertig und ich hatte mich einmal komplett durch beider Werk gelesen. Danach umfasste sie 180 Seiten, ich hatte jede Stunde mehr als drei Seiten abgesondert.

Nach der Abgabe erfasste mich trotzdem eine kleine Euphorie und nicht Ermüdung. Ausgelöst wahrscheinlich durch die Erleichterung, beide Autoren nie mehr lesen zu müssen. Ich beschloss an dem Geburtstags-Brunch teilzunehmen, zu dem ich eingeladen war. Die Idee war, dass sich mein Bio-Rhythmus nicht verschiebt, wenn ich bis abends durchhalten könnte.

Sylvie wurde 28 Jahre alt und feierte im Café Marschall mit einem großen Geburtstags-Buffet. Sylvie ist die Frau, die ich jahrelang begleitet hatte bei ihrem Weg von einer Liebschaft zur nächsten. Der ich regelmäßig die Haare gehalten hatte, wenn sie sich übergeben musste. Und deren Sachen ich sauber gemacht hatte, als… Ach was, lassen wir das.

Auf jeden Fall war sie eigentlich nicht in einer Position, mir vorzuwerfen, dass ich scheiße aussah. Machte sie aber trotzdem. Ich bügelte sie etwas barsch ab und stürzte mich lieber auf’s Buffet.

Ca. 12 Pancakes später sprach sie mich noch einmal an. Ob es mir gut geht, wollte sie wissen. Ich meinte, es wäre mir selten besser gegangen, schließlich war endlich die Scheidung mit Kracht und Ellis durch!

Ich würde dauernd über meinem Teller einnicken, meinte sie dann wieder, leichte Schnarchgeräusche machen und – was das Ekeligste sei – auf meine Pancakes sabbern. Sylvie halt.

Also gab ich auf, packte mich zusammen, verabschiedete mich, setzte mich in die U-Bahn und fuhr nach Hause. Meine einzige Aufgabe war es nun, nicht einzuschlafen. Um das zu erreichen, blieb ich an einer Stange stehen, statt mich zu setzen. Und ich sprach ganz leise mit mir. Und ich haute mir immer wieder ins Gesicht. Das war sicher ein seltsamer Anblick.

An einer Haltestelle sah ich ein Plakat. Eine Frau war abgebildet, die für Parship warb. Alle elf Minuten verliebt sie sich da, behauptete sie. Und sie grinste sehr breit. Riesige, weiße Zähne grinsten vom Plakat.

Und diese Zähne wurden auf einmal spitz und sie bekam rote, glänzende Schuppen. Und ihr Gesicht verformte sich zu einer Schnauze. Und auf einmal verließ der Kopf das Plakat. Und an dem Kopf war ein langer Hals und ein Körper folgte. Und an diesem Körper waren vier Pfoten und angelegte Fledermausflügel.

Der Schwanz des Drachen hatte das Plakat noch nicht ganz verlassen, als er vor mir in der U-Bahn stand. Sein Kopf zuckte nach links und nach rechts und er starrte die anderen Passagiere an. Die reagierten überhaupt nicht.

Und dann drehte er sich zu mir um, sein Kopf war eine Handbreit von meinem entfernt. Die Luft, die er aus seinen Nüstern ausatmete, war heiß. Und er öffnete seine Schnauze und sprach zu mir. Es sagte: „Du musst jetzt aussteigen!“

Und er hatte recht. Das war meine Station.

Das war die erste Begegnung mit einem meiner Drachen.
Der Rote ist nämlich der Vorwitzigste.

An diesem Tag dachte ich mir, der Drache wäre eine Halluzination. Der Übernächtigung, den 12 Litern Kaffee und dem Dutzend Pancakes geschuldet. Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich zu Hause, ohne mich umzuziehen, in mein Bett kletterte und durchschlief bis zum nächsten Morgen.

Doch es gab mehr Drachen, nicht nur den roten. Am Anfang konnte ich sie nur sehen, wenn ich angestrengt war oder sehr gestresst. Bei der Verteidigung meiner Dissertation war ein großer, grüner Drache dabei, der die ganze Zeit durch den Raum spazierte.

Als mein Freund mit mir Schluss gemacht hat, wegen einer anderen – da war ein silberner Drache mit im Raum. Und eigentlich machte mir das Schluss-Machen gar nichts aus, ich hatte nur ein bisschen Angst, dass der Drache meinen Freund gleich fressen würde.

Bald sah ich die Drachen verlässlich, wenn ich zu viel Alkohol getrunken hatte. Und das tat ich zum Beispiel nach der Trennung zehn Tage lang. Ich kann mich erinnern, wie ich auf meiner Couch lag und die nächste Flasche Weißwein entkorkte. Ich sprach den Drachen an, es war wieder der Rote.

„Glaubst Du, die andere ist viel hübscher als ich“, lallte ich.

„Ich weiß, dass sie das nicht ist“, antwortete der Drache.

„Dann ist sie sicher besser im Bett als ich…“ – ich heulte fast nicht, als ich das sagte.

„Sie heißt Sandra!“ meinte der Rote lakonisch.

Mir war völlig klar, dass ich einen an der Waffel hatte. Aber die Gesellschaft der Drachen war mir kein bisschen unangenehm. Im Gegenteil: Ich gewöhnte mich daran, dass immer mindestens einer der Drachen bei mir war. Wenn ich in die Redaktion latschte, huschte meist der kleine Grüne neben mir wie ein Wiesel durch die Reihen der Passanten.

An meinem Schreibtisch im Büro kringelte sich meist der silberne um meine Füße und schlief bei mir, bis ich fertig war. Wenn ich mich bückte, um seine warmen Schuppen zu streicheln, passte ich genau auf, dass mich niemand dabei ertappte. Denn natürlich konnte niemand außer mir die sehen und ich wäre sicher ein komischer Anblick.

Doch die Erkenntnis, dass ich einen an der Waffel hatte, belastete mich. Auch wenn ich meine Drachen wirklich lieb gewonnen hatte. Speziell am Abend, wenn alle vier bei mir in der Wohnung waren und wir uns unterhielten, fühlte ich mich sicher und beschützt.

Trotzdem vertraute ich mich einem Seelenarzt an und berichtete von den Drachen. Und die Diagnose war schnell gestellt: Paranoide Schizophrenie mit Positiv-Symptomen, und Affektverflachung, Alogie, Asozialität, Abulie und Anhedonie.

Lustig, dass die schlimmen Sachen alle mit „A“ anfangen, oder?

Der Doktor verschrieb mir einen Cocktail aus Anti-Psychotika und Neuroleptika und schon nach drei Tagen waren die Drachen weg. Die Pillen schützten mich durch einen unsichtbaren Vorhang vor der Welt, so dass ich wieder ein normales Durchschnittsleben führen konnte.

Meine Artikel wurden schärfer und pointierter und mein erstes Buch verkaufte sich nicht schlecht, eine Anfrage von Simon & Schuster für die angelsächsischen Rechte trudelte auch bald ein. Ich hatte Herrn Kracht sogar persönlich kennengelernt. Er kannte den Inhalt meiner Diss und war nicht gerade angetan.

Eigentlich hatte ich in meinem Leben aber einen sicheren Platz erreicht und musste mir nicht über viel Sorgen machen.

Darum wollte ich das Baby unbedingt behalten, als ich überraschend schwanger wurde.

Ich hatte immer schon Kinder gewollt. Ich wollte die schützen und lieben und pflegen, wie es meine Mutter bei mir niemals getan hatte. Sie sollten es nicht nur besser haben als ich, sondern die beste Kindheit haben, die man sich überhaupt nur denken kann.

Also behielt ich das Baby und setzte meine Medikamente von einem Tag auf den anderen wieder ab. Als die Drachen wieder auftauchten, freute ich mich fast. Zwar ging ich nicht mehr viel weg und vermied es überhaupt am Abend Termine zu haben, aber dafür hatte ich ja alle meine Drachen jeden Abend zu Besuch.

Der Rote war dabei, wenn ich in den Geburts-Vorbereitungskurs ging. Das war sehr angenehm, weil das Palavern darüber, wie komisch sich unsere Brüste jetzt anfühlten, war weniger langweilig, wenn mein Drache durch den Raum kasperte.

Der Silberne interessierte sich sehr für Yoga und der Grüne begleitete mich auf alle Termine beim Kinderarzt oder in der Klinik. Ich hatte fast nicht den Eindruck, eine alleinstehende Mutter zu sein, so gründlich betreuten mich die Drachen.

Ich hatte meinen Frieden mit den Vieren gemacht.

Der Goldene sagte zu mir eines Tages: „Wir bleiben da, hab‘ keine Angst!“

Und ich freute mich sehr.

Dann kam der Tag der Entbindung — auch hier waren die Drachen dabei.

Und dann kam Ruth.

Das perfekteste, kleine Neugeborene der Welt.

Sie hatte riesige, grüne Augen und zwei Arme, zwei Beine, ein Kugelbäuchlein. An ihren winzigen Füßen waren Zehen, so klein wie Erbsen und als ich sie im Arm hielt, lächelte sie mich an.

Die Ärzte im Krankenhaus meinten, Ruth hätte ein Problem. Was natürlich Unsinn war. Sie wäre mit einem Herzfehler geboren worden und sie müssten sie überwachen, weil ihr Körper nicht mit genug Sauerstoff versorgt würde. Auch das war natürlich Unsinn, denn jeder konnte sehen, das Ruth einfach perfekt war. Perfekt genau so, wie sie in meinen Armen lag.

Die Ärzte haben Ruth dann auf die Intensivstation verlegt, wo sie in einen kleinen Käfig aus Plexiglas gelegt wurde mit vier Handschuhen, damit man sie anfassen kann. Ihr wurden lauter Schläuche und Elektroden angeschlossen und viele Monitore neben ihr aufgestellt.

Ich wusste, dass das alles nicht nötig war, dass Ruth perfekt war, aber ich hatte nichts mehr zu entscheiden. Die Ärzte sagten, in meiner psychischen Situation wäre ich nicht in der Lage, über das Leben von Ruth die richtigen Entscheidungen zu treffen. Was natürlich auch kompletter Unsinn war. Aber nicht einmal der schlimmste Unsinn, denn sie mir erzählten.

Der schlimmste Unsinn war, als sie mir erzählten, Ruth wäre gestorben. Das war der schlimmste Unsinn, denn ich hatte mit eigenen Augen gesehen, dass das nicht stimmt.

Ich stand selber im Raum, als da auf einmal ein neuer, kleiner, weißer Drache im Zimmer auftauchte.

Er kletterte zu Ruths Bettchen hoch und öffnete den Plexiglas-Käfig. Und mein kleines Mädchen krabbelte mir ihren kleinen Ärmchen und Beinchen auf seinen Rücken und hielt sich ganz, ganz fest. Dann breitete der kleine weiße Drache seine Schwingen aus und die beiden flogen davon.

Das war das erste Mal, dass ich einen Drachen wirklich fliegen sah.

Ich habe wieder Tabletten verschrieben bekommen und versprochen, dass ich sie auch nehme. Aber natürlich tue ich das nicht. Denn, wenn ich die nehmen würde, dann könnten mir nicht die Drachen jeden Abend berichten, was für Abenteuer meine kleine Ruth im Land der Drachen erlebt.

Der goldene Drache hat mir versprochen, dass er mich eines Tages mitnimmt. Und dass ich dann meine Tochter wiedersehen kann und wir gemeinsam für immer im Land der Drachen leben können. Darauf freu‘ ich mich schon sehr!