Doppelherz


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Bei manchen Episoden ist es wirklich schwierig, zu erklären, was geschieht, ohne der Geschichte nicht zu vieles zu nehmen.

Sagen wir heute also nur knapp: Wenn man ein Doppelherz hat, dann ist das besonders praktisch, wenn einem eines gebrochen wird. Zum Beispiel durch den Tod eines geliebten Menschen.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Sweet Soul Musik“ von DR GROOVE GANG / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Es gibt da eine Redensart, die ich aber, glaube ich, gar nicht mehr genau hinkriege. Ich mache das jetzt ziemlich kaputt, denke ich … Aber es geht irgendwie so, oder so ähnlich: „Wenn die Frau stirbt, dann folgt der Ehemann nach einem Jahr. Wenn der Mann stirbt, dann macht die Frau eine Kreuzfahrt.“ So in der Art. Bloß witziger, glaube ich.

Ist natürlich Quatsch, ich weiß, stammt noch aus den Zeiten des Patriarchats und so. Das würde meine Nichte auch sagen.

Aber… Lustigerweise stimmte es bei mir genau! Nachdem mein Mann gestorben war, machte ich eine Kreuzfahrt!

Und diese Erfahrung war auch genauso langweilig, wie man sich das vorstellt, wenn man das hört. Eine wirklich dumme Idee und, noch dazu mussten meine Schwester, mein Neffe und meine Nichte mich jahrelang bearbeiten, bevor ich mich davon überzeugen ließ.

Denn nachdem mein Mann, mein Partner, mein Seelenverwandter, die Liebe meines Lebens, gestorben war, war ich wirklich sehr verzweifelt. Eine Zeit lang sah es so aus, als würde die Redensart umgekehrt auf mich passen. Als würde ich vergehen wie eine Primel, ohne seine Liebe.

Ein Jahr nach seinem Tod hatte ich auf jeden Fall immer noch keine große Lust, selber weiter zu leben.

Es gab da einen besonderen Tag, ungefähr nach einem Jahr, als ich im Schlafzimmer lag und eigentlich den Tag vergehen lassen wollte, ohne aufzustehen. Ich hoffte, die Sonne würde heute früher untergehen und würde gar nicht bemerken, dass ich mich vor dem Leben gedrückt hatte.

Da lag ich und glotzte im Dunkeln an die blaue Decke, als ich auf einmal dachte: „Nichts im Haus riecht mehr nach ihm!“

Und sofort erfasste mich Panik und ich stopfte meine Nase in jede Ritze des Betts. Und in seine frisch gewaschene Wäsche im Schrank. Und in die Schubladen seines Arbeitstisches. Und sogar in seine Schuhe, die ich nach einem Jahr – gegen den Rat der Psychotherapeutin – immer noch im Schrank im Flur stehen hatte.

Doch es blieb wahr: Sein Geruch war verflogen! Kein Molekül mehr von ihm im ganzen Haus! Ich brach noch im Flur zusammen und brauchte Stunden, bis ich wieder ins Wohnzimmer zurück krabbelte.

Die Zeit, so heißt es, die Zeit heilt alle Wunden und tatsächlich kam ich langsam, sehr langsam, ein klein wenig darüber hinweg. Oder drücken wir das präziser aus: Tatsächlich erkannte ich, dass es noch andere Menschen außer ihm gab. Dass es Existenzen gab, außer meiner Eigenen. Und auch tatsächlich andere Gefühle außer meinem Trennungsschmerz.

Meine Schwester hatte sich von ihrem Mann getrennt, weil … naja, weil der ein Arschloch war, wenn ihr mich fragt. Weil er meine Schwester betrogen hatte, wenn ihr sie fragt. Weil er sich ausleben musste, wenn ihr ihn fragt.

Und die Trennung machte ihr sehr zu schaffen. So sehr, dass sie professionelle Hilfe brauchte.

In dieser Zeit verbrachten mein Neffe und meine Nichte viel Zeit bei mir. Das war ein positiver Nebeneffekt. Mein Mann und ich hatten keine Kinder bekommen und jetzt war er ja tot und ich wollte sicher mit keinem Anderen Nachwuchs in die Welt setzen. Das fehlte noch!

Bald brauchte meine Schwester die professionelle Hilfe rund um die Uhr, wenn ihr versteht, was ich meine. Die Kinder zogen bei mir ein.

Es ist nicht so leicht, einem Zehnjährigen und einer Zwölfjährigen zu erklären, was eine Depression ist. Oder warum der Selbstmordversuch der Mutter nichts damit zu tun hat, dass die Kinder unfolgsam waren oder böse.

Aber wir kamen zu dritt bald ganz gut zurecht und meine Nichte blieb bei mir wohnen, auch nachdem meine Schwester wieder aus der Klinik entlassen war.

Es waren schwierige Zeiten, aber es waren auch wunderschöne Zeiten. Durch die Beiden in meinem Leben trat der Verlust meines Mannes ein bisschen in den Hintergrund, das tat mir ganz gut.

Doch bald zog auch meine Nichte aus, um in einer anderen Stadt zu studieren und ich blieb alleine in dem kleinen Haus zurück, in dem ich bis zu seinem Tod auch mit meinem Mann gelebt hatte. Ich musste da weg, so viel war mir selber klar, das musste mir keiner einreden.

Ich zog um in eine kleine Wohnung in einer anderen Stadt. Neuer Job, neue Menschen mit einer ganz anderen Mentalität. Neue Farben, neue Gerüche – nichts, was an ihn erinnern könnte. Wenn man von den Erinnerungen in mir absieht.

Was also die Gesellschaft und meine Leistungsfähigkeit betrifft, hatte ich alles wieder im Griff. Und das ist ja irgendwie das Wichtigste!

Das man nicht zu auffällig leidet oder vielleicht unkontrolliert das Schluchzen anfängt. Das ist allen dann immer unglaublich peinlich. Da schmeckt dann bei der Vernissage auf einmal der Champagner nicht mehr und die Lachshäppchen.

Leiden ist in Ordnung, aber bitte zu Hause und alleine. Wenn wir eines nicht ausstehen können, dann Menschen, die ihre Gefühle nicht im Griff haben!

Doch ich will nicht jammern. Mein Leben war ein Gutes gewesen. Auch wenn mir das erste Herz gebrochen wurde, als der Lastwagen über meinen Mann gerollt ist, so hatte ich doch ein zweites Herz geschenkt bekommen, mit dem ich meine Nichte und meinen Neffen lieben konnte.

Und so lag die Frau mit dem Doppelherz eigentlich recht zufrieden in ihrem Schlafzimmer, als der Tod kam, um sie abzuholen. Meine Krankheit hatte sich lange hingezogen, war aber in weiten Teilen völlig schmerzfrei gewesen.

Ich war 84 Jahre alt geworden, als ich die Diagnose erfuhr und etwas in mir war sehr dankbar dafür, endlich aufgeben zu dürfen. Das sagte ich natürlich meiner Nichte nicht. Die war mittlerweile auch über 40 und hatte sich eine Woche frei genommen, um sich um ihre „Zweitmutter“ zu kümmern.

Ich liege sehr bequem in meinem Bett, das Morphium nimmt dem Schmerz die Spitze und meine Nichte hält mir die Hand. Ich lächele sie müde an. Müdigkeit, das beschreibt mein Empfinden: Da ist keine Angst vor dem Tod, da ist keine Verzweiflung und da ist auch keine Hoffnung – Da ist nur Müdigkeit.

„Weine doch nicht um Deine olle Tante!“, sage ich zu meiner Nichte und ich möchte ihr so gerne die Tränen aus den Augen wischen. So wie früher, als sie noch eine kleine, junge Frau war und so viel Angst hatte.

Aber ich kann den Arm nicht mehr heben. Ich richte meinen Blick ganz fest auf diesen schwachen, faltigen Arm, auf die Haut voller Altersflecken, aber es hilft nicht.

Ich habe nicht mehr die Kraft, meine Nichte zu trösten. Sie war eine der schönsten Geschenke in meinem Leben und nun habe ich nicht mehr die Kraft, ihr die Tränen aus den Augen zu wischen.

Eine Wärme steigt in meinem Körper auf und alles verschwimmt vor meinen Augen. Ich weiß, jetzt ist es soweit und flüstere noch: „Vielen Dank für alles, meine Kleine! Lebe wohl!“ Und dann schließe ich die Augen.

Und jetzt sterbe ich wohl? Bin da ja auch kein Profi, ich mache das ja auch zum ersten Mal. Mir fällt auf, dass ich schweißnass bin. Komisch, das war mir nicht aufgefallen, als ich noch gelebt habe.

Weiter konzentriere ich mich auf das Sterben. Dass das auch noch eine Anstrengung werden muss! Kann man nicht wenigstens den Tod umsonst haben?

Genervt öffne ich meine Augen und blicke auf die blaue Decke des Schlafzimmers.

„Moment?“, denke ich mir, „hatte ich die Decke nicht absichtlich nicht-blau gestrichen? Damit das Schlafzimmer mich nicht an das Schlafzimmer im kleinen Häuschen erinnert?“

Ich drehe meinen Kopf zur Seite und bemerke, dass ich in einem Doppelbett liege. Aber die Decke und das Kopfkissen neben mir sind gemacht. Es ist also nicht so, dass er wieder leben würde in diesem Traum, den ich da gerade habe.

Als ich nach dem Kissen greife, bemerke ich, dass meine Arme nicht voller Falten und Altersflecken sind. Und als ich an dem Kissen rieche, da rieche ich wieder ihn! Meinen Mann, meinen Partner, meinen Seelenverwandten! Das Kissen riecht nach ihm!

Ich vergrabe meinen Kopf im Kissen und sauge jedes Molekül dieses Geruchs auf und heule dabei wie verrückt. Wie damals, als wir, vor hundert Jahren, im Kino gemeinsam „Ghost“ gesehen haben. Diesen Kitschfilm mit Patrick Swayze und Demi Moore. Da haben wir beide so viel geweint, dass wir schon Angst hatten, wir wären vielleicht dehydriert!

„Schatz? Bist Du wach?“

Ich kann nicht glauben, was ich da gehört habe! Habe ich mich so in die Erinnerung hineingesteigert, dass ich jetzt schon seine Stimme halluziniere? Bin ich jetzt ganz verrückt?

Doch auf einmal drückt ein Gewicht auf die Matratze. Etwas oder Jemand hat sich auf mein Bett gesetzt. Ich vergesse vor lauter Angst zu atmen.

„Bist Du wieder wach, meine Liebe? Ich habe mir Sorgen gemacht.“

Ich drehe mich um und da sehe ich ihn. Völlig lebendig! Genauso, wie ich ihn in Erinnerung hatte! Und er sieht aus wie er und er riecht wie er und seine Stimme klingt wie er! Ich richte mich auf und umarme ihn so fest ich nur kann! Mein Herz schlägt so fest und schnell in meiner Brust, dass es schon weh tut!

Das ist sicher nur so eine Täuschung, wie man sie hat, wenn man stirbt. Manche Menschen sehen einen Film vor ihrem geistigen Auge ablaufen und andere erleben Szenen aus der Kindheit und ich habe eben die Illusion, dass mein Mann mit einer Kanne Tee und Zwieback auf einem Tablett an meinem Totenbett sitzt.

„Bin ich tot?“, frage ich.

„Ich hoffe nicht!“, lacht er. „Aber Du hast zwei Tage durchgeschlafen. Du warst wohl ziemlich überarbeitet, als Dich die Erkältung erwischt hat, vermutet unser Hausarzt. Ich soll Dich einfach schlafen lassen, hat er gemeint, aber zwischendurch habe ich mir echt Sorgen gemacht um Dich!“

„Und wenn das nur ein Trick meines Gehirns ist? Was, wenn ich jetzt mit Dir lache und Dich küsse und mich mit Dir freue und dann bin ich auf einmal doch tot?“

„Wie bitte? Wieso sollest Du tot sein? Ich meine, zwei Tage Schlafen ist vielleicht ungewöhnlich viel, aber eine gesunde Dreißigjährige sollte …“

„Ich bin dreißig?“

„Na ja. Sechsunddreißig. Also, Du gehst auf die Vierzig zu.“

„Und ist meine Schwester geschieden?“

„Was? Nein. Also, ich glaube nicht. Aber Du weißt ja, was ich von Raimund halte. Klingt auf jeden Fall wie ein guter Vorschlag.“

„Bin ich echt am Leben? Halte mich ganz fest!“

Und er drückt mich, so fest er kann. Ich habe ihm ein bisschen Angst gemacht mit meinem Gerede, glaube ich. Aber das ist ja auch nicht weiter verwunderlich.

Denn man begegnet ja nicht oft Menschen, die das Glück haben, zwei Leben in einem zu leben. Die sozusagen mit einem Doppelherz auf die Welt gekommen sind, so wie ich.

Und ich drücke ihn so fest zurück, wie ich kann. Denn ich musste fünfzig Jahre ohne ihn leben und habe ihn so sehr vermisst! Erst jetzt bin ich wieder ganz am Leben.

Und wenn das ein Trick ist, den mir mein Hirn beim Sterben spielt: Was soll’s?

Wenn man es ganz genau überlegt: Ist nicht das ganze Leben, jedes Gefühl und jedes Glück nur ein Trick, dass das Gehirn einem spielt?

Ich werde ihn auf jeden Fall so schnell nicht mehr loslassen!


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