Dolmuş des Todes



In den Achtzigern gehörte es für Studierende noch zum guten Ton, systemkritisch und revolutionär zu denken. Auch Frau Anders kann mit dem Land der Spießer und Stänkerer nichts anfangen und plant eine Flucht.

Der Geldbeutel reicht immerhin bis nach Kurdistan, wo sie sich sofort in das Land, die Leute und die Mentalität verliebt. Und in einen Kurden ganz speziell.

Heute gibt sie uns den ersten von mehreren Berichten von diesem Abenteuer, in dem viel Regen, viel Liebe und ein Kleinbus – direkt aus der Hölle – eine wichtige Rolle spielen. Und ein Kurde ganz speziell.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Koma Heray „Leylo“ – Xorasan Kurds


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Skript zur Sendung

„Ich hab’s wirklich SOOO satt! Diese Dauerkonformisten, alles nur ewige Jasager! Nur zum Kotzen! Diese Hartnäckigkeit im Streben nach Mittelmäßigkeit und nach Unauffälligkeit! Dieses jogging behoste Deutschland ist nicht auszuhalten! Ich muss weg aus diesem Scheiß-Land!“

So steht’s in meinem 30 Jahre alten Tagebuch. Theoretisch. Wenn ich eines geführt hätte. Habe ich aber nicht – viel zu spießig.

So habe ich aber empfunden vor 30 Jahren, als ich Anfang 20 war.

Ich musste also weg, das war damals klar. Oder ich werde Mitglied bei einer Rockergang! Oder bei den Anarchisten, je nachdem wer zuerst die Revolution anzettelt.

Derweil begnügte ich mich mit einer bunten Tätowierung, auffallenden Piercings und Anti-AKW-Aufklebern. Und plante die Weltrevolution in meiner Studentenbude, die mit dem Holzofen mit dem schlechten Abzug. Viva la Revolution!

Ich beschloß also, zu verreisen. Das war das, was ich immer tat, wenn mir alles zu grau wurde. Ich war Studentin, das heißt irgendwie ein Kurzurlaub ging immer!

Das tat ich, wenn alles zu sehr begann nach Stillstand zu riechen.
Wenn mich eingefahrene Denkmuster einengten.
Wenn der Alltag zu gleichförmig wurde.

Keine Überraschungen, keine Veränderungen, keine revolutionäre Entwicklung… gääähn.
Nein! Ich will es anders! Ich will es bunt! Und chaotisch! Und voller Überraschungen!

Es war wieder Zeit, alles zu verändern. Alle Brücken abzureissen. Alle Paradigmen zu prüfen. Ach was sag ich, alle Paradigmen zu wechseln! Alles Konforme und Gleichgültige in mir abzuschütteln. Wenn ich mich nicht verändere, dann fange ich glatt noch Staub und entwickele selber das gleiche, zurückgebliebene Gedankengut wie meine Eltern.

Ich musste mich verändern. Ich musste weg von hier. Das war, was ich brauchte!
Weg von den Fliegenbeinzählern, weg von den Nörglern, den Samstag-Rasenmähern, den Gift-Spritzern, den Gartenzwerg-Sammlern. Kurz: Weg aus diesem Deutschland!

Möglichst weit weg und möglichst anders! Und möglichst billig. Sagte mein Kontostand.

Südamerika! Das wär‘ doch ‚was! Aber vielleicht doch etwas zu weit auf die Schnelle! Ich war gerade im Diplom-Semester und musste schon hin und wieder in der Hochschule auftauchen und mit meinem Prof. Rücksprache halten. Sonst wäre das Studium ja für die Katz‘ gewesen.

Dann Asien! Schnellster Weg nach Asien: Istanbul! Und von dort einfach immer weiter Richtung Osten! Sagte mein Kontostand; denn das war gerade günstig mit „Istanbul Airlines“!

Klar, da gab es Terrorismus. Die PKK. Es kam immer wieder zu Anschlägen. Damals aber begrenzt auf das südost-anatolische Kurdistan. Obwohl ich eine tiefe Ablehnung hatte gegen sinnlose Zerstörung, gegen Ungerechtigkeit und gegen selbsternannte Autoritäten – für diese Reise verdrängte ich spontan alle Bedenken.

Also: Auf ins Abenteuer!


Es war Dezember, kurz vor Weihnachten. Die Fliegenbeinzähler wollten alle bald ihre Gänse braten. Und nicht in der Türkei kleingestückeltes Lamm in Fladenbrot opfern.
Mir gerade recht – da bleiben die Touristen daheim!

Es regnete ununterbrochen, lange gleichförmige Wassermengen. November bis Januar ist die regenreichste Zeit am Schwarzen Meer und auch am östlichen Mittelmeer. Das störte mich wenig, denn auch das hielt die Menschenmassen ab, die normalerweise hier unterwegs waren.

Ich war sicher in Istanbul angekommen und sofort weitergereist Richtung Mittelmeer. Mit kleineren Maschinen von Gesellschaften wie „Pegasus“ oder „Anadolu Jet“ flog ich weiter.

In einem kleinen Nest etwa 150 km östlich von Antalya machte ich Zwischenstation. Hier tummelten sich normal die Sonnenanbeter und Dutzende von Strandcafés verdienten an ihnen. Jetzt, im Winter, bei strömendem Regen, hatten alle zu.

Bis auf ein Einziges. Das ein bisschen so aussah, als wäre es hier nur provisorisch eingerichtet.

Das Bambusdach hielte dem Regen wohl schon länger nicht mehr stand, denn mittlerweile hatte man sich im Inneren der Hütte der Sitution bereits angepasst. Außer einem erbärmlich wirkenden, krummen Tannenbäumchen, das wohl einen geschmückten Weihnachtsbaum darstellen sollte, stand dort ein Plastiktisch und vier Plastikstühle.

Darauf saßen drei junge Männer, jeweils mit einer größerern Einkaufstüte aus Plastik auf dem Kopf und spielten völlig versunken. Aber nicht das überall so beliebte Tavla, sondern ein ebenso traditionelles Rummikub.

Trotz der Hingabe, die alle Drei beim Spiel lautstark kund taten, bemerkten sie mich sofort, als ich das Café betrat. Ich musste erst einmal lachen, als ich die drei Männer mit den Plastiktüten sah. Aber zu meinem Glück interpretierten sie das wohl als höfliche Heiterkeit. Oder einfach gar nicht.

Jedenfalls wurde mir sofort der einzige freie Stuhl angeboten und ein dampfender schwarzer Tee stand ratzfatz vor mir.

„Hello! You are German!?“
„ Yes, I am. Hello. Thanks for the tea.“
„Was machst du hier, hast du dich verlaufen oder suchst du jemanden?“ fragte mich der Mann, der mir den Tee spendiert hatte.
„Nein, weder noch… Ich fotografiere.“
„Du fotografierst. Regen oder was?“
„Naja, heute hab‘ ich nichts fotografiert. Stimmt. Heute laufe ich nur einfach rum. Ich gehe spazieren!“
„Du gehst spazieren, hä? Im Regen? Bist du nicht mehr ganz richtig im Kopf oder warum machst du das?“
„Wahrscheinlich bin ich nicht mehr ganz richtig im Kopf. Kann schon sein. Aber ich mag das Meer und ich mag euer Land, es ist wunderschön! Deshalb bin ich hier.“
„Ja, aber es ist Dezember, im Dezember ist immer nur Regen, Regen, Regen. Und manchmal Regen. Fast immer Regen.“
„Das macht mir nichts aus. Es ist ja nicht kalt.“
„Wie heißt du?… Komm, komm spiel mit. Kennst du das Spiel? Ist ganz leicht. Komm ich zeig es dir…“


Mein Plan war es, eine Woche später Gaziantep zu erreichen. Das ist eine kleine, kurdische Stadt an der syrischen Grenze. Aber Pläne ändern sich manchmal. Ich hatte es noch nicht einmal bis Anamur geschafft.

Um genau zu sein: Ich war immer noch irgendwo an der türkischen Riviera zwischen Manavgat und Alanya. Aus gutem Grund. Ich hatte mich verliebt. In Mehmet.

Wir verbrachten die ganzen langen Tage zusammen am Strand. Wir spazierten, spielten Karten, wir redeten, scherzten, erzählten…

Er erzählte mir von seinem Land, seiner Familie, von den Traditionen und seinen eigenen Wünschen.

Mehmet stammte aus der Region Sanli-Urfa. Inmitten einer überwiegend kurdischen Region an der Grenze zu Syrien. Er war der jüngste Sohn einer mittellosen Großfamilie und versuchte mit Jobs in den reichen Tourismus-Gebieten, seine Familie zu unterstützen.

Wie alt er war, wußte er nicht genau. Er hatte ja nicht einmal einen Pass oder einen Ausweis, in dem sein Geburtsdatum ja zu finden wäre. Aber er war wohl um die Mitte Zwanzig.

Kein Pass und kein Geburtstag, das klingt seltsam. Aber in Südost-Anatolien ist das eher die Regel als die Ausnahme. Wenn man als arme Familie seinen Sohn gar nicht oder zu spät anmeldet, dann hat man länger einen Ernährer mehr für die Familie.

Denn früher oder später kommen entweder die Milizen oder aber das Militär und dann ist der junge Mann erst einmal für Jahre weg. Wenn er überhaupt zurück kommt.

Aber solche Sorgen waren damals in weiter Ferne. Unsere Nächte verbrachten wir meistens in meinem kleinen Zimmer, das ich – ein wenig landeinwärts – für sehr wenig Geld gemietet hatte.

Und tagsüber suchten wir irgendwo nach kleinen Jobs, um uns ein wenig Taschengeld zu verdienen. Halt gerade soviel, wie wir brauchen um Essen und Wohnung zu bezahlen.

Er sprach ein sehr türkisches Deutsch und ich ein sehr deutsches Türkisch. Wir lernten viel voneinander und auch viel über unsere grundverschiedenen Kulturen.

Ich war völlig gebannt und fasziniert. Und sehr, sehr verliebt. In diesen Erdteil, dieses Klima, in die Türkei, in die entspannte Lebensweise, in die kurdische Tradition. Und besonder verliebt war ich natürlich in Mehmet.

Immer wieder verlängerte ich meinen Urlaub. Zwei weitere Monate konnte ich meinen Verpflichtungen abtrotzen – aber dann musste ich wohl oder übel zurück nach Deutschland. Sonst wäre mein Studium einfach futsch… und meine Aufenthaltserlaubnis sowieso.

Es wurde also irgendwann Zeit, Abschied zu nehmen. In den Flieger zu steigen. Und wieder in ein kaltes Land zurück zu kehren, wo die Fliegenbeinzähler regierten.

Das war kein leichter Flug, der Abschied tat sehr weh. Noch während mir im Flieger mein Herz den Brustkorb zerdrückte, begann ich einen Plan zu schmieden. Einen Plan, wie ich möglichst rasch mein Studium beenden könnte, um schnellstens wieder heim zu fliegen nach güzel türkiye. Heim zu Mehmet.


Und dieser Plan aus dem Flieger funktionierte auch prima. Ich machte also meine Examensprüfung und war somit offiziell diplomierte Kommunikations-Designerin.

Aber ich ging dann nicht mit dem Diplom in der Tasche auf Jobsuche. Sondern ich packte das in einen Koffer zu meinen Klamotten und nicht einmal eine Woche nach Ende meines Studiums saß ich wieder im Flieger.

Dieses Mal direkt nach Antalya – was interessierte mich denn der Bosporus? Ich wollte zurück zur roten Erde Kurdistans. Zurück dahin, wo es warm ist.

Wo es sogar sehr warm ist. Denn jetzt war es Hochsommer in der Türkei und im Gangway schlägt mir die Gluthitze entgegen. Ja, genau so! Mein Klima!

Bis zur nächstgelegenen Dolmuş-Station nahm ich mir ein Taxi. Dann zockelte ich weiter mit dem öffentlichen Verkehrsmittel Nummer eins in der Türkei. Mit einem Kleinbus ging es immer weiter Richtung Osten.

Außer mir befanden sich in diesem Linientaxi acht weitere Personen. Und zwei Käfige voller nervöser, aufgebrachter Hühner.

Doch deren Gackern wurde im Bus von einem einfach gekleideten Mann übertönt, der den Mitfahrenden lautstark etwas erklärte. Ich verstand nur einzelne Wörter bei dem allgemeinen Krach und suchte in meiner Tasche nach Kleingeld für das Ticket.

Keine fünf Minuten später hatte dieser Mann, aufgeregt gestikulierend, einen ganzen Batzen Geldscheine eingesammelt. Trotz der rasanten Fahrt, trotz der Schlaglöcher und der steilen Küstenkurvenlage. Die Fahrt schien deutlich teurer zu sein, als ich kalkuliert hatte.

Während ich also auch meine Scheine zählte, um sie dem Mann in die Hand zu drücken, legte sich der Kleinbus besonders dramatisch in die Kurve. Mit Vollgas hatten wir die Straße verlassen und rumpelten nun über einen Feldweg durch ein Waldstück.

Was war das denn? Ähh, hallo…

„Ähhh, bahane… ähh, Efendim?“ Während der Bus drohte, sich in seine Einzelteile zu zerlegen, suchte ich nach meinem Türkisch-Vokabular. Aber das Entsetzen über diese plötzliche Routenänderung überwog meine Sprachkenntnisse. Und ich brabbelte panisch irgendetwas.

Machte aber nichts. Denn ich hatte bald nur noch damit zu tun, nicht durch den Gang katapultiert zu werden. Meine Aufmerksamkeit richtete sich zu 100% an der Aufgabe aus, mich irgendwo festzuhalten. Einfach, um zu überleben.

Die Hühner waren dabei auch keine große Hilfe. Denn die waren genauso panisch wie ich und flatterten durch den ganzen Bus. Und krähten dabei um ihr Leben – die hatten wohl auch keine Achterbahnfahrt erwartet!

Es dauerte nur ein paar Minuten, als die Übelkeit aus meinem Bauch, beinahe schon meinem Mund erreicht hatte. Während ich mir einen Platz aussuchte, wo ich bald mein Frühstück wiedersehen würde, rumpelte der Bus noch ein paar Mal heftig und bog wieder auf die Küstenstraße ein.

„Jesus Christus“ hörte ich mich sagen – manchmal wird man ganz spontan religiös. Ich schaute mich in dem Bus um: Den anderen Mitfahrenden schien diese Tortur überhaupt nichts auszumachen.

Im Gegenteil, sie schienen freudig erregt, beinahe begeistert. Und sie feuerten den Busfahrer auch noch an, noch schneller zu rasen! Ich spürte, wie sich meine Fingernägel immer tiefer in die Rückenlehne eines Sitzes gruben. Immer, wenn es mir schon beinahe schwarz vor Augen wurde, errinerte ich mich wieder ans Atmen… weiter atmen, einfach weiter atmen.

Mit laut quietschenden Reifen kamen wir mitten auf dem Marktplatz in Manavgat tatsächlich zum Stehen. Und – vielleicht helfen Gebete ja doch – wir hatten alle überlebt!

Applaus brandete auf, alle Insassen bis auf die Hühner waren anscheinend von dieser Höllenfahrt begeistert. Ich versuchte sehr vorsichtig, aus meiner todesähnlichen Starre zu erwachen.

Geplant war noch eine weitere Strecke mit dem Dolmuş – doch irgendwie hatte ich auf einmal die Idee, das Verkehrsmittel zu wechseln. Als ich meine Tasche gefunden hatte, verlies ich mit zittrigen Knien das Linientaxi und stand desorientiert auf einem öffentlichen Platz.

Die Busstation schien unmittelbar an einem riesigen Lebensmittelmarkt zu liegen. Ich beschloss in einem Café zu warten, bis meine Hände nicht mehr zitterten. Bis mich meine Lebensgeister wieder eingeholt hatten, die anscheindend noch auf dem Feldweg feststeckten.

Während ich also loswankte, hörte ich hinter mir eine Stimme rufen. Es war dieser Mensch, der keine Schwerkraft kannte. Der Mann, der das Fahrgeld eingesammelt hatte.

Er kam winkend auf mich zugelaufen und redete auf mich ein. Und drückte mir freundlich einen Haufen Geld in die Hand. War das Schmerzensgeld für diese Nahtodes-Erfahrung?

Mein Türkisch wurde aber ohne ständiges Schütteln langsam wieder etwas besser. Und ich enträtselte so langsam, was der Mann mir mitteilen wollte, als er mit das Dreifache dessen, was ich gezahlt hatte, in die Hand drückte.

Er war gar kein Mitarbeiter, kein Schaffner oder wie man das nennt. Er hatte im „Dolmuş aus der Hölle“ Wetten angenommen. Ich hatte, ohne es zu wissen, mein Geld eingesetzt auf die Wette: „Schafft das Dolmuş heute eine neue Bestzeit zum Marktplatz in Manavgat?

Und gewonnen hatte ich auch noch!


Als sich mein Körper wieder anfühlte, als wäre ich eine „normale“ Sterbliche, nahm ich wieder Kurs auf mein ursprüngliches Ziel. Diesmal setzte ich mich in ein Taxi, Geld hatte ich ja jetzt. Das setzte mich dann etwa eine Stunde später nach einer deutlich entspannteren Fahrt. wieder in der Nähe von Alanya ab.

Mittlerweile war ich so nervös, dass ich fast meine Tasche im Kofferraum des Taxis vergessen hätte, wäre der schweigsame Fahrer nicht ausgestiegen und hätte sie mir hinterher getragen. Vielen Dank!

Hier war ich also, wieder daheim auf türkischem Boden. Drei Monate konnte ich erst einmal hierbleiben, dann würde ich wohl oder über ein Visum brauchen. Aber drei Monate sind mit Anfang Zwanzig auch noch eine lange Zeit.

Da stand ich und wartete auf meinen Mehmet. Bis er dann auf einmal wieder vor mir stand.

Und damit begann das spannendste Abenteuer meines Lebens erst!