Disney-Traumhochzeit

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So eine Hochzeit ist ein aufwendiges Unternehmen für Durchschnittsmenschen. Und für Nerds gleich doppelt. Die Schwester unserer Erzählerin und ihr Mann haben als Disney-Nerds beschlossen, die Planung gleich den Profis zu überlassen.

Und zwar den Profis in Disneyland, Paris! Man kann verstehen, dass da so Kleinigkeiten wie ein dreißigster Geburtstag sich unterordnen müssen, oder?


Frei nach „The Moth Presents Jessi Klein: Dale

Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Absolute WORST Song To Sing at a Wedding!“ von Klymlove Incorporated

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Die Geschichte zum Lesen

Diese Sendung ist nicht komisch. Es ist eine Horror-Sendung. Schuld hat meine kleine Schwester.

Meine kleine Schwester bekommt immer alle Aufmerksamkeit. Schon immer. Das sieht man zum Beispiel daran, dass diese Sendung nicht „Mein dreißigster Geburtstag“ heißt, sondern „Disney-Traumhochzeit“.

Denn eigentlich geht es um meinen dreißigsten Geburtstag! Ein Fest, das komplett überdeckt wurde von der Hochzeit meiner kleinen, blöden Schwester am Tag zuvor.

In fucking Disneyland, Paris!

Ja, da kann man auch heiraten. Aber dazu später mehr. Ich wollte erst noch erzählen, dass eigentlich ICH das normale Kind meiner Eltern bin. Ich habe einen großen Bruder, Star-Trek-Nerd und eine kleine Schwester, Disney-Nerd.

Ich hingegen, das Sandwichkind, das keine Aufmerksamkeit bekommt, habe mich mit klassischer Literatur selber erzogen, Germanistik studiert und bin Lektorin in einem angesehenen Verlag.

Also das Gegenteil von einem Nerd.

Mein großer Bruder kann praktisch alle Folgen TNG auswendig. Er liebt auch Deep Space Nine. Er ist ein so begeisterter Trekkie, dass er – und es tut mir wirklich leid, das von meinem eigenen Bruder sagen zu müssen – sogar Voyager mag.

Er hat seine Frau bei einer Fedcon kennengelernt, als er sich als der Klingone aus dem dritten Star Trek-Film verkleidet hat und sie sich als die Frau mit dem Glatzkopf aus dem ersten Film.

Die Tatsache, dass ich weiß, dass es sich dabei um Navigationsoffizierin Ilia handelt, obwohl ich Science Fiction nicht mag, ist ein Indiz dafür, wie nerdig mein Bruder war. Was sage ich? Ist!

Meine kleine Schwester ist dafür die klassische Disney-Prinzessin. Sie kennt die Melodie und die Texte aller Disneysongs ab „Arielle, die Meerjungfrau“ bis ungefähr „Rapunzel, neu verföhnt“.

Auch die schlimmen, wie zum Beispiel „Pocahontas“ oder „Hercules“. Keine Ausnahmen für meine Schwester, die natürlich eine Karriere in der Animation gemacht hat.

Sie ist die Künstlerin hinter dem berühmten Werbespot für den Audi A3. Den Spaceframe-Spot? Kennt ihr nicht? Egal, man verdient auf jeden Fall mit so etwas viel Geld.

Sie hat wiederum ihren Mann auf der Website Deviantart kennengelernt, als sie beide um den ersten Preis in einem Disney-Contest stritten.

Oh, Mann, seht ihr, was meine Nerd-Geschwister aus mir gemacht haben?

Ich bin eine Halb-Nerdin!

Mir persönlich ist Science Fiction völlig egal, Technologie und Astronomie sind mir schnuppe und Diskussionen über die quantenphysikalische Basis für das Beamen lassen mich ins Koma fallen vor Langeweile.

Aber wenigstens ist Star Trek nicht nur zuckersüß!

Ich habe einmal in meinem Leben zuviel Marshmallows gegessen. Am Lagerfeuer. Mit zuviel Lambrusco. Ich war 15. Danach ist mir sehr, sehr schlecht geworden und ich musste mich leider hinter meinem Zelt erbrechen. Könnt ihr euch ungefähr den Geschmack im Mund danach vorstellen?

Ja? Gut! Denn das ist genau der Geschmack, den ich im Mund habe, sobald ich eine Disney-Prinzessin sehe! Und wenn die dann noch spontan den Mund aufmacht, um zu singen, dann kommt der Brechreiz von damals auch noch dazu!

Als meine Schwester mir am Telefon erzählt hat, dass sie heiraten wird, habe ich mich erst einmal richtig gefreut. Ehrlich! Die Neidgefühle kamen erst ein, zwei Sekunden später! Erst einmal habe ich mich gefreut!

Ich habe mich sogar noch ein bisschen gefreut, als ich erfuhr, dass es am Tag vor meinem dreißigsten Geburtstag sein würde. Denn ich hatte ja nur geplant, mich da abzusetzen und mit mir alleine zu feiern. Tief in einem Salzbergwerk, falls das möglich ist.

Allzu neidisch war ich sowieso nicht, denn sie heiratete zwar deutlich vor mir und nur kurz nach meinem Bruder, aber dafür halt Knut. Einen Disney-Nerd. Hat eben alles seine Nachteile.

Doch das Telefonat sollte noch eine Wendung zum Üblen nehmen. Die beiden hatten beschlossen, das viele Geld, dass sie in ihrer Werbeagentur verdienten, direkt an den Disney-Konzern weiterzuleiten.

Meine kleine Schwester und ihr männlicher Lebensabschnittspartner hatten den Beschluss gefasst, in Disneyland zu heiraten! Im Cinderella-Schloss in Disneyland!

Wenn ich das erzähle, habt ihr dann auch diesen komischen Geschmack im Mund? Diese Mischung aus Marshmallows, billigem Lambrusco und Magensäure?

Habt ihr eine Ahnung, was das kostet? Was da nur der Grundpreis ist? Ratet mal?

Wie bitte? 12.000 Euro? Ha! 24.000 Euro? Doppel-Ha!

Das fängt bei 55.000 schlappen Euro an!

Aber das ist dann ohne alles! Ohne Essen, Übernachtung und so weiter und so fort. Kommt alles noch oben drauf! Und die beiden haben natürlich Disney komplett die Planung überlassen!

Und was war das Schlimmste an all‘ diesen schlechten Nachrichten? Ich konnte mich nicht absetzen, denn ich war auch noch die Trauzeugin! Ich musst also meinen 30jährigen Geburtstag wenigstens zum Teil in fucking Disneyland Paris verbringen!

Versteht ihr jetzt, warum das eine Horror-Sendung ist?

Es half nichts. Das Jahr verging, Tag für Tag. Der Termin meiner Abfahrt nach Paris rückte immer näher. Unweigerlich würde mein grausames Schicksal seinen Lauf nehmen. Ich würde in den Zug steigen und mit dem TGV nach Paris fahren, denn ich habe tierische Flugangst.

Dann würde ich die Schnellbahn, Linie A nehmen, Endstation Disneyland und mein Zimmer im Disneyland-Hotel beziehen. Fünf Sterne. Swimmingpool, Fitnessraum, Zimmerservice, die Übernachtung für 700 Euro.

Zwei Übernachtungen waren gebucht, die Hochzeit würde sich einen ganzen, langen Samstag hinziehen, für den schon jede Minute vom Team bei Disney haargenau verplant war.

Was die Profis aber nicht planen konnten, das war die Tarifverhandlungen bei der Bahn. Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Sommer, in dem die Lokführer gestreikt haben? Wo gar nichts mehr ging? Das war in dem Jahr, als meine Schwester heiratete und ich dreißig Jahre alt wurde.

Das war genau an dem Morgen, als mein Zug NICHT nach Paris fuhr. Ich also schnell nach Hause, umgepackt und mit der S8 und meinem Koffer ab zum Flughafen. Auf dem Bahnhof hatte ich mir schnell einen Flug geklickt: Für schlappe 800 Euro, nebenbei bemerkt. Aber was tut man nicht für die Familie!

Gegen meine Flugangst hatte ich Diazepam im Gepäck und davon warf ich erst einmal eine ein. Weswegen ich den 2-Stunden-Flug komplett im Tiefschlaf verbrachte. Allerdings war eine 500er vielleicht ein bisschen viel – die Dosis war ja auch für meinen Flug nach Kalifornien gedacht. Oops!

Ich habe auf jeden Fall keine Erinnerung mehr daran, wie ich in den Shuttlebus gekommen bin. Oder dann vom Bus in mein Zimmer. Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als Cinderella mich grob wachrüttelt.

Genau genommen eine Darstellerin, die aussieht wie Cinderella aus dem Disneyfilm. Noch genauer genommen meine Schwester, die sich für ihre Hochzeit als Cinderella verkleidet hat. Ja, und Knut trägt die gleiche Fantasieuniform wie der Prinz.

Und beide sind der Meinung, ich sollte langsam wachwerden, weil sie heiraten wollen. Und weil bald die ersten Disney-Charaktere auftauchen würden. Laut dem Team bei Disney immerhin Donald und Daisy!

Also war Beeilung angesagt. Wie versprochen habe ich mich auch als Disney-Prinzessin verkleidet wie alle Brautjungfern. Ich hatte Jasmine gewählt aus „Aladdin“, weil Merida schon weg war.

Danach habe ich natürlich das gemacht, was jeder Nicht-Nerd am meiner Stelle machen würde: Ich habe mir natürlich zügig einen angetrunken!

Nach Donald und Daisy kamen noch Ahörnchen und Behörnchen und als Krönung der Veranstaltung auch Mickey und Minnie, die dem Brautpaar zu „Can you feel the Love tonight“ aus ‚König der Löwen‘ die Ringe brachten.

Rapunzel und Flynn Rider waren da, als wir zu „I See the Light“ Ballons mit Kerzen in den Nachthimmel steigen ließen. Und Susi und Strolch kamen vorbei, als meine Schwester und Knut den Hochzeitstanz zu „Bella Notte“ aus dem gleichnamigen Film tanzten.

Das war schließlich der Zeitpunkt, dass ich so betrunken war, dass ich auch gerührt war. Ich drückte der Person neben mir fest die Hand. Die Pfote. Denn diese Person war Behörnchen.

Als es dann an uns Gästen war, zu tanzen, drückte ich meinen Bauch gegen den runden Bauch von Behörnchen. Und als dann „Tale As Old As Time“ gespielt wurde, der berühmte Tanz aus „Beauty and the Beast“ legte ich meinen Kopf auf die Schulter von Behörnchen. Direkt neben den Riesenkopf.

Ich war so gerührt und betrunken und verzweifelt, dass ich dem Disney-Eichhörnchen ins Ohr flüsterte: „Ich will nach diesem Abend mit auch die Nacht mit Dir verbringen. Meine Zimmernummer ist die 124.“

Behörnchen blieb stehen. Ich wußte nicht, ob ich das als „Ja“ oder „Nein“ verstehen sollte, aber als ich das nächste Mal von der Toilette kam, war es weg.

Natürlich verbrachte ich diese Nacht alleine in meinem Zimmer mit der Nummer 124.

Ich erfuhr beim Frühstücksbüffet am nächsten Morgen, dass in diesen Kostümen praktisch ausschließlich junge Französinnen stecken. Ein Glück. Behörnchen hat also mit großer Wahrscheinlichkeit kein Wort mitbekommen, als ich es angebaggert habe!

Auf jeden Fall konnte ich es keine weitere Sekunde mehr in Kitschland aushalten und flüchtete, so schnell ich konnte.

Völlig fertig checkte ich am Flughafen ein. Die junge Frau am Schalter blickte mich sehr seltsam an. Und sie checkte noch einmal meinen Ausweis. Und blickte mich noch einmal verwundert an.

Ich blickte mich also zum ersten Mal selber an. Mir wurde klar, warum ich diese Blicke verdient hatte: Ich stand hier bauchfrei und mit Jasmines Ballonhosen vielleicht ein bisschen underdressed in der Gegend.

Nachdem ich auch diese Peinlichkeit hinter mich gebracht hatte, freute ich mich sehr, mich an Bord des Fliegers in meinem Sitz verstecken zu können. So hatte ich mir meinen 30. Geburtstag beim besten Willen nicht vorgestellt.

Beim Start kuckte ich traurig aus dem Fenster und konnte, als der Flieger eine Rechtskurve flog noch einmal Disneyland von oben bewundern. Wo sich meine Schwester mit ihren Gästen gerade amüsierte.

Ich hatte im Mund dieses seltsame Aroma aus Marshmallow, Lambrusco und Magensäure, als sie eine dicke Träne in meinen Augen bildete um voller Selbstmitleid meine Wangen herunterzurollen.

Doch dann kam eine Durchsage:

„Meine Damen und Herren! Willkommen auf dem Flug LH2230 von Paris nach München. Wie uns das Bodenpersonal mitteilte, weilt heute unter unseren Passagieren eine bekannte Persönlichkeit. Es ist Prinzessin Jasmin aus dem Zeichentrick ‚Aladdin‘ von Walt Disney!“

Alle Augen richteten sich auf mich, als die Stewardess auf mich zeigte.

„Und die Prinzessin hat heute dreißigsten Geburtstag! Das Team der Lufthansa hier an Bord und am Boden gratuliert! Wollen wir ein kleines Ständchen singen, meine Damen und Herren?“

Während alle Passagiere begeistert singen „Happy Birthday, liebe Jasmiiiin“ kommt die Stewardess mit einem Plastikbecher Champagner und einem Yes-Törtchen mit einer Kerze auf mich zu. Als ich diese ausblase, klatscht der Flug 2230 von Paris nach München.

Und jetzt rollt mir die Träne tatsächlich aus dem Auge. Allerdings aus Rührung und nicht mehr aus Trauer.

Weil es nun an meinem Geburtstag doch noch ein bisschen um mich gegangen war!


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