Diese alten Griechen!


Wenn man Texte liest, in denen die deutschen Romantiker die griechische Antike verherrlichen, dann muss man mittlerweile schon schmunzeln.

Wird da noch die Schlichtheit und Überlegenheit des weißen Marmors gepriesen, so wissen wir heute doch nur zu genau, dass die Tempel und die Statuen alle quietschebunt bepinselt waren.

Auch ansonsten bleibt nicht viel vom Glanze Atticas über, wenn man sich einmal genauer anschaut, wer diese „alten Griechen“ denn so waren. Schimpft auch jeden Fall heute der Herr Wunderlich.


Download der Episode hier.
Musik: Das Lied von der Seikilos-Stele
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung


In der Schule haben wir ja ungefähr das Folgende gelernt: Erst waren da die Steinzeitmenschen. Die haben den aufrechten Gang und das Grillen erfunden, aber waren ansonsten eher übelriechend und haben viel gerülpst und gefurzt.

Dann ließ der Mensch sich im Zweistromland nieder. Und damit ist nicht Wechsel- und Gleichstrom gemeint, sondern der Irak. Er erfand den Stuhl und wurde deswegen seßhaft. Vorher konnte er höchstens Schafe anbauen. Aber gerülpst haben die Iraker immer noch total viel.

Dann entstanden die sogenannten alten Ägypter. Die verehrten ihr Staatsoperhaupt wie einen Gott und fanden Mistkäfer, die aus Kacke Kugeln rollen konnten, ganz toll. Vielleicht weil sie selber immer nur so pieksige Pyramiden hingekriegt haben. Auch die haben bei so mancher Gelegenheit gerülpst.

Doch dann kam das Licht der Menschheit! Eine Zivilisation, die uns erst zu Menschen gemacht hat. Die kulturelle Wurzel unserer großartigen abendländischen Zivilisation!

Die alten Griechen! Sie schenkten der Welt die Musik, Statuen ohne Arme, das Versmaß, die Kultur und auch die Demokratie. Und die haben dann eigentlich fast nie gerülpst.

Unsere Heimat „Europa“ hat ihren Namen schließlich nicht umsonst von einer alten Griechin. Über deren sexuellen Vorlieben wir aber lieber nicht so gerne reden…

Nach den alten Griechen kamen dann die alten Römer, aber das war schon ein bisschen ein Niedergang. Und dann kamen die alten Germanen. Die waren eher wieder so wie die Steinzeitmenschen und haben dann das Mittelalter erfunden. Und natürlich auch das Rülpsen und Furzen wieder zur Kunst erhoben.

Dunkle Zeiten waren das. Keine Kultur weit und breit. Alle haben den ganzen Tag Bier getrunken. Kein Wunder, dass die nichma den Kölner Dom fertig gekriegt haben, diese Mittelaltler.

Dann wurde es komplett dunkel, das Mittelalter, denn dann kam die Spanische Inquisition. Und mit der hatte eigentlich keiner gerechnet. Tja, mit DEM Clip hattet ihr nicht gerechnet, stimmt’s?

Aber egal, wir waren gerade im dunklem Mittelalter. Da werden dann plötzlich Leonardo da Vinci und Michelangelo geboren. Und die machen den alten Griechen alles nach. Vor allem die Kultur und die Statuen. Aber dieses mal mit Armen.

Und weil sie total die Genies sind, auch im Marketing, nennen sie ihr Start-Up die Renaissance. Was komischerweise ein französisches Wort ist…

Na ja, waren halt Genies.

Bis nach Deutschland spricht sich das aber noch nicht so rum, was die beiden Spaghettifresser da so ausgebrütet haben. Da muss schon Goethe kommen und nach Italien reisen, bis wir die alten Griechen auch toll finden. Warum Italien, fragt ihr? War, glaube ich, mit der Postkutsche leichter zu erreichen.

Und dem Goethe haben das dann wiederum alle nachgemacht. Jeder, der Künstler werden wollte, musste vorher mindesten eine Italienreise gemacht haben und die Ruinen auf dem Forum Romanum im Schlaf zeichnen können.

Im sogenannten Klassizismus haben wir dann unsere Städte so gebaut, dass die alten Griechen voll stolz auf uns gewesen wären. Auch, wenn sie wahrscheinlich wegen des Klimas nicht solange in Berlin oder München geblieben wären.

Ihr seht also, Europas Geschichte hängt von den alten Griechen ab. Die waren die ersten, die waren cool, die hatten’s drauf! Die konnten wahrscheinlich sogar rappen!

Oder auch nicht. Wahrscheinlich eher nicht. Reimt sich ja auch eher nicht. Im Gegensatz zur Odyssee oder „Asterix bei den Olympischen Spielen.“

Es gibt also in unser allen Köpfen so ein idealistisches Bild vom antiken Griechenland. Wo Philosophen wie Sokrates oder Platon gepflegt über die Natur der Dinge debattieren.

Wo Herodot die antike Welt bereist und die Geschichtsschreibung erfindet. Archimedes bereist die Badewanne und erfindet mit der spezifischen Dichte die moderne Physik und Aristoteles kümmert sich um den ganzen Rest.

Jünglinge messen sich in der Leichtathletik in ihren Gymnasien und verschwitzte Leiber lassen im Sonnenuntergang die Muskeln spielen, wie heute höchsten Schwarzenegger in „Conan“.

Ein vergeistigtes Bild haben wir… von weißem Marmor und von großen, kühlen, säulenbewehrten Hallen. Wo, als logische Schlussfolgerung philosophischer Gedankenschärfe, die Demokratie geboren wurde.

„Ich liebe dieses Griechenland überall. Es trägt die Farbe meines Herzens.“ Meint auf jeden Fall Friedrich Hölderlin, ein Schwabe. Und Goethe, Schiller, Schopenhauer, Nietzsche, Kant und alles andere, was in Deutschland Rang und Namen hat. Ich zitiere einen anderen Schwaben:

„Der Schwäbische Albverein, den wir heute auszeichnen, ist mit einhundertsiebzehntausend Mitgliedern Deutschlands größter Wanderklub. Als Kind bin auch ich viel gewandert, mit meinem Vater. Sie wissen: Ein Mensch, der viel gewandert ist, ist nach unserer Sprache in vielen Dingen bewandert, also erfahren und sachkundig.

Auch die alten Griechen kannten diese segensreiche Wirkung des Wanderns. Die Schüler des Aristoteles, die Peripatetiker, wanderten ständig auf und ab, um zur Erkenntnis zu gelangen. Freilich gibt es auch Menschen, die können den ganzen Tag wandern, und trotzdem fällt ihnen nichts ein. Aber das sind die Ausnahmen – und die sind bestimmt nicht Mitglieder beim Schwäbischen Albverein.“ Sagte Manfred Rommel.

Äber. Na gut. Das… weicht ein bisschen vom Thema ab. Aber es ist ein guter Beleg dafür, dass auch heute noch jeder, der so tun will, als hätte er Bildung, auf die alten Griechen zurück kommt.

Die Peripatetiker sind in der Antike zum Beispiel hauptsächlich dafür bekannt, dass sie Bohnen und andere Hülsenfrüchte für unrein hielten und kindische Angst schon vor der Berührung hatten. Aber genug vom Schwäbischen Albverein…

Es gilt, sich überhaupt einmal die alten Griechen anzuschauen und sich dann zu überlegen, ob die als Vorbild so geeignet sind.

Anklagepunkt 1: Die Demokratie

Als weiser und gerechter Erfinder der Demokratie gilt bei uns ja Kleisthenes. Solons Versuch lassen wir ‚mal weg, der hat ja nicht lange gehalten. Wie hat er das gemacht, der Kleisthenes? Denn so unzufrieden waren die Athener nicht mit ihrem Archonten.

Er hat die Drecksarbeit die Spartaner erledigen lassen. Und die machten das, weil das Orakel von Delphi ihnen das so gesagt hatte. Und warum sagte das Orakel von Delphi ihnen das? Weil Kleisthenes es vorher geschmiert hatte. Bestochen. Bezahlt.

Aber lassen wir das. Wir Deutsche sind ja auch nicht selber auf die Idee gekommen mit der Demokratie. Demos übrigens das Volk und Krater ist so ein Loch, das ein Komet macht.

In Athen lebten vor Kleisthenes damals an die 250.000 Menschen. Das ist so viel wie in Kiel oder Mannheim. Klingt grenzwertig nach Großstadt. Aber im gesamten Mittelmeer-Raum lebten damals soviele Menschen wie heute in Kairo oder Karatschi oder Buenos Aires.

Und an der ersten freien, demokratischen Wahl nahmen nun alle freien Menschen teil, die vom blutigen Tyrannen befreit worden waren! Das waren dann genau… 3000 Mann.

Denn: Die eine Hälfte der Einwohner waren Sklaven. Die eine Hälfte der anderen Hälfte waren Frauen. Und dann gab es noch die Handwerker, die hatten auch keine Rechte, weil es Ausländer waren. Dann muss man noch Kinder und Greise abziehen. Bleiben also 3000 Wahlberechtigte.

So war das mit der Demokratie. War wohl eher eine Oligarchie. Leider nicht nach mir benannt. Oligoi heißt „Wenige“.

Und das mit dem Scherbengericht, darüber reden wir lieber auch nicht. Rufmord als demokratische Institution war wirklich eine tolle Idee: Sagte ein Politiker etwas Wahres und darum Unbequemes, war er – schwupp – zu zehn Jahren Landurlaub verbannt.

Darum hat das Experiment auch nicht lange gehalten. Bis halt Griechenland ein Weltreich wurde. Das übrigens ein Makedone zusammen geklaut hat.

Anklagepunkt 2: Die Sklaven

Das sich diese freien Athener ihren Müßiggang überhaupt leisten konnten, das hatten sie den Sklaven zu verdanken. Die ganze Kultur und der Sport, Spaß und Freizeit – das ging alles nur, weil die Drecksarbeit unbezahlt die Sklaven machten.

Und die waren für die alten Griechen einfach Eigentum, sonst nichts. Konnte man auch tothauen, musste man dann einfach dem Besitzer ersetzen. War auch nicht weiter schlimm, weil Sklaven meistens nicht echte Menschen waren sondern Kriegsgefangene. Heißt Ausländer. Barbaren. Keine Griechen. So wie alle, die außerhalb der eigenen Stadtmauer wohnten ungefähr.

Die alten Griechen waren also praktisch Hardcore-AfDler. Doch natürlich gilt das auch für alle anderen antiken Völker der Antike. Auch, und das muss erwähnt werden, wenn die ach so bösen Perser den Skalven einige Rechte einräumten.

Die alten Griechen haben aber noch etwas Tolles erfunden: Wenn man seine Schulden nicht mehr zahlen konnte, dann wurde man Sklave des Gläubigers. Aber das bedeutete keinesfalls, dass der Schuldner da einfach so lange arbeitete, bis die geschuldete Summe abgefront war. So wie bei den rülpsenden Germanen.

Nein, die alten Griechen regelten das anders. Der Schuldner wurde einfach auf dem Skalvenmarkt verkauft. Und wenn dabei mehr Gewinn rauskam als nur der Schuldenbetrag – umso besser für den Gläubiger! Da hatte er doch glatt einen Gewinn gemacht!

Keiner der großen griechischen Philosophen hat nur mit einer Silbe etwas gegen die Sklavenhaltung gesagt.

Anklagepunkt 3: Frauen

Eines muss man den alten Griechen lassen! Frauen, die waren bei ihnen deutlich höhergestellt als Tiere. Oder Sklaven. Na ja, übertreiben wir lieber nicht. Ein bisschen höher gestellt als Sklaven oder Tiere.

Die wurden mit 13, 14 Jahren zwangsverheiratet an zehn Jahre ältere Männer. Die Wahl hatten sie dabei nicht. Eine Ehe hatte ja schließlich eh‘ nichts mit Liebe zu tun. Sex hatte der freie Grieche hauptsächlich mit seinen Hetären oder anderen Jungs. Trotzdem war es der Job der Hausherrin, Kinder zu gebären.

Abgesehen davon hatte die besser gestellte Frau das Haus tunlichst nicht zu verlassen, denn eine Frau, die außerhalb arbeiten musste, war wohl arm und musste schuften.

Männer konnten sich ohne Angabe von Gründen jederzeit scheiden lassen. Die Tatsache, dass das nicht öfter vorkam ist wohl nur dem Gesetz geschuldet, dass der Göttergatte dann dem Familie des Vaters die Mitgift rückerstatten musste.

Frauen konnten sich eigentlich nur dann scheiden lassen, wenn die häusliche Gewalt so arg war, dass zu befürchten war, sie würde das nicht überleben.

Frauen galten, besonders in Athen, nicht einmal dann als hübsch, wenn sie hübsch waren. Das Schönheitsideal war: Der durchtrainierte, junge, männliche Körper. Die Werbelandschaft heute würde ganz anders aussehen, wenn in unserer Kultur nicht noch die Germanen dazwischen gekommen wären.

Diese besondere griechische Mysogynie, Frauenfeindlichkeit, ist übrigens auch für die damalige Zeit besonders stark ausgeprägt. Die Perser zum Beispiel, die wir wegen der Geschichtsschreibung aus griechischen Quellen für dekadent und brutal halten, die waren da ganz anders.

Frauen hatten da Rechte, konnten Besitz erwerben, Handel treiben und eigentlich jeden Beruf ausüben, der denkbar ist. Außer Staatsoberhaupt. Aber immerhin.

Bezahlung und Lohn wurden nach Leistung bezahlt und dabei trennte man nicht zwischen Frauen und Männern.

In Griechenland dagegen war eine Frau eigentlich Eigentum. Gerade eine Stufe über den Sklaven.

Keiner der großen griechischen Philosophen hat nur mit einer Silbe etwas für die Rechte der Frauen gesagt.

Anklagepunkt 4: Das Symposion

Ein Symposium ist heute ein Treffen von Wissenschaftlern, die dabei schlaue Dinge besprechen. Bei Kaffee und Tee meistens. Und Café Musica.

Es ist also etwas gaaanz anderes als bei den alten Griechen. Also, sagen die Wissenschaftler zumindest, die ich kenne. Aber… Wer weiß, was da hinter verschlossenen Türen…

Symposion bei den alten Griechen ist das, was man sehr gut mit „gepflegtes Besäufnis“ bezeichnen könnte. Das meine ich ohne alle Ironie. Das genau ist es.

Am frühen Abend kommen die Gäste. Alles Männer. Wenn man von den Hetären absieht. Manchmal nahm so ein alter Grieche auch seine Sexpartnerin mit, um sie am Abend an andere Männer auszuleihen.

Die ankommenden Gäste werden dann erst einmal gewaschen und eingeölt. Mit Düften bespritzt und mit Laubkränzen geschmückt. In feinem Leinen liegt man dann zu Tafel und speist, was die Tierwelt Griechenlands so hergibt.

Und trinkt dazu Wein aus ganz flachen Schüsseln mit kleinen Henkelchen. Kylix heißen die. Klingt gallisch, ist aber griechisch.

Dazu diskutiert man dann über Politik und Philosophie. Und macht gar niedliche Spiele. Ein Teilnehmer wird für den Abend zum Leiter bestimmt. Das war kein beliebter Job, denn eine ungeschriebene Regel besagte, der musste gefälligst so nüchtern bleiben, das er aus eigener Kraft nach Hause findet. Was im Umkehrschluss bedeutet…

Ein Spiel bestand darin, die Weinreste im Schälchen aus möglichst großer Entfernung in eine Amphore zu schießen. Durch den ganzen Raum. Heißt Kottabos. Und natürlich trifft man nicht immer. Vor allem trifft man mit immer mehr Alkohol auch immer weniger. Aber: Es hat ja Sklaven.

Während des Saufens geht ein Skolion um. Skolios heißt „krumm, tückisch“. Und das beschreibt ein Lied. Wie das wohl klingt, kann man sich vorstellen bei diesem Namen.

Ein Myrtenzweig machte die Runde und wer ihn abbekam, musste auf der Lyra ein Lied zum Besten geben. „Als Beitrag zur geistigen Auseinandersetzung“ sagt Wikipedia höflich.

Aber auch hier kann man sich vorstellen, dass die Qualität im Laufe des Abend eher litt. Wir machen uns kein verzerrtes Bild, wenn wir uns zu später Stunde einen Haufen alter griechischer Männer vorstellen, die sich gegenseitig Schweinekram vorsingen.

Wenn sich nicht dabei waren, zu fressen, zu saufen oder zu ficken.
Sorry. Habe mich im Tonfall vergriffen. Andere Zeiten, andere Sitten.

Fazit: Die alten Griechen waren jetzt auch nicht sooo toll. Es war eben auch nicht alles weißer Marmor, was da so glänzt. Vor allem, seit wir beweisen können, dass die ganzen Statuen ohne Arme in Wirklichkeit quietschebunt angemalt waren.

Das war eigentlich schon alles. Und ich möchte den heutigen Rant mit den Worten des berühmten Germanenhäuptlings Modorok beenden. Das ist germanisch und bedeutet „Der, welcher mutig die Stimme erhebt“.

Der antwortete, als er gefragt wurde, wie er die zivilisatorischen Errungenschaften der Griechen speziell zur Zeit des Perikles denn einschätzen würde…