Die Werfel-Frauen



Es ist sicher keine Leichtigkeit, wenn man Geister sehen kann, wie die Erzählerin in unserer heutigen Geschichte.
Vor allem nicht, wenn der Geist, der einen täglich besucht, der vom eigenen Mann ist. Doch die Werfel-Frauen haben da so ihre Tricks!


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Nothing Helps“ von SADME / CC BY-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

In der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, sagt man: „Die Werfel-Frauen sind anders. Ein bisschen komisch. Die haben eine übernatürliche Seite.“

Eine Konsequenz dieser Gerüchte ist, dass Werfel-Frauen seit Jahrhunderten hysterisch versuchen, normal zu erscheinen. Normaler als die Normalsten, Die Durchschnittlichsten des Durchschnitts. Queens of graue Maus.

Natürlich erzähle ich niemandem, dass ich Geister sehen kann, obwohl ich das schon immer konnte. Genau wie meine Schwester, meine Mutter oder meine Großmutter. Das können wir Werfel-Frauen halt.

Ich war noch nicht einmal in der Schule, als ich das erste Mal einen Geist gesehen habe. Meine Mutter und ich waren auf dem Weg zum Kramerladen, sie hielt mich an der Hand, da sah ich den halben Mann, der weinte.

Er schluchzte laut und die Tränen liefen ihm vom Gesicht wie Sturzbäche und er glotzte mit entzündeten Augen um sich, auf der Suche nach Jemandem, der ihn sehen konnte.

Meine Mutter bemerkte, dass ich stehengeblieben war. Sie riss mich herum, bückte sich zu mir runter und zischte mir ins Gesicht: „Zeig‘ ihm nicht, dass Du ihn sehen kannst! Du darfst ihnen niemals zeigen, dass Du sie sehen kannst! Niemals! Verstehst Du mich!“

Ich verstand. Mir war auch ohne Erklärung klar, dass dieser heulende Mann ein Geist war. Unterhalb seiner Rippen war nichts zu sehen, er war ein halber Mensch, ein halber Geist; wie er da wahnsinnig durch den Ort schwebte.

„Wenn die Geister bemerken, dass Du sie sehen kannst, hast Du nie mehr eine ruhige Minute. Sie werden Dich belagern und Dich volljammern, wo immer Du bist. Du wirst nie mehr ruhig schlafen können und früher später durchdrehen. Das ist vielen Werfel-Frauen schon widerfahren!“

„Du darfst kein Mitleid haben mit den Geistern! Klar, die haben schlimme Dinge erlebt, aber dafür sind sie auch tot. Sie haben keinen Platz mehr auf der Erde unter uns Normalsterblichen. Sie müssen gehen, egal wie viel Angst sie haben!“

„Wenn Du mit Ihnen redest, dann verlängerst Du ihr Leid unnötig! Sie sind nur hier, weil sie sich an ihrem Schmerz festhalten. Sie spüren lieber diesen Schmerz, als endlich erlöst zu werden. Sie wollen ihr Leben nicht loslassen!“

„Und nicht loslassen ist der größte Fehler, den man machen kann. Wenn Geister nicht gehen wollen, dann macht der Schmerz sie wahnsinnig und böse. Und die Menschen, die zu so einem Geist gehören, letztlich auch!“

„Im Namen der Geister und im Namen der Sterblichen darfst Du nicht mit den Geistern reden. Wenn Du das tust, dann nimmst Du ihnen die Erlösung. Verstehst Du das?“

Es klingt komisch, aber ich habe das mit fünf Jahren sofort kapiert. Es ist so einfach und einleuchtend, wenn man Geister sehen kann. Wie die Schwertkraft, einfach ein Naturgesetz. Man sieht ja, dass es Geistern nicht gut geht.

Also habe ich mich mein ganzes Leben an diese Regel gehalten. Ich habe akzeptiert, dass ich Geister sehen kann, aber ich habe sie ignoriert. Das ist nicht immer leicht, denn manche sind ein schlimmer Anblick. Auch wenn es nur Geister sind, heißt das nicht, dass sie nach dem Tod nicht verrotten. Aber lassen wir das.

Dann kam es zu diesem Unfall, der mein Leben auf den Kopf stellte. Es war in einer Winternacht, als es an der Tür klingelte und ein Polizist mich mit traurigen Augen anblickte. Er musste nichts sagen, ich wusste sofort, was geschehen war.

Mein Mann war länger in der Arbeit gewesen: Die Web-Plattform, die seine Firma für einen wichtigen Kunden entwickelt hatte, sollte am nächsten Tag Premiere haben. Wenn er in der Firma geblieben wäre und, wie alle anderen, auch durchgearbeitet hätten, dann wäre ich nicht verwundert gewesen.

Auf jeden Fall kam ihm auf dem Heimweg auf seiner Spur ein junger Mann mit seinem BMW entgegen und die beiden knallten wegen der glatten Fahrbahn ungebremst aufeinander. Unser alter Fiat konnte meinen Mann da nicht vor viel bewahren.

Das sah ich ihm an, als er im Morgengrauen nach Hause kam. Der Oberkörper war hässlich zerdrückt und der rechte Arm war abgerissen; den trug er unter dem linken mit sich herum.

Als sein Geist das erste Mal nach Hause kam, da hätte mich das Mitleid beinahe zerrissen. Er sah so überrascht und so verblüfft und so traurig aus – wie ein Kleinkind, das im Sandkasten zum ersten Mal eine Schaufel über den Kopf gezogen bekommen hat.

Ich saß auf der Couch und hielt mir mit beiden Händen den Mund zu, um nicht zu schreien, als sich Sebastian mir näherte und mich ansprach:

„Schatz, was ist los? Mir ist so kalt und mein Arm ist ab. Ich kann Dich nicht richtig sehen und ich kann Dich überhaupt nicht mehr riechen! Was ist passiert? Kannst Du mir helfen?“

Ich stierte auf das Dali-Poster über’m Esszimmertisch. „Stolz, Leidenschaft und Liebe“ hieß das Werk, Sebastian ist besessen von den Surrealisten. Man sieht eine Frau in den Armen des Gottes Apollon. Der steht in Rüstung da, den Speer wurfbereit; er scheint auf einen fernen Horizont zu blicken.

Ich blickte durch Sebastians Geist hindurch, bis er sich vor mir aufbaute und mich anschrie in seiner Verzweiflung:

„Ich weiß, dass Du mich hören kannst! Hilf mir bitte, ich bin so alleine, ich spüre nichts mehr! Ich will wieder zu Dir nach Hause! Hilf mir!“

Ich starrte auf den Kopf von Apollon auf dem Poster. Der Gott der Weisheit hatte keine Augen, keine Nase und keinen Mund. Und ich starrte um mein Leben. Um meine geistige Gesundheit.

Es waren die schlimmsten Stunden meines Lebens. Ich hätte ihm so gerne geholfen. Er tat mir so unendlich leid. So leid, wie mir noch nie ein Geist leid getan hatte.

Und ich tat mir selber so unendlich leid, weil ich nie wieder mit ihm reden konnte, ihn nie wieder in meinen Armen halten konnte, ihn nie wieder lachen hören würde, wir nie wieder Liebe machen würden.

Aber ich durfte ihn nicht hören oder sehen. Er durfte hier, in seiner Heimat, keine Heimat mehr haben. Er durfte in seinem Zuhause nicht mehr zuhause sein.

Die arme Seele! Aus dem Leben gerissen und ohne Heimat, weder in diesem Leben noch im anderen. Nicht in der Lage, die Erlösung anzunehmen, die im Tod verborgen ist!

Ich versuchte das so lange auszuhalten, wie ich nur konnte. Aber nach ein paar Tagen konnte ich nicht mehr. Ich floh zu meiner Mutter, dem einzigen Menschen, mit dem ich über Sebastians Geist reden konnte.

Irgendwo musste Platz sein für meine eigene Trauer. Ich war ja schließlich noch am Leben. Gut so. Ich kannte ja die Geister der Selbstmörder.

Gab es den keinen Weg, ihm zu helfen? Konnte ich ihm nicht den Abschied leichter machen? Konnte ich ihm nicht in die Erlösung helfen?

„Es gibt da schon eine Methode. Aber die ist sehr gefährlich“, meinte meine Mutter.

„Welche Methode? Ich bin bereit, alles zu tun für Sebastian!“, sagte ich.

„Du kannst mit ihm reden, als ob Du nicht wüsstest, dass er da ist.“

„Warum sollte ich mit ihm reden, wenn er nicht da ist? Das ist ja unlogisch!“

„So machen das Menschen, die keine Geister sehen können, manchmal. Wenn sie sich nicht von jemandem trennen können, dann reden sie mit ihm, als wäre er noch da.“

„So wie Rocky, der immer ans Grab von Adrianne geht, um mit ihr zu reden?“

„Keine Ahnung. Wer ist denn Rocky? Kenne ich den? Jemand aus dem Dorf?“

Meine Mutter hatte recht! So würde ich ihm helfen können, ohne ihn hier festzuhalten. Also kehrte ich nach ein paar Tagen wieder nach Hause zurück.

Ich öffnete die Haustüre, als wäre es ein ganz normaler Tag. Ich sah ihn im Flur stehen und ging durch ihn hindurch, als wäre er Luft. War er ja auch.

Ich schlurfte am Esstisch vorbei und ließ den Mantel fallen, warf mich auf die Couch und schüttelte die Schuhe vom Fuß.

„Ach, Sebastian. Du fehlst mir so sehr!“, sagte ich und schaute durch ihn hindurch, „ich würde mir so sehr wünschen, Du wärst da und könntest mich hören!“

„Aber ich bin doch da! Ich höre Dich!“

„Aber Du bist tot und hörst mich nicht, so sehr ich das auch möchte!“

„Doch! Ich höre Dich!“

„Sebastian, ich fühle mich so einsam, seit Du gestorben bist, es zerreißt mich innerlich. Alles in meinem Leben erinnert mich an Dich. Hier, in unserer Wohnung steckst Du in jedem Gegenstand, den ich betrachte.

Es ist, als wäre an alles ein Zettelchen geheftet, auf dem steht: ‚Property of Sebastian. Never forget!‘ Ich traue mich nicht, irgendetwas anzufassen – ich habe nicht einmal mehr die Schmutzwäsche gewaschen! Die liegt immer noch da, wo Du sie hingeworfen hast.“

„Ich bin auch so einsam, meine Kleine! Und ich muss mit Dir reden, um Dir zu sagen, wie sehr ich Dich geliebt habe! Du musst das wissen, wie sehr Du geliebt wurdest! Vorher kann ich nicht gehen!“

„Aber auch, wenn unsere Beziehung etwas ganz Besonderes war und immer bleiben wird, werde ich irgendwann nicht mehr jeden Tag jede Minute an Dich denken. Leider kannst Du mich nicht hören, mein Geliebter. Sonst könnte ich Dir sagen, wie sehr ich Dich geliebt habe. Wie schön es war, jemanden zu haben, der genau so verrückt war wie ich selber. Ich hatte den Eindruck, Du würdest immer zu mir halten, was auch kommen würde. Ich wusste immer, in meinem Innersten, dass Du mich auch lieb gehabt hast!“

„Nein, ich hab‘ Dich nicht lieb gehabt!“

„Wenn Du jetzt hier wärst, dann würdest Du sagen: Lieb haben? Nein, ich hab‘ Dich nicht lieb! Sondern ich liebe Dich!“

„Ja. Genau. Ich liebe Dich.“

„Sebastian, wenn Du mich hören könntest, dann würde ich Dir sagen: ‚Vielen, vielen Dank, geliebter Mensch! Es war wunderschön! Ich werde keine Sekunde vergessen. Aber nun ist es leider vorbei. Es bricht mir das Herz, aber das Leben geht weiter und wartet nicht auf uns beide.‘ Das würde ich dann sagen. Ich würde Dir sagen, dass Du weitergehen musst. Das auf Dich die Erlösung wartet und ich mir das so arg für Dich wünsche. Dass Du endlich Deinen Kopf hinlegen kannst und Dich ausruhen darfst. Das würde ich mir so sehr wünschen.“

Während ich das zu ihm sagte, bemerkte ich, wie sein Geist verblasste, dass es schon viel leichter geworden war, durch ihn hindurch zu kucken.

„Lieber Sebastian. Ich werde mein Leben jetzt weiterleben. Erst werde ich Deine Schmutzwäsche waschen und dann Deine Sachen aus dem Schrank räumen und erst einmal im Keller verstecken. Und dann werde ich Stück für Stück alles austauschen, bis nirgends mehr ein Anhänger mit ‚Property of Sebastian‘ ist.

Denn das macht mir das Leben leichter. Aber das bedeutet nicht, dass meine Liebe deswegen erloschen wäre.“

„Das verstehe ich genau! Leb‘ wohl, mein Engel!“

Sagte der Geist von Sebastian und war weg. Einfach gegangen.

Jetzt erst brach ich zusammen und hörte die nächsten Tage nicht mehr auf zu weinen. Weil ich mich so schämte, ihn angelogen zu haben.

Und dann, weil ich mich schämte, mich angelogen zu haben. Denn ich wollte Sebastians Geist gar nicht wirklich loswerden. Ich war es, die ihn festgehalten hatte! Ich wollte nicht ohne ihn leben. Aber das habe ich erst gemerkt, als er für immer von mir gegangen war.

Ich habe mir eine Wohnung in einer anderen Kleinstadt gemietet. Wo noch niemand von den Werfel-Frauen gehört hat. Ich werde ein bisschen arbeiten an meinem Image. Von wegen „Queen of graue Maus“ und so…