Die weiblichen Computer

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Eine der ersten modernen Astronomen war ein Computer. Und zwar Williamina Fleming, die nicht nur Hausmädchen war, sondern auch die Person, die als erste einen weißen Zwerg beschrieben hat.

Sie war Kopf der „Harvard Computers“, einer Gruppe von findigen Astronominnen, die an der Bostoner Universität für die heftigeren mathematischen Arbeiten zuständig waren.

Bis 2015 war ihre Pionierarbeit vergessen, aber wir haben heute Williamina im Interview, die ein paar Dinge geraderücken wird!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Horsehead Nebula“ von Konstantinos Delioglou / CC BY-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Nein, die Stadt heißt Dundee! Das ist ein wichtiges Detail. Dundee ist immerhin eine der vier größten Städte in Schottland. Adam Duncan kommt aus Dundee, kennen Sie den?

Nicht? Berühmter Admiral? Hat 1797 die Holländer besiegt? Nicht? In Dundee kannte den jeder. Zumindest damals, als ich geboren wurde. War aber sechzig Jahre später.

Mein Vater schnitzte und vergoldete Bilderrahmen oder Möbel. Wir waren sicher nicht wohlhabend, das kann man nicht behaupten, aber es gab natürlich viele Handwerker, die viel, viel schlechter dastanden.

Trotzdem war es wichtig, einen guten Deal abzuschließen mit meiner Hochzeit. Denn eine junge Frau zu verheiraten war keine leichte Sache. Meine Eltern waren bald etwas verzweifelt, denn sie fanden keine aussichtsreichen Kandidaten für mich. Keinen, der mich wollte.

Meine Mutter gab mir die strikte Anweisung, auf jeden Fall den Mund zu halten, wenn wieder ein Kandidat vorstellig wurde! Keiner sollte ahnen, dass ich einen eigenen Kopf hatte. Und wahrscheinlich auch nicht dümmer war.

1877 hatten sie dann jemanden gefunden, dem es nichts ausmachte, dass ich „vorlaut“ war. So nannte man Frauen, die den Mund aufmachten damals.

James Fleming war Buchhalter und somit eigentlich einer der Gewinner der industriellen Revolution. Abgesehen davon war er aber auch ein Witwer und nicht gerade jung. Er hatte seine Frau und mehrere Kinder verloren, wollte aber nicht alleine leben. Also nahm er mich. Besser als nichts.

Ich verdiente mir ein paar Groschen hinzu, indem ich in unserer Wohnung Kinder unterrichtete, aber schon nach einem Jahr packten wir die Koffer.

James hatte ein Angebot aus der Neuen Welt, dass er nicht ablehnen konnte. Also stiegen wir 1878 an Bord eines Schiffs, das uns nach Boston bringen sollte.

Ich litt die zwei Wochen der Überfahrt wirklich sehr unter der Seekrankheit. Wer mich suchte, der konnte mich an der Reling finden. Wie ich geschwächt in die Wellen starre und mir überlege, warum der Organismus feste Nahrung braucht.

Ein Teil der Übelkeit war aber anderen Umständen geschuldet, wenn Sie wissen, was ich meine.

James wurde sehr blass, als ich ihm verkündigte, ich wäre schwanger!

Ich möchte ihm zu Gute halten, dass er vielleicht zu viel Angst hatte, wieder eine Familie zu verlieren und wieder allein dazustehen.

Aber mich und das Baby einfach sitzen zu lassen, war natürlich trotzdem nicht zu entschuldigen. Man muss sich das einmal vorstellen: Da stand ich mitten in einer fremden Stadt, in einem fremden Land, alleine mit einem Baby im Arm. Kein Einkommen, kein Vermögen, kein Auskommen, keine Wohnung!

Der Herr, der alles geschaffen hat, hatte aber ein Auge auf uns und er schickte mich in das wunderschöne Haus von Professor Edward Pickering und seiner lieben Frau Lizzie. Die beiden stellten mich als Hausmädchen an und mein Sohn und ich waren erst einmal gerettet.

Schon aus reiner Dankbarkeit tat ich mein Möglichstes, um mit Lizzie einen beispielhaften Haushalt zu schmeißen und ich möchte behaupten, wir wurden beinahe so etwas wie Freundinnen.

Auf jeden Fall führten wir den ganzen Tag über faszinierende Unterhaltungen, wann immer wir auch nur fünf Minuten dazwischen quetschen konnten. Lizzie war die Tochter des ersten wichtigen Historikers in Harvard und hatte sich selber, nebenbei zur Botanikerin und Landschaftsarchitektin ausgebildet. Ich selber war mehr den Naturwissenschaften zugetan und interessierte mich besonders für Physik und Astronomie.

Edward Pickering hielt zwar Frauen generell für geistig minderbemittelt, aber er war immerhin so modern, dass er sich manchmal unseren leidenschaftlichen Diskussionen anschloss.

Er war in Harvard für das brandneue Observatorium zuständig und hatte mit seinem Bruder eine faszinierende Methode der Beobachtung des Nachthimmels entwickelt. Basierend auf der Technik der Fotografie belichtete man an der Universität buchdeckelgroße Glasplatten mit teleskopischen Aufnahmen des Himmels.

So ein Objektiv ist deutlich empfindlicher als das menschliche Auge und kann auch den ultravioletten Anteil des Lichts darstellen. Mit Belichtungszeiten von mehreren Stunden konnte man auch sehr weit entfernte oder lichtarme Sterne aufzeichnen.

Sie gähnen? Langweile ich Sie mit meiner Erzählung? Damit müssen Sie sich aber jetzt abfinden, denn das ist erst der Anfang meiner wissenschaftlichen Karriere. Es wird noch viel trockener. Keine Drachen und Prinzen in der Geschichte dieser Prinzessin, tut mir leid!

Es begab sich also im Observatorium in Harvard, dass schneller Glasplatten des Nachthimmels fotografiert wurden, als die versammelte Studentenschaft diese auswerten konnte.

Um die Belichtungen korrekt zu bewerten, bedurfte es großer Geduld, einer gewissen Akribie und mathematische Kenntnisse. Keine Tätigkeit, die sich die jungen Söhne der reichsten Amerikaner so als Traumjob ausgemalt hatten.

Statt stundenlang konzentriert zu messen und zu berechnen, wollten diese lieber die Physik neu erfinden. Ein Perpetuum mobile erfinden vielleicht oder eine Flugmaschine bauen oder ein U-Boot mit Dampfantrieb! Oder, viel banaler: In Ruhe ihren Rausch ausschlafen.

Die Ergebnisse der Studenten waren also ausgesprochen mittelmäßig. Und jeder, der Mathematik betreibt, weiß, dass es das in diesem Feld nicht gibt. Eine Berechnung ist entweder falsch oder richtig, da ist kein Platz für Mittelmäßigkeit.

Wer auf den drei- bis vierseitigen Algorithmen eine Berechnung versaute, der hatte die ganze Arbeit umsonst gemacht.

Man muss also den Professor verstehen, wenn er manchmal aus der Haut fuhr. Wiederholt hat er seinen Studenten ihre Berechnungen um die Ohren gehauen mit den Worten: „Da rechnet ja mein schottisches Hausmädchen besser als Sie!“

Eines Tages muss die Situation an der Universität eskaliert sein. Edward war wohl wieder fuchsteufelswild geworden, weil die Ergebnisse so lange auf sich warten ließen und so oft so falsch waren.

Er hatte also ein Veitstänzchen aufgeführt und seinen Fluch geflucht: „„Das berechnet ja mein schottisches Hausmädchen besser als Sie!“

Der so geschmähte Student aber fasste sich ein Herz und rief: „Na, dann holen Sie doch ihr blödes Hausmädchen und lassen Sie mich in Frieden!“

Da stand also der wütende Professor vor seinem schnöseligen Schüler und wusste nicht, was tun. Also tat er einfach wie geheißen!

Er verließ die Universität, fuhr nach Hause, setzte mich in die Droschke und eine Stunde später saß ich im Vorlesungssaal und berechnete vor den Studenten einen Stern, seine Klassifikation, seine Bahn und seine Größe. Fehlerfrei.

So. Ja, so wie Sie haben die Studenten auch geschaut. Dabei ist das nur eine Frage der mathematischen Disziplin. Man muss einen Willen zur Genauigkeit haben, denn es geht beim Messen um Bruchteile von Millimetern auf der belichteten Glasplatte, sonst bekommt man kein gutes Ergebnis.

Das blöde Hausmädchen aus Schottland wurde binnen eines Jahres akkreditiertes Mitglied des Harvard College Observatory und gründete die sogenannten Harvard Computers.

Das waren außer mir Annie Jump Cannon, Henrietta Swan Leavitt, Antonia Maury und im Laufe der Jahre noch über siebzig andere Frauen. Es stellte sich heraus, dass Frauen nicht minder bemittelt sondern ausgesprochen gut darin waren, komplexe Berechnungen durchzuführen.

Wir wissen heute, dass die ersten Computer der Welt von Frauen bedient wurden. Was aber wenige Menschen wissen, ist: Die ersten Computer der Welt waren Frauen!

Und ich bitte Sie sehr, dass nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich sehe ihr süffisantes Lächeln durchaus. Was wir geleistet haben, ist ernsthafte wissenschaftliche Arbeit!

Annie, Edward und ich haben ein Klassifikationssystem für Sterne entwickelt, das heute noch Verwendung findet. Wir haben den ersten allgemein gültigen Katalog für Sterne entwickelt, den Henry-Draper-Katalog, der die Grundlage der modernen Astronomie wurde.

Sie können ja gerne einmal auf ihrem seltsamen Taschencomputer nachschauen, wer welche astronomischen Phänomene entdeckt hat. Ich persönlich habe nicht nur 60 ganze Sternensysteme beschrieben oder zehn Supernovae oder über 300 bewegliche Sonnen im Universum, sondern ich bin auch die Entdeckerin der weißen Zwerge.

Der erste Mensch, der einen weißen Zwerg gesehen und beschrieben hat, bin ich. Williamina Paton Stevens Fleming, geboren 1857 in Dundee, Schottland.

Und diese Arbeit habe ich auch veröffentlicht, die Welt wollte bloß vergessen, dass am Anfang der modernen Astronomie menschliche Computer standen. Menschliche Computer, die allesamt Frauen waren!

Und ich war die Chefin der Computer.

Besonders stolz bin ich darauf, dass der Fleming-Krater auf dem Mond nach mir heißt. Ja, können Sie auch nachschauen. Der Fleming-Krater heißt nach mir und nicht nach Alexander Fleming, der übrigens auch aus Schottland kommt.

Ich denke, die „Harvard Computers“ haben zwanzig Jahre vor den ersten Suffragetten klar belegt, dass Frauen nicht minderwertig sind. Ich habe schon 1893 darauf hingewiesen, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht biologisch zu begründen sind, sondern mehrheitlich kulturell. Können Sie auch noch nachkucken, wenn Sie das wollen.

Ich selber bin leider schon 1911 gestorben und wurde nur 54 Jahre alt. Meine Gönnerin und Freundin, Lizzie war da schon, nach langer Krankheit, zwei Jahre tot.

Edward starb 1919, er wurde 72 Jahre alt. Annie war da noch ein bisschen besser, sie wurde 77 Jahre alt, aber die älteste Computer war Antonia. Die hätten Sie noch 1952 interviewen können, da war sie 85 und noch geistig rege. Aber wir haben ja damals keinen interessiert.

Zwischendurch wolltet ihr ja die Frauen in den Naturwissenschaften ganz vergessen, oder? Wenn nicht Lindsay Smith-Zrull 2015 die Notizbücher aller Harvard Computer zufällig gefunden hätte, dann wären wir nur eine winzige Randnotiz.

Aber merkt euch das: In der Wissenschaft gibt es nicht nur Marie Curie! Die Hälfte der wissenschaftlichen Arbeit wurde und wird von Frauen gemacht, auch wenn am Ende ein Mann oben auf dem Paper steht!

So. Das war wohl genug für so eine Sendung, oder?

Sachliche biografische Information, emotionale Charakterdarstellung, Verknüpfung mit der heutigen Erlebniswelt der Hörenden und das alles unter 1700 Wörtern. So sollte das wohl sein, wenn man die vorhandenen 427 Sendungen einer schnellen mathematischen Analyse unterwirft.

Denn, sehen Sie: So einen Podcast könnte ein schottisches Hausmädchen wahrscheinlich auch, oder?


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