Die vergessene Kennedy



Die Geschichtsschreibung, die uns Babyboomern vermittelt wurde, ist bei einem Präsidenten besonders begeisterungsfähig. Nämlich bei John F. Kennedy. Sein Tod hat auf jeden Fall in Amerika ein ähnliches Trauma ausgelöst wie Vietnam oder 9/11.

Vieles ist über den Clan der Kennedys geschrieben worden und besonders viel über John, Bob, Joe und Ted – die männlichen Erben des Kennedy-Empires. Wenig wissen wir über die Töchter von Rose und Joseph Kennedy.

Und von einer Kennedy wissen wir gar nichts. Eine Kennedy wurde bis in die Nullerjahre systematisch tot geschwiegen. Erfährt der neugierige kleine Reporter in unserer heutigen Geschichte.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: JOHN KENNEDY CAMPAIGN SONG


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Skript zur Sendung

HW: Frau Kennedy, hallo?
FA: Wer ist da?
HW: Frau Kennedy, ich bin…
FA: Sind Sie neu hier? Ich kenne Sie nicht!
HW: Ich bin eigentlich kein Pfleger, Frau Kennedy. Ich bin Journalist.
FA: Sie haben sich nur verkleidet?
HW: Ja. Frau Kennedy, sind Sie heute in der Verfassung für unser Interview? Es wird auch nicht lange dauern, versprochen. In nicht einmal 20 Minuten kommt der echte Pfleger und dann muss ich weg sein.

(Pause)

HW: Frau Kennedy?
FA: Nennen Sie mich Rose.
HW: Gut, Frau Kennedy. Also Rose.
FA: Und wie heißen Sie?
HW: Ich bin Bill. Nennen Sie mich einfach Bill.
FA: Also, Bill. Was wollen Sie von einer alten, umnachteten Frau wissen?

HW: Rose, sind Sie wirklich, wie alle sagen, umnachtet?
FA: Nun, ich habe offizeill einen schweren Schlaganfall gehabt. Und seitdem…
HW: Rose, hören Sie mich?
FA: Schon. Was für ein Tag ist heute?
HW: Heute ist Donnerstag.
FA: Donnerstag. Aha. Und welches Jahr haben wir?
HW: 1994. Wir haben das Jahr 1994.

FA: Dann ist mein Schlaganfall 10 Jahre her. Und seitdem liege ich hier.
HW: Und sind Sie geistig umnachtet?
FA: Das sagt man da draussen, oder?
HW: So heißt es. Sagt auf jeden Fall ihr Sohn Edward.
FA: Ah. Dann lebt Ted noch?

HW: Ja, Ma’am. Durchaus. Er stellt sich nicht mehr auf jedes Podium. Aber er ist ein wichtiger Politiker der Demokraten.
FA: Und wie geht’s Kara, Edward Jr. und Patrick?
HW: Sie meinen seine Kinder aus erster Ehe?
FA: Hat er denn noch andere?
HW: Nein. Das heißt, nicht, dass ich wüsste.

FA: Dann ist es ja gut. Wie geht es meinen Enkeln?
HW: Denn dreien geht es prima, Ma’am.
FA: Sie sollten mich doch Rose nennen.
HW: Rose, Sie machen auf mich nicht den Eindruck, geistig umnachtet zu sein. Warum sperrt ihre Familie sie hier weg? Warum gibt es das Gerücht, Sie wären geistig umnachtet?

FA: Ach das? Das ist alte Familientradition, wissen Sie? Das machen die Kennedys so. Alles unter den Teppich kehren.
HW: Rose, glauben Sie an den Kennedy-Fluch?
FA: Der Kennedy-Fluch? Was soll das sein?
HW: Na, die Tatsache, dass Sie vier ihrer Kinder verloren haben und vier Enkel auch schon überlebt. Das ist ein überdurchschnittlicher Blutzoll. Finden auf jeden Fall viele Menschen da draussen.

FA: Ja, das ist eine Tragödie. Eine sehr traurige Sache ist das. Ich hätte nicht gedacht, dass der Herrgott solche Pläne mit mir hat. Wissen Sie, was ich mir manchmal denke? So im geheimen?
HW: Natürlich nicht.
FA: Ich denke mir: Das nehme ich Dir übel! Du herzloser Gott! Ich nehme Dir Joe übel und John verzeihe ich Dir nicht und auch nicht Kathleen und auch nicht Bob. Ich nehme Dir übel, mich mit Joseph verheiratet zu haben. Und am meisten hasse ich Dich für Rosemary!
HW: Das sind ungewöhnlich Gedanken für eine gläubige Katholikin!
FA: Das sind ganz normale Gedanken für eine Mutter. Bin ich etwa Hiob? Soll ich das alles hinnehmen?

HW: Moment! Rosemary? Welche Rosemary denn?
FA: Rosemary. Mein Baby. Mein Baby Rosemary. Meine Rosemary ist tot und mein Mann, Joseph, hat sie getötet.
HW: Frau Kennedy…
FA: Rose.
HW: Rose, ich habe mich wirklich mit den Kennedys beschäftigt. Aber eine Rosemary, von der habe ich nie etwas gelesen.
FA: Rosemary ist lange tot, weil Joseph sie getötet hat. Denn er schämte er sich für seine Tochter sein ganzes Leben lang. Dabei war sie ein Geschenk Gottes. Nach den zwei Söhnen. Ein Geschenk an mich.

HW: Rosemary war dann wohl ihr drittes Kind…
FA: Ja, mein drittes Kind. Und endlich ein Mädchen! (lacht) Für Joe und John war ja die Zukunft schon festgelegt. Mein Mann war vom Ehrgeiz zerfressen. Beide sollten zumindest Präsidenten werden. Die Kennedys waren berufen, sagte er. Die Kennedys werden die Welt heilen!

HW: Das ist… kein kleiner Anspruch.
FA: Nein, die armen Jungs kamen mit dieser Last auf den Schultern schon auf die Welt. Und für John war es noch schlimmer, als Joe im Krieg abgeschossen wurde. Denn nun war er alleine zum Heiland berufen. Wußten Sie, dass er seitdem nicht mehr aufrecht stehen konnte. Ohne Schmerzen?
HW: Nein, das wusste ich nicht.

FA: Und dann kam Rose. Sie war schon fast auf der Welt, aber die Hebamme sagte zu mir, ich sollte die Beine zusammenpressen, es sei noch zu früh.
HW: Wie bitte? Das habe ich ja noch nie gehört?
FA: In Wirklichkeit hatte ihr Joseph so Angst gemacht, dass sie völlig panisch war, einen Fehler zu machen. Sie wollte einfach warten, bis der Arzt da war.
HW: Und Sie haben das dann gemacht?
FA: Zwei Stunden habe ich das gemacht! Zwei Stunden! Zwei Stunden Presswehen!

HW: Aber das hat dem Kind nicht geschadet?
FA: Nein, äußerlich nicht. Aber es hinterlässt Spuren, wenn man auf die Welt kommen will, aber die eigene Mutter lässt einen nicht.
HW: Meinen Sie?
FA: Rosemary entwickelte sich nicht wie andere Kinder. Sie lernte langsam. Es wurde ihr so schwer gemacht, ein Kind sein zu dürfen, dass sie beschloss, ihr Leben lang eines zu bleiben.

HW: Sie war… wie sagt man… zurück geblieben?
FA: Sie hatte andere Gaben als zum Beispiel Lesen oder Schreiben.
HW: Dann besuchte Rosemary keine normale Schule?
FA: Joseph hatte einen Intelligenztest machen lassen, ohne mich zu fragen. Da kam raus, dass sie eine milde Retardierung hat. Das glaube ich heute noch nicht. Er wollte nur den Beleg dafür, dass er sich einen Dreck um Rosemary kümmern musste. Und das nicht, weil sie dumm war. Sondern einfach, weil sie eine Frau war.

HW: Und nicht Präsidentin werden konnte.
FA: Meine kleine Rose war ein lebensfreudiges Kind. Sie lernte später laufen als andere Kinder, aber sie war die beste Tänzerin der Kennedys! Nicht so stocksteif wie alle Kennedy-Männer! Im Wasser bewegte sie sich wie ein Fisch – wie wenn sie für dieses Element gemacht wurde!

HW: Aber das klingt doch nach einer schönen Kindheit!
FA: Wenn man davon absieht, dass sie halt „NUR“ eine Frau war. Klar gewann sie nicht gegen ihre beiden größeren Brüder beim Schwimmen oder im Tennis! Joe Jr. war fast drei Jahre älter!
HW: Die Kinder haben sich immer miteinander gemessen?
FA: Na klar! Kleine Jungs! Und nicht irgendwelche kleinen Jungs, sondern Kennedy-Jungs. Die kommen ganz kurz hinter dem Heiland! Die können über’s Wasser gehen! Und das dabei gleichzeitig noch in Wein verwandeln!

HW: Und das können Frauen nicht?
FA: Das können Frauen natürlich nicht. Frauen sind dazu da, den männlichen Nachwuchs zu zeugen.
HW: Und das war ein Problem für Rosemary?
FA: Rosemary war immer die Zielscheibe für den Spott der beiden Brüder. Und ihr Vater fand das meistens ganz besonders witzig. Sie war erst glücklich, als sie in England war.

HW: Sie war in England?
FA: Ja. Vor dem Krieg. Die britischen Zeitungen waren von ihr begeistert. „So hübsch und so bezaubernd“. Schrieben die Briten. Die liebten sie. Sie ging da ins Belmont House zur Schule. Eine Montessori-Schule. Da war sie glücklich! An alle schrieb sie Briefe, wie glücklich sie da war! Wußten Sie, dass Rosemary selber eine ausgebildete Montessori-Pädagogin war?

HW: Sie reden immer in der Vergangenheitsform von Ihrer Tochter. Aber es gab nie eine Beerdigung. Habe ich auf jeden Fall nie gehört.
FA: Wenn Sie Rosemary sehen würden, dann würden Sie wissen, dass sie tot ist, auch wenn sie atmet. Und das geschah kurz nach England.
HW: Was geschah da?
FA: Der Mord! Kurz nach England hat Joseph sie umgebracht.

HW: Das sind wirklich harte Worte. Sie beschuldigen also ihren Mann, ihre Tochter umgebracht zu haben?
FA: Aber sicher. Sie sind doch ein Zeitungs-Schnüffler! Schauen Sie selber! Das ist zwar alles unter den Teppich gekehrt. Aber nur oberflächlich. Für eine Frau muss man sich ja nicht so Mühe geben wie für einen Sohn.

HW: Wie meinen Sie das?
FA: Wie ich was meine?
HW: Na, das mit dem Teppich!
FA: Na, das unter den Teppich-Kehren ist so eine alte Kennedy-Tradition! Hundert Jahre erprobt! Sagt Ihnen Chappaquidick noch etwas?
HW: Aber da ist doch die Unschuld von Ted nachgewiesen!

FA: Hah! Sehen Sie! Das ist unter den Teppich kehren! Sie glauben das schon selber!
HW: Was wollen Sie damit sagen?
FA: Andere Frage: Warum musste Rosemary wieder in die USA, obwohl sie in England glücklich war?
HW: Na, vielleicht wegen des Kriegsausbruchs?
FA: Nein! Falsch! Weil Joseph als Botschafter abberufen wurde! Und Rosie musste mit!

HW: Stimmt. Ihr Mann wurde 1939 wieder zurückberufen.
FA: Und warum musste Joseph gehen?
HW: Meinen Sie, weil er leichte Sympathien für die falsche Seite hatte?
FA: Joseph gefiel es, was Hitler aus Deutschland gemacht hatte. Die Briten hielt er für verweichlicht und unfähig, einen Krieg zu führen. Und darum schickten die Briten ihn nach Hause. Das hat ihn sehr, sehr wütend gemacht. Und Rosemarie musste diese britischen Weicheier auch boykottieren, obwohl sie sich mit Händen und Füssen wehrte!

HW: Das ist interessant. Einen Moment, ich komme mit meinen Notizen nicht mit.
FA: Sie brauchen sich nicht zu beeilen. Sie werden ihren Artikel sowieso nicht veröffentlichen könne.
HW: Wie bitte?
FA: Sie werden keine Redaktion in den Staaten finden, die Ihren Artikel veröffentlicht!
HW: Aber… Wieso? Ich meine… Schon die Tatsache, dass Sie in keinster Weise geistig umnachtet sind!

FA: Schon diese Tatsache wird Ihnen keiner glauben. Wenn der Kennedy-Clan sagt, ich bin geistig umnachtet, dann bin ich das. Verstehn sie? Und ich bin geistig umnachtet, weil ich schon seit zehn Jahren nicht mehr bereit bin, den Mund zu halten. Aber bisher hat es keiner geschafft diese Mauer des Schweigens zu überwinden.
HW: War auch nicht gerade leicht, Sie zu finden. Ich habe tatsächlich eine Hilfspfleger-Ausbildung gemacht! Damit ich hier nicht auffliege! Und ich arbeite hier schon seit 10 Tagen, bis ich die ganzen Routinen rausbekommen habe.
HW: Das erinnert mich: Ich habe nur noch 7 Minuten! Wie war das mit dem Mord an Ihrer Tochter?

FA: Sie werden diese Dinge nirgends gedruckt sehen, lieber Bill. Wollen Sie die Wahrheit trotzdem wissen?
HW: Natürlich. Und das mit dem Gedruckt-Werden überlassen Sie mir, Frau Kennedy!
FA: Rose.
HW: Rose.
FA: Na ja, als Rosemary wieder nach Hause kam, ging es ihr nicht gut. Da waren wieder die Brüder. Und die Schwestern. Es gab tatsächlich eine kurze Zeit in meinem Leben, als alle meine Kinder noch am Leben waren – können Sie sich das vorstellen? Alle acht. Am Leben.

HW: Aber Rosemary war nicht glücklich?
FA: Nein. Sie war kreuzunglücklich. Ihr Vater erklärte ihr bei jeder Gelegenheit, dass sie nur eine Frau war. Und dass sie die Schande der Kennedys war. Weil Sie geistig behindert war. Und dass es besser gewsen wäre, sie wäre nie geboren! Denn, wenn es rauskommt, dass es Schwachsinnige bei den Kennedys gibt, dann wären die Karrieren der beiden Prinzen ja in Gefahr. Würde Sie so etwas glücklich machen?

HW: Nein. Das ist schon ziemlich schlimm…
FA: Rosemary wehrte sich. Sie tobte, sie wütete und sie verprügelte ihre beiden Brüder. Und sogar Honey Fitz. Also meinen Vater.
Auch kein Held des Feminismus, kann ich ihnen sagen. Aber das war noch nicht einmal das Schlimmste für meinen Mann. Mit Gewalt konnte er ja umgehen. Auch seine beiden Prinzen bekamen Prügel, wenn sie nicht so erfolgreich waren, wie es seinem Master-Plan entsprach…

HW: Das war nicht das Schlimmste, sagten Sie?
FA: Das Schlimmste war, dass Rosemary Sex hatte, mit wem sie wollte. Und wann sie wollte. Und eines, das war völlig undenkbar: Das eine Kennedy einen Balg mit dem Gärtner zeugt!
Ein uneheliches Kind. Hah! Dieser Heuchler! Dabei hatte er mit Gloria selber ein Kind, ohne es mir zu sagen, der Schlappschwanz!

HW: Sie meinen Gloria Swanson?
FA: Genau die. Aber so ist das oft im Katholizismus. Da gibt es eine schöne, bunte Fassade. Mit Diamanten und in Gold. Die steht in Rom. Aber dahinter machen die Gläubigen halt, was sie wollen. Wo es nur keiner sieht!
HW: Bezeichnen Sie sich eigentlich selber noch als gläubig, wo Sie ihrem Gott doch so sauer sind?

FA: Natürlich! Sonst könnte ich ja gar nicht auf ihn böse sein! Aber wir wollten ja nicht davon reden, dass mein Mann einfach ein geiler Bock war. Sondern wir hatten ja das Thema, dass er ein Mörder war.
HW: Das sagen Sie so frei heraus? Ich muss Sie warnen: „Rose Kennedy nennt ihren Mann einen Mörder!“ ist eine Schlagzeile, die wohl kaum ein Blatt NICHT drucken würde!

FA: (gutmütig) Ach, Billy! Sie sind noch so jung und so gutgläubig! Sie sind auch ein bisschen wie ein Messias, oder? So wie meine Söhne auch sein mussten, stimmt’s?
HW: Ma’am, ich bin hauptsächlich der Wahrheit verpflichtet!
FA: (lacht, geht in Husten über)

HW: Rose, wenn es zu anstrengend für Sie wird…
FA: Kein Problem, Billy, kein Problem. Spitzen Sie ihren Bleistift. Und lassen Sie die Blätter etwas anderes drucken. Wie wäre es mit „Rosemarys Geschichte. Über die Kennedy, die keiner kennt!“
HW: Sie meinen, das würde eher gedruckt?

FA: Wenn ich und Ted und Eunice und Patricia tot sind. Dann vielleicht. (atmet schwer)
HW: Dann erzählen Sie mir von Rosemary.
FA: Mein Baby. Meine Rosemary! (hustet)

FA: Weil Rosemary nicht nach der Pfeife von meinem Mann tanzte, kam sie in ein Konvent. Ein Nonnenkloster. Aber auch da machte sie, was sie wollte. Und sie brach immer wieder aus. Suchte sich in Bars und Kneipen Männer, mit denen sie dann auch weiterhin Sex hatte, wie sie wollte. Früher oder später würde ihr so ein Trucker oder Tankwart wohl ein Kind machen. Das war klar. Also musste mein Mann handeln.
HW: Und was passierte dann?
FA: Dann wurde Rosemary operiert. Ärzte hatten bei ihr außer einer Retardie – und ich glaube heute noch nicht an die Ergebnisse – also, außer einer geistigen Unterentwicklung eine Nymphomanie diagnostiziert. Wissen Sie, was das bedeutet, kleiner Billy?

HW: Ja. Wenn eine Frau mit mehreren Partner Sex hat.
FA: (lacht) Wie katholisch sogar sie sind? Auch Ire?
HW: Ja, Ma’am. O’Donaghue.
FA: Wußten Sie eigentlich, dass Kennedy das Gälische Wort ist für „hässlicher Kopf“?
HW: Nein, Ma’am.

FA: Rose, Bill, einfach nur Rose. Ihre Vorstellung von Nymphomanie ist medizinisch nicht ganz richtig. Aber, Sie haben recht: Sex ist sozusagen die Sünde der Nymphomanin. Frauen haben keusch und treu und loyal zu sein und ansonsten den Mund zu halten. Rosemary scherte sich nicht darum. Sie hatte Sex, wann sie wollte. Und sie wollte meistens, weil die Männer halt wollten. Während ihren Ausflügen in die Kneipen war sie wenigstens nicht einsam.

HW: Aber wie soll denn da eine Operation helfen? Ist da nicht eine Therapie angesagt?
FA: Nein. Joseph wollte Resultate. Er glaubte nicht an Reden. Er glaubte an Taten. Also suchte er einen Hirnmetzger mit Namen Walter Freeman auf. Der behandelte alles damit, dass er im Hirn der Patienten rumschnitt. Eine Leukotomie nannte er das. Lobotomie sagt man heute.
HW: Eine Trennung der Hirnhälften ist das, oder?

FA: Im Prinzip ja. Aber was der Freeman machte, war eher im Hirn rumstochern. 3500 Menschen hat er behandelt. Tierversuche lehnte er ab. Wissen Sie warum?
HW: Nein, ich habe noch nie von einem Dr. Freeman gehört.
FA: Weil er seit 1967 nicht mehr operieren darf! Er ist ein Geächteter unter den Medizinern. Es kam übrigens dann auch raus, dass er nie eine churirgische Ausbildung hatte! (lacht zynisch)

FA: Na, auf jeden Fall lehnte er Tierversuche ab, weil das zu brutal war! Seine Methode heilte so ziemlich alles. Schizophrenie, Paranoia, Bettnässen, Alkoholismus, Nymphomanie, Kleptomanie, Pyromanie, Agoraphobie, Klaustrophobie – ich habe ihn genau erforscht, den Pfuscher! Das alles konnte er heilen. Sagte er. Aber es gibt bis heute dafür nicht einmal einen einzigen Beleg!

HW: Er hat 3500 Menschen am Hirn operiert und hat keinen Beleg?
FA: So ist es. Er hatte eine spezielle Methode entwickelt. Der Patient wurde am Auge mit Kokain lokal betäubt. Dann hob er ein Augenlid, führte eine Art Schraubenzieher am Augapfel vorbei in den Schädel ein. Tief ins Hirn. Und wenn er dann der Meinung war, es wäre jetzt an der Zeit, dann drehte er das Instrument im Hirn einfach um. Bis soviel Hirn zerstört war, wie er das wollte.

HW: Oh, mein Gott, das ist ja ekelhaft! Und das hat er mit Rosemary gemacht?
FA: Zweimal. Durch das linke Auge und durch das rechte.
HW: Das ist ja unvorstellbar! Und das hat ihr Mann zugelassen? Das hat er so gewollt?

FA: Joseph wollte, dass Rosemary nicht die Karrieren der Prinzen gefährdet. Dafür war ihm jedes Opfer recht.
HW: Aber warum haben Sie dem denn nicht widersprochen? Warum haben Sie das geschehen lassen?

FA: Ich wusste das nicht! Er hat mir kein Sterbenswörtchen davon gesagt! Er hat das ganz alleine entschieden!
HW: Oh, mein Gott! Das ist unglaublich! Sie haben recht! Das ist wirklich die bessere Schlagzeile. Das wußte ich alles nicht. Die Geschichte von Rosemary kannte ich nicht!

FA: Keiner kennt die!

(Pause)

FA: An diesem Donnerstag im November 1941 starb mein Baby Rosemary. Auf dem OP-Tisch.

HW: Aber, Rose, das stimmt nicht! Rosemary lebt doch noch, sagten Sie!
FA: Nein, Sie irren sich, Billy. Ihr Körper lebt noch, aber da ist seit fünfzig Jahren keine Seele mehr anwesend. Seit der Operation kann Rosemary nicht mehr sprechen und weder ihre Arme noch ihre Beine bewegen. Joseph sperrte sie weg. Keiner durfte sie besuchen. Keiner. Nicht einmal ich.
HW: Nicht einmal die eigene Mutter?

FA: Keiner. Sie liegt in St. Coletta. Aber eigentlich liegt sie in einer eigenen, kleinen Hütte auf dem Klinikgelände, die seit über fünfzig Jahren Tag und Nacht streng bewacht wird. Außer den Schwestern, die sie versorgen, hat sie nie jemand mehr gesehen seit diesem Novembertag 1941.
HW: Ich wusste nicht einmal von ihrer Existenz!

FA: Das war die Absicht. Rosemary Kennedy ist der größte Schmutz, den die Familie unter den Teppich gekehrt hat. Sehen Sie, Billy, wenn der Clan es will, dann verschwinden Menschen einfach.
HW: Ich kann es nicht fassen, Rose. Das kann doch nicht passiert sein!

FA: Sind Sie sich immer noch sicher, dass jemand ihren Artikel drucken wird? Ein Interview, dass Ihnen eine Frau gegeben hat, die offiziell geisteskrank ist? So wie es Rosemary ja angeblich auch war?
HW: Na ja. Bis vor 15 Minuten dachte ich das schon. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.

FA: Gehen Sie jetzt besser, Billy. Ihre Zeit ist um. Gleich kommt der richtige Pfleger und verabreicht mir soviel Benzodiazepam, dass ich bis zum Abendessen schlafen werde.
HW: Rose, es tut mir so leid! Es tut mir so leid um Sie! Und um Rosemary!

FA: Danke, Bill! Danke – jetzt gehen Sie schnell! Irgendwann, wenn alle meine Kinder tot sind, dann können Sie die Geschichte von Rosemary erzählen. Aber versuchen Sie es nicht vorher. Machen Sie das, Billy?
HW: Ich verspreche es, Rose. Ich werde die Geschichte erzählen.
FA: Danke, Bill! Danke. – Viel Glück!
HW: Viel Glück, Rose. Und machen Sie Frieden mit Ihrem Gott!

FA: Niemals. Der ist doch auch nur ein Mann, oder?
HW: Ich geh‘ dann besser! Leben Sie wohl, Rose!
FA: Leben Sie wohl, Bill!