Die Traumfrau

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Jedem menschlichen Wesen passiert, dass es zurückblickt und versucht, einen Sinn aus allem zu machen, was – aneinander gereiht – die Perlenkette des Lebens ausmacht. Und es ist dieser Moment, wo die Frage auftaucht: Habe ich mein Leben gelebt oder hat mein Leben mich gelebt?

Unser Erzähler begegnet heute seiner Traumfrau. Zeit für Entscheidungen!


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Download der Sendung hier.

Hintergrundmusik:
My Peaceful Place’ von Paul Collier
“Die Liturgie des Hl.J.Chrysostomus op.41” von Tschaikowsky

Musiktitel: „Do you miss me?“ von ‚Midnight Préfou‘ / CC BY-NC-SA 3.0

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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Mein Großvater war noch ein richtiger Bauer: Mit einem richtigen Hof und vielen verschiedenen Tieren! Hinter dem Wohnhaus war ein Kräutergarten und dahinter eine Wiese voller Obstbäume.

Dort habe ich so viel Zeit verbracht! Als Kind, aber auch als Jugendlicher. Ist heute alles zugeklebt mit Beton und Teer, ich besuche das Dorf nicht mehr; ich hasse es mittlerweile.

Aber ich bin noch oft auf der Wiese. In meinen Träumen bin ich oft auf der Wiese. Sie ist in meiner Seele so etwas wie der sichere Ort beim Fangenspielen. Da sitze ich, in meinen Träumen, nichts passiert und es geht mir gut! Geht mir einfach nur gut.

Einmal aber war ich im Traum auf meiner Wiese und ich wusste sofort, etwas ist anders. Etwas ist falsch. Oder richtig. Auf jeden Fall perfekt.

„Hi, Süßer!“

Sie ist perfekt. Sie sitzt in dem LKW-Reifen, den mein Opa in den Baum gehängt hat, damit wir darin schaukeln können. Sie muss ein bisschen in die Sonne blinzeln, um mich anzukucken.

„Kenne ich Dich?“

„Klar kennst Du mich!“

„Wirklich? Bist Du jemand, den ich vergessen habe?“

„Ach, komm! Du weißt, wer ich bin!“

„Du bist … die Frau meiner Träume.“

Sie hat flaschenglasgrüne Augen und verstrubbelte Locken und auf dem ganzen Gesicht Sommersprossen, nicht nur auf der Nase. Ihre Lippen sind schmal, ihr Lächeln ist breit – ich könnte sie stundenlang anschauen.

Ich frage: „Warum bist Du hier?“

„Was denkst Du? Natürlich, um mich in Dich zu verlieben!“

„Und – soll ich mich auch in Dich verlieben?“

„Na klar, Du Dummerchen!“, lacht sie.

„Das ist nicht in Ordnung. Das geht nicht. Du kommst zu spät. Ich habe schon eine Freundin und wir meinen es wirklich ernst miteinander. Wirklich ernst.“

„Ernst?“

„Ja. Wir wollen gemeinsam einen Webshop aufmachen für die Düfte, die sie macht.“

„So ernst?“

„Ja. Tut mir leid.“

„Und Du bist der Meinung, das reicht? Das ist genug für Dich? Man muss es nur ernst meinen und sich dann niederlassen. Weil man in dem Alter ist, in dem man sich niederlassen sollte. Weil alle erwarten, dass man sich niederlässt. Die Freunde und Eltern.“

„Na und? Was ist daran falsch?“

„Und dann lasst ihr euch nieder. Sie wird schwanger und ihr bekommt eine Doppelhaushälfte. Mit dem zweiten Kind nimmt jeder noch einmal 4 Kilo zu und der Hass auf den anderen wird mit jedem Christbaum ein bisschen mehr. Deine Selbstachtung ist seit dem Umzug in einer Kiste im Keller, weil ‚Niederlassen‘ Dir genug war.“

Es ist keine Ablehnung in ihrem Blick oder Missgunst in ihrem Tonfall. Mein Herz setzt ein oder zwei Schläge aus, als ich sie höre – weil sie meine Ängste formuliert.

„Ich mache Dir Angst, oder? Das tut mir leid, aber das ist der Job einer Traumfrau. Dich das spüren zu lassen, was Du nicht fühlen willst.“

Was sollte ich tun? Deine Traumfrau klopft an die Tür oder Dein Traummann, was machst Du? Ich habe die Gelegenheit genutzt!

Das heißt nicht, dass ich nicht meine Freundin geheiratet hätte! Oder, dass wir nicht den Shop aufgemacht hätten für ihre selbstgemachten Düfte! Natürlich! War ja auch eine tolle Sache! War auch eine tolle Hochzeit!

Es war wirklich etwas Ernstes mit uns, keine Frage.

Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, das ich meine Frau betrüge. Mit der Traumfrau.

Ich meine, im Traum habe ich alles gelebt, was man halt so … meine Träume!

Mit ihr bin ich durch Mittelerde gewandert und wir haben uns in Hogwarts versteckt. Wir haben jeden meiner verrückten Kinderträume wahr gemacht! Mit ihr war ich sogar ein erfolgreicher Schriftsteller!

Mein echtes Leben wurde hingegen sehr realistisch. Buchhalterisch realistisch, lagerhaltungsmäßig realistisch und finanztechnisch realistisch. Ich wurde zu einem Geist im echten Leben und wartete nur darauf, endlich wieder zu schlafen und träumen zu dürfen!

Jeder Traum mit der Traumfrau begann und endete auf meiner Wiese.

Eines Morgens – wir hatten in einer Nacht ein Leben als Elizabeth Temple und Natty Bumppo verbracht – da saß ich in dem Schaukelreifen und wir blickten auf die untergehende Sonne. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ich gleich aufwachen würde.

„Woher kommst Du?“, fragte ich sie still.

„Wie meinst Du das?“

„Ich meine, wenn ich wach bin, wo bist Du dann?“

„Äh. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich schlafe dann ich, oder?“

„Darf ich Dich um etwas bitten?“

„Sicher! Schieß los!“

„Bitte … komm einfach nicht mehr.“

Sie ist furchtbar lange furchtbar leise. Ich habe sie verletzt. Es sind diese Momente, in denen ich denke, dass sie ein reales Lebewesen ist und nicht eine Projektion meines Unterbewusstseins.

„Aber … warum?“

„Meine Frau und ich, wir kriegen ein Kind. Sie kriegt unser Kind. Und … es würde sich nicht richtig anfühlen. Es wäre dann, als würde ich meine Kinder betrügen und die können ja nichts dafür. Verstehst Du?“

„Gut.“ Ich höre die Tränen in ihrer Stimme. „Wenn es das ist, was Du willst.“

„Ich werde Dich immer, immer, immer lieben!“

„Ich Dich auch!“

Als ich aufblicke, ist sie fort.

Ich habe ein gutes Leben gelebt. Jeder, der sich mein Leben anschaut, muss zugeben, dass es ein gutes Leben war! Wir waren wirtschaftlich ziemlich erfolgreich und ich habe mit meiner Arbeit meine Familie mitversorgt.

Ich war meiner fleißigen Frau niemals untreu und habe viel Zeit mit meinen Kindern verbracht. Meine Tochter ist eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden! Das macht mich fast so stolz, als hätte ich es selber geschafft!

Als mich der Herzinfarkt in unserem Lagerraum zu Boden wirft, weiß ich, dass mich bis zum Morgen niemand finden wird. Ich denke noch einmal an meine Familie, während ich sterbe. Meine beiden Kinder sehe ich und ich stelle mir meine tolle Frau vor. Zum letzten Mal schließe ich die Augen.

„Hi, Süßer!“

„Was machst Du denn hier?“

„Ich habe gewartet.“

„Ich habe Dich so sehr vermisst!“

„Du hast mir auch gefehlt!“

„Ein ganzes Leben lang!“

„Ist schon gut, mein Lieber! Jetzt bin ich ja da! Und, weißt Du was? Heute werde ich Dir etwas so Tolles zeigen, da wird’s Dich glatt umhauen! Kommst Du, Süßer?“

„Klar! Wohin Du auch gehst, ich komme mit!“


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