Die Theatergruppe


Wir haben alle so viel Kino und Fernsehen gesehen, dass wir im Theater immer eines vergessen: Das kann alles in der nächsten Sekunde schiefgehen!

Theater ist deshalb so echt und so ergreifend, weil da vor einem auf der Bühne echte Menschen sind. Die alle im diesem Moment die Regisseure ihrer Rolle sind. Und alle gleich das ganze Stück verpatzen können.

Und das passiert im Theater auch manchmal. Nicht nur bei Aufführungen, sondern schon beim Vorsprechen. Wie in unserem Hörspiel heute zum Beispiel!


Download der Episode hier.
Musik: „Matthäus Passion“ von Johann Sebastian Bach BWV 244/11 / Public Domain Mark 1.0
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Skript zur Sendung


Auf einer Bühne steht ein Stuhl. Und auf dem Stuhl sitzt vornübergebeugt ein Mann. Vor ihm liegt ein Schnellhefter auf dem Boden. Immer wieder schaut er auf die Uhr.

HW: Mann. Echt. Diese… Das können die doch nicht… Mann, Mann, Mann. Pfft! „Lausbubengeschichten!“ Ludwig Thoma! Hah. Diese Dilettanten! Diese, diese, diese…

(Pause)

HW: Mann, Mann, Mann! Echt keine einzige dieser… dieser… Gurkentruppe! Jawoll! Gurkentruppe!

(Pause)

HW: Pfft! Nicht ein einziger! Nicht einmal einer!

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FA: (im Off) Hallo?

HW: Wenn nur zwei oder drei… Zwei oder drei würden schon einen Anfang…
FA: Hallo?
HW: Was? Wer? Guten Abend!

FA: Entschuldigen Sie, ich weiß jetzt gar nicht, ob ich hier richtig bin. Kann auch sein, dass alles hier schon vorbei ist. Wahrscheinlich sind sie nur der Hausmeister, oder? Da war doch ein Vorsprechen hier, oder? Für ein Theaterstück? Weil, ich habe das in der Zeitung gelesen und dann dachte ich mir: Doris, endlich kannst Du Dich verwirklichen! Habe ich mir gedacht. Und dann habe ich die Strecke rausgesucht…

HW: Wissen Sie…
FA: Und dann bin ich erst mit der U-Bahn zum Rankelplatz und dann mit der S-Bahn fünf Stationen und dann habe ich auch noch einen Bus genommen. Und dann bin ich da rumgestanden und wusste überhaupt nicht, wo es lang geht. Sie müssen wissen, ich kenne mich hier nicht so richtig aus…

HW: Entschuldigen Sie…
FA: Ich wohne zwar schon seit 1982 hier, aber ich komme kaum noch aus dem Haus. Seit mein Mann tot ist. Der Supermarkt ist schräg gegenüber, dann ist da noch das Kiosk und der Bäcker. Eigentlich ist alles, was ich brauche keine 400 Meter weit weg, verstehen Sie?

HW: Hier findet heute leider…
FA: Ja, ich weiß, ich bin zu spät dran. Sind alle schon gegangen, oder? Das tut mir so leid! Wissen Sie, was das Lustigste an der Geschichte ist? Das werden Sie mir wahrscheinlich gar nicht glauben! Also, ich stand da so an der Bushaltestelle und habe gewartet, da habe ich das Handy, das mir meine Tochter geschenkt hat, rausgenommen – ich hatte ja sonst nichts zu tun. Das ist so ein Dings… wie nennt man das? Wissen Sie das? So aus Glas, so groß ungefähr und hat so viele bunte Symbole…
HW: Smartphone, meinen Sie Smartphone?

FA: Genau! Smartphone! Das isses! Sie sind ja total up to date! Ein einfacher, alter Hausmeister, aber total modern! Das finde ich toll! Na ja, auf diesem Schmandfon, da war ein so ein Symbol, das sah ein bisschen aus wie eine Landkarte. Und da habe ich mit dem Finger draufgedrückt, verstehen Sie?
HW: Ich muss Sie wirklich bitten…

FA: Aber das ging zuerst gar nicht! Überhaupt nicht! Ich dachte schon, mein… mein… Wie heißt das noch einmal?
HW: Smartphone.
FA: Genau, mein Schmandfon sei kaputt, aber ich musste nur den Handschuh ausziehen! Ich mein, das muss man doch wissen! Das Ding kam ja nicht einmal mit einer Bedienungsanleitung! Stellen Sie sich das vor! Da war schon so ein kleines Heftchen drinnen, aber da waren die Buchstaben so furchtbar klein, das konnte ich nur mit Brille und mit Lupe lesen! So klein waren die Buchstaben! …
HW: Ich möchte hier jetzt wirklich…

FA: Und dann waren das so soo chinesische oder japanisch oder was weiß denn ich für Buchstaben! Können Sie sich das vorstellen? Wer soll das denn verstehen? Ich hatte an der Handelsschule gerade einmal drei Jahre Steno, aber Chinesisch, das wurde gar nicht angeboten. Und die haben ja nicht so Buchstaben wie wir. Das schaut eher so aus wie eine Nudelsuppe. Haben Sie schon einmal chinesische Schriftzeichen gegessenen – äh, ich meine gesehen?
HW: Habe ich, aber ich muss Sie darauf hinweisen, das das Vorsprechen…

FA: Na ja, was wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja, ich erinnere mich wieder! Ich stand also da und habe das Symbol mit der Landkarte gedrückt, ohne Handschuh. Also auf meinem… Wie hieß das noch einmal?
HW: Smartphone. Doch ich möchte noch einmal…

FA: Genau! Und dann kann man da auf der Karte so rumziehen und man kann es verkleinern, wenn man mit den Fingern so macht, als ob es eine Schere wäre. Schnipp – schon ist die Karte klein. Und schnapp – schon ist sie groß! Das ist toll, so ein Schmandfon! Auf jeden Fall, raten Sie einmal, was ich bemerkt habe?
HW: Äh, keine Ahnung. Tut auch nichts zur Sache, weil…

FA: Diese Bühne ist keine fünfhundert Meter von zu Hause weg! Hätte ich lässig zu Fuß in einer halben Stunde geschafft! Und dann wäre ich auch nicht zu spät, so wie jetzt, sie verstehen?
HW: Ja, ich verstehe! Aber das Vorsprechen ist vorbei!

FA: Mist! Das hatte ich fast befürchtet. Wenn ich mich schon einmal durchringe, etwas zu unternehmen – Sie können sich ja nicht vorstellen, was das für jemanden wie mich für eine Anstrengung ist! Für mich ist ja alles außer der Tengelmann, das Kiosk, der Bäcker, die Kirche, meine Wohnung… was wäre da noch?
HW: Es tut mir leid, Sie zu unterbrechen, aber das Vorsprechen ist vorbei!

FA: Zu ärgerlich! Zu ärgerlich! Könnte ich vielleicht den Intendanten anrufen und mich persönlich zu entschuldigen? Vielleicht könnte ich ihn dann überreden! Ich kann ja jetzt U-Bahn fahren und dann würde ich bei ihm zu Hause…
HW: Es gibt keinen Intendanten! Das hier ist eine Theatergruppe!

FA: Kein Intendant? Das hatte ich mir ja anders vorgestellt. Ich habe da einmal eine Dokumentation gesehen von diesem Rupprecht Everdings, kennen Sie den? Der… Moment? Das hier ist die Theatergruppe?

HW: Das, was davon übrig ist.
FA: Dann bin ich doch richtig! Das ist ja eine tolle Nachricht! Und sind der Regisseur oder die Regisseurin, sind die vielleicht sogar noch im Haus?
HW: Ich bin der Regisseur. Und der Intendant. Und ich mache die Besetzung. Aber keiner der ganzen Gurkentruppe ist heute aufgetaucht. Kein einziger! Die wollen unbedingt eine Heimatkomödie aufführen. Die Lausbubengeschichten! Von Ludwig Thoma! Wissen Sie, was das ist, die Lausbubengeschichten?

FA: Ich habe keine Ahnung! Aber, wenn Sie der Regisseur sind und der Intendant und der Besetzer auch noch, da könnte ich doch bei Ihnen vorsprechen!
HW: Kein Theaterstück ist das! Kein Theaterstück! Ich wollte Goethes Faust neu interpretieren, damit endlich wieder Publikum kommt, aber die, die wollen etwas Heiteres! Etwas Heiteres! Ist die Welt da draussen heiter?

FA: Ich bin ja soo froh, dass Sie noch da sind! Sie können sich nicht ausmalen, was diese Fahrt hierher für eine Strapaze für mich war! Ich bin sooo froh, dass ich Teil ihrer Truppe werden kann! Denn ich kann das wirklich…
HW: Haben Sie nicht verstanden? Es gibt keine Theatergruppe mehr! Da sind nur noch Sie und Ich! Es besteht kein Anlass, dass Sie hier noch vorsprechen! Verstehen Sie das? Oder soll ich Ihnen das schriftlich auf Ihr Smartphone schicken?

FA: Das geht?
HW: Ja, das geht! Wenn es Ihnen jetzt nichts ausmacht, ich würde gerne nach Hause gehen!

(Pause)

FA: (weinerlich) Schon wieder! Schon wieder so eine Enttäuschung! Ach, wenn Sie wüssten, wie mein Leben aussieht! Immer wieder passiert mir das! Ich nehme mir etwas vor und dann nehme ich alle meine Energie, die ich noch habe – und das ist nicht mehr viel nach dem zweiten Herzinfarkt, das können Sie mir glauben – das ist nicht mehr viel! Und nachdem mein Mann überfahren wurde, da fing das alles an so richtig aus dem Ruder zu laufen! Dabei hat der im Verkehr immer aufgepasst wie ein Falke! Doch da kam völlig aus dem Nichts diese Dampfwalze und er stand da… und und
HW: Ist schon gut! Ist schon gut! Sie können vorsprechen!

FA: Wirklich! Aber das ist ja fantastisch! Was soll ich denn vorsprechen?
HW: Hier sehen Sie, das ist ein Akt aus dem Faust. Kennen Sie den Faust?
FA: Nicht persönlich. Aber, ich habe da ein Problem…
HW: Eines? Was für eines denn?
FA: Ich habe meine Brille gar nicht dabei. Ich dachte ja nicht, dass ich etwas vorlesen muss!
HW: Nicht. Dachten Sie nicht. Na…

FA: Sie denken jetzt sicher, ich bin naiv, stimmt’s! Aber ich habe durchaus eine Ausbildung. Und ich meine nicht die Ausbildung zur Datentypistin, die ich in den Siebzigern gemacht habe. Das war etwas, das kann ich Ihnen sagen. Wir haben da immer in so Kartonzettelchen Löcherchen gestanzt. Den ganzen Tag. Jeden Tag habe ich einen Schuhkarton Lochkarten gestanzt. Und kein Loch durfte falsch sein, sonst hatte der Computer einen Fehler, verstehen Sie? Das war eine verantwortungsvolle…

HW: Osterspaziergang! Sagt Ihnen das etwas?
FA: Wie bitte? Osterspaziergang? Ah, von Mozart, gell?
HW: Von Goethe. Aus dem Faust. Der Osterspaziergang. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“ und so weiter!
FA: Das… das habe ich schon einmal gehört!

HW: Schauen Sie, Gnädigste, wir machen das jetzt so: Ich tragen Ihnen den Osterspaziergang vor und Sie merken sich den und dann sagen Sie ihn auf und dann haben Sie vorgesprochen und dann sperre ich hier zu. Weil diese Dilettanten lieber Ludwig Thoma spielen wollen.

FA: Ach, werfen Sie doch nicht gleich die Flinte ins Korn! Ich habe übrigens auch eine Ausbildung in den schönen Künsten. Den darstellenden! In meiner Jugend habe ich sehr erfolgreich Ballett-Unterricht gehabt! Ich bin also nicht wirklich ein Laie auf dem Gebiet…
HW: Osterspaziergang! Jetzt! Hier! Verstehen Sie mich?

FA: Ja. Verstehe. Fangen wir an.
HW: Gut, ich trage Ihnen das einmal vor. So wie ein Theatermensch das liest. Nicht so wie die Gurkentruppe das machen würde. Und garantiert nicht, garantiert nicht auf Bayerisch!

(Pause)

HW: Sie reden ja gar nicht mehr!
FA: Ich bereite mich auf meine Rolle vor.

HW: Na, umso besser. Also:

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.“

HW: Haben Sie das gespeichert? Können Sie das jetzt vortragen?

FA: Alles da oben gespeichert! Sie halten mich für doof, weil ich soviel rede, stimmt’s? Doch das ist nur ein Anzeichen für einen wachen Geist. Hat mein Mann immer gesagt, Gott hab‘ ihn selig! Doris, hat er gesagt, Doris, laß niemanden…
HW: Können wir, Gnädigste?

FA: Wie bitte? Na klar. Also…

(Pause)

(stockend, theatralisch)

„Vom Eisen befreit sind Sturm und Bächeln
Durch dem Frühling seinen beliebigen Blick;
Im Tal, da grünet der Hoffnung ein Glück;
Der alte Winter, in seinem Lächeln,
zog sich in die blauen Berge zurück.

Von dort sendet er fliegend und pur
kernige Ohnmacht und schauriges Weiß
So voll gestreift über den stinkenden Flur;
Aber die Sonne, die ist halt kein Eis…

Überall bilden sich neue Streber
Alles freiweg, hinfort von der Leber;
Doch die Bullen haben keine Blumen…“

HW: Halt! Hören Sie auf! Das… das… das hat nichts mehr mit Goethes Text zu tun! Gar nichts! Sie sind ja noch schlechter als die Dilettanten dieser Ex-Gurkentruppe! Hören Sie auf! Das war’s!
FA: (wieder weinerlich) Aber… aber… das war nur, weil ich so aufgeregt war! Sie können einen ganz schön nervös machen mit ihrem dauernden Gerede! Ich war nicht völlig bei mir! Mein Mann, Gott hab‘ ihn selig, hat immer gesagt: Doris, wenn Du etwas richtig machen willst, dann musst Du es aber richtig machen. Oder so ähnlich! Und das habe ich mir immer zu Herzen genommen! Aber hat das irgendjemanden interessiert in all‘ den Jahren? Nur eine Person? Nur einen Menschen? Nein, immer war ich ganz alleine auf mich…

HW: Gut, gut, gut! Hören Sie auf! Dann konzentrieren Sie sich jetzt! Atmen Sie ein paar Mal ganz tief durch!
FA: (atmet dreimal)

HW: Und denken Sie nur an den Text! Wie ich ihnen den vorgelesen habe! O.k.? Also: „Vom Eise befreit…“

(Pause)

FA: Von… Von… Von… Dings… Von…

(Pause. Dann theatralisch, aber stockend)

Von Reifen befreit sind Audi und Golf
Weil der Sommer, der braucht neues Profil
Hoffentlich grünt’s im Tal. Doch nicht zu viel.
Der Alte, der lächelt und er heißt Rolf;
kassiert 40 Euro, das war sein Ziel.

Dann wirft er, lauthals fluchend nur,
ein Großpackung Bio-Pistazieneis,
durch die Reifen und dann voll auf den Flur.
Doch die Sonne, verachtet so’n Scheiß.

Überall rekeln sich ängstlich Niere und Leber,
wegen der Gerüche von farbigem Kleber;
es stehen keine Blumen auf dem Klavier,
sagt – still — der Alte und trinkt noch ein Bier.

(Lange Pause)

FA: Und? Das war gut, oder?
HW: Hier. Nehmen Sie das!
FA: Was ist das denn?
HW: Das ist das Stück. Und die Termin- und Finanzplanung!

FA: Ach? Bin ich also genommen?
HW: Ja, sie sind genommen! Gratuliere!
FA: Danke! Ich wusste, dass ich Theaterblut in den Knochen habe! Mein Mann hat immer…
HW: Viel Glück wünsche ich Ihnen, bei der Aufführung von Goethes Faust!

FA: Danke! Ich freue mich schon! Schaffen wir das denn? Wir sind ja jetzt nur zwei Personen…
HW: Eine.
FA: Eine? Na ja, ich spiele die Gretel und Sie den… den… Kasperl?

HW: Eine Person! Ich kündige! Ich verlasse die Truppe! Das ist jetzt ihre Truppe! Auf Wiedersehen!

(Clip Schritte, Türe knallen)
FA: (arrogant, theatralisch) Pah! Diese Dilettanten!