Die Schopenhauer

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Wenn man das Kinoprogramm studiert, möchte man meinen, es gäbe Superhelden und Superschurken in Wirklichkeit. Darum gehen wir in unserer Geschichte heute einmal davon aus, dass es so ist. Wobei die Superschurken ihren Vorbildern sehr ähnlich sind, doch unsere Superheldin, die ist ein bisschen … anders. (Und wunderlich!)


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Download der Sendung hier.
Musiktitel: „The Worst Superpower Ever“ von The Doubleclicks / CC BY-NC-SA 3.0


Die Geschichte zum Lesen

Ich wollte es auch nicht glauben, aber Superhelden gibt es halt doch. Das glaubt mir keiner, weil es geheim ist, aber Du kannst mir wirklich glauben! Ehrlich! Ich sage das jetzt nicht wegen dem Zeug, das wir geraucht haben!

Ah! Ich sehe schon, wie Du so beschissen intellektuell lächelst! Aber ich war mal ein Cop! Ich weiß genau, wovon ich rede, Kleiner! Also verkneif Dir Dein überschlaues Lächeln und hör einfach mal zu!

Das ist nämlich so: Ich wollte als kleiner Junge ein Superheld sein. Ich war, glaube ich, acht Jahre alt, als Avengers 3 ins Kino kam. Der erfolgreichste Film aller Zeiten. War ja klar, dass dann im Kino nur noch Superheldenfilme kamen.

Superheld wird man aber nicht. Also wurde ich halt Cop. Ich meine, da läuft man mit einer Knarre rum, das kommt verdammt nahe dran an eine Superkraft, oder?

Na ja, ich war gerade auf’s Revier gekommen, noch grün hinter den Ohren, aber mächtig stolz auf meine Sauer M19, da habe ich sie kennengelernt. Die alten Hasen nannten sie „DeEskalator“, sie nannte sich „Schopenhauer“.

Das ist verdammt wahr, Du Schnösel! Jetzt hör gefälligst zu!


Ich meine, Du weißt ja, wie ich, dass keine Superhelden aufgetaucht sind. Kein Sohn von einem anderen Planeten, kein steinreicher Milliardär in Kostüm, keine menschliche Spinne, keine blöden Mutanten mit Klauen aus Adamantium. Das passiert einfach nicht.

Was aber nicht heißt, dass es nicht Superbösewichter gibt. Nachdem die Regierung die Regeln gelockert hat, begannen besonders die Rüstungskonzerne heftig am Erbgut rumzuschnippeln.

Die neuen Supersoldaten waren richtige Mutanten. Aber manchmal waren sie im Oberstübchen nicht mehr ganz richtig. Es gab nicht viele, die so richtig ausrasteten, aber genug, um uns Bullen auf Trab zu halten.

Du lächelst ja schon wieder so doof! Bloß, weil die Öffentlichkeit nichts davon erfahren hat, bedeutet das nicht, dass ich lüge, Du Pfeife!

Wo war ich? Ach ja! Also, ich war gerade eine Woche auf dem Revier, da passierte so eine Geschichte. Mir zugeteilt war Sergeant Rick. Der war zwar so breit wie hoch und kurz vor der Pensionierung, aber der war mit allen Wassern gewaschen.

Auf jeden Fall gab’s schon in der ersten Woche großen Alarm – alle Cops in das Besprechungszimmer. Auf dem Monitor die Bilder von der Drohne. Man sieht eine Kreuzung, auf der ein Riese von Mann steht und rumschreit

Ein durchgedrehter Supersoldat. Lässig drei Meter groß, voller Muskeln wie Dwayne Johnson, als er noch nicht Präsident war. Und er hat eine Knarre in der Hand, so fett wie ein Kleinwagen. Echt spooky!

Die Knarre, haben sie gesagt, ist eine Neuentwicklung und supergefährlich. Die verschießt nicht Metall, wie unsere Kanonen, sondern Singularitäten. Das sind mikroskopisch kleine Schwarze Löcher. Abgefahren, sage ich Dir!

Einmal abgefeuert, gehen die glatt durch alles durch. Durch jede Materie. Die sind nicht besonders schnell, aber stanzen einfach ein Loch durch die Realität! Wenn er die Knarre auf den Boden richtet und abdrückt, dann fliegt das kleine Schwarze Loch durch die ganze Erde durch, in China wieder raus, fliegt vielleicht noch durch einen Chinesen oder einen Satelliten und dann immer weiter durch das Weltall.

Da hilft Dir Dein blödes Studium nicht, wenn so ein Ding auf Dich zukommt. Das macht auch durch Dein Gehirn ein Loch, wenn es im Weg ist! Einfach so! He he …

Äh, wo war ich? Die Einsatzpläne! Klar. Also, der Boss gibt uns die Einsatzpläne und ich und Rick sollen die DeEskalatorin abholen. Also fahren wir halt los. Nach Chesterfield Square. Schon damals eine Scheißgegend.

Wir klettern ein paar Stockwerke durch das versiffte Treppenhaus und der Sarge klopft an eine Tür, aus der irgendeine Mexiko-Soap dröhnt. Er klopft noch lauter und dann macht eine alte Frau in einem pinkfarbenen Trainingsanzug auf.

Sie sagt nur: „Muss das echt jetzt sein, Sarge?“

Ich Grünschnabel kann meine Klappe nicht halten und ich platze raus:

„Das soll eine Superheldin sein?“
Die Alte lächelt nur müde und beginnt mit mir zu reden:

„Hallo, Sie sind neu auf dem Revier, oder?“

Sie bittet mich in ihre Wohnung und ich gehe rein. Dann sagt sie:

„Oh, ich sehe, Sie haben schon die neueste Dienstwaffe! Beeindruckende Waffe! Gefällt mir. Wie trägt sich denn die so?“

Und sie kuckt auf meine Sauer M19 und meint:

„Könnten Sie mir mal zeigen, wie Sie die ziehen?“

Mach ich also. „Und wenn Sie bei so einem Kaliber schießen müssen, welche Körperhaltung nimmt man dann heute bei der Polizei ein?“

Also pose ich mit meiner Knarre rum.

„Oh! Das haben wir früher anders gelernt. Sie müssen wissen, ich war auch 25 Jahre auf Streife. Wir haben uns breitbeiniger hingestellt, nicht in einer so verteidigenden Haltung. Äh, wie zeige ich Ihnen das am besten? Geben Sie mir bitte kurz mal ihre Waffe.“

Dann habe ich das halt gemacht. Und der Sarge hat mir von hinten mächtig eine übergezogen!

„Mann, Du Grünschnabel!“, bellt er mich an, „Du darfst niemandem Deine Dienstwaffe geben!“

Das wusste ich natürlich. Das hätte ich nie gemacht! Doch die Alte hält meine Knarre in der Hand und lächelte breit.

Die war gar nicht bei der Polizei! Die hat mir nur ihre Superkraft gezeigt. Die konnte einfach jedem alles aufschwatzen, hat mir der Sarge später erklärt. Die hat mit ihrer Werbeagentur ein Vermögen gemacht, aber zog es vor, in einem Loch zu leben.

„Nenn mich Schopenhauer, Kleiner“, sagte sie zu mir und gab mir ihre Hand.

Kräftiger Händedruck, zugegeben, aber ein echt bescheuerter Name für eine Superheldin, der?

Na ja, wir fahren also mit der Schrulle zu dem Supersoldaten. Man hört ihn schon von weitem seine Drohungen brüllen:

„Ihr habt mich zu einem Monster gemacht! Ich werde die Menschheit auslöschen! Wenn ich die Waffe überhitze, entsteht ein Schwarzes Loch, dass diesen Planeten verschluckt! Das habt ihr davon! Ihr seid die Monster, ich befreie euch von eurer Existenz!“

Kennt man ja aus den Filmen. Ist aber anders: Da steht also dieser Berg an Muskeln mit dem schwarzen Kasten in der Hand und droht, die Erde zu vernichten. Und vielleicht kann er das sogar, die bei der Rüstungsfirma wussten selber nicht, ob das stimmt oder nicht.

Und als Nächstes steigt Schopenhauer aus dem Auto und geht ganz gemächlich auf den zu. In ihrem pinkfarbenen Jogginganzug. Der Muskelberg kuckt ganz verwirrt, als sie aus ihrer Bauchtasche ein Pfefferminzbonbon holt und sich in den Mund schiebt!

Ha! Du lächelst ja gar nicht mehr! Da biste platt, oder? Ich war auch total platt, das kann ich Dir sagen. Übrigens, haste noch was von dem Zeug, das wir geraucht haben? Wie? Jetzt hast Du’s auf einmal wichtig, meine Geschichte zu hören!

Wie ging die noch weiter? Ach, nee! Da fällt mir ein! Weißte was? Ich habe das Gespräch auf’m Handy! Ich habe das aufgezeichnet! Das hältst Du im Kopf nicht aus! Pass auf!

FA: Hallo! Ich bin Doris. Wie heißt Du?
HW: Was? Ich? Ich bin nur eine Nummer. Ich habe keinen Namen.
FA: Ach! Wie praktisch! Ich habe Doris ja immer gehasst. Das ist wirklich ein blöder Name! Aber Du kannst Dir ja einfach selber einen aussuchen!

HW: Ich brauche keinen Namen mehr! Ich drücke diesen Knopf hier und in zwei Minuten gibt es keine Doris mehr, Oma!
FA: Wie? Wir kennen uns kaum und Du willst mich töten?
HW: Du bist nur eine unbedeutende Menschenfrau!

FA: Ja, das stimmt. Aber, was habe ich Dir denn getan?
HW: Äh. Du hast mir nichts getan. Aber ihr Menschen alle!
FA: Wir alle? Also, ich habe Dir sicher nichts getan. Ich treffe Dich ja gerade zum ersten Mal. Und meine Töchter, die haben Dir garantiert auch nichts getan. Die tun keiner Fliege etwas zuleide. Und mein Enkelchen, der Jonas, der kann ja noch nicht einmal sprechen! Sag‘ mir: Hat Dir mein Jonas etwas getan?

HW: Wie? Jonas? Äh. Nein. Natürlich nicht.
FA: Siehst Du! Und hier, der Polizist. (Off) Wie heißen Sie? Ah. Genau. Also Sergeant White hat Dir auch nichts getan.
HW: Aber er ist ein Polizist!
FA: Das ist er. Der ist hier, weil Du den Verkehr aufhältst!

HW: Den Verkehr? Das spielt doch keine Rolle mehr! Ich werde die Erde auslöschen! Alle Menschen!
FA: Wow. Das ist aber mal ein Todesurteil! Acht Milliarden Todesurteile. Ohne Anklage, ohne Verfahren. Einfach so.
HW: Weil Menschen es nicht verdienen, zu leben!

FA: Oh! Das ist schnell mal so hingesagt. Mein Jonas verdient es nicht, zu leben?
HW: Menschen machen alles nur kaputt!
FA: Moment, ich bin verwirrt, willst nicht DU alles kaputtmachen?
HW: Wie? Ja, schon. Aber …

FA: Was haben wir Menschen DIR angetan?
HW: Was ihr mir angetan habt? Aber, schau mich doch einmal an! Ich bin ein Monster! Sie haben mich in ihren Labors gequält und gefoltert, bis ich zu diesem abscheulichen Wesen geworden bin!

FA: Moment! Moment! Damit habe ich nichts zu tun! Ich habe das nicht gewollt! Und Jonas auch nicht! Wenn ich gewusst hätte, was die mit Dir machen, dann hätte ich etwas dagegen gemacht!
HW: Ha! Als wäre nicht jedem klar, was die Regierung mit uns macht!

FA: Nein! Ist mir nicht klar! Ich weiß nichts von irgendwelchen Regierungsprogrammen!
HW: Weil Du nur ein Schaf bist! Weil ihr alle Schafe seid! Du hast das Programm mit Deinen Steuern finanziert, Du Schaf!

FA: Moooment! Also, ich habe nur meine Steuern gezahlt! Wie jeder das tun muss, wenn er nicht im Gefängnis enden will! Mehr nicht! Da ist nicht jemand von der Regierung an meiner Tür gewesen und hat mich darum gebeten, dass ich etwas spende, damit die normale Menschen quälen können und in so hübsche Männer wie Dich verwandeln!
HW: Das spielt keine Rolle, wie Du das unterstützt hast!

FA: Das spielt wohl eine Rolle! Was Du sagst, Kleiner, ist: Ich lösche Dich und Herrn White und Jonas aus, weil ihr eure Steuern gezahlt habt! Meinst Du das wirklich?
HW: Was? Nein! Ich meine das nicht wirklich! Also, Steuern zu zahlen ist jetzt nicht unmoralisch, oder so.

FA: Das will ich doch meinen! Sag‘ mal: Wenn wir dieses Mißverständnis hier ausgeräumt haben, hast Du dann heute Abend schon was vor?
HW: Ich? Äh. Nein. Wieso?

FA: Na ja, ich bin zwar nicht mehr die Jüngste, klar. Aber auch wir Frauen über sechzig haben gewisse Bedürfnisse. Und so ein Mann wie Du … Ich meine, so einen beeindruckenden Mann habe ich noch nie gesehen! Du bist mindestens 2 Meter fünfzig, oder?
HW: Zwei Meter achtzig!

FA: Wow! Und sind alle Teile Deines Körpers so … wie soll ich sagen … beeindruckend?
HW: Wie bitte? Ja, klar!
FA: Was ganz Anderes noch – hier übrigens meine Karte. Kannst mich anrufen, wann Du willst – meinst Du, ich kann Deine Waffe auch einmal halten? Ich stehe einfach auf Waffen, weißt Du? (Flüstert) Das ist mein Fetisch! Sag’s aber niemandem! Vielleicht, wenn Du mir vielleicht ein bisschen hilfst?

Ja. Dann bricht die Aufnahme ab, sorry, Speicher war voll. Auf jeden Fall: Der hat ihr glatt seine Knarre gegeben! Und wir haben ihn dann entsorgt. Ging ganz schnell und schmerzlos. Am Ende tat er mir richtig leid. Scheißleben hat er gehabt.

Danach haben wir Schopenhauer wieder nach Hause gefahren, die Telenovela lief immer noch. Die ganze Aktion dauerte nicht einmal zwanzig Minuten.

Seitdem weiß ich, dass es tatsächlich Superhelden gibt.

Auch, wenn Schopenhauer wirklich der beknackteste Name ist, den man sich nur ausdenken kann, oder?


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