Die Ölkrise von 1973


Für die meisten Menschen in der Generation von Frau Anders und Herrn Wunderlich ist die Erinnerung an die sogenannte „Ölkrise“ von 1973 gar keine negative.

Es wird eher davon berichtet, wie man an einem der „Autofreien Sonntag“ über die Autobahn geradelt oder gelaufen ist, als das Angst mit dieser Erfahrung verbunden wäre.

Ist das einfach eine nostalgische Verfälschung oder war man allgemein in den Siebzigern weniger gestresst? Das versuchen wir einmal zu erarbeiten…


Download der Episode hier.
Musik: „The Gretzky 9 Sugar 9 Creme“ von John Bura / CC BY-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Wenn man sich Geschichte so anschaut, während sie passiert, dann hängt man selber Emotionen daran. Für mich persönlich waren die Siebziger ja meine Kindheit und Jugend und ich habe die Zeit als viel friedlicher in Erinnerung, als sie objektiv gewesen ist.

Über diese persönliche Erinnerung hinaus, kommt es mir aber schon so vor, dass man im allgemeinen unaufgeregter und weniger hysterisch war. Ich habe auch mit meinen Eltern darüber geredet, die damals ja schon erwachsen waren und die teilen diese Einschätzung auch. Ist aber halt trotzdem nur ein Gefühl.

Vielleicht schauen wir uns einfach einmal so die allgemeinen Zustände an, um zu einem Urteil zu finden. Typisch für die politische Situation der Siebziger war natürlich zuvorderst der Kalte Krieg. Der weniger kalt war, als man gemeinhin so denkt.

Es kam zwar nicht auf russischem, amerikanischen oder europäischen Boden zu militärischen Auseinandersetzungen, dafür lieferte man sich halt heimlich Schlachten und Kriege weltweit.

Die gegenseitige Aufrüstung vor allem mit atomaren Waffen erreichte Ende der Siebziger Dimensionen, die man sich am Anfang des Jahrzehnts noch gar nicht vorstellen konnte. Auf dem Papier gab es einen Vertrag, SALT 1, der seit 1972 die Anzahl an Abschussvorrichtungen und Raketen begrenzte. Doch der sagte nichts über die auf Raketen zu bastelnde Gefechtsköpfe aus und so vervierfachte sich in zehn Jahren simpel gesagt die Anzahl an Atombomben.

Die Logik des Kalten Krieges bedingte ja auch, dass man diese Bomben möglichst weit verteilt und möglichst unabhängig zünden konnte. Wenn einer der beiden Mächte zuerst den Roten Knopf drückte, dann mussten genug Bomben übrig bleiben, den dann auch noch vom Planeten zu bomben. Dadurch erhöhte sich die Gefahr wesentlich, dass irgendwann die ganze Chose von alleine in die Luft ging. Tatsächlich hielten das die Planer der NATO Ende der Siebziger für die wahrscheinlichste Ursache eines Dritten Weltkriegs.

Keine Stimmung, um nicht hysterisch zu werden, könnte man meinen, aber doch wurde niemand wirklich hysterisch. Man bewegte sich halt Schritt für Schritt vorwärts.

Einer der Konflikte, wo die beiden Großmächte ihre Kriegstechnologien austoben konnten, war der Nahostkonflikt. Eine Seite dieses Konflikts, die immer gerne übersehen wird.

Und eben dieser Konflikt, der Nahostkonflikt, der wurde in einer Härte geführt, die man heute irgendwie vergessen hat. Am 6. Oktober 1973 war es wieder soweit. Am höchsten jüdischen Feiertag, an Yom Kippur, überfielen, das darf man schon so sagen, Syrien und Ägypten Israel.

Oder, genauer, die im letzten Krieg, dem sogenannten Sechstagekrieg, annektierten Gebiete auf dem Sinai und den Golanhöhen. Zwei Tage sollte es dauern, bis die Israelis so mobilisiert waren, dass die sich zur Wehr setzen konnten. Drei Wochen wurde gekämpft, bevor es zu einer Waffenruhe kam.

Auf der einen Seite Israel, unterstützt von den Westmächten, alleine die USA investierte über zwei Milliarden, auf der anderen Seite eine Koalition aus eben Ägypten und Syrien sowie Irak, Libyen , Jordanien, Sudan, Algerien und Marokko. Diese Seite unterstützt von der Sowjetunion, die 3,5 Milliarden in die Hand nahm. Und von Kuba, die schickten 1000 Soldaten.

Am Ende waren zehntausend Menschen tot, zehntausend schwer verletzt, sowie 5000 Panzer und 500 Flugzeuge kaputt. Beide Seiten feierten sich danach als Sieger, aber die Regierung von Golda Meir zerbröckelte. Irgendwie war man in Israel tatsächlich von diesem Krieg überrascht worden, auch wenn Sadat ihn immer wieder laut angekündigt hatte.

Weil aber der Westen, vor allem die USA, Israel offen unterstützt hatten, drosselte die Opec zur Strafe die Ölförderung. 25% weniger Erdöl war auf einmal zur Verfügung. Und die Opec, die Gemeinschaft erdölproduzierender Länder, das waren in diesem Fall Algerien, Irak, Katar, Kuwait, Libyen, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Andere Erdölkommen wie in Norwegen oder Venezuela oder der USA waren noch nicht wichtig.

Das sollte die Wirtschaft in den westlichen Ländern treffen. Denn die waren in Wirklichkeit komplett abhängig vom arabischen Öl. Und darum ging der Plan auch ganz gut auf. Sadat hatte offen damit gedroht, dass die Schulkinder der westlichen Länder dieses Jahr wohl frieren würden.

Die Idee war, dass man im Westen dann noch einmal mit Israel diskutieren würde, ob es nicht vielleicht doch denkbar wäre, unter Umständen und vielleicht die Gebiete, die man im Sechstagekrieg gewonnen hatte, zurückzugeben.

Das ist die Grundlage der Krise, die wir heute die Ölkrise nennen, die damals, 1973, aber in den Medien einfach „Energiekrise“ hieß.

Clip /tagesschau

Meine These am Anfang war ja, dass man in den Siebzigern da trotzdem entspannter damit umgegangen ist. Umso erstaunlicher fand ich dann die Ergebnisse, die die Recherche zu Tage förderte.

Die Konsequenzen der Ölkrise auf die Wirtschaft des Westens waren wirklich verheerend. Durch das verknappte Angebot stieg der Preis von leichtem Heizöl auf das Sechsfache. Statt 12 Pfennige auf 70 Pfennige. Die Opec macht also einen Riesengewinn bei der Aktion, statt 15 Milliarden Dollar verdiente man durch die Verknappung jetzt 90 Milliarden. Nicht schlecht, oder?

Als erstes stürzte innerhalb von Tagen die Börse ab und die Konjunktur gleich hinterher. Die Arbeitslosigkeit stieg von 273.000 im Jahr 1973 auf mehr als eine Million zwei Jahre später. In der Autoindustrie sank die Produktion um 18 Prozent. In Italien druckte man Gutscheine für Touristen, damit diese tanken konnten. In Großbritannien führte man zeitweise eine Dreitagwoche in der Industrie ein und in der BRD eben die berühmten autofreien Sonntage.

Diese waren nur eine der Maßnahmen, um die Bevölkerung auf den Ernst der Situation aufmerksam zu machen. Dass auf den Autobahnen ein Höchsttempo von 100 km/h verordnet wurde, ist im Vergleich beinahe vergessen, obwohl dass wahrscheinlich mehr Öl gespart hat.

Am 25. November 1973 war es dann soweit. Der erste autofreie Sonntag. Einer von nur vier Sonntagen übrigens. Es ist also bei weitem nicht so, dass jeder Sonntag 1974 autofrei war – es waren nur vier Termine insgesamt.

Bis auf Ärzte oder Sanitäter dürfen praktisch keine Autos mehr fahren. Und es fahren auch keine Autos mehr. In der ganzen BRD kommt es nur zu insgesamt 800 Verstößen gegen diese Regelung. Stattdessen darf man jetzt spazieren gehen oder mit dem Radl auf den Straßen fahren. Und das wird auch heftig genutzt.

Wahrscheinlich in jeder Familie macht man einen Ausflug zur nächst gelegenen Autobahn, um auf den Teer zu starren. Die Stimmung ist allgemein positiv. Keine Panik, nicht das Gefühl von Entbehrung. Sondern eher eine verbindende gemeinsame Erfahrung. Eine der wenigen gemeinsamen bundesdeutschen Erfahrungen überhaupt.

Wenn man die Radioreporter von diesem 25. November berichten hört, so geraten die beinahe ins Schwelgen. Man schwärmt davon, wie die deutschen Familien jetzt wieder den gemeinsamen Spaziergang genießen. Oder davon, wie ruhig es auf einmal ist, wie sehr man sich eigentlich schon an den ständigen Autolärm gewöhnt hatte.

Christian Schütze vom Hessischen Rundfunk spricht sogar von der „Die Wiederkehr der Sesshaftigkeit“.

Weit und breit keine Panik. Weit und breit keine Demonstationen, keine Gewalt, keine durchdrehenden ADAC-Mitglieder, die freie Fahrt für freie Bürger fordern.

Man steht zusammen. Das ist das eigentliche kleine Wunder und das ist das Gefühl, dass jeder, der das erlebt hat, aus diesen Tagen mitgenommen hat. Die autofreien Sonntage sind ein verbindendes Erlebnis für die gesamte BRD.

Natürlich ist der Spar-Effekt absolut lächerlich klein. Trotzdem ist es psychologisch eine geniale Idee.

In unserem Nachbarstaat Österreich war man beim Sparen deutlich rigider. Da bekam jedes Auto ein Bapperl auf dem der Wochentag stand, an dem es nicht benutz werden darf. Bei hohen Strafe, bis zu fünfstellige Summen mussten berappt werden, wenn man erwischt wurde.

Das hat natürlich überhaupt nichts Verbindendes, sondern verärgert die Betroffenen nur ganz einzeln und individuell.

Die Ölkrise von 1973 war im Endeffekt aber für den Westen eher ein Aufwachruf. Das Wirtschaftswunder war definitiv vorbei. Nichts würde automatisch immer besser werden. Die Abhängigkeit vom Öl musste geringer werden.

Die Kernkraft setzte sich allgemein durch. Der Begriff „Energiesparen“ wurde populär.
Jede Nation legte strategische Ölreserven an, Ölvorkommen in der Nordsee wurden erschlossen, alternative Energiequellen erforscht, das erste Sonnenkraftwerk gebaut.

Man begann seine Häuser zu dämmen, um weniger Öl zu verbrennen. War der Heizölverbrauch vor der Krise noch bei 28 Liter pro Quadratmeter, so liegt er jetzt bei 0,13 Liter.

Das korreliert übrigens lustigerweise umgekehrt mit dem Mineralwasserverbrauch in Deutschland. Je weniger Erdöl wir verheizen, desto mehr Mineralwasser trinken wir. Coincedence? I think, yes!

Der Westen tat sein Möglichstes – die Opec erreichte also eigentlich, was sie wollte, aber Israel veränderte seine Position nicht. Früher oder später normalisierten sich die Verhältnisse, auch wenn Öl nie wieder so billig werden würde wie vor 1973.

Und wir? Na ja, wir hatten ganz andere Sorgen. Wie zum Beispiel behält man auch bei Matschwetter seine Sommerhaut.

Clip /Creme21