Die Moskito-Schachtel


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Wenn ein alter Schuhkarton voller Moskitos zur Mutprobe wird, dann handelt die Geschichte wahrscheinlich in einer Gegend, wo diese Mücken ernsthafte Krankheiten übertragen.

Es ist in den Favelas Brasilien, wo heute eine moderne Sage handelt, in der nicht nur Mücken vorkommen, sondern auch ein ganz besonderes Götterpärchen.


Nach einer Geschichte von FoundersFeast auf reddit.
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Samba Simples“ von Mansur Samba Trio / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Allen war völlig klar, das Ana Clara die Hübscheste in der ganzen Favela war. Selbst die alten Weiber, die sich stundenlang streiten konnten, wie man die billigen Strohhüte für die Touristen am schnellsten flechten konnte – selbst die würden zugeben, dass Ana Clara eine seltene Schönheit war.

Das sprach sich in der riesigen Stadt herum und von überall fielen die Verehrer ein wie die Mücken. Junge Männer in feinen Anzügen, die betäubend nach After Shave rochen. Mit Schuhen, in denen man sich spiegeln konnte, so glänzend waren sie poliert. Und mit goldenen Krawatten-Nadeln und Manschettenknöpfen.

Sie brachten Ana Clara teure Seifen mit, die nach Lavendel rochen oder Haarbürsten mit silbernen Griffen oder amerikanische Filme auf DVD. Manche schossen mit ihren Revolvern in die Luft, um ihre Männlichkeit zu beweisen oder luden sie auf eine Autofahrt in die besseren Viertel ein.

Ana Clara war stets höflich und bemüht, wenn sie mit ihren Verehrern sprach. Keiner fühlte sich von ihr gedemütigt, so offen schien sie die Vorzüge ihrer Besucher anzuerkennen. Aber keinem sagte sie die Ehe zu. Denn, keiner der jungen Männer, die von ihrer Schönheit angezogen wurden, liebte sie.

Ohne Ausnahme begannen die jungen Gockel sofort, sie mit großen Worten vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Und sie versprachen Heldentaten zu vollbringen, nur um ihre Liebe zu beweisen!

Das war der Moment, in dem Ana Clara zwei Gegenstände aus ihrer Hütte holte. Einen Schuhkarton und eine kleine Sanduhr. „Wenn Du mich wirklich liebst…“, sagte sie, „…dann steckst Du Deine Hand in diese Kiste voller Moskitos und lässt sie dort liegen, bis die Sanduhr abgelaufen ist!“

Hier machte sie meistens eine Kunstpause und biss sich verführerisch auf die Unterlippe. „Wenn Du das für mich machst, dann heirate ich Dich sofort!“

Die jungen Männer starrten sie ungläubig an und überlegten fieberhaft: „Wie hoch war das Risiko wohl, sich Malaria oder Zika zu holen?“ Doch am Ende stiegen alle – ohne Ausnahme – wieder in ihre schnellen Autos und flüchteten zurück nach Leblon.

Ana Clara hatte damit wieder einmal bewiesen, dass nur jemand aus der Favela wirklich wissen konnte, wie gefährlich es ist, mit der Ungewissheit zu leben.

Natürlich gab es auch vor Ort genug Männer, die Ana Clara bewunderten. Pedro, der Busfahrer, zum Beispiel. Er kannte sie schon seit der Kindheit und wusste, dass sie dieses Geräusch entspannte, wenn der Wind in der Favela die Dächer aus Metall ganz sanft rüttelte. Oder wie sie es liebte, geweckt zu werden vom Gurren der Tauben, die am Morgen die Straßen nach Essensresten absuchten.

Er wusste auch, dass sie besser in Mathematik war als irgendjemand sonst, wahrscheinlich in ganz Rio, und dass ihr Schuldenheft das Zuverlässigste und Verlässlichste war in der ganzen Favela. Wer Schulden machen musste, der ernannte hier Ana Clara zur Zeugin, Richterin und Notarin.

Jeden Tag fuhr Pedro bei Ana Clara vorbei und winkte ihr vom Bus aus zu. Sie hatte meistens irgendein Gör auf dem Schoß, dem sie mit ihren eselohrigen Schulbüchern Lesen und Schreiben beizubringen versuchte. Und jeden Tag lächelte sie Pedro an und winkte zurück.

Seine Liebe für Ana Clara wuchs bei jedem Winken. Obwohl sie schon seit ihrer Kindheit gute Freunde waren, so fürchtete er doch zwei Dinge: Erstens, dass er nicht gut genug für sie war. Und zweitens: Die Schachtel mit den Moskitos!

Die Sehnsucht und das Verlangen füllten bald seine Tage aus. Besonders nach diesem einen Abend, als er mit Ana Clara Samba tanzen war. Nachts, auf dem kleinen Platz vor dem Café, erleuchtet von einer Weihnachts-Lichterkette, vor den Augen der Grauhaarigen auf den Plastikstühlen, die – nur für sie – auf ihren Gitarren und Maracas spielten und mit ihren alten, kratzigen Zigarrenstimmen für sie sangen.

Als er ihr am nächsten Morgen vom Bus aus zuwinkte, hatte sie immer noch die Begonie im Haar, die er an diesem Abend für sie gestohlen hatte. In genau diesem Moment wurde ihm klar, dass er nicht mehr leben konnte ohne sie an ihrer Seite!

Wie jeder hier weiß, werden die Favelas von einem Götter-Paar regiert. Der Gott des Muts und der Gott des dummen Zufalls. Der erste erschien in Form eines Straßenköters und der zweite war der einbeinige Fußballer.

Also betete Pedro in seiner Verzweiflung zu den Göttern der Favelas und es dauerte nicht lange und er hörte, wie aus einer kleinen Gasse sein Name gerufen wurde.

Er näherte sich dem kleinen Holzkohlengrill, vor dem lächelnd der einbeinige Fußballer stand und den Straßenköter mit Würstchen fütterte. Er erklärte den Göttern seine Situation und sie sagten zu, ihm den nötigen Mut zu geben. Damit er Ana Clara seine Liebe gestehen konnte und um seine Hand in die Moskitoschachtel zu stecken!

Aber dafür musste er ihnen einen Gefallen tun, erklärten die beiden. Und sie gaben ihm eine Stofftasche voller Beutel mit Heroina. Wenn er die Beutel an die Jungen und Mädchen in der Favela verteilt hätte; wenn also die Tasche leer war, dann würde der Vertrag erfüllt sein.

Pedro hasste Heroina und was es aus den Menschen machte. Wie es Brüder und Schwester entfremdete, wie es die Familien zerriss und wie es das Leben in eine Einbahnstraße verwandelte.

Aber seine Liebe zu Ana Clara war größer als sein Hass auf Heroina. Er schüttelte dem Fußballer die Hand und ließ den Straßenköter sein Handgelenk abschlecken. Der Vertrag war besiegelt.

Mit der Tasche über der Schulter rannte er, so schnell er konnte, den ganzen Weg zu Ana Claras Häuschen. Er rief ihren Namen, bis sie aufwachte und ihn einließ.

Völlig verschwitzt erklärte er, dass er sie liebte! Schon immer geliebt habe und dass er jetzt erst mutig genug sei, ihr seine Liebe zu beweisen! „Schnell!“, sagte er, „hol‘ die Sanduhr und die Schachtel mit den Moskitos!“

„Dummer Pedro!“, sagte Ana Clara. „Die Schachtel ist nur für Männer, die mich nicht kennen! Die nicht wissen, wie sehr ich das Geräusch der Metalldächer bei Wind liebe oder das Gurren der Straßentauben am Morgen! Die nicht extra wegen mir Samba lernen! Aber doch nicht für Dich! Weil ich Dich schon immer geliebt habe, Du Dummkopf!“

Und sie umarmte Pedro, gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss und zeigte ihm, dass in der Schachtel, vor der er so Angst gehabt hatte, keine Moskitos waren, niemals Moskitos gewesen waren.

Pedro war überglücklich! Dann war ja alles völlig anders! Der Handel mit den Göttern war hinfällig und er musste kein Unglück über die Favela bringen! Erleichtert entleerte er den Inhalt der Tasche in die Kanalisation.

Das aber sahen die Götter. Und sie waren nicht erfreut. Ein Vertrag war unterschrieben worden und, wie jeder weiß, in den Favelas gibt es keinen Sieg ohne Schatten.

Am Abend der Hochzeit von Ana Clara und Pedro waren alle gekommen! Sie versammelten sich lachend um das Brautpaar und für alle gab es genug Brigadeiros und Caipirinhas!

Die Braut trug ein weißes Kleid, dass sie selber geschneidert hatte und der Bräutigam trug in seiner Tasche zwei Ringe aus rostfreiem Edelstahl.

Als er seiner Angebeteten den Ring über den Finger zog, kämpften beide mit den Tränen. Alle jubelten und umringten das Paar! Schultern wurden geklopft, Lieder gesungen und viele Fotos wurden gemacht.

Sicher wäre diese Hochzeit eine rauschende Feier geworden, wäre nicht ein riesiger Moskitoschwarm gekommen und hätte sich auf die Gesellschaft herabgesenkt. Die Drinks, die Trüffelpralinen und alle Gäste wurden so von Mückenleibern geschwärzt, dass alle Reißaus nahmen.

Pedro fragte seine Frau besorgt, ob sie gestochen worden wäre. „Ich glaube schon“, sagte sie, aber sie lächelte ihn tapfer an. „Trotzdem war das der schönste Tag in meinem Leben!“

Bald darauf wurde sie schwanger. Die Schwangerschaft war sehr anstrengend und schwierig. Ana Clara litt immer wieder an heftigen Krämpfen und Fieber. Aber das Paar konnte sich keinen Arzt leisten und so mussten sie zu Hause entbinden.

Als Ana Clara ihre Tochter zum ersten Mal in den Armen hielt, schrie sie vor Entsetzen auf. Pedro drängelte sich durch die Menschenmenge, schubste die Hebamme aus dem Weg, erreichte seine Frau und sah in ihrem Gesicht schieren Unglauben.

Der Kopf des Neugeborenen war entstellt. Er sah aus wie ein Fußball, in den jemand einen Nagel geschlagen hatte: Zerknautscht und unförmig.

Pedro wusste sofort, wer sein Kind mit diesem Fluch belegt hatte. Er rannte hinaus in die Gassen der Favela und rief den Namen der beiden Götter. Als er sie endlich fand, spuckte er sie an und sagte: „Warum habt ihr das getan! Ich habe euren Segen überhaupt nicht in Anspruch genommen! Ich habe gar nicht in die Schachtel greifen müssen!“

Und der Straßenköter antwortet: „Du Narr! Wir haben Dir nicht den Mut gegeben, damit Du in die Schachtel mit den Moskitos greifst! Du hast den Mut gebrauch, um Ana Clara überhaupt Deine Liebe zu gestehen! Weil Du denkst, Du bist nicht gut genug!“

Pedro atmete schwer, als der Fußballer sagte: „Dass die Moskitos sie am Tag der Hochzeit gestochen haben, war nur ein dummer Zufall!“

Vernichtet wandte sich Pedro ab. Er musste den Sinn in den Wörtern der Götter anerkennen. Er warf sich auf den Boden der Gasse und weinte.

Danach stieg er hinab in die Kanalisation, zu den Ratten, dem Kot, dem Dreck und suchte nach den Beuteln mit dem Heroina. Tagelang und nächtelang suchte er, aber vergebens.

Er war niemals wirklich gut genug gewesen für Ana Clara! Er hatte ihr und seiner unschuldigen Tochter nur Unheil gebracht! Nun musste das kleine Baby seine Schulden bei den Göttern begleichen! Wegen ihm! Weil er nicht gut genug war und nie sein wird!

In seiner Verzweiflung griff er nach einer leeren Bierflasche, die im Strom aus Schmutz und Fäkalien schwamm und zerschlug sie an der Wand. Er würde sich mit den Scherben die Halsschlagader aufschneiden – seine Familie wäre ohne ihn besser dran!

Doch die Götter sahen auch dies und ihre Herzen wurden berührt von so viel Verzweiflung. Sie erschienen Pedro noch einmal und boten ihm einen zweiten Handel an.

Der Straßenköter bellte: „Wir werden Deine Tochter heilen. Sie wird die Schönste werden in den Favelas.“ Und der einbeinige Fußballer ergänzte: „Aber dafür verwandeln wir Dich in ein Moskito.

Jeden Tag wirst Du Ana Clara heimsuchen und auf ihrem Körper landen und jeden Tag wird sie Dich erschlagen – so lange sie lebt!“ So wäre der neue Vertrag der Götter mit ihm.

Pedro musste keine Sekunde überlegen! Er schüttelte dem Fußballer die Hand und ließ sich vom Straßenköter das Handgelenk abschlecken. Der Vertrag war besiegelt.

Im gleichen Moment begann sich seine Form zu verwandeln und wie der Sand in einer Sanduhr rieselte sein Körper auf den Boden und Pedro wurde nie mehr gesehen.

Am nächsten Morgen wachte Ana Clara auf und drehte sich zu ihrem Baby um. Als sie ihrer Tochter über das Köpfchen streichelte, glaubte sie nicht, was sie sah. Sie hob das Mädchen hoch und schaute genauer: Ihre Kleine war gesund! Ein wunderschönes Baby mit einem perfekten kleinen Gesicht! Das wunderschönste Baby der Favela! Ach was, der Welt!

Sie jauchzte vor Glück und rannte mit der Kleinen auf die Straße, um Pedro zu finden! Sie rief laut seinen Namen! Schon bald suchte die ganze Favela nach dem Vater, um ihm von diesem Wunder zu berichten. Doch nie wieder wurde er gefunden.

Die Geschichte, die sich die Menschen erzählten, war schlicht. Pedro hatte aus Feigheit Ana Clara und das Baby verlassen. Weil er es nicht ertragen konnte, ein entstelltes Mädchen groß zu ziehen. Was hätten diese einfachen Menschen auch sonst vermuten sollen?

Es dauerte nicht lange genug, bis wieder die ersten herausgeputzten Verehrer aus Leblon auftauchten. Ana Clara war immer noch die Schönste in der ganzen Favela und nun wieder zu haben. Alles beim Alten.

So auch Ana Claras Methode. Nach den Liebesbekundungen der jungen Gockel ging sie in ihr Haus und kam heraus mit der Sanduhr und der Schachtel, von der sie behauptete, sie sei voller Moskitos.

Nur, dass seit Pedros Verschwinden, nun jedes Mal scheinbar ein Moskito aus der Schachtel flog und genau dort auf Ana Claras Hand landete, wo sie für zu kurze Zeit den Ring aus Stahl getragen hatte.

Jedes Mal – ohne ein Zögern – erschlug Ana Clara die Mücke.

Und jedes Mal drehte sich der Verehrer um, stieg in sein Auto und verließ die Favelas für immer.


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