Die Menge macht’s


Wir haben alle gelernt, dass bestimmte Lebensmittel böse sind und andere gut. Warum aber Schokolade böse ist und Salat gut, das wissen die Götter.

Denn es kommt natürlich immer auf die Menge an. Denn in der richtigen Portionierung ist Salat genauso tödlich wie Schokolade. Die Menge macht das Gift. Sagte Paracelsus.

Also werfen wir ein Blick auf diesen Arzt und widmen uns dann leidenschaftlich der Frage, wie viele Äpfel, Bananen oder Tuben Zahnpasta denn wirklich tödlich sind.


Download der Sendung hier.
Musik: „Poison“ von CORTLAND GOFFENA / CC BY 3.0


Skript zur Sendung

„Dosis sola facit venenum.“ Wörtlich „Menge nur macht Gift.“ Oder, wie der Erfinder dieser kleinen Weisheit in seinem Werk wörtlich ausführt: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“

Das ist ein Gedanke, der natürlich einleuchtet. Ein Radler im Biergarten macht Spaß und entspannt, aber nach drei Maß Bier auf dem Oktoberfest geht’s einem richtig schlecht. Schwindel, Erbrechen, Übelkeit und Schwäche: Alles in Wirklichkeit Symptome einer Vergiftung.

Aber weil diese Art, sich zu vergiften, seit Jahrhunderten gesellschaftlich akzeptiert ist, geht das für uns völlig in Ordnung. Ist sogar lustig. Viel Spaß auf dem Oktoberfest allen, die keinen Alkohol trinken: Das ist ungefähr so, als wäre man Hauptdarsteller in einem Zombiefilm. Kein Scherz.

Zurück zu „Dosis facit venenum“. Das ist das wahrscheinlich berühmteste Zitat von Paracelsus. Dem deutschen Hippokrates, wie er gerne genannt wird. Der erste Aufklärer, heißt es auch manchmal. Oder aber der erste Heilpraktiker, das kann man auch lesen. Gerne auch mit den Ehrentiteln „Arzt und Alchemist.“ Gibt dem ganzen einen mystischen Touch.

Der Superman der deutschen Medizin hieß in seiner Geheimidentität „Theophrastus Bombastus von Hohenheim“. Das war ihm wahrscheinlich auch ein bisschen zu viel des Guten, weswegen er seinen Nachnamen sehr frei ins Lateinische übertrug und sich eben Paracelsus nennen ließ.

Vielleicht auch, um neben seinem medizinischen Erzfeind gleichberechtigt zu stehen. Neben Galenus nämlich. Das dürfte neben Hippokrates der wichtigste Arzt der Antike sein, von dem aber mehr Schriften erhalten sind.

Der wirkte im ersten Jahrhundert in Rom und die Tatsache, dass seine Medizin zur Zeit von Bombastus immer noch als die höchste Erkenntnis galt, sagt einiges über die Ärzte des Mittelalters. Denn der Theophrast lebte im 16ten Jahrhundert, also gut 1400 Jahre nach Galenus.

Immer noch galt die 4-Säfte-Lehre. Also der Mensch besteht aus vier Säften. Nämlich Blut, Schleim, gelber Galle und schwarzer Galle. Diesen vier Säften sind Qualitäten zugeordnet. Also warm und feucht, kalt und feucht, warm und trocken und kalt und trocken.

Und dazu auch Geschmäcker. Am Kranken kosten war ein wichtiges Mittel der Diagnose: Blut schmeckt süß, Schleim schmeckt salzig, gelbe Galle ist bitter und schwarze Galle ist sauer. Oder scharf. Ganz ging das System nicht auf.

Darüber hinaus hatten die vier Säfte auch psychologische Bedeutung, denn in jeder der vier Lebensphasen des Menschen entwickelt man einen Saft besonders. Kinder schmecken also süß und alte Menschen sauer. Oder scharf. Wie gesagt, ganz ging das System nicht auf.

Galenus hatte auch als erster erkannt, dass es zwei Arten von Adern gab. Nämlich Arterien und Venen. Immerhin. Aber das Herz war für ihn keine Pumpe, sondern mehr eine Umwandlungsmaschine von hellem Blut in dunkles Blut. Das floß dann von der Körpermitte in alle Organe und Extremitäten, wo es dann einfach verbraucht wurde.

So sah also die Medizin aus, die auch unser Theophrastus Bombastus von Hohenheim gelehrt bekommen hat.

Das hielt er für völligen Blödsinn. Und verbrannte die Bücher von Galenus öffentlich. Was ihn natürlich sehr unpopulär bei seinen Kollegen machte.

Er stellte sich auch bei den Bauernkriegen auf die Seite der Bauern, was ihn sehr unpopulär beim Klerus machte.

Und er hielt es für kompletten Blödsinn, die Syphillis mit Guajak-Holz zu behandeln. Das ist ein teures Holz, das aus dem frisch entdeckten Amerika kommt. Und auf das die Fugger ein Handelsmonopol hatten. Was ihn auch für die Fugger sehr unpopulär machte.

Das bringt ihm natürlich ein Haufen Sympathiepunkte. Denn in allen drei Punkten hatte er ja irgendwie recht. Ein Revoluzzer war er also der Bombastus! Ein Treibauf!

Schön und gut. Trotzdem sollte man beim Paracelsus nicht vergessen, dass sein Ruhm dem Nationalstolz der Deutschen geschuldet ist. Nicht umsonst mochten ihn die Nazis, die fleißig an einer arischen Medizin handwerkelten.

Und auch nicht vergessen sollte man, dass der Gute halt den einen Unsinn mit dem anderen austauschte. Laut Paracelsus besteht der menschliche Körper aus drei Grundsubstanzen. Nämlich aus Schwefel, Quecksilber und Salz.

Und er kennt fünf Grundarten von Krankheiteinflüssen. Fünf Dinge, die den Körper beeinflussen und ihn krank machen können.

Da wäre der Einfluss durch seine persönliche Konstitution. Oder der Einfluss durch aufgenommene Gifte. Oder der Einfluss durch Gott. Vielleicht ist Dein Fieber eine Strafe Gottes. Und dann noch der Einfluss der Sterne und zuletzt der Einfluss durch die Geister.

Wir sollten unseren Theophrastus Bombastus also nicht zu hoch hängen. Noch dazu, weil er seine eigen Syphillis so lange mit seiner eigenen Medizin behandelte, bis er im Alter von 47 Jahren an einer Quecksilbervergiftung starb.

Bleibt aber immerhin noch dieses wichtige Zitat. Alles ist ein Gift, die Menge macht’s.

Eier zum Beispiel waren lange im Verdacht, giftig zu sein. Enthält doch so ein Ei schon 2/3 der Menge an Cholesterin, die täglich empfohlen sind. Aber mittlerweile wissen wir, dass die Cholesterine, die wir mit dem Essen aufnehmen, gar nicht so wichtig sind wie gedacht. Und jetzt sind die Eier gesund.

Jeder ist zum Beispiel überzeugt, dass Fisch wirklich gesund ist. Wegen den Inuit wahrscheinlich. Die aber alle eine genetische Mutation haben, um so viel Fett, wie in einem Lachs steckt auch gut zu verdauen. Für uns Nicht-Inuit ist aber so mancher Fisch schwer verdaulich. In den Staaten ist Schwertfisch zum Beispiel sehr beliebt. Marlin heißt das. Aber die FDA warnt Schwangere und Kinder dringend: Denn der enthält soviel Quecksilber, dass Paracelsus ihn wahrscheinlich zur Behandlung von Syphillis empfohlen hätte.

Käse hat auch keinen schlechten Ruf. Denn der Körper braucht ja Calcium. Weil wir sonst im Alter alle Osteoporose bekommen. Blöd nur, dass es diesen Zusammenhang gar nicht gibt. Über den Planeten gemittelt kann man sagen: Je weniger Milchprodukte, desto weniger Osteoporose.

Der tolle braune Reis, der Naturreis, der Ökoreis, der wilde Reis: Klingt irre gesund, enthält aber so viel Arsen, das man schon mal ab und zu ‚was anderes essen sollte.

Ist so ähnlich wie bei den organisch angebauten Gemüsen. Die haben tatsächlich weniger Herbiszide oder Pestizide in sich. Aber dafür die achtfache Menge an Kolibakterien, Salmonellen und auch verschiedener Pilzgift.

Es ist also die Dosis, die das Gift macht. Im Prinzip kann man zuviel Bananen oder zuviel Orangen oder zuviel Zahnpasta essen und schon ist man tot.

Darum machen wir zum Schluss unserer Bombastus-Sendung ein kleines Quiz. Denn ich habe nachgeschaut, wieviel Zahnpasta oder wie viele Bananen tödlich sind. Und Du musst raten, ok?

Fangen wir mit dem Wasser an, weil das hatten wir ja vor kurzem schon in der Sendung.
Ab wieviel Liter Wasser beginnt das beim Durchschnittsmenschen schädlich zu wirken?

Vier Liter / Sechs Liter / Acht Liter

Ab sechs Liter in 12 Stunden kommen die Nieren nicht mehr mit. Und das Wasser spült dann sie Salze aus unserem Körper. Trinkt man sieben Liter in zwei Stunden, dann schwellen die Organe, besonders das Gehirn an, die Atmung setzt irgendwann aus.

Gut, machen wir Kaffee weiter. Eher so mein Problem als Deines. Welche Menge Kaffee ist tödlich?

25 Liter / 15 Liter / 5 Liter

Tatsächlich sind es für den Kaffee aus unserer Maschine 25 Liter. Das ist rein rechnerisch, denn vorher stirbt man ja an Wasservergiftung, siehe gerade eben. Da ist es einfacher, 50 Gramm frische gemahlene Kaffeebohnen zu essen…

Machen wir doch mit Schokolade weiter. Da ist das Theobromin der giftigste Stoff. Das wirkt direkt auf unser Nervensystem. Wieviel 100%-Schokolade muss man essen, um zu sterben?

5 Kilo / 10 Kilo / 20 Kilo

Es sind tatsächlich 20 Kilo. Oder zweihundert Tafeln. Dann wird einem schwindlig, man bekommt Durchfall und dann epileptische Krampfanfälle, bis man an inneren Blutungen stirbt. Ab jetzt auf meiner Skala der Selbstmord-Methoden das unterste Ende.

Wenn man sich zu Tode rauchen wollen würde, wieviele Zigaretten müsste man hintereinander wegrauchen, bevor das Nikotin zum Atemstillstand führt?

70 / 700 / Geht gar nicht

Tatsächlich wäre bis 2014 70 Zigaretten die richtige Antwort gewesen. Seit 2014 wissen wir aber, dass der Körper viel mehr Nikotin verträgt als man glaubt. Wir als Eltern haben gelernt, dass ein Baby stirbt, wenn es eine Zigarette verspeist. Tatsächlich ist der Verlauf auch bei zwei gegessenen Zigaretten bei Kindern in der Regel harmlos.

Dann machen wir doch etwas Anderes. Wieviel Gras muss man kiffen, um zu sterben? Da gibt es ja auch einige Gerüchte drüber…

50 Kilo / 200 Kilo / 750 Kilo

Es ist die höchste Zahl. Und Du müsstest diese 750 kg Gras innerhalb von 15 Minuten rauchen. Schneller geht es, wenn man es einfach isst. Da sollten es aber schon 24 Kilogramm in der Henkersmahlzeit sein. Geht also eigentlich nicht.

Apfelkerne! Die sind ja angeblich auch hochgiftig. Die sollte man auf keinen Fall mitessen. Wieviel Äpfel muss man sterben, bis man an Zyanid-Vergiftung stirbt?

10 / 100 / 1000

Das war eine Trickfrage. Wenn man ein Kerngehäuse ißt, dann beißt man die Kerne in der Regeln nicht durch. Oder vielleicht einmal oder zweimal. Das ist nicht genug Zyanid. Wenn man aber die Kerngehäuse von 20 Äpfeln nimmt, die Kerne trocknet und dann mahlt, dann reicht das schon eher.

Ist aber auch ein schrecklicher Tod, denn das Zyanid wird im Magen zu Blausäure. Wenn man es schafft, nicht zu erbrechen, bekommt man schreckliche Krämpfe, während man immer langsamerer erstickt.

War da nicht noch ‚was? Ich wollte eigentlich ein anderes Obst machen, oder?

Bananen! Tja, das Gesündeste an der Banane ist auch das Giftigste. Kalium. Da haben wir Europäer in der Regel zu wenig in der Ernährung, denn 3500 mg am Tag sollten es schon sein. Muss man schon dreihundert Gramm Petersilie für spachteln. Oder 10 Bananen. Wie viele Bananen sind aber tödlich?

40 / 400 / 4000

Vierhundert am Stück. Oder, ohne Schale: 40 Kilo Banane. Danach krampft irgendwann jeder Muskel. Und der Herz ist auch ein Muskel. Und danach ist man tot.

Bleibt noch die versprochene Zahnpasta. Die durfte ich als Kind nie schlucken? Du?
Weil die so giftig ist. Und ja, das gilt auch für Biber Blendi mit den Comics drauf, Oliver! Nicht schlucken!

Wenn man sich die Zutatenliste von Zahnpastas einmal genauer anschaut, dann würde ich sagen, dass tödlichste daran ist das Fluorid. Das ist sehr unterschiedlich portioniert in den verschiedenen Zahnpastas, die es so gibt. Ich gehe einfach von 1 mg Natriumfluorid aus in einem Gramm Zahnpasta. Wieviele Tuben muss man essen, um zu sterben?

4 / 24 / 48

Für einen Erwachsenen ist die Menge tatsächlich 24 Tuben Zahnpasta, weil auch nur ein Teil des Fluorids im Körper freigesetzt wird. Ein Kind unter 10 kg Körpergewicht kann tatsächlich sterben, wenn es sich eine Tube Elmex reinpfeift.

In Kinderzahnpasten ist aber deutlich weniger Fluorid, drinnen, da muss man sich keinerlei Sorgen machen, wenn es geschluckt wird.

Eine Fluoridvergiftung ist übrigens auf der Liste der Todesarten hier wohl die schmerzhafteste. Im Prinzip hat man so starke Schmerzen, dass man irgendwann bewusstlos wird, bevor das Herz aufhört zu schlagen.

Jetzt hören wir mit dem Quiz auf. Alles um uns herum ist giftig, das haben wir heute gelernt. Und, wer aus Versehen 24 Tuben Zahnpasta ißt oder ein Zentner Gras, der hat schlechte Karten.

In dem Sinn wünschen wir euch ein tolles Frühstück. Denn normale Mengen an Kaffee, Brot, Ei und Käse sind für den Körper das Gesündeste, was man so machen kann!

Guten Appetit!