Die Lipinski-Stradivari

play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Ein Musiker erhält eine einmalige Chance: Er darf auf einer der berühmtesten Geigen der Welt spielen! Doch bis zum Happy End nimmt die Geschichte von Frank Almond und der Lipinski-Stradivari noch ein paar hochdramatische Umwege.


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „The Devil’s Trill Sonata (Auszüge)“ von Giuseppe Tartini. Frank Almond spielt die Lipinski-Stradivari aus der Sendung.

Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

FA: Wie bist Du eigentlich zu Deinem Instrument gekommen, Frank?
HW: Per Email. Die Besitzer einer der berühmtesten Violinen in der Geschichte der Menschheit haben mir 2008 eine Email geschrieben. Und der Betreff war „Violine“.
FA: Weil Du in Milwaukee die erste Geige spielst.
HW: Ja. Milwaukee ist in Europa nicht so besonders bekannt. Aber wir haben ein wirklich gutes Symphonieorchester. Und ich habe die Ehre, der Solist zu sein.
FA: Und diese Geige war die berühmte „Lipinski“
HW: Ja. Die Stradivari von Tartini und Lipinski. Gebaut 1715. 20 Jahre lang vom Erdboden verschwunden. Die lag in einem Schließfach und wartete auf mich. Zwanzig Jahre lang, fünf Kilometer von meinem Haus entfernt!

Intro

FA: Sollte die verkauft werden?
HW: Nein, nein. Erst nicht. Die Geige war vererbt worden und die Erben suchten eine Expertise, ob es sich bei ihrer Violine tatsächlich um eine Stradivari handelt. Der Markt ist voller Fälschungen, es gibt nur sechshundert echte, die werden niemals mehr.
FA: Aber dieses Mal war es eine echte.
HW: Ich traf mich mit der Erbin in der Bank. Das Fach wurde geöffnet und sofort wußte ich: Das ist eine Stradivari!
FA: Woher weiß man das?
HW: Wenn man sein Leben lang Violine spielt und reist, dann bekommt man manchmal die Chance auf einer Stradivari spielen zu können. Es war also nicht die erste, die ich sah oder spielte. Das sind einfach einmalige Instrumente. Es ist schwierig zu erklären.

FA: Das wäre aber schon interessant. Was ist das Besondere an der Stradivari? Ist es so, dass dieser Handwerker Anfang des achtzehnten Jahrhunderts den Höhepunkt seines Handwerks erreicht hat?
HW: Das trifft den Stolz unserer Zeit, stimmt’s? Wir haben Smartphones in der Hosentasche, aber können keine Geigen mehr bauen? Aber so ist es wohl. Viele Wissenschaftler haben die Arbeit dieses kleinen Geigenbauers aus Cremona analysiert, aber wir wissen immer noch nicht, warum seine Violinen so einzigartig klingen.

FA: Wie klingen sie denn einzigartig?
HW: Das ist schwierig zu erklären. Eine Stradivari klingt, besonders im Bereich zwischen 2000 und 4000 Hertz besonders intensiv. Also genau in den Frequenzen, in denen das menschliche Ohr am besten hört. Man kann also im Konzertsaal die leisen Stellen noch leiser spielen.
FA: Aha.
HW: Diese Instrumente sprechen, wie ein Mensch und nicht wie ein Stück Holz. Eine Stradivari hat einem Spektrum zwischen den menschlichen Vokalen „e“ und „i“. Normale Geigen liegen in der Regel eher zwischen „ö“ und „ü“.
FA: Und woran liegt das?
HW: Da gibt es viele Theorien. Das Holz sei weniger dicht gewesen, wegen der kleinen Eiszeit damals, habe ich schon gehört. Er hätte spezielle Lacke verwendet, gegen Holzwürmer. Aber im Kern … Dieser Mensch hat siebzig Jahre seines Lebens von morgens bis abends nichts anderes gemacht, als Geigen zu bauen!

FA: Und jetzt stehst Du da in der Bank in Milwaukee und hältst die berühmte Lipinski-Stradivari in den Händen!
HW: Ja, stell‘ Dir das einmal vor! Surreal! Die verschwundene Violine taucht in einer mittelgroßen Stadt in Wisconsin wieder auf!
FA: 300 Jahre Musikgeschichte in der Hand!

HW: Unglaublich! Der erste Besitzer dieser Geige war Guiseppi Tartini. Das ist der erste Musiker, der das Violinspiel zu einer Meisterschaft entwickelt hat, dass sie die Königin der Instrumente im klassischen Orchester wurde.

Er hat die Tartini-Töne entdeckt, er hat die Teufelstrillersonate komponiert. Eines der schwierigsten Stücke für Geiger überhaupt: angeblich vom Teufel persönlich komponiert. Dieser Tartini ließ sich genau jene Geige bauen, die da vor mir lag! Unglaublich!

FA: Und die Besitzer haben sie dann Dir überlassen?
HW: Ganz so einfach war es nicht. Nach meiner Expertise folgten noch ein paar Gutachten und dann waren sie vom Wert doch sehr überrascht …
FA: Denn der ist wie hoch?
HW: Diese Geige würde heute bei einer Auktion mindestens fünf Millionen Dollar bringen. Mindestens. Die „Lady Blunt“, die 2011 versteigert wurde, ist die unwichtigere Schwester und die brachte elf Millionen Dollar. Irgendetwas dazwischen.
FA: Wow! Aber die Besitzer wollten sie nicht zu Geld machen.
HW: Das haben sie schon erwogen. Vor allem wollten sie das Instrument sicher wegsperren. Aber dann haben sie sich dazu durchgerungen, sie mir zu leihen. Dann muss ich mich um die Geige kümmern, sie können sie bei unseren Konzerten hören und auch Milwaukee hat etwas davon.
FA: Gute Idee, oder?
HW: Die beste Idee, die ich persönlich jemals gehört habe!

FA: Warum heißt die Geige eigentlich nicht Tartini, sondern Lipinski?
HW: Weil der zu seiner Zeit der berühmtere Künstler war. Wir haben ihn vielleicht vergessen, aber er war damals, neben Paganini, der wichtigste Geiger seiner Zeit. An zwei Gelegenheiten haben die beiden vor Publikum um die Wette gespielt. Und beide Male hat Lipinski auf dieser Geige gespielt. Mit diesem Instrument hat er mit Mendelssohn oder Schubert zusammengearbeitet!
FA: Und wie war das erste Spielen mit diesem Instrument?
HW: Das war wie Daten. Wir mussten uns erst kennenlernen. Die Violine hat die Art, wie ich spiele sehr verändert. Sie kann mit ihrem Klang die Stärken, die man hat, herausstellen, aber eben auch die Schwächen. Man klingt mit einer Stradivari besser, es sei denn, man macht Fehler, dann klingt man wie ein Anfänger. Sie vergibt nichts.

FA: Und wann war das mit Scooby Doo?
HW: Scooby Doo war genau am 27. Januar 2014. Ich spielte ein sehr anstrengendes Konzert. Das Quartett für das Ende der Zeiten von Olivier Messiaen. Ich war richtig fertig, als ich in der Parkgarage zu meinem Auto ging.

Und da stand, direkt neben meinem Auto ein Van. Mit laufendem Motor. Ein schäbiger Van noch dazu. Modell Scooby Doo eben. Und aus Scooby Doo stieg ein Mann mit einem Pelzmantel und einer Pelzmütze. Der öffnete seinen Mantel und hielt etwas Blinkendens in der Hand.

Ich dachte mir noch: Warum will der mich wohl jetzt, mitten in der Nacht fotografieren? Und schon lag ich gelähmt auf dem Boden und schrie vor Schmerz.

FA: Ach, du Schande! Ein Taser?
HW: Genau. So ein Elektroschocker. Als ich aufstand, war Scooby Doo weg und an mir hingen zwei Drähte, die mir an Widerhaken aus der Brust hingen. Und natürlich war die Geige weg!
FA: Und dann?
HW: Dann habe ich die Polizei gerufen. „Hilfe. Ich stehe im Parkhaus und Diebe haben meine Geige gestohlen!“ Eine halbe Stunde später erscheint ein Streifenwagen und Dick und Doof in Uniform nehmen gelangweilt das Protokoll auf.
FA: Und glauben Dir kein Wort?
HW: Genau. Wie bitte: Eine Geige, die fünf Millionen Dollar wert ist? Schon gut, träume weiter! Und: Wie buchstabiert man Stradivari?
FA: Da bist Du nervös geworden?
HW: Das darfst Du glauben! Ich meine, die Zeit spielt bei so einem Diebstahl ja auch eine Rolle. Mit jeder Minute fuhr Scooby Doo weiter von mir weg! Ich habe ihnen erklärt, ich will mit dem Chief of Police reden, Ed Flynn, der war oft bei unseren Konzerten.
FA: Und dann?
HW: Einer der beiden, ich glaube Dick, reicht mir sein Handy und dann erkläre ich Ed den Sachverhalt. Eine Minute später war am Tatort die Hölle los. Drei Streifenwagen, die Spurensicherung, eine Ambulanz und natürlich die Kripo obendrein.

FA: Aber die Lipinski war weg?
HW: Ja. Während ich zum fünften Mal jede kleine Einzelheit schildere, schleicht sich ein ungutes Gefühl in meinen Bauch. Und das geht da auch nicht weg. Nicht, weil ich einer der Verdächtigen bin, das lag ja irgendwie auf der Hand – ich musste sogar an einen Lügendetektor! Nein, eher, weil die Geige jetzt weg war. Nach dreihundert Jahren verschollen. Und ich war schuld.

FA: Und dann?
HW: Nichts und dann. Tage später hatte ich ein paar Konzerte in Florida. Da bin ich mit meiner alten Geige hin. Am Flugplatz nahm mich die Security zu Seite: „Bitte machen Sie den Violinenkoffer einmal auf. Tut mir leid wegen der Umstände, aber da gibt es einen Kerl, dem hat man eine Fünfmilliondollargeige geklaut.“

Und er hatte einen Flyer in der Hand mit meiner Lipinski drauf. Ein Flyer, wie ihn Leute an Pfosten kleben, wenn ihre Katze entlaufen ist!

Auch da ging mein ungutes Gefühl im Bauch nicht weg, kannst Du Dir ja vorstellen.

Auf jeden Fall: Nach dem Konzert hänge ich in Miami in einer Bar ab. Mir geht es wirklich nicht gut. „Frank Almond, der Mann, der berühmt ist, weil man ihm eine Stradivari geklaut hat.“

Ich trinke schlechte Cocktails, im Hintergrund erzeugen Menschen Töne zu einer Karaokemaschine. Den ganzen Tag kamen Nachrichten auf mein Smartphone, aber ich wollte mich nur betrinken. Das dauernde Gebimmel geht mir aber auf die Nerven. Beim nächsten Anrufer gehe ich ran und sage sauer: Was denn?

Es ist Ed Flynn. Er sagt: Deine Lipinski ist wieder da! Und es fehlt ihr nichts!

FA: Und wie kam das?
HW: Na ja, es stellt sich heraus, dass man anhand der Kabel und der Haken genau identifizieren kann, um welchen Taser es sich gehandelt hatte. Und in meinem Fall war es ein Gerät, dass jemand namens „Universal Knowledge“ gekauft hat. Mit seiner Kreditkarte.

Und zu der Karte gehört eine Adresse. Nämlich die von seinem Friseurladen. Dieser Mann hat also seinen Namen zu Universalwissen ändern lassen und sich gedacht, er zieht mit einem Kumpel den Überfall des Jahrzehnts ab.

In seinem Laden fand sich dann ein Koffer, in dem – in eine Babydecke mit Lastern drauf – eingewickelt die Lipinski lag. Und, schönes Detail, der Führerschein seines Komplizen.

FA: Wow. Was wollten die eigentlich mit der Geige? Kann man die denn verkaufen?
HW: Das FBI vermutet, die wollten die Belohnung abkassieren. Es wurden immerhin 100.000 Dollar Belohnung ausgelobt für Hinweise. Aber das FBI war schneller. Jetzt sitzt der eine dreieinhalb Jahre ein und der andere sieben Jahre.

FA: Unglaubliche Geschichte.
HW: Ja. Als ich die Geige wieder in den Händen hielt … Sagen wir es so: Es gab viele, viele Umarmungen und viele Tränen und viele Fotos. Die Besitzerin und ich sind der Polizei und dem FBI so dankbar …

FA: Das kann ich mir vorstellen!
HW: An diesem Abend habe ich die Geige wieder, wie immer, auf dem Mittelsitz auf der Rückbank festgegurtet und bin nach Hause gefahren. Dann habe ich sie in meinen Übungsraum getragen und lange angeschaut. Wir haben uns angestarrt, die Geige und ich. Und ich habe rausgefunden, warum das so besondere Instrumente sind. Hat nichts mit dem Klang zu tun.

FA: Sondern?
HW: Diese Geige, wie sie da so vor mir lag, war berühmter als ich oder als Lipinski. Mit unserer Verehrung und unserer Pflege haben wir Instrumente geschaffen, die größer sind als ein einzelner Mensch.

Dein Instrument – spielst Du denn ein Instrument?
FA: Nein, aber ich würde gerne.
HW: Gut. Dein Instrument ist nur ein Kapitel in Deinem Leben. Bei der Lipinski ist es aber anders. Für diese Violine bin ich, bist Du, sind die Hörenden Deiner Sendung, sind wir alle nur ein Kapitel!

Tartini, Salvini, Lipinski, Röntgen, Hamma, Wurlitzer, Anschütz, Frank Almond, Morgenradio – alles nur Kapitel. Ich finde dreihundert Jahre Musikgeschichte sind durchaus fünf Millionen Dollar wert. Oder?


Ähnliche Geschichten:

  • The Devil’s Blues
  • In der Hölle haben sich die Regeln geändert und der Teufel hat nicht mehr viel zu tun, außer Mundharmonika spielen. Bis eine arme Seele auftaucht …


  • Die Vorbesitzer
  • Wenn man eine alte Villa in den Hügeln Hollywoods kaufen will, kann man spannende oder gruselige Dinge über die berühmten Vorbesitzer erfahren.


  • Die Quantenheilungs-CD
  • Wir hören den Profis bei der Aufnahme des Intros für die
    Quantenheilungs-Audio-CD zu. 75 Minuten energiegeladene Stille für schlappe € 49,95!