Die knallroten Docs

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Die heutige Erzählerin ist eine furchtlose junge Frau, die ihr Glück in Irland versucht, obwohl sie kein Wort Englisch spricht. Da wäre aber doch eine Furcht: Die, vergewaltigt zu werden. Und der Tag, an dem sie ihre Verteidigungsstrategien ausprobieren muss, kommt tatsächlich.


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Frei nach „I Never Saw his Face“ von Nancy Finton
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Doctor Martens“ von The Gangsters

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Die Geschichte zum Lesen

Wenn mich früher jemand gefragt hat, warum ich mit 17 Jahren von zu Hause abgehauen bin, dann habe ich immer die Geschichte erzählt, wie mich mein Trinkervater vermöbelt hat und meine Mutter mich als Nebenbuhlerin betrachtete.

Das ist zwar nicht falsch, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Auch wenn meine Eltern das Christkind gewesen wären und mir jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hätten, wäre ich abgehauen.

In dem kleinen Dörfchen in Niederbayern war ich schon als kleine Blume ziemlich am Verwelken. Und die Aussicht, den blöden Hof weiterführen zu müssen, machte mir eine Heidenangst.

Ich kann ja nicht einmal für mich die Verantwortung übernehmen, wie dann bitte für 50 doofe Kühe? Und Hühner? Und Futtermaisanbau? Nee, das ist kein Job für mich!

Auf jeden Fall rannte ich weit weg und ich ließ auch nichts mehr von mir hören. Ich arbeitete lieber in München in einer Bar. Und ich erlangte in diesem Job auch bald einen gewissen Ruf: Ich war mit Abstand die nervöseste Barkeeperin aller Zeiten!

Das Stammpublikum kannte meine Marotten aber und es war kein Problem, dass ich jeden Drink verpfuschte und dabei die ganze Zeit nervös kicherte. Die hatten eine Engelsgeduld mit mir und im Laufe von ein paar Jahren war ich immerhin Barkeeper-Mittelklasse.

Doch dann stach mich der Hafer noch einmal. Ich war zwanzig Jahre und hatte tatsächlich ein paar Euro auf der Seite, weil ich mich praktischerweise in der Bar durchfuttern konnte.

Ich wollte hinaus! In die weite Welt! Selbst München war mir mittlerweile zu dörflich geworden. Und der Sicherheitsabstand zu meinem verhassten Heimatdorf war nicht groß genug.

Weil ich aber keine Hippiebraut war, sondern eher eine kleine Punkergöre, verschlug es mich nicht nach Indien, sondern nach … Irland. Ohne ein Wort Englisch zu können, versteht sich.

Na ja, eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich das erzähle. Das ist ja nicht die Geschichte, die Du von mir hören willst. Wahrscheinlich nur, um auch etwas Lustiges zu erzählen, bevor der brutale Teil anfängt.

Es war allgemein nicht übel in Dublin. Wirklich nicht übel. Ich bekam einen Job hinter der Theke in einem bekannten Pub, dem „Brazen Head“. Auch hier half mir das Publikum weiter, bis mein Englisch gut genug war.

Kamen ja auch genug deutsche Touristen, da war ich dann gleich doppelt gefragt. Aber weder die Iren noch die Deutschen fragten meine fancy Cocktails und Longdrinks nach, meine Hauptbeschäftigung war es, Bier zu zapfen.

Bitter und Ale für die Iren, Guiness für die Deutschen.

Meine Wohnung war bei der Rennbahn draußen, fast schon in Stepaside. Das ist mit der Green Line eine Stunde Fahrt einfach und dann noch einmal eine Viertelstunde zu Fuß. Denn so spät fährt der 26er-Bus nicht mehr.

Wenn ich da so alleine durch den Vorort stapfte, hatte ich eigentlich nicht wirklich Angst, vergewaltigt zu werden.

Schon auf der Fahrt bereitete ich mich in Gedanken vor. Ich stellte mir vor, wie mich auf einmal jemand anspricht und versucht mich auf den Boden zu zerren. Und ich stellte mir vor, was ich dann tun würde.

Es gab da verschiedene Szenarien, die ich im Kopf immer wieder durchspielte.

Im ersten Szenario war ich einfach die coolste Sau auf dem Planeten. Ich würde, wenn mich der Typ anschreit, nicht einmal mit der Wimper zucken. Ich würde ihm das Gefühl vermitteln, dass er für mich gar nicht Teil der menschlichen Bevölkerung ist. So überlegen würde ich rüberkommen, dass er – wortwörtlich – seinen Schwanz einziehen würde und sich vertrollt.

Nicht sehr wahrscheinlich, dass das klappt, oder?

Im zweiten Szenario würde ich mich auf den Boden werfen und die ganze Zeit verzweifelt um Gnade winseln. Ich würde hysterisch flennen und ununterbrochen wimmern: „Bitte, bitte, bitte – tu‘ mir nichts! Bitte, bitte!“

Das müsste ihm doch auch seine Geilheit austreiben, oder? Das kann doch keiner aushalten, der nicht wirklich pervers ist, oder?

Stellt sich einfach die Frage, ob das mit Adrenalin auch so abrufbar ist.

Bleibt noch Szenario Nummer drei. Mein Lieblingsszenario!

Schon in der Stadtbahn sammelte ich in mir alle Wut, die ich nur aufbieten konnte. Und das war wirklich nicht wenig. Die Wut auf meinen fetten, dummen und brutalen Vater, auf meine flennende, schwache Mutter, die immer zu Maria rennt, wenn sie wieder auf die Fresse bekommen hat.

Ach ja – und natürlich der Hass auf die gesamte katholische Kirche und die Beichte und die Erbsünde und auf die schmierigen Pfaffen und die fiesen Ministranten.

Dann wäre dann noch mein Ex, den ich so geliebt habe und der mir dafür auch in die Fresse gehauen hat, bevor er mit meiner besten Freundin abgehauen ist.

Ein riesengroßer Scheißhaufen voller Wut. Und die kochte ich in mir auf, bis die Kacke dampfte. Wenn dann Endstation war, war ich geladen wie eine Batterie.

Ich wünschte mir schon fast heimlich, dass jemand kommt und sein Unglück versucht. Den würde ich mit meinen Krallen und Zähnen anspringen und zerreißen, bis nur noch Fetzen von ihm übrig bleiben.

Das waren die drei eingeübten Verhaltensmuster für den Ernstfall. Der aber nicht eintrat. Stepaside gehört erst seit 2002 zu Dublin und in den kleinen Einfamilienhäuschen schlafen die Mittelverdiener der Stadt friedlich ihren kleinen Rausch aus, den sie sich täglich im „Step Inn“ oder dem „Qattro“ abholen.

Ich hatte mich sehr an die Sicherheit gewöhnt und meine Kampfszenarien schon sträflich vernachlässigt. Eigentlich war soweit alles prima.

Dann kam der Geburtstag von Rory, einer Kollegin im Brazen Head, den wir erst im Pub und dann bei ihr feierten. Um drei Uhr war Schluss, denn zum einen war Rory eingeschlafen, zum anderen musste ich früh raus und zum dritten war der Alkohol alle.

Ich stapfe also mitten in der Nacht durch ein Viertel, in dem ich noch nie war. Viele Häuser um mich rum, also nicht zu viel Grund, um Angst zu haben. Später habe ich rausgekriegt, dass das alles Gebäude vom Trinity College waren und nachts da einfach keine Sau war.

Aber ich bin in dieser Nacht besonders mutig. Am Tag zuvor hatte ich mir meine ersten knallroten Doc Martens gekauft. Meine Zeit für Chucks war vorbei, hatte ich beschlossen. Ich war 21 Jahre alt, selbstständig, und ab jetzt gefälligst erwachsen.

Um die Stiefel auch schön zur Geltung zu bringen, trage ich dazu nur eine schwarze Strumpfhose und einen Mini.

Als ich die Schritte hinter mir höre, fallen mir sofort meine eingeübten Szenarien ein. Ich plane, mich umzudrehen und dem Typen meine knallroten Doc Martens mit voller Wucht ins Gemächt zu treten. Meine Docs – meine Waffe!

Doch die Sekunde, die ich brauche für meinen tollen Plan, ist leider schon eine Sekunde zu viel. Bevor ich mich umdrehen kann, legt sich schon sein Arm um meinen Hals. Er würgt mich und zieht mich mit sich in die Büsche. Dort schmeißt er mich zu Boden, als würde ich nichts wiegen.

Ich schreie: „Hey!“ Und er schreit: „Shut Up, Schlampe!“

Ein Deutscher. Und schon liegt er mit seinem ganzen Gewicht auf mir. Mit der einen Hand drückt er meinen Kopf zur Seite in den Dreck. Ich habe nicht einmal sein Gesicht gesehen unter dem Hoodie.

Da liege ich und alle meine Szenarien sind für den Arsch!

Er nestelt an meinen Klamotten rum und auch an seinen, aber irgendwie geht’s nicht richtig weiter. Das geht gar nicht ruck-zuck, so wie ich mir das immer vorgestellt habe! Ich kann spüren, dass der Arsch immer nervöser wird!

Und dann tue ich etwas, über das ich nie nachgedacht hatte. Etwas, das vielleicht das am wenigsten Neurotische ist, was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe.

Ich sage zu ihm: „Ganz ruhig! Keine Angst! Du brauchst keine Angst haben! Alles wird gut!“ Und irgendwie regt er sich auch ab.

Doch er kommt auch nicht richtig weiter. Ich höre Stoff reißen, aber meine Bomberjacke ist es nicht. Die war echt Vintage, mit richtigen Nähten. Ich denke mir: „Der Typ ist echt scheiße bei dem, was er da macht.“

Dann verändert er seine Position, um einen Arm besser bewegen zu können. Dadurch drückt er mich noch tiefer in den Dreck und ich bekomme Probleme zu atmen.

Ich sage: „Nimm bitte Deinen Arm da weg. Ich kann kaum noch atmen. Und Du willst doch nicht, dass mir etwas passiert, oder?“

Und das bricht irgendwie den Bann. Er hört auf rumzufummeln, er nimmt den Arm von meinem Kopf und springt auf die Beine. Ich auch.

Wir schauen uns kurz an, ich sehe blonde Wuschelhaare. Dann greift er an einem Riemen meinen Rucksack. Aber ich weiß, ich habe irgendwie gewonnen und halte den anderen Riemen mit aller Kraft fest. Wir ziehen kurz hin und her: Dann rennt er weg.

Ich hatte tatsächlich keine Schramme am Leib. War nur ein bisschen dreckig.

Ich hatte gewonnen!

So. Das wäre die Geschichte. Meine Geschichte. Die, die mich betrifft. Das wollte ich erzählen. Und hier würde ich wirklich gerne aufhören zu erzählen. Das wäre gut. Wie ich gewonnen habe.

Leider ist die Geschichte nicht zu Ende. Es dauerte, glaube ich, keine vier Wochen, als im Pub im Hintergrund im Fernsehen eine Meldung lief. Eine kurze nur, wahrscheinlich nicht einmal dreißig Sekunden.

Eine junge Frau war vergewaltigt worden. Genau da, wo es mir auch beinahe passiert wäre. Die Polizisten hatten den Täter bereits gefasst. Ein langer Deutscher mit einem blonden Wuschelkopf. Auch wenn ich sein Gesicht nicht gesehen hatte: Das war er. Das war mein Vergewaltiger.

Ich war nicht zur Polizei gegangen. Ich hatte keine Anzeige erstattet. Meine Gäste meinten: „Die glauben Dir eh‘ kein Wort. Dir ist ja nichts passiert. Die würden eh‘ nur sagen: Ja, wenn man als junge Frau nachts um drei betrunken in einem Minirock durch die Gegend läuft – ja, dann ist man ja selber schuld.“

Vielleicht. Wahrscheinlich hätten sie das gesagt.
Aber das hätte mich nicht abhalten dürfen.

Vielleicht wäre dann nämlich der anderen Frau nichts passiert.

Die Wahrheit ist: Meine Geschichte über eine Vergewaltigung endet nicht damit, dass ich gewonnen haben. Sie endet damit, dass ich verloren habe.

Denn das hier ist gar nicht meine Geschichte.

Es geht gar nicht um mich.

Es geht genauso um die andere Frau.

Es geht um alle Frauen.


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