Die kleine Hüterin

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Man sagt, manche Menschen hätten einen „grünen Daumen“. Die können das einfach: Die können sich um Pflanzen kümmern! Deren Vorstadtgärten wirken irgendwie verzaubert. Karin hatte den grünen Daumen, ihre Partnerin sucht noch diese gewisse ‚Magie‘ – keine leichte Aufgabe!


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Get Back Home“ von Jill Zimmerman / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Ich wünschte mir von Herzen, ich wäre eine gute Gärtnerin. Ich hätte so gerne den „grünen“ Daumen! Ich habe alles unternommen, um unseren kleinen Garten zu bewahren, nachdem Karin gestorben ist. Aber alleine … schaffe ich das nicht. Es fehlt meinem Garten am Zauber. Es fehlt die Magie!


Man kann sich das heute nicht mehr richtig vorstellen, aber noch Anfang der Neunziger war es richtig, richtig schwierig für uns, ein Häuschen zu mieten. Zwei Frauen, die zusammen wohnen – das war noch grund unanständig!

Wir fanden einen Vermieter, der uns dann doch gerne einen Vertrag unterschreiben ließ, und wohnten plötzlich – ganz spießig und normal – in einem Vorort.

In einer Doppelhaushälfte mit einem kleinen Gärtchen!

Als wir einzogen, war das eine grüne Wüste, wie das so in Vororten üblich ist. Rundum wuchsen Thujahecken. Die waren so dicht, dass sie den Garten vor den Blicken von Passanten verborgen und zudem „pflegeleicht“. Für Karin aber war das „grüner Beton“. Die kamen also zuerst einmal weg.

Zurück blieben viele Löcher und ein kurzgeschorenes Rechteck Rasen. So englisch war der geschnitten, dass er fast wie Kunstrasen aussah. Der Stolz des gemeinen Vorstadtgärtners, für Karin eine tote Monokultur.

Ein Garten habe ein Biotop zu sein, erklärte sie mir schon bei der Erstbesichtigung. Ein Garten hat die verdammte Pflicht, ein Zuhause zu sein für viele verschiedene Pflanzen und viele Insekten und für Igel und für Spatzen und für Maden, Würmer und – nebenbei erwähnt – auch für Karin und mich. In der Reihenfolge.

„Ein Garten braucht Magie!“, schimpfte sie.

Der Anfang des magischen Gartens war mit viel körperlicher Arbeit verbunden und ich packte mit an, wo ich konnte. Da ist mehr Power in meinen dünnen Armen, als man so denken mag!

Eines Tages lehnte ich auf meinem Spaten und riss dann, gedankenverloren, einen Löwenzahn aus, der sich durch den Monokultur-Rasen gekämpft hatte.

Da hättet ihr aber Karin mal sehen sollen! Was ich denn da tue, fragte sie aufgeregt.

„Ich habe ein bisschen Unkraut ausgerupft!“

„Unkraut? Was ist das denn für ein Wort? Es gibt kein Unkraut! Es gibt nur Pflanzen, die man haben will und Pflanzen, die man nicht haben will. Und eine Wiese voller Löwenzahn, Gänseblümchen und anderem ‚Unkraut‘, ist lebendiger als diese grüne Fläche an geköpften Grashalmen! Magie – Du weißt, was ich meine, oder?“

Ich zog mich, ein bisschen beleidigt, von der Arbeit im Garten zurück und überließ alles Karin. Diese Leidenschaft für Pflanzen konnte ich nicht empfinden. Ich sehe nicht so den großen Unterschied zwischen einer Rose und Kopfsalat, muss ich zugeben.

Karin verbrachte ihre gesamte Freizeit im Garten und im Laufe von nur fünf Jahren war er völlig verwandelt. Vom Rasen übrig waren nur noch ein paar Inseln, durch die ein kleiner Weg führte, den Karin mit all den schönen Steinen gepflastert hatte, die sie immer sammelte.

Man konnte durch einen Rosenbogen wandeln, der sechs Monate im Jahr Blüten hatte und überall gab es kleine Ecken zu entdecken und immer neue Überraschungen.

Es gab Narzissen, Duftveilchen, Traubenhyazinthen, Goldkrokus, Schneekrokus und Tulpen. Und dazu noch Anemonen, Wisteria, Pfingstrosen, Ranunkeln, Primeln, Stiefmütterchen, türkischen Mohn, Zierlauch, Lungenkraut und Lenzrosen.

Aber es gab auch Essbares: Petersilie, Schnittlauch, Kresse, Dill, Basilikum, Oregano, Rosmarin, Thymian, Kerbel, Bohnenkraut, Lorbeer, Majoran, Pimpinelle, Minze und Melisse.

Der Garten war nicht einfach ein Garten. Er war nicht nur ein Hobby.

Er war lebendig! Er atmete! Er war ein magischer Ort!

Bevor die Multiple Sklerose Karin in den Rollstuhl fesselte. Danach war ich die ausführende Hand ihrer Anweisungen. Und in dieser Funktion auch der Hofnarr für die magische Gärtnerin.

Geduldig und liebevoll erklärte sie mir alles, was sie wusste. Trotzdem konnte sie sich kaputtlachen, wenn sie sah, wie ich die Heckenrose massakrierte, weil ich unter dem Trieb schnitt oder wie ich mit der Schaufel statt einem Spaten ein Loch für den Rhododendron ausgrub.

Schon damals, in den zwei stillen Jahren, ging es mit der Magie bergab.

Wenn wir zu zweit auf der Terrasse saßen und ein Gläschen Rotwein tranken, dann lächelte Karin in ihr Paradies, als wäre es noch genauso magisch wie unter ihrer Regie.

Und mir liefen heimlich die Tränen die Wangen herab, weil ich so Angst hatte, den Garten zu zerstören. Weil ich so Angst hatte, den Garten zu verlieren.

Das ist natürlich nicht die Wahrheit.

Ich weinte, weil ich so Angst hatte, Karin zu verlieren.

Doch die sogenannte „primär progrediente MS“ ist wie eine Straßenwalze. Ganz langsam, aber unausweichlich.

So wie in Austin Powers: Den haben wir damals gesehen! In einer Szene fährt er eine Straßenwalze und ein Handlanger des Bösewichts steht im Weg. Austin Powers ruft: „Geh aus dem Weg! Geh aus dem Weg!“

Aber der Handlanger schreit: „Nooooo!“, weil er weiß, dass er gleich plattgewalzt wird. Schnitt! Man sieht das ganze Bild und eigentlich ist die Walze noch zehn Meter weg und der Bösewicht könnte bequem einfach einen Schritt zur Seite machen.

Kann er aber irgendwie nicht …

Das ist sehr komisch und Karin hat im Kino sehr gelacht. Das ganze Kino hat sehr gelacht. Aber ich habe nicht gelacht. Die Straßenwalze war MS und Karin war nicht in der Lage einen Schritt zur Seite zu machen. Das war nicht komisch.

Am letzten Tag, an dem ich noch mit ihr reden konnte, habe ich ihr versprochen, ich würde mich um den Garten kümmern. Und ich würde ihn wieder zu einem magischen Ort machen. Ich würde jedes Buch lesen, dass es zum Gartenbau gibt!

Ich würde ein wandelndes botanisches Lexikon werden und über den richtigen Gebrauch von jedem der komischen Geräte, die in unserem Schuppen standen, Bescheid wissen.

Karin lächelte mich an, wir heulten beide und sie flüsterte:

„So geht das nicht. Du brauchst Magie!“

Magie brauche ich. Meinte Karin. „Magie“!

Das war traurig. Aber nicht der letzte Satz, den sie zu mir gesagt hat.

Das war nur der Wichtigste.

Ich begann noch am Tag der Bestattung, mein Versprechen wahr zu machen. Den Garten zu rechen war das Erste, was ich anging. Noch in meinen schwarzen Klamotten rechte ich die Blätter von der Walnuss. Denn die vermodern nicht. Hatte ich von Karin gelernt.

Damals schon fiel mir ein kleines Kuvert auf, das ich aber einfach mit dem Laub in der Biotonne entsorgte. Werbung, dachte ich. Damals war das erste Mal.

Aber natürlich klappte mein Plan nicht, den Garten so zu pflegen, wie Karin das konnte. Ich gab mir alle Mühe, ich las wirklich einen ganzen Haufen an Büchern und ich verbrachte jede freie Minute im Garten.

Doch ich hatte halt einfach nicht diesen blöden, grünen Daumen. Ich hatte kein instinktives Gefühl für die Bedürfnisse der hochnäsigen Herren und Damen Pflanzen.

Mir fehlte die Magie!

Der Anblick des Gartens wurde mir zu einer ständigen Quelle von depressiven Verstimmungen. Und dem Garten ging es, umgekehrt, mit mir genauso.

Gott sei Dank folgte der Bestattung bald ein kalter Winter und ich konnte das beleidigte Gesicht unseres Gartens unter der Schneedecke nicht mehr sehen.

Im Frühjahr ging die Arbeit an meinem Versprechen weiter und ich war nicht glücklich, dass mir dieser Eid im Krankenhaus über die Lippen gekommen war. Ich mochte den Garten nicht und er konnte mich auch nicht leiden.

Ich war ein Fremdkörper im Biotop. Ich war ein Schädling. Ich war Unkraut.

Im Februar machte ich mich zum ersten Mal auf den Weg, um zu sehen, welche Pflanzen den Frost trotz meiner Pflege überraschenderweise überstanden hatten.

Da fiel mir wieder so ein kleines Kuvert auf, genau an der gleichen Stelle wie zuvor im Herbst. Es war nicht einmal fünf auf drei Zentimeter groß und jemand hatte in einer verschnörkelten Schrift etwas darauf geschrieben.

So klein war die Schrift, dass ich zu meiner Brille noch eine Lupe brauchte, um sie zu entziffern. Der Brief war an mich. Auf dem Kuvert stand mein Name!

Mit einer Nagelschere öffnete ich das Anschreiben und zog mit einer Pinzette einen winzigen Brief daraus hervor, mit einem winzigen Siegel. Der Tropfen Siegelwachs hielt drei Spinnenbeine an das Papier geklebt.

„Es tut uns sehr leid, dass die große Hüterin gestorben ist. Herzliches Beileid von allen Kümmerern, sogar von Tulpus. Wir waren sehr, sehr traurig und sind aus Trauer weit weg geflüchtet. Jetzt sind wir aber hier und wir würden gerne den Mietvertrag fortsetzen. Wir dürfen hier wohnen und kümmern uns dafür um die Pflanzen der Hüterin. Du kannst auch Hüterin werden, wenn Du willst. Mit herzlichen Grüßen, Scalla“

Wenn ich jetzt auf der Terrasse sitze – alleine – und ein Glas Rotwein schlürfe, dann muss ich nicht mehr heulen. Dann lächle ich manchmal.

Denn ich habe verstanden, was Karin meinte.

„So geht das nicht. Du brauchst noch Magie!“

Jetzt habe ich das verstanden.

Vielleicht werde ich sogar noch Hüterin.

Die kleine Hüterin vielleicht.

Das wäre mir schon genug.


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