Die Jungbrunnenformel

play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

In nicht allzu ferner Zukunft, so die Grundidee unserer heutigen Geschichte, ist es gellungen, den Alterungsprozess und alle Krankheiten zu stoppen.

Vor der Menschheit liegt ein ewiges Leben in ewiger Gesundheit. Mit allen Folgen, die das für eine Gesellschaft hat. Nur unser Protagonist beurteilt die Dinge grundsätzlich anders. Und wunderlich.


Download der Sendung hier.

HIntergrundmusik von David Fesliyan: www.fesliyanstudios.com/

Musiktitel: „Round and round“ von Lawrence Beamen / CC BY-SA 3.0

Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Unterstützer)


Die Geschichte zum Lesen

Es gibt immer noch Friedhöfe. Als ewige Erinnerungen. Auf der ganzen Welt. Es gibt immer noch Menschen, die gerne Friedhöfe besuchen, so wie man eben auch in Rom die Spuren der Vergangenheit sucht.

Ich liebe Friedhöfe aber nicht, weil ich gerne mit einem Schaudern an vergangene, dunkle Zeiten denke. Sondern weil ich den Toten gerne zuhöre.

Nicht im buchstäblichen Sinne, aber ich solidarisiere mich mit den Verstorbenen, die – wie von Mutter Natur gewollt – gealtert und irgendwann verstorben sind.

Ich stelle mir vor, wie sich die Toten versammeln und miteinander über uns streiten. Sie müssen entsetzt sein über uns. Verzweifelt darüber, dass nun niemand mehr ihre Weisheit schätzt und ihre Lehren hören will.

Unglücklich, dass ihr Gelebtes nun niemanden als Beispiel oder Vorbild dient.

Wenn ich Friedhöfe besuche, dann stelle ich mir vor, dass ich sie hören kann, die Toten. Ein leises, trauriges, schmerzvolles Jaulen, welches niemals enden wird.

Ich kann sie hören, denn ich bin ein alter Mann. Ein alter Mann in einer Welt der ewigen Jugend. Voller Lebensfreude und Energie, immer angetrieben von der Zukunft. Die niemals endende Welt von morgen. Immer nur morgen. Niemals heute und auf gar keinen Fall gestern.

Ich bin ein alter Mann und eine Anomalie für alle Menschen, die mich nicht kennen. Für die Menschen, die mich kennen, bin ich dafür der Geist der Vergangenheit. Ein trauriges Relikt aus einer Zeit, die schon lange überwunden ist.

Kinder würden mit den Fingern auf mich zeigen, wenn sie mich auf der Straße sehen. „Warum schaut der Mann so zerknittert aus?“, würden sie fragen. „Warum hat er keine Haare mehr auf dem Kopf und einen Buckel?“, würden sie fragen. Aber es gibt ja keine Kinder mehr.

Mein Name ist Kevin Vogel, ich bin 72 Jahre alt – glaube ich – und meine Alter sieht man mir auch an. Ich bin der älteste Mensch der Welt. Und das, obwohl viele, viele Menschen schon länger gelebt haben als ich.

Aber seit es die Jungbrunnenformel gibt, hören Menschen körperlich und geistig zu altern auf, sobald sie ihren Höhepunkt erreicht haben. Das war traurig für alle Menschen, die zum Zeitpunkt der Markteinführung ihren Zenit schon überschritten hatten, denn bei ihnen wirkte die Formel nicht.

Bei mir liegt der Fall anders. Ich bin erst produziert worden, als es die Formel schon gab. Mit Einführung der Formel wurde die Fortpflanzung verstaatlicht, um eine Überbevölkerung zu verhindern.

Ich bin eines der letzten Kinder, die noch geboren worden. Und wie alle Kinder dieser letzten Generation, der sogenannten „goldenen Generation“, wuchs ich mit dem Versprechen des ewigen Lebens auf. Mit der Aussicht auf ewige Jugend. Mit einem Ausweis für das Paradies auf Erden.

Und so verging mein Leben eine Zeit lang genauso wie das aller Altergenossen. Wir wurden von allen gehätschelt und geliebt, wir waren die letzten Kinder, wir waren etwas sehr Besonderes. Jeder Erwachsene fühlte sich wie unsere Mutter oder Vater.

Ich war 24 Jahre alt, als ich die Liebe meines Lebens traf. Meine Seelenverwandte. Die Menschenfrau, mit der ich die Ewigkeit teilen wollte. Ihr Name war Helena und sie hörte das Altern in dem Jahr auf, als wir uns kennengelernt hatten. Sie freute sich auf ein ewiges Leben. Unendliche Möglichkeiten lagen vor ihr und unendliche Lebenswege.

Ich blickte verliebt in ihre Augen und sah darin alle diese Chancen auch für mich.

Sie blieb 24, doch ich wurde jedes Jahr ein Jahr älter.

Ich blickte immer noch verliebt in ihre Augen und bemerkte nicht, wie ihre Pupillen glasig wurden und sich ihr Fokus langsam auf etwas verschob, was weit, weit von mir entfernt war.

Acht Jahre hielt es Helena mit mir aus. Ich vermute, dann ertrug sie es wahrscheinlich nicht mehr, mit einem Mann gesehen zu werden, der so viel älter war als sie selber.

Mir aber brach es das Herz. Ich bin darüber niemals hinweg gekommen. Das waren die schönsten Jahre meines Lebens!

Sie sagte, sie wollte mehr vom Leben, als ich ihr gab. Sie meinte aber: Ich erwarte so viel mehr vom Leben als Du. Immer unterwegs auf das nächste Traumziel, immer voller Ideen, immer jung.

Vor ihr lag ein ewiges Leben! Sie würde sich nicht einmal für einen Beruf entscheiden müssen, sondern könnte schlicht alle ausprobieren, wenn sie das wollte.

Sie hatte ein Ewigkeit vor sich!

Zeit genug, alles zu kosten, überall zu sein, jeden kennenzulernen, immer unterwegs zu sein und immer zu Hause.

Egal wie unwahrscheinlich etwas statistisch ist, wenn man ewig lebt, wenn man es mit unendlich multipliziert, dann wird es geschehen!

Ich hingegen geriet so langsam in Vergessenheit. Ich teilte diese Hoffnung von ewigem Glück nicht. Für mich machte das Wort „ewig“ alles völlig beliebig und austauschbar.

Es hieß dann offiziell, ich sei depressiv. Behandelbar.

Dabei war mir nur das Herz gebrochen. Unbehandelbar.

Auf jeden Fall alterte ich immer weiter und weiter. Mein Körper begann abzubauen, meine Haare fielen aus, meine Augen schwächelten deutlich, mein Hörvermögen ließ nach und ich wurde vergesslich.

Eine ganze Horde Ärzte stürzte sich mit Begeisterung auf den letzten gerontologischen Fall der Welt, auf den letzten Greis, auf die allerletzten Altersflecken, die sich je auf menschlicher Haut bilden werden!

Aber es wurde kein Makel in der Formel gefunden. Die Jungbrunnenformel hatte mich, genau wie alle anderen Menschen, unsterblich gemacht. Ich hatte, so die Erklärung, bloß einfach meinen Leistungshöhepunkt noch nicht erreicht!

Sie sagten zu mir: „Ihre besten Jahre liegen noch vor Ihnen!“ Und klopften mir auf die Schultern und lächelten mich mit ihren perfekten, weißen Zähnen an.

Übrigens erkundigte sich Helena an jedem Geburtstag nach mir. Wir führten ein peinliches Videotelefonat. Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie mein Gesicht nach neuen Spuren des Alterns absuchte und ich wollte nicht, dass sie spürt, wie ich unter dem Anblick ihres 24 Jahre alten Körpers litt, der immer noch so perfekt war wie damals, als mein Leben noch einen Sinn hatte.

Klar, es stimmt, ich gebe ihr die Schuld an meiner Bitterkeit. Aber es ist ungerecht.

Nein, ich habe diese Bitterkeit selber entworfen und mir angezogen wie meinen Labormantel. Ich bin jetzt alt und kann es zugeben: Ich war vielleicht immer dazu geboren, eigenbrötlerisch zu sein. Und nachdenklich. Und melancholisch. Und damit eben auch bitter.

Ich bin ein trauriger, alter Sack, für den die Zukunft nicht das Versprechen ewiger Jugend ist. Basta. Der älteste Mensch der Welt. Meine Interessen sind andere als die der ewig Jungen.

Und so orientierte ich mich an denen, die vor mir gegangen sind. An den Menschen, die ihr Leben an die Existenz selber verloren haben. An die Toten, die vor mir gegangen sind. An die ewig Vergessenen, die den Tod noch für etwas Natürliches hielten.

„Warum musstet ihr gehen? Und wir nicht?“, fragte ich sie.

Eigentlich lustig, wenn man darüber nachdenkt, dass alles, was folgen wird, daher kommt, dass mir das Herz gebrochen wurde, oder?

Ich liebte Helena. Über alles. Es ist Jahrzehnte her, da liebte sie mich auch, aber dann entliebte sie mich.

Jetzt lebt sie für immer in ihrer Blase aus Unendlichkeit, in ihrer unendlichen Nische von Morgen. Immer ein Morgen. Sie hat immer Morgen.

Und ich lebe die Endlichkeit aller Existenz. Meine Endlichkeit hat mich überhaupt erst zum Nachdenken gebracht. Hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Immer im Gestern. Ich habe nur gestern.

Das Gestern hat mich erst zu meiner Arbeit gebracht, meine Erfindung erst möglich gemacht.

Sie werden mich verabscheuen, soviel ist sicher.

Mein Name ist Kevin Vogel, ich bin 78 Jahre alt und mein Name wird gleichbedeutend sein mit einem Fluch, einem Reiter der Apokalypse, Satan, Hitler, Stalin.

Wahrscheinlich schlimmer.

Und das zurecht. Ich kann die Unendlichen verstehen. Für die Unsterblichen ist das das Böseste. Sie haben wahrscheinlich sogar recht.

Ich habe vier Jahrzehnte gebraucht, um meine Arbeit zu vollenden. Und jedes Jahr bin ich ein Jahr älter geworden! Jedes Jahr haben meine Hirnzellen nachgelassen, jedes Jahr bin ich unbeweglicher und jedes Jahr bin ich vergesslicher geworden, aber ich habe nicht aufgehört.

Ich höre den Toten zu . Ich höre das Jaulen von 170 Milliarden Menschen, die gestorben sind und ich atme den Geist meiner Vorfahren, die auf mich warten.

Sie hätte bei mir bleiben sollen, denke ich. Vor einem Jahr hat mein Körper aufgehört zu altern. Ich habe den Gipfel meiner Leistungsfähigkeit erreicht, als ich das Gegenmittel fertiggestellt habe.

Die Zeit wird wieder Trauer und Hoffnungslosigkeit bringen, wenn der Tod selber von den Toten aufersteht und wieder seinen Dienst antritt. Die Unendlichen werden spüren, dass Tod durch ihre Adern fließt.

Sie werden lernen, was die Wahrheit der Verstorbenen ist. Was die Weisheit unserer Ahnen ist!

Sie werden lernen, dass Tod mit der Geburt beginnt. Das Leben ein einziges Sterben ist.

Sie werden lernen, dass man nicht auf ewig eine Münze nur auf eine Seite fallen lassen kann.

Ich bin der Durcheinanderwerfer. Ich richte die alte Ordnung wieder her!

Mein Gift ist ein Virus. Ich vermute, seit seiner Freisetzung gestern wird es in einem Jahr die Welt umrunden, ohne dass jemand es bemerkt. Erst dann wird den einstmals Unsterblichen auffallen, dass sie wieder altern.

Sie werden in ihre Spiegel glotzen. Und dann werden sie sich fragen: „Warum?“

Dabei ist das so lächerlich! So völlig lächerlich im Angesicht des ewigen Todes!

Ich habe den Toten zugehört, nachdem ich das Leben aufgegeben hatte. Ich habe gehört, wie sie in den Wind jaulten.

Ich habe sie verstanden, als sie gesagt haben: „Kommt wieder zu uns! Lasst uns nicht allein!“

Ich fühle mich …

Normal.


Ähnliche Geschichten:

  • The Devil’s Blues
  • In der Hölle haben sich die Regeln geändert und der Teufel hat nicht mehr viel zu tun, außer Mundharmonika spielen. Bis eine arme Seele auftaucht …


  • N/Irgendwo
  • Wenn man in Europa einen menschenverlassenen Platz im Nirgendwo sucht, muss man nach Schweden gehen. Und selbst da ist man irgendwo, oder?


  • Die Werfel-Frauen
  • Die Werfel-Frauen können Geister sehen. Unsere Erzählerin zum Beispiel den Geist ihres verstorbenen Partners. Keine leichte Aufgabe.