Die Hexe von Nebbich


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Das Mittelalter steht im Ruf, in unserer Zivilisation eine finstere Zeit gewesen zu sein. Das ist eine grobe Übertreibung, vor allem, weil dieser Begriff im Kontrast die anderen Zeitalter in einem viel zu guten Licht erscheinen lässt.

Um das zu belegen, schalten wir heute nach Nebbich, eine vergessene mittelalterliche Stadt und werden Ohrenzeugen bei einem Hexenprozess der etwas anderen Art.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Black Cat“ von Whitey


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Die Geschichte zum Lesen

Nebbich war keine ungewöhnliche mittelalterliche Stadt. Damals, im Mittelalter. Eigentlich war Nebbich so ungewöhnlich gewöhnlich, so durch und durch durchschnittlich, dass man das ganze Mittelalter auch Nebbichalter hätte nennen können.

Durch die Straßen schwammen fröhlich Fäkalien, kleine Kinder tranken zum Frühstück Bier, die Badehäuser waren wegen der Pest geschlossen und alle paar Wochen wurde jemand der Hexerei verdächtigt. Ganz normal eben, ganz nebbich.

Bis zu jenem Tag im Juli, als es wieder zu einem Schauprozess gegen eine Hexe kam. Die Menge hatte es sich auf dem Marktplatz auf Bierbänken bequem gemacht, Marketender boten Leckereien feil, Feilenhändler leckten Markenboote und die Taschendiebe und Beutelschneider reibten sich alle noch vorhandenen Hände in Vorfreude auf gute Geschäfte.

Dieser Prozess schien sich nicht von allen vorherigen zu unterscheiden, wenn man von der Tatsache Abstand nahm, dass sich die Angeklagte prächtig unterhalten fühlte und nicht eine Sekunde abstritt eine Hexe zu sein oder mit den Mächten der Hölle im Bündnis zu stehen.

Der Bischof übersprang also die Beweisaufnahme schneller, als dies nebbischerweise der Fall war und ging gleich zum praktischen Teil über. Schon weil sich da Beweisaufnahme und Todesurteil so trefflich ergänzten.

Die Verdächtige wurde mit Gewichten beschwert und in den Fluss geworfen. War sie nach drei Minuten nicht ertrunken, war der Fall klar: Sie war eine Hexe und musste ertränkt werden. (Oder verbrannt)

War sie aber tot, dann war sie unschuldig und durfte, wenn sie das wollte, weiterleben. Bis jetzt hatten alle Unschuldigen auf dieses Vorrecht verzichtet und waren einfach gestorben geblieben.

Im heutigen Falle aber war die Verdächtige putzmunter wieder aufgetaucht und lachte hämisch und bat prustend um eine zweite Runde.

Weil sie also ganz klar eine Hexe war, war nun die Autodafé angesagt, frei übersetzt: das Glaubensgericht. Dieses erfolgtem nach alter Tradition am Scheiterhaufen und war, auch wenn man das nicht glauben mag, nicht ausschließlich bösartig gemeint. Die Vorstellung war eher, dass durch diese erste Ratenzahlung auf das Fegefeuer eventuelle Strafen bei jenseitigen Behörden glimpflicher ausfielen würden.

Doch die heutige Verdächtige erwies sich auch als feuerfest und nach ungefähr drei Stunden, als alles Holz und die Kleidung der Verdächtigen und die Fesseln verbrannt waren, erfasste die Menge eine gewisse Ratlosigkeit. Sogar die Rufe: „Verbrennt die Hexe!“ ebbten etwas ab.

Nach dem Buchstaben des weltlichen Gesetzes und der päpstlichen Enzyklen war die Angeklagte nun von ihren Sünden reingewaschen. Zu dumm! Es hatte ja auch niemand mit einer echten Hexe gerechnet, dafür waren die Gesetze ja überhaupt nicht vorgesehen!

Im Prinzip hatte die Hexe jetzt jegliches Recht zu gehen, obwohl ihre Schuld eindeutig erwiesen war. Zum Glück hatte der Bürgermeister geistesgegenwärtig die Idee, sie wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses einzukerkern, schließlich stand sie ja nackt auf dem Marktplatz.

Trotz dieser Eingabe waren gewisse juristische Probleme im nebbischen Verfahren sichtbar geworden, derer man sich annehmen musste und die hohen Herren wurden aufgefordert, sich im Ratssaal zu versammeln, um eine rasche Reform der Gesetzgebung auf den Weg zu bringen.

Es herrschte aufgeregte Unruhe, als der Vogt, der Bischof und der Bürgermeister am Stirnende der Tafel Platz nahmen. Letzterer auf einem Thron, zu seiner Rechten ein verhutzelter alter Mönch, der Schreiber.

Bürgermeister: „Ich muss doch die Herren und Damen sehr um Ruhe bitten!“
SFX: Unruhige Menge, Klopfen
Bürgermeister: „Bitte! Ruhe!“
SFX: Klopfen
Bürgermeister: „Hohe Herren, hohe Damen, versammelte Bürgerschaft! Wir haben uns in unserer ganzen Gottesfurcht hier versammelt, weil gewisse naturwissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Zeit uns dazu zwingen, gewisse rechtliche Vorgehensweisen zu überdenken!“
Publikum: „Verbrennt die Naturwissenschaftler!“
Bürgermeister: „Was? Wie? Nein … Nein, darum geht es in keinster Weise! Wer war das? (Pause) Na, egal. Nein, unser Problem ist, dass wir wohl, wenn man so darüber nachdenkt, in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten an die 150 Frauen grundlos verbrannt haben.“

Der Schreiber, der in einer großen Kladde geblättert hatte, wusste es genauer: „234 Personen weiblichen Geschlechts.“
Bürgermeister: „Jesus Christus und Maria und Josef! 234 Frauen! Das ist ja eine Schande! Und hat es seit Beginn der Aufzeichnungen nicht eine männliche Hexe gegeben?“
Publikum: „Verbrennt alle männlichen Hexen!“
Schreiber: „Nicht eine, Herr Bürgermeister, nicht eine einzige.“
Bürgermeister: „Meine Herren, das klingt alles fast so, als wäre uns da etwas ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Wir haben im Lauf der Jahre 234 Frauen unschuldig verbrannt. Das wirft jetzt nicht unbedingt das beste Licht auf Nebbich.“

Ein ehrenhafter Bürger erhebt sich: „Herr Bürgermeister, also im Falle der Nummer 234, meiner ehemaligen Gemahlin, Gott habe sie selig, also in diesem Falle möchte ich durchaus darauf hinweisen, dass sie mir deutlich Anlass gegeben hat, dass es sich, speziell in ihrem Falle, um eine Hexe gehandelt hat.“
Bürgermeister: „Ach ja, was waren denn die Verdachtsmomente?“
Bürger: „Sie konnte bis neun zählen!“
Publikum: „Bis neun? Verbrennt sie noch einmal!“
Bürgermeister: „Wer hat das gerufen? Wer war das? Und, wie zum Teufel, sollen wir sie noch einmal verbrennen?“
SFX: Der Raum wird ruhig
Bürgermeister: „Schreiberling, ist das wahr? Haben wir tatsächlich jemanden verbrannt, weil diese Person bis neun zählen konnte?“
Schreiber: „Die Aufzeichnungen sind etwas verblichen…“
Bürgermeister: „Wieso sind die Aufzeichnungen verblichen? Das war doch letzte Woche!“
Schreiber: „Die Tinte war zu billig.“
Bürgermeister: „Wie bitte? Und was passiert mit unseren Aufzeichnungen vom letzten Monat? Schreiber, antworte er mir!“
Schreiber: „Pah! Mische ich mich ein, wie ihr euer Amt ausübt? Tu‘ ich das? Tu ich nicht! Also lasst mich gefälligst billige Tinte kaufen. Oder lernt halt selber lesen und schreiben! Mein Gott!“
Bürgermeister: „Nicht gleich beleidigt sein! Zurück zur Sache. Haben wir jemanden verbrannt, weil diese Person in der Lage war, bis neun zu zählen?“
Schreiber: „Ja. Haben wir. Aber neun ist auch eine absurd hohe Zahl, euer Ehren.“
Bürgermeister: „Aber… Wieso… Neun ist doch keine absurd hohe Zahl! Ihr selber habt gerade bis 234 gezählt, wenn ihr euch erinnert!“
Publikum: „Verbrennt ihn noch einmal!“
Bürgermeister: „Wer war das? Wer ruft immer diesen Unsinn?“
SFX: Der Raum wird ruhig
Bürgermeister: „Mein Gott! Jeder von euch hat zehn Zehen und zehn Finger! Habt ihr die noch nie gezählt? Schreiber, antworte er!“
Schreiber: (ganz leise) „Werde ich dann verbrannt?“
Bürgermeister: „Nein! Keiner wird verbrannt, bloß weil er bis neun zählen kann! Mein Gott, das ist ja peinlich!“

Die Türe des Ratssaals werden aufgestoßen. Ein Büttel betritt den Saal, mit einer kleinen Kreatur auf dem Arm. Er ruft: „Bürgermeister! Wir haben die sprechende Katze der Hexe gefunden! Ein weiterer Beweis!“
SFX: Hund bellt
Bürgermeister: „Aber das ist doch keine Katze! Das ist ein Hund!“
Publikum: „Nur eine Hexe kennt den Unterschied zwischen einer Katze und einem Hund!“
Bürgermeister: „Wer war das? Wer hat das gerufen? Natürlich kenne ich den Unterschied zwischen einer Katze und einem Hund, verdammt noch einmal!“
Publikum: „Verbrennt ihn noch einmal!“
Bürgermeister: „Moment! Halt! Wir können nicht so weitermachen. Wir können nicht rumlaufen und brave Bürger als Hexen verbrennen, bloß weil sie Hunde besitzen und bis zehn zählen können!“
Publikum: „Wir brauchen erst einen Beweis, ob das überhaupt ein Hund ist oder eine Hexenkatze. Lasst das Tier bis zehn zählen!“
Bürgermeister: „Moment! So geht das nicht!“
SFX: Hund bellt
Publikum: „Was hat die Katze gesagt?“
Schreiber: „Ich glaube, sie hat sieben gesagt.“
Bürgermeister: „Sie hat was?“
Publikum: „Also ist sie keine Hexe?“
Schreiber: „Ja. Schade. Ich notiere das. ‚Keine Hexenkatze‘. Oder. Ein Moment! Was, wenn die Katze uns das nur vorgespielt hat?“
SFX: Die Menge erschrickt
Publikum: „Verbrennt sie noch einmal!“

Bürgermeister: „Es reicht! Schluss! Das ist keine Katze, das ist ein verdammter Hund! Und ihr wisst das alle, oder?“
SFX: Menge murmelt vor sich hin, Hund bellt
Publikum: „Was hat die Katze gesagt?“
Schreiber: „Ich glaube, sie hat ‚Tulpe‘ gesagt.“
Publikum: „Verbrennt sie noch einmal!“
Bürgermeister: „Halt! Das ist ja eine Schmierenkomödie sondergleichen! Ihr seid ja alle völlig wahnsinnig! Das spricht ja jeder Vernunft Hohn! Habt ihr euch schon einmal Gedanken gemacht, was das in der Neuzeit für ein Bild von uns zeichnet? In ein paar hundert Jahren wird man auf Nebbich zurückblicken und sich sagen: ‚Schaut euch diese Barbaren an! Haben die doch glatt 234 schuldlose Frauen verbrannt, bloß weil sie bis neun zählen konnten. Solche primitiven Tiere, diese Nebbicher. So wird das kommen! Wollt ihr das?“
SFX: Menge murmelt ‚Nein‘
Bürgermeister: „Also, was wollen wir jetzt machen, damit wir nicht so in Erinnerung bleiben. Auf das das Nebbichalter als helle Zeiten in Erinnerung bleiben werden.“
Schreiber: „Na ja, wir könnten ja an der echten Hexe alles Gute tun, was wir den 234 falschen Hexen nicht haben widerfahren lassen!“
Publikum: „Verbrennt sie!“
Bürgermeister: „Wer ist das? Wer ist dieser Zwischenrufer?“
Schreiber: „Wir könnten sie ausnahmsweise nicht verbrennen, sondern … Ich weiß nicht. Vielleicht einen Kuchen backen?“
Bürgermeister: „Einen Kuchen backen?“
Publikum: „Verbrennt ihn!
Schreiber: „Also, das würde mir so als erstes einfallen.“
Bürgermeister: „Nein, wir sollten sie an einen Ort schicken, an dem sie keine Sorgen mehr haben muss. An dem sie nie wieder Hunger leidet und den ganzen Tag bis neun zählen kann, wie es ihr eine Freude ist. Das wäre großherzig!“
SFX: Hund bellt
Bürgermeister: „Was hat die Katze gesagt?“
Schreiber: „Ich glaube, sie hat „Himmel“ gesagt.“
Bürgermeister: „Himmel? Das ist eine großartige Idee! Wir werden die Hexe in den Himmel schicken! Schreiber, schreibe er das auf! Wir Nebbicher in unserer großherzigen Güte werden die Hexe nicht verbrennen, sondern in den Himmel schicken. Jawoll! Büttel, lass‘ er das Katapult vorbereiten!“

Tja. Wir verlassen nun den aufregendsten Moment in der verblichenen Geschichte des mittelmäßigen Mittelalterorts Nebbich, der mittlerweile komplett vergessen ist und auf keiner Karte mehr zu finden ist. Und darum, liebende Hörende, ist an dieser Stelle Hochmut fehl am Platze. Denn ein jeder von uns hat mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Vorfahren in Nebbich.


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