Die Götter leben


Machen wir eigentlich zu viele Sendungen zu religiösen Themen? Heute auf jeden Fall wechselt die Frau „Ohne Bekenntnis“ Anders zu den Göttern der Antike.

Seit dem April 2017 ist der „Hellenismus“ in Griechenland wieder offiziell als Glaubensgemeinschaft zugelassen. Also kann man wieder ein Jünger Zeus‘, Apolls oder Bacchus werden. Oder Jüngerin von Aphrodite, Hera oder der großen Mutter Gaia!

Hat doch etwas Sympathisches, oder? Folgt also den Bemühungen einer modernen „Heidin“, in den Pantheon der Polytheisten zu wechseln!


Download der Episode hier.
Musik: „The 28“ von Fake Gods / CC BY-NC-SA 3.0
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Skript zur Sendung

Jetzt bin ich also ohne Bekenntnis, wie man so sagt. Klingt nackt und schutzlos. Und irgendwie… Ich weiß nicht… Mal kucken, ob das nicht auch irgendwie zu 10% in meinem Behindertenausweis vermerkt ist. So fühlt sich das Wort an. Ohne Bekenntnis…

Ich sollte mich sicherheitshalber nach anderen Göttern umschauen, jetzt wo der christliche Gott nicht mehr auf mich aufpasst. Und was liegt da näher, als mal zu kucken, wie das Vorgängermodell so ausgesehen hat? Vielleicht ist ja der Polytheismus was?

Es ist erst ca. 10 Jahre her, als die Kulturhistoriker ernsthaft diskutierten, ob nicht der Monotheismus an und für sich eine Konstruktion ist, die per se zu Gewalt führt. Wobei ja die Geschichte der Antike jetzt nicht gerade voller peace, love and understanding ist… Kann man nicht sagen.

Doch, heutzutage, im Angesicht von Fundamentalisten in jeder Religion… Die immer für sich in Anspruch nehmen im Besitz der einen und einzigen Wahrheit zu sein, ist die Frage berechtigt:
Sorry, aber wie bitteschön kommt ihr denn zu so einer Behauptung?

Warum sollte es denn soviel wahrscheinlicher sein, dass es nur einen Gott gibt statt viele Götter? Gibt’s da irgendein physikalisches Gesetz dazu, oder was? Das wirkt doch auf uns nur so, weil es uns eben so beigebracht wurde. Die ganzen polytheistischen Götterhimmel werden uns immer mit einem kumpelhaften Augenzwinkern erklärt, so als ob die Annahme schon irgendwie drollig wäre.

„Kuckt mal: Der Zeus, der geile Bock! Kaum kuckt seine Hera nicht hin, schon hat er wieder ein Kind mit einer Menschenfrau! Und wie lächerlich ist das denn? Die wohnen auf dem Berg Olymp? Da gehen mehrere Wanderrouten hoch. Ein-Tages-Ausflüge.“ Gut, 2900 m ist schon ganz schön hoch, aber dass die Götter da leben, das wäre noch keinem aufgefallen.

Aber der Vergleich ist unfair. Unser Gott hat sich in einer großen Schachtel von seinem Volk durch die Gegend tragen lassen, unser Heiland ist auf dem Wasser gewandelt und noch nie wurde bei einem Gottesdienst der Wein je in Blut verwandelt oder die Hostie in Menschenfleisch.

Wenn wir für unser erebtes und aufgezwungenes Christentum in Anspruch nehmen, dass es bildlich gemeint ist und metaphorisch, dann gilt das auch für die griechischen Götter. Wenn Herr Wunderlich bei jeder babarischen Bibelstelle erklärt, dass müsse man aus der Zeit seiner Entstehung verstehen und aus der Kultur von Schafhirten…

Warum nicht dann gleich die Religion von Ur-Europäern nehmen, von den Erfindern der Demokratie? Die Religion, die den Griechen und Römern tausend Jahre mindestens ganz gut gereicht hat? Nach der schließlich unsere Planeten auch benannt sind? Denen unsere Helden der Antike gefolgt sind?

Warum nicht gleich einen Pantheon von Göttern, wo jeder ein Spezialist auf seinem Gebiet ist statt so einem Generalisten, der seine schlechte Wartung des Planeten damit rechtfertigt, dass er allmächtig ist?

Und so ein Pantheon hat ja auch den Vorteil, dass man ihn prima bereichern kann, wenn man auf einen anderen Pantheon trifft. Da muss man sich nicht bekämpfen, wer denn nun hundert Prozent recht hat. Das ist mehr so wie früher das Quartett spielen. Wieviel PS hat Dein Flußgott und was für einen Hubraum Deine Liebesgöttin? So in der Art…

Ach, wenn ich mich da so in Rage rede, da überzeuge ich mich selber gleich! Vielleicht werde ich Polytheist!

Schauen wir einmal, ob es diese Religion überhaupt noch gibt. Die Christianisierung des antiken Kultur-Raums war ja nicht wirklich so mit dem Schwert und mit Gewalt, wie es manchmal dargestellt wird.

Das ging sanfter, über ein paar Jahrzehnte, fast Jahrhunderte. Es waren eh‘ schon viele Menschen dem einen oder anderen Monotheismus gefolgt, Baal, oder Sol Invictus oder ähnlichen, vergessenen Gottheiten, die Umstellung war nicht so schwer.

Und dann hat man irgendwann als Heide einfach keinen Job mehr bekommen. Auch nachdem das Christentum Staatsreligion geworden war, gab es noch hundert Jahre auch noch hochrangige Beamte, die noch Polytheisten waren.

Erst im frühen Mittelalter wurden die Methoden rabiater. Es könnte doch sein, dass irgendwo noch Anhänger von Zeus und Hera, von Apoll und Bacchus überlebt haben… Wo könnte man denn da nachkucken?

Schauen wir einfach in Griechenland. Bei den registrierten Religionsgemeinschaften. Was hätten wir denn da? Nicht viel, außer der orthodoxen Kirche steht da nicht viel im Adressbuch. Scheint nicht einmal in Athen eine Moschee zu geben. Ah, doch! Hier: Im April 2017 wurde mit dem Bau der ersten Moschee angefangen!

Und, hier steht es, schwarz auf weiß: Der sogenannte Hellenismus ist, auch seit April 2017, eine anerkannte Glaubensgemeinschaft! Die dürfen jetzt ihre Götterdienste abhalten, Leute verheiraten, Tempel bauen und Geburtsurkunden ausstellen. Oder taufen. Aber das machen die nicht…

YSEE nennt sich die Organisation nach den Anfangsbuchstaben von Ypato Symboulio Ellinon Ethnikon – auf deutsch etwas wie Oberster Rat der ethnischen Hellenen.

2000 Mitglieder hat die Gruppe, die sich ganz in der Nachfolge der alten griechischen Götter sieht. Was glauben die denn so, diese 2000 Athener?

Hier stehen sie, die zwölf grundlegenden Eigenschaften des Hellenisten.
Bin ja mal gespannt…

1. Hellenische Paideia und Fähigkeit, die abstrakten hellenischen Bedeutungen und Ideen in ihrer vollen Tiefe zu verstehen.

2. Polytheistische Betrachtung des Kosmos (Selbstschöpfung, nicht-lineare Zeit, Vielfalt des Göttlichen usw.)

3. Eleutheroprepeia und Parrhesia – als freie Person zu leben und zu handeln (der Status des Freiseins muss auf täglicher Basis bewiesen werden)

4. Toleranz und Verständnis für alle anderen ethnischen Kulturen. Dialektisches und vernünftiges Gespräch.

5. Ständiges Bewusstsein und Streben nach dem Ausgezeichneten (aristevein)

6. Mut und aphobia (Freiheit von Furcht)

7. Kata physin zein (Leben gemäß den Naturgesetzen, Vertrautheit mit dem menschlichen Körper, hohes ökologisches Gewissen usw.)

8. Klugheit, Unvoreingenommenheit und Einfachheit

9. Direkte Demokratie, Panarchie (volle soziopolitische Beteiligung), Betonung des soziopolitischen vor dem privaten Element des täglichen Lebens

10. Persönliche und ethnische Selbsterkenntnis (die Aussage „Erkenne dich selbst“ sowohl für den Einzelnen als auch das Volk)

11. Polymereia und Fleiß

Moment, das sind doch erst elf? Noch einmal zählen… Wieder elf. Da muss sich ein Fehler auf der Website eingeschlichen haben. Aber, mein Gott! Katholiken, Juden und Protestanten streiten sich ja heute noch um die richtige Durchnumerierung der 10 Gebote – wollen wir ‚mal also großzügig sein!

Gibt es sonst noch etwas zu finden? Ah! Hier!

Da ist noch so eine Art Glaubensbekenntnis der modernen Hellenisten!

„Es gibt viele Götter und Göttinnen. Die Götter sind die größten und mächtigsten Wesen. Sie sind weise und gerecht. Sie sind unsterblich. Sie verdienen Achtung und Anbetung.

Die Götter haben viele Formen und können sich auf vielfältige Weise offenbaren. Sie sind sowohl immanent als auch transzendent. Sie sind in den Elementen und Formen des Seins gegenwärtig. Sie manifestieren sich in den Kräften der Natur, in Materie und Energie, aber sie sind auch transzendente Wesen, die an keine materielle Form gebunden sind. Die Götter können sich in menschlichen oder anderen Wesen offenbaren, als Pflanzen oder Tiere oder als materielle Gegenstände. Es gibt für die Götter und Göttinnen keine Grenzen der Form oder des Seins. Sie sind, was sie sein wollen.

Das Göttliche ist vielfältig und verschieden, sowohl in der Erscheinung als auch in seinem Wesen. Es ist nicht so, dass sich hinter all der Vielfalt göttlicher Formen ein einziger Gott oder eine einzige Göttin verbergen würde. Die Götter sind keine Archetypen. Sie sind keine imaginären Symbole menschlicher Aktivität oder des menschlichen Geistes. Sie sind keine symbolischen Darstellungen von natürlichen Ereignissen und Prozessen.

Die Götter und Göttinnen sind real. Sie existieren. Ihre Weisheit und Macht gestaltet diese Welt, diese bestimmte Form des Kosmos. Ihre Schönheit und Anmut werden für immer bestehen.

Die Götter und Göttinnen sind freie und unabhängige Wesen. FREI erkennen wir ihre Existenz an und erweisen ihnen Achtung und Verehrung. Sie brauchen oder verlangen diese Anerkennung aber nicht. Sie allmächtigen Götter und Göttinnen brauchen nichts. Was immer sie wünschen, schaffen sie einfach.“

Na gut. (hüstelt verlegen) Eine gewisse Transferleistung ist angebracht. Aber das christliche Glaubensbekennntnis macht mir da trotzdem mehr Probleme.

„…hinab gestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“

Dann gibst Du oben drauf noch die Jungfrau Maria, die steht da ja auch noch drinne – da passt das schon mit den Hellenen.

Gut! Ich konvertiere! Es wird also Zeit, meine neue Religion zu erlernen!

Checken wir erst einmal die Schöpfungs-Geschichte. Die fand ich ja schon immer besonders doof! Eva, geschnitzt aus einer Rippe des Mannes. Bei Vollnarkose entnommen. Und dann die Schlangengeschichte mit dem Apfel: Das haben uns die Christenmachos ja zweitausend Jahre um die Ohren gehauen, diese blöde Geschichte!

Wie war das aber bei den Polytheisten?

Also. Am Anfang herrschte Chaos. Also wörtlich. Nicht so wie in Tohuwabohu, sondern das wahre, echte Chaos. Formlose Materie in unendlichem Raum. Und das pflanzte sich erst einmal ohne Sex fort. Aus dem Chaos heraus entstand die Erde. Gaia. Dann gleich Tartaros, die Unterwelt. Dann Eros, die Liebeskraft. Und Erebos, die Finsternis sowie Nyx, die Nacht.

Da hatte sich Gaia das mit dem aus sich heraus schaffen abgekuckt und sie schuf Uranos, den Sternenhimmel. Das sind jetzt erst einmal noch keine Götter – das sind Urkräfte der Existenz. Nicht verwechseln!

Erst als Gaia mit ihrem Sohn, dem Uranos anfing, Sex zu haben, entstand so etwas wie die Götter, Version 1.0. Die Titanen. Wir halten fest: Erst war die Welt. Dann die Kräfte, dann die Götter. Und nicht umgekehrt wie im Christentum, wo ein Superfuzzi alles entworfen hat.

Ab jetzt wird es aber ganz, ganz schnell unübersichtlich. Der Sohn des Nyx, der Nacht ist zum Beispiel Hypnos, Gott des Schlafs. Und der hat dann schon 1000 Söhne, sagt Ovid. Wie zum Beispiel Phantasos, Ikelos, Epiphron oder Morpheus, Gott der Träume.

Und das sind ja nur die Götter 1.0. Wie gesagt.

Uranos tyrannisiert dann die Gaia und treibt alle gemeinsamen Sprösslinge wieder zurück in die Gebärmutter. Nicht nur die Titanen, sondern auch einäugige Zyklopen, hundertarmige Riesen, den Blitz Steropes oder den Donner Brontes. Gaia gibt ihrem Sohn Kronos, Gott der Zeit in der Gebärmutter eine Sichel. Und als der Uranos zur nächsten Vergewaltigung schreitet, wird der entmannt. Kastriert. Aus den Bluttropfen entsteht die Göttin des Gerüchts oder die des Wahnsinns Lyssa und Mania. Wo der Götterpimmel ins Meer fällt, da schäumt es gewaltig und dem Schaum entsteigt – tadaa – die Venus!

Und dann kommen, nach den tausenden von Göttern der ersten Generation, den Titanen, die jungen Streber, die Götter 2.0.

Das sind dann erst Zeus oder Jupiter und seine Hera und Appolo und Merkur und Mars und Aphrodite und die anderen 12 Obermotze.

Danach wird es aber ungeheuer kompliziert. Dieter Macek hat unlängst die erste Gesamtgenealogie aller hellenistischer Götter geschaffen. Und er zählt fast 6000 Stück! Das wir ja ein Gelerne!

Schon einmal von der Göttin Eunaie gehört? Das ist die der Ruhe des Nicht-Seienden. Oder von Galaxaure? Das ist die Göttin der zarten Wolken. Kairos ist der Gott des günstigen Augenblicks, Limos der Gott des Hungers, Oknos wiederum der des Zauderns und in Thoosa haben wir sogar einen Gott für die Beschleunigung.

Und dann muss man denen, das steht hier ja immer wieder, auch dauernd etwas opfern. Und wehe, es ist das Falsche, da sind sie auch noch sauer. Und das ist nie gut.

Fragt mal Tartaros oder Sysyphos, was die so vom Polytheismus halten!

Nein, jetzt, wo ich mich damit beschäftigt habe, jetzt sehe ich ein, warum sich der Monotheismus durchgesetzt hat! Das kann man sich einfach besser merken!

Gott, Sohn, Heiliger Geist. Und amen!