Die Fettecke


Die Diskussion, was Kunst denn bitteschön genau ist, ist wahrscheinlich so alt wie die ersten Höhlenmalereien.

In der Bundesrepublik wurde die Diskussion Ende der Siebziger besonders intensiv über Joseph Beuys geführt und über sein Werk „zeige deine wunde“.

Das steht immer noch für jeden im Lenbachhaus in München, aber es war ein weiter Weg, bis es da angekommen ist.


Download der Episode hier.
Musik:
necochino men“ von Hacemos Uno / CC BY-SA 3.0
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Skript zur Sendung


FA: Egal, wie modern oder aufgeschlossen oder aber wie kleinbürgerlich und konservativ man ist, jeder hat sich schon einmal mit der Frage beschäftigt, was Kunst ist und was eben nicht.

„Ist das Kunst oder kann ich das aufräumen?“ Kennst Du das? Das ist eine Redensart, die auf einer Geschichte basiert, die angeblich wirklich im Lenbachhaus in München geschehen sein soll.

Die Putzfrau hätte eine Installation von Joseph Beuys aufgeräumt. Und sogar das ranzige Fett von den Stühlen geputzt. Damit war das Kunstwerk hin. Aber hübsch sauber war der Ausstellungsraum.

Clip: Cassette on

Diese berühmte Installation heißt „zeige deine Wunden“ und stammt ursprünglich aus dem Jahre 1976. Ein Raum des Museums in München ist von Beuys gestaltet. Mit einer Reihe an doppelten Objekten.

Am wichtigsten sind dabei wohl zwei alte, verrostete Leichenbahren aus der Pathologie. Darüber zwei Kästen aus Eisenblech mit Glasscheiben. Diese sind von innen mit Fett bestrichen.

Unter den Bahren sind zwei mit Fett gefüllte Zinkblechkästen, die jeweils ein Fieberthermometer und ein Reagenzglas mit Vogelschädel enthalten, daneben jeweils ein mit so einem Gaze-Stoff abgedecktes Ein-Weckglas.

Dann gibt es noch zwei schwarze Schultafeln, von Beuys mit Kreide beschriftet: „zeige deine Wunde“.

Und zwei seltsame Werkzeuge aus geschmiedetem Eisen mit Holzstiel, die an an zwei weißen Holztafeln lehnen

Dann hat es noch zwei Forken (also Umgrabegabeln) aus geschmiedetem Eisen mit Holzstiel und mit Stofflappen dran. Mit diesen hat Beuys zwei Halbkreise auf die Schiefertafeln, auf denen die Forken stehen, eingeritzt.

Und zuletzt zwei in weiß gestrichenen Holzkästen gerahmte Ausgaben der linksgerichteten italienischen Zeitung „Lotta Continua“ (dt. der unendliche Kampf).

Diese Installation kann man auch heute noch betrachten, wenn man das Lenbachhaus in München besucht. Die Dinge, die ich da aufgezählt habe, stehen alle eher in der einen Ecke, der Rest des Raums ist leer.

Auf mich hat das alles sehr trostlos gewirkt. Wie eben ein Raum in der Pathologie. Ich habe mich am ehesten gefragt: „Wird das dann so sein, wenn man tot ist?“ Ich hatte irgendwie meinen toten Körper auf der Bahre gesehen.

Aber natürlich ist die Frage gestattet: Was soll das denn bitteschön?

Die Wikipedia schreibt: „zeige deine Wunde“ ist eine Installation, die im Wesentlichen die Therapie und Heilung thematisiert, sowie ein neuzeitliches Memento mori, das auf Krankheit, Schwäche, Alter und Sterblichkeit verweist.

Und Beuys selber erklärte zu seiner Rauminstallation: „Zeige deine Wunde, weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will. Der Raum spricht von der Krankheit der Gesellschaft. Damit ist natürlich der traumatische Charakter angesprochen. Eine Wunde, die man zeigt, kann geheilt werden.“ Das Kunstwerk bleibt aber nicht bei der Verwundung stehen. Es enthalte darüber hinaus „’Andeutungen‘, dass die Todesstarre überwunden werden kann, etwas, das, wenn man genau hinhört, einen Ausweg weist.“

In der Kunstphilosophie von Herrn Beuys ist es ja so, dass das Betrachten von Kunst, speziell seiner Kunst, auf den Betrachter immer einen therapeutischen Charakter hat. Er war der Überzeugung, dass Kunst heilt.

Und da begründet er mit seinen persönlichen Erfahrungen. Die Legende ist die, dass Beuys als Copilot einer Stuka, also eines Sturz-Kampf-Bombers im zweiten Weltkrieg in Russland abgestürzt ist.

Dort hätten dann nomadisierende Krimtartaren den Schwerverletzten gefunden und ihn acht bis zwölf Tage lang aufopferungsvoll gepflegt. Mit ihren einfachen Mitteln. Gesalbt mit tierischem Fett und eingewickelt in Filz, gegen die Kälte des russischen Winters.

So wurden also Filz und Fett für Beuys selber die ultimativen Symbole für Heilung schlechthin.

Erzählte er immer wieder die Geschichte. Auch seinem Biografen Heiner Stachelhaus, der das dann auch brav in sein Buch schrieb.

Heute wissen wir, dass das eine von vielen Lügengeschichten des Herrn Beuys war. Aber vielleicht sind auch solche autobiografischen Verhübschungen ja irgendwie Kunst, oder? Könnte ja sein.

Ende der Siebziger ungefähr war Joseph Beuys auf jeden Fall einer der bekanntesten und auch international anerkannten Künstler Deutschlands.

Und Professor an der Akademie in Düsseldorf war er obendrein. Da hat er zu mindestens bei mir einen Haufen Punkte gesammelt, als er das Aufnahmeverfahren dort torpedierte.

Er hielt weder die Abiturnote für wichtig, noch das Bewerten von Mappen, die die Bewerber abgeben müssen. Und verkündete am 5. August 1971, er werde alle abgelehnten Studenten in seine Klasse aufnehmen. Darum hatte er im Jahr darauf tatsächlich 400 Studenten.

FA: Du bist doch auch einmal von der Akademie abgelehnt worden, oder?

HW: Nicht ganz. Die Geschichte ist ein bisschen anders… (Penk, Sekte…)

FA: Tja, ein bisschen eine Sekte war das um Beuys herum wohl auch. Mit diesem Schritt begann nämlich eine ganze Kette von Ereignissen. Knapp zusammengefasst wurde er im Jahr darauf entlassen. Das Kultusministerium war nämlich in keinster Weise bereit, sein Auswahlverfahren zu akzeptieren.

FA: Man darf nicht vergessen das die Kunstakademie in Düsseldorf ein unglaubliches Potential von deutschen Kunstschaffenden hervorgebracht hat. Paul Klee, Hermann Beuys, Günter Grass, Gerhard Richter, Günter Ücker, Jörg Immendorf, und auch Markus Lüpertz.

Es wurde viel demonstriert und viel ge-Hunger-streikt, nachdem er seine Professur verloren hatte, aber so richtig bekam er seinen Job nicht zurück.

Da halfen auch Protestschreiben von David Hockney, Heinrich Böll, Peter Handke, Uwe Johnson, Martin Walser, Jim Dine oder Gerhard Richter.

Ein Jahr später bekam er eine Gast-Professur in Hamburg und einigte sich mit der Akademie in Düsseldorf darauf, dass er seinen Raum behalten durfte, sich auch Professor nennen durfte, aber trotzdem seine Kündigung zu akzeptieren habe. Ja, ist ein bisschen eine komplizierte Regelung.

Aber wenden wir uns wieder der Installation zu, die ich vorhin erklärt habe. Wenden wir uns wieder „zeige deine Wunde“ zu. Denn wie das Werk ins Museum gekommen ist, ist ein eigener Skandal.

1976 wurde die Installation zum ersten Mal ausgestellt. In einem überflüssig gewordenen U-Bahnhof, direkt unter Münchens Nobelmeile. Kein schöner Raum, eher ein richtig hässlicher.

Zur Eröffnung kamen die üblichen Verdächtigen. Die Menschen, die sich halt für moderne Kunst interessieren. Einige waren betroffen, aber aufgeregt hat sich niemand.

Nach einigen Wochen wurden die Gegenstände einfach eingelagert und verräumt.

Doch einer der Besucher war besonders fasziniert. Und das war Armin Zweite. Der war damals der Direktor des Lenbachhauses und war der Meinung, in diesem seinem Museum gäbe es den idealen Platz für das Kunstwerk von Herrn Beuys.

Das fand der Künstler auch und war bereit, die Bahren, Instrumente, Zinkkästen und Schultafeln für den Preis von 270.000 Mark günstig abzugeben.

Doch so einfach war das nicht. Jetzt hatte die Münchner Boulevardpresse erst einmal ihren Auftritt. Nicht nur, dass sie das Kunstwerk selber für lächerlich hielten, für den „teuersten Sperrmüll der Geschichte“. Sondern natürlich machte man sich genauso lustig über den „Mann mit dem Hut“, den selbsternannten „Schmerzensmann“ der Kunst. Und natürlich ist er für die meisten Medien nur ein Scharlatan, eine Betrüger, der sich an Steuergeldern bereichern will.

Der Bayernkurier, das Hetzblatt der CSU ist ganz vorne mit dabei. Und es wird laut geschrien gegen den Museumsdirektor, gegen den Vizebürgermeister und gegen die ganze linke Baggage, die das wertvolle Geld des Steuerzahlers rauswirft.

„Da leben Menschen im Winter unter Brücken, aber wir kaufen für 270.000 Mark dem Beuys sein Sperrmüll!“

Es erscheinen Hunderte von Artikeln. Sogar die „Penthouse“, die sich sonst eigentlich nur der Kunst widmet, sekundäre Geschlechtsmerkmale von Frauen ins Bild zu setzen, bringt ein achtseitiges Special über Joseph Beuys.

In den Räumen des Lenbachhauses wird eine große Diskussion anberaumt. Der Direktor, Armin Zweite ist da, Beuys ist da, der Bürgermeister ist da und natürlich das Radio und das Fernsehen auch.

Draussen, am Königsplatz versammeln sich um die 4000 jungen Menschen, um für den Erwerb des Kunstwerks zu demonstrieren.

Die ganze etablierte und spießige Münchner Kunstwelt geriet für ein paar Wochen völlig aus dem Häuschen. Wir haben damals auch im Kunstunterricht darüber geredet: Jeder, selbst wir kleinen Schüler wussten, um was es geht…

HW: Ja, wir haben da auch diskutiert….

FA: Am Ende kam alles dann doch ganz anders. Ein privater Sammler, Christof Engelhorn, spendete für den Erwerb immerhin 135.000 Mark. Und der Vizebürgermeister Winfried Zehetmaier, setzte sich so nachdrücklich für den Kauf ein, dass es dann doch noch klappte.

Die Installation dürfte eines der wenigen Kunstobjekte sein, die dann, nach Erwerb zweimal von wütenden Besuchern, sagen wir einmal, durcheinander gebracht wurde. In den ersten Monaten bewachte man den Raum mit den Bahren dann mit dem doppelten Personal.

Ach, und den sagenhaften Unfall von oben, dass die Putzfrau die Installation aufgeräumt hat, das ist leider nur eine Erfindung. Aber eine schöne…

Ich persönlich bin ja schon recht froh, dass es dieses Werk von Beuys in München zu sehen gibt. Auch wenn sich mir das nicht erschließt, was der Mann mit dem Hut dazu erklärt.

Um Beuys wirklich zu verstehen und wirklich einzuordnen, da muss man sich erst mit seiner speziellen Symbolik auseinandersetzen. Und seiner verschrobenen Metaphysik. Und das war mir, ehrlich gesagt, zu mühsam.

FA: Was meinst Du zu „zeige deine Wunde“. Ist das Kunst oder kann man das aufräumen?

HW: ? → Entartete Kunst?

FA: Bei Beuys denke ich mir oft, dass es der Mann selber war. Der Mythos, den er aus sich gebastelt hat, dass diese Kunstfigur mit Hut und Anglerweste, dass die das eigentlich Kunstwerk war.

Er hat in seiner Tätigkeit auf jeden Fall wirklich viel aufgerüttelt und die deutsche Kunstszene belebt. Da war ja nach dem Krieg nicht mehr viel von übrig, nachdem wir die wichtigsten Künstler entweder vertrieben oder deportiert hatten im Zweiten Weltkrieg.

Jetzt haben sich die Zeiten ja wieder einmal geändert. Allerortens wird gespart und bei der Kunst natürlich am meisten. Es ist mittlerweile ein Ding der Unmöglichkeit geworden, dass sich staatliche Galerien überhaupt noch Werke zeitgenössischer Künstler leisten können.

Der Raum z.B. unter der Maximilians-Straße, wo „zeige deine Wunde“ zum ersten Mal ausgestellt wurde, den gibt es nicht mehr. Das zuständige Museum, eben das Lenbachhaus, konnte sich die Betriebskosten von 40.000 Euro im Jahr nicht mehr leisten.

Anders ausgedrückt: Schöne Zeiten waren das, wo wir Geld hatten, um zu diskutieren, was Kunst ist. Alleine dafür müsste man Herrn Beuys schon danken. Finde ich.