Die Feldflasche


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Es gibt ja die Redensart: „Opa erzählt schon wieder vom Krieg!“ Damit meinte die Nachkriegsgeneration, dass sie lieber nicht schon wieder die immer gleichen Erzählungen hören wollten.

Doch die Generation, die ihre Kinder mit den Erzählungen von weitaus schlimmeren Zeiten langweilte, stirbt langsam aus. Für unsere Geschichte mussten wir schon Uropa und Uroma bitten, uns zu berichten.

Und ihre Geschichte hat mehr mit der Zeit nach dem Krieg zu tun. Und mit den Zufällen, die das Leben prägen. Und mit einer Feldflasche und ihrem rätselhaften, mysteriösen Inhalt!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „The Goldfish“ von Bruce Knox


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Die Geschichte zum Lesen

HW: Therese, komm her! Die Kinder haben gefragt, wie wir uns kennengelernt haben!
FA: Ach, wirklich? Ihr wollt wissen, wie eure Urgroßeltern sich kennengelernt haben? So eine alte, langweilige Geschichte?
HW: Das ist schon sooo lange her, das könnt ihr euch wahrscheinlich gar nicht vorstellen!

FA: Das sind… Moment… Was für ein Jahr haben wir?
HW: 2014, glaube ich.
FA: Unsinn, 2014 ist schon lange her! Ich glaube, wir haben jetzt 2019!
HW: Nein, niemals! Dann würde ich ja dieses Jahr 88 Jahre alt werden!
FA: Na, wir werden beide auch dieses Jahr 88 Jahre alt!
HW: Unmöglich! Ich fühle mich höchstens wie, sagen wir einmal, 78!
FA: Du fühlst Dich in Wirklichkeit noch wie 10! Du bist ein kleiner Junge im Körper eines alten Mannes!

HW: Und Du hast Dich auch nicht verändert seit 1945!
FA: Na, das nehme ich als Kompliment! Denn es ist so, Kinder, wir kennen uns seit 1945! Das ist 74 Jahre her. Und da war euer Urgroßvater 14 und ich auch!
HW: Das ist wirklich lange, oder? Da müssen wir eigentlich ein Fest machen nächstes Jahr, oder?
FA: Ich glaub‘ nicht. Denn am Anfang hast Du mich ja nicht ausstehen können!

HW: Das liegt daran, dass Du rotzfrech warst!
FA: Nein, das liegt daran, dass Du überheblich warst!
HW: Das liegt daran, dass Du immer noch rotzfrech bist!
FA: Nein, das liegt daran, dass Du immer noch überheblich bist!
HW: Eure Uroma Therese war nämlich ein Flüchtlingskind.
FA: Und euer dummer Uropa war kein Flüchlingskind und hielt sich für ‚was Besseres!

HW: Weißt Du was, Schatz, das müssen wir, glaube ich, erst einmal alles erklären.
FA: Du hast recht. Die Flüchtlinge kommen heute ja nicht mehr aus Schlesien.
HW: Als wir beide gerade in die Schule gekommen sind, da begann in Deutschland ein furchtbarer Krieg.
FA: Genau genommen hat Deutschland Polen den Krieg erklärt, das ist vielleicht wichtig zu sagen.
HW: Du hast recht. In den ersten vier Jahren haben wir vom Krieg eigentlich nichts mitbekommen in unserer kleinen Stadt.
FA: Wir in Schlesien schon. Es war eine graue Zeit.

HW: Und der Krieg, der war sehr, sehr schlecht für alle Menschen in Europa.
FA: Ganz viele Menschen mussten sterben.
HW: Dieser Krieg war auch ganz schlecht für Deutschland, denn wir haben den verloren.
FA: Gott sei Dank, muss man sagen.
HW: Ja, Gott sei Dank, denn die Regierung der Deutschen war keine gute Regierung. Das könnt ihr euch ja denken, denn eine gute Regierung fängt ja keinen Krieg an!

FA: Zu den Menschen, die damals gestorben sind, gehörte auch mein Vater.
HW: Du hast recht. Es war eine graue Zeit. Eine Zeit ohne Farbe. Wie auf den Fotos von damals. Aber, Therese, vielleicht sollten wir nicht so viel vom Krieg erzählen. Du weißt doch noch, wie unsere Kinder immer die Augen verdreht haben, wenn wir das früher machen wollten…
FA: Aber schau‘ doch: Unsere Urenkel interessiert das!
HW: Lass‘ es mich trotzdem noch einmal anders versuchen. Wollt ihr wissen, warum wir zwei uns kennengelernt haben?
FA: Sie nicken! Also, warum haben wir uns kennen gelernt?
HW: Wir haben uns kennengelernt wegen drei… Nein, wegen vier Zufällen. Und ein Zufall hatte sogar einen Namen!
FA: Na, da bin ich ja gespannt!

HW: Der erste Zufall war, dass mein Vater nicht gestorben ist im Krieg, sondern zurück kam nach Quakenbrück.
FA: Das ist ein Riesenglück gewesen. Nicht viele kleine Jungs hatten damals überhaupt noch einen Vater.
HW: Und dann war es so, dass am Karsamstag 1944 viele Flugzeuge kamen und ganz viele Bomben abgeworfen haben und die meisten Häuser in unserer Straße kaputt gegangen sind. Im ganzen Viertel eigentlich. Aber, und das ist der zweite Zufall, unser Haus blieb stehen.

FA: Das stimmt. Als ich das Haus das erste Mal gesehen habe, glaubte ich an ein Wunder. Denn das Haus links von eurem Haus war in Trümmern und das rechts davon auch.
HW: So war es. Und der dritte Zufall war, dass Tante Agnes und Du zu uns gekommen sind.
FA: Stimmt. Wobei die Tante Agnes, also meine Mutter, keine echte Tante war. Sonst wären euer Uropa und ich ja Base und Vetter!

HW: Liebling, Du verwirrst unser Publikum. Die wissen nicht, was Vetter und Base bedeutet. Was eure Uroma sagen will: Wir sind nicht Cousine und Cousin!
FA: Meine Mutter und ich und mein kleiner Bruder, wir hatten vor dem Krieg in Schlesien gewohnt. Das ist in Polen. Und am Ende des Krieges mussten wir fliehen. Wir waren also Flüchtlinge.

HW: Damals gab es ganz, ganz viele Menschen, die flüchten mussten. Und weil so viele Häuser kaputt waren, mussten die zu anderen Familien ziehen, die noch eine Wohnung hatten. So wie wir. Meine Mama und mein Papa und ich, wir hatten eine kleine Wohnung, die noch ganz war. Ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer und eine Küche und ein kleines Kinderzimmer.
FA: Und dann musstet ihr uns aufnehmen.
HW: Das fand ich nicht toll.
FA: Das fandest Du furchtbar!

HW: Ich wollte mein Zimmer, meine Mama und meinen Papa für mich alleine. Aber das hab‘ ich nicht gesagt, weil ich ja schon dreizehn war.
FA: Das hat man aber auch so gemerkt. Du hast kein Wort mit mir geredet. Aber wolltest Du nicht von einem Zufall erzählen, der einen Namen hat?

HW: Du weißt, welchen Zufall ich meine, oder?
FA: Das weiß ich sogar genau.
HW: Gut. Wo fange ich am besten an?
FA: Fang‘ doch bei eurer doofen Bande an!
HW: Die war nicht doof!
FA: Und wie doof die war!
HW: Na, das werden die Kinder ja gleich selber entscheiden können, oder?
FA: Dann erzähl‘ mal!

HW: Ich war in einer Bande, müsst ihr wissen. Wisst ihr was eine Bande ist? Nicht? Na, wir waren sechs Kinder aus unserer Straße, die immer alles gemeinsam gemacht haben. Da war ich und der Nick, der hieß eigentlich Nikolaus – lustiger Name, oder? Und dann war da noch der Petz. Der hieß eigentlich Stefan und der Jupp, der hieß eigentlich Josef.

Und es gab noch Gabi, das war die große Schwester von Petz und deren Freundin, die hieß Annegret, aber wir sagten natürlich Gretl.

FA: Und mich nannten die verwöhnten Gören Theretzki. Das sollte Therese auf Polnisch sein. Weil ich ja ein Flüchtlingskind war. Und die wollten nichts mit Flüchtlingskindern zu tun haben.
HW: Es stimmt leider, was eure Uroma erzählt. Wir waren ein bisschen überheblich. Aber wir hatten alle auch viel Angst, müsst ihr wissen. Die ganze Stadt war kaputt. Das war schlimm. Alles war voller Staub und Dreck. Alles war grau.

Aber, eine Ausnahme gab’s. Wisst ihr ‚was das Tollste war damals? Die Schule war auch kaputt! Wir mussten diesen Sommer überhaupt nicht in die Schule! In Wirklichkeit dachten wir, wir müssten nie mehr in die Schule!

FA: Das liegt daran, dass euer Uropa mit 13 Jahren immer noch ein kleiner Junge war und nicht der hellste Kopf in Quakenbrück.
HW: Wie bitte? Du bist wirklich immer noch rotzfrech!
FA: Und Du erzählst Deinen Urenkeln, von denen zwei im Sommer in die Schule kommen, wie toll das war, dass eure Schule kaputt gebombt wurde! Ist das besonders helle?

HW: Oh. Na ja, wir waren noch Kinder! Und, obwohl das Schulgebäude kaputt war, begann die Schule am 1. Oktober wieder! Und, um ganz ehrlich zu sein: Sogar meine Bande hat sich gefreut damals! Weil dann endlich wieder Ordnung in unser Leben einkehrte. Könnt ihr euch das vorstellen?
FA: Auf jeden Fall verbrachte euer Uropa jede freie Minute in den Trümmern und spielte mit seiner Arierbande.
HW: Jetzt gehst Du aber zu weit, meine Liebe!
FA: Ja, Du hast recht. Aber ich bin immer noch ein bisschen böse, dass ich nicht mitspielen konnte.
HW: Das war auch gemein von uns. War nicht meine Idee! Das war…

FA: „Das waren Petz und Gabi…“ Das hast Du meiner Mama und Tante Anna auch immer erzählt!
HW: Tante Anna war meine Mutter, müsst ihr wissen. Anna und Agnes waren bald die besten Freundinnen und machten alles zusammen. Aber eigentlich wollte ich ja von dem Zufall mit dem Namen erzählen.

In diesem Sommer gab es zwar keine Schule und ich werde euch jetzt nicht vorlügen, dass wir Kinder deswegen traurig waren. Denn alle Erwachsenen hatten wirklich viel zu tun, damit alles wieder funktionierte und alle wieder ein Dach über dem Kopf hatten, so dass unsere Bande den ganzen Tag in den Trümmern spielen konnte und wir uns die tollsten Streiche ausgedacht haben!
Eines Tages haben wir zum Beispiel eine Handgranate gefunden…

FA: Was eine schlimme kleine Bombe ist, die nichts in Kinderhänden verloren hat und die sehr, sehr gefährlich war. Und mit der man keinen Unsinn machen durfte! Das wolltest Du erzählen, oder?
HW: Eigentlich wollte ich erzählen, dass es nicht nur schlimm und grau war 1945. Sondern wir alle sehr froh waren, dass der Krieg aus war, auch wenn alles kaputt war. Und wir waren froh, dass die amerikanischen Soldaten da waren und nicht die russischen, denn…

FA: Vielleicht lassen wir das auch lieber aus, mein Lieber.
HW: Du hast recht. Aber wir Kinder waren damals verrückt nach Kaugummi. Denn manche Soldaten verteilten ab und zu Kaugummi an uns. Und wir wußten am Anfang nicht einmal, was das war! Auf der Packung stand „Beech Nut Chewing Gum“.
FA: So schreibt man Kaugummi auf englisch.
HW: Genau. Denn, was ihr auch wissen müsst: Damals gab es nichts für uns Kinder. Weihnachten 1944 bekam ich ein paar Socken, von meiner Mama gestrickt. Aber es gab kein Geld für Spielzeug. Und kein Spielzeug.

FA: Und ich war Weihnachten 1944 in einem Zug. Und wir haben Weihnachten nur gemerkt, weil wir alle auf einmal gemeinsam Lieder gesungen haben.
HW: Wenn also damals ein Kind Geburtstag gehabt hat, dann gab es zu Hause, wenn man Glück hatte, ausnahmsweise Kuchen. Das war schon gut!,
FA: Aber das war nicht schlimm, Kinder! Wir waren deswegen nicht unglücklich! Wir waren ja selber schon halb erwachsen und wir haben ja gesehen, dass die Erwachsenen auch nichts hatten. Wir hatten alle nicht viel.

HW: Na ja. Im Frühsommer 1945 kamen dann Tante Agnes und eure Uroma und sind zu uns in die Wohnung gezogen. Und ich war nicht begeistert, denn die haben das Kinderzimmer bekommen und ich musste bei meinen Eltern schlafen.
FA: Und da konnte er nicht mehr nachts heimlich stundenlang Karl May lesen…
HW: Zum Beispiel! Aber, was ich eigentlich erzählen wollte, ist ja die Geschichte vom Zufall mit dem Namen. Und dieser Zufall hat mit einer Feldflasche zu tun.

FA: Eine Feldflasche ist eine kleine runde Flasche aus Metall, mit Stoff überzogen, die man sich an den Gürtel oder den Rucksack binden kann.
HW: Und mein Vater hatte so eine Feldflasche. Das gehörte zu seiner Ausrüstung als Soldat. Denn als der Krieg vorbei war, ist er einfach nach Hause gelaufen und hat alles mitgenommen. Er hat dann die Schulterklappen und die Abzeichen von seinem Uniformmantel abgemacht und den weiter benutzt.

FA: Jetzt erzähl bitte nicht, was für Abzeichen das waren, sondern die Geschichte weiter.
HW: Oh! Das hätte ich jetzt wirklich fast gemacht. Ich hatte damals ja im Sommer Geburtstag…
FA: Jetzt hast Du im Winter?
HW: Nein, wieso? Ich habe immer noch im Sommer Geburtstag!
FA: Gut, dass wir das geklärt haben.

HW: Äh… Und ich habe natürlich nicht damit gerechnet, dass ich ein Geschenk bekommen würde. Eigentlich hatte ich meinen Geburtstag sogar vergessen. Auf jeden Fall sitze ich mit meiner Bande…
FA: Also ohne mich!
HW: Sitzt meine Bande mit mir in den Trümmern auf einem Brett, als wir unten auf der Straße meinen Vater sehen. Und der trägt seine Feldflasche vor sich her. Aber ganz komisch, als ob das eine Handgranate…
FA: Schon wieder?

HW: …als ob da rohe Eier drinnen wären! Sehr, sehr vorsichtig halt. Und das machte uns sehr neugierig. Also hüpfen wir vom Brett und rennen zu meinem Papa und fragen ihm ein Loch in den Bauch, was denn in der Feldflasche ist!

Aber mein Papa tut so, als wäre das überhaupt nicht komisch, was er da macht. Er tut so, als würde er immer, jeden Tag, so rumlaufen, mit der Feldflasche vor dem Bauch. Und als würde er die immer so tragen, als ob da Sprengstoff…
FA: Tss tss tss…
HW: …als ob da rohe Eier drinnen wären. Und wir laufen mit ihm mit und drängeln und schubsen und fragen und fragen, da sagt er plötzlich:

„Na gut, ihr Nervensägen! In dieser Flasche ist etwas sehr, sehr Wertvolles! Und das ist ein Geheimnis! Und ich werde es niemals verraten! Aber einem von euch erlaube ich es, in die Feldflasche zu schauen! Und der kann sich dann überlegen, ob er euch von diesem kleinen, goldenen Wunder berichtet!“
FA: Und wer hat dann kucken dürfen?

HW: Gabi hat gekuckt. Natürlich. Sie war die Älteste und als sich Petz vordrängen wollte, hat sie ihm eine Kopfnuss gegeben.
FA: Und was hat Gabi gemacht?
HW: Mein Vater hat sich also hingekniet und hat die Feldflasche ganz, ganz langsam aufgeschraubt und dann hat er die Gabi reinkucken lassen. Und die Gabi hat ganz große Augen bekommen. Mein Papa ist dann gegangen. Und dann haben wir natürlich die Gabi genervt, bis sie endlich das goldene Geheimnis verrät!

FA: Und was hat sie gesagt?
HW: Sie hat erst behauptet, dass in der Flasche Goldstaub ist. Und dann hat sie gesagt, dass es ein Wüstengeist ist. Wie bei Aladin und der Wunderlampe. Aber am Ende hat sie zugegeben, dass sie einfach nichts erkennen konnte in der Flasche…

Als ich dann am Abend nach Hause ging, da ist mir auf einmal wieder eingefallen, dass ich am nächsten Tag Geburtstag hatte. Und da habe ich natürlich gedacht, dass das goldene Geheimnis in der Feldflasche vielleicht für mich war. Das mein Vater in der Flasche etwas Wertvolles und Besonderes hatte und das war für mich. Zu meinem Geburtstag! Ich konnte in dieser Nacht kein Auge zu tun! Die ganze Nacht habe ich gegrübelt, was da nur in der Feldflasche gewesen war! Ein goldenes Wunder, hatte mein Vater gesagt. Etwas sehr Wertvolles. Für mich?

So war das. Auf jeden Fall gab es am nächsten Tag Bescherung. Aber erst nachmittags, zum Kaffee. Das war auch eine tolle Sache, denn ich hatte eigentlich nicht geglaubt, dass ich überhaupt ein Geschenk bekomme! Und es gab Kuchen! Mama und Tante Agnes hatten irgendwo Eier aufgetrieben, was selber schon ein kleines Wunder war und es gab süßen Kuchen und Kaffee!
FA: Den Kuchen hatte ich gebacken, übrigens! Mit Esskastanien statt Haselnüssen.

HW: Der Kuchen war herrlich. Aber noch herrlicher war mein Geschenk! Und dieses Geschenk ist Zufall Nummer vier! Und, wißt ihr was? Dieser Zufall war wirklich aus Gold!
FA: Wie bitte? Erzähl doch keinen Unsinn!
HW: Na gut! Zufall Nummer vier glänzte wie echtes Gold und Zufall Nummer vier war lebendig. Darum war mein Vater so vorsichtig gewesen. Darum war es so wertvoll. Mitten in der grauen Stadt und in der grauen Zeit ein Lebewesen aus Gold! Das war wie ein Zeichen, dass endlich Frieden ist! Und nie mehr Krieg! Das war für uns wie ein Wunder! Habt ihr eine Idee, was das gewesen sein könnte?

FA: Ein Tipp: Es war der Anfang einer Leidenschaft für euren Uropa!
HW: Und für eure Uroma erst!
FA: Und: Es war etwas sehr, sehr Exotisches!
HW: Denn eigentlich kommen solche goldenen Wesen aus dem fernen China!

FA: Und es sind die ältesten Tiere, die gezüchtet wurden, nur weil sie schön aussehen!
HW: Die kann man nicht essen!
FA: Und die geben auch keine Milch!
HW: Milch? Das ist doch Unsinn! Fische, die Milch geben?

FA: Aber wir hatten doch noch gar nicht gesagt, dass es ein Fisch ist!
HW: Oh! Stimmt. Ich bin ja doof! Du hast recht. Aber jetzt wisst ihr Bescheid, oder?
FA: Es war ein wunderschöner Goldfisch!
HW: Ein richtiges Lebewesen! Mein Haustier! Ich war der einzige in der Bande, der überhaupt ein Geburtstagsgeschenk bekommen hat und dann sogar einen Goldfisch!

FA: Er stand auf der Küchenkommode in einem großen Einweckglas und wir haben beide den ganzen Tag nur auf den Goldfisch gestarrt.
HW: Mein Vater und meine Mutter hatten keine Idee, was die fressen, oder wie man die halten muss. Das waren ja vor dem Krieg beide Musiker gewesen.

FA: Also lernten wir aus Büchern alles über die Goldfischhaltung.
HW: Und züchteten bald selber Goldfische.
FA: Und eröffneten zehn Jahre später die erste Zoohandlung in Quakenbrück!

HW: Denn durch den Goldfisch wurden eure Uroma und ich richtig gute Freunde.
FA: Verbündete. Und, wißt ihr ‚was noch besser war?

HW: Du willst den Kindern aber jetzt nicht eine romantische Liebesgeschichte zu Berta obendrauf servieren?
FA: Nein, keine Angst! Noch besser war: Ein paar Tage später ging euer Uropa zu seiner Bande und hat denen gesagt: „Entweder die Therese darf auch mitspielen, oder ich steige aus aus der Bande. Weil das dann nämlich sonst eine doofe Bande ist!
HW: Und dann hat die Bande die Therese aufgenommen!
FA: Und Du hattest ein blaues Auge.

HW: Jeden Fall war Zufall Nummer vier ein Goldfisch.
FA: Und die hieß Berta. Obwohl wir später rausgefunden haben, dass Berta ein Männchen ist.
HW: Und seit Berta…
FA: Du überlegst?
HW: Oder sollte man sagen: Wegen Berta?
FA: Seit Deinem 14ten Geburtstag waren Therese und Anton, also euer Uropa und ich, auf jeden Fall ein unzerrtrennliches Paar. Und wir sind dann nächstes Jahr 75 Jahre zusammen!
HW: Genau. Obwohl Du rotzfrech warst!

FA: Und Du immer ein bisschen doof warst!
HW: Obwohl Du rotzfrech bist!
FA: Und Du mittlerweile nicht mehr nur ein bisschen…

HW: Und damit ist unsere Geschichte vorbei!
FA: Und da drüben, in dem Aquarium, da schwimmen die Urururururur….
HW: Da schwimmen die Urenkel von Berta und Sabine!
FA: Berta ist wirklich der doofste Name, den Du dem Goldfisch geben konntest!

HW: Na klar. Sabine ist ein viel besserer Name!
FA: Aber Berta war doch ein Männchen!
HW: Aber das haben wir doch nicht gewusst!
FA: Ich hab‘ das schon gewusst!
HW: Hast Du nicht!

(Fade out)

FA: Hab‘ ich doch. Ich hab gesagt, wir sollten den Goldfisch Horst nennen!
HW: Und damit hast Du den Preis gewonnen für den mit Abstand doofsten Namen, dem man einem Goldfisch überhaupt geben kann!
FA: Sagt der Mann, der sich „Berta“ ausgedacht hat! Immerhin kenne ich Menschen, die Horst heißen! Kennst Du jemanden, der Berta heißt?
HW: Na, die dicke Berta!
FA: Aber das ist doch eine Kanone und kein Mensch!
HW: Na und! Horst ist das Nest von einem Adler!