Die drei Lampengeister

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Die heutige Geschichte ist eine Hommage an “Die Geschichten aus Tausenduneiner Nacht”, der faszinierendsten Sammlung von Erzählungen, Anekdoten, Liebesgeschichten, Tragödien, Komödien, Gedichte, Burlesken und religiösen Legenden, die man sich nur vorstellen kann.

Sie handelt von einem Dieb, einem Wanderer, einem Weisen und natürlich von einer wundertätigen Lampe, der nicht nur einer, sondern gleich drei Lampengeister entspringen!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: “Nami Nami” vom ODO Ensemble

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Die Geschichte zum Lesen

Wenn zwar der Himmel klar ist und die Sonne scheint, es aber nicht drückend heiß wird und ein sanfter Wind vom Meer die Haut kühlt, dann ist die beste Zeit für die Arbeit.

Dann sind die Leute zufrieden und passen nicht auf. Dann kann ein guter Taschendieb die Börsen der Bürger pflücken wie reifes Obst, ohne sich anstrengen zu müssen.

Und so finden wir unseren Dieb nach getaner Arbeit in einer Taverne sitzen und fürstlich tafeln, denn heute hat er genug verdient, um mindestens drei Tage nicht zu hungern.

Während er sich den staubigen Mund mit Wein ausspült, ignoriert er die Anwesenheit der Bettler wie der reiche Händler, der er zu sein vorgibt, es tun würde.

Kein Blick richtet er auf die Armen, denn ihr Leiden kennt er nur zu gut aus eigener Erfahrung.

Bald erträgt er die Anwesenheit der Mittellosen nicht. Er greift Datteln aus einer Schüssel und wirft sie achtlos in die Gasse. Während die Bettler sie aufsammeln, verlässt er die Taverne und prellt aus alter Gewohnheit die Zeche.

Heute war ein Tag, an dem ihm alles gelang, dachte er, während er sich in die Schatten stahl. Es hieß, ein berühmter Reisender wäre heute in die Stadt gekommen und würde einen Vortrag in der Moschee halten.

Das bedeutete aber auch, dass seine Sachen wohl unbewacht im Gasthaus auf ihn warteten. Mal sehen, was so ein Reisender an wertvollen Gegenständen sammelt im Laufe seines langen Lebens.

Es dauerte nicht einmal eine Stunde, als er wieder im Dunkeln, am Ende einer kleinen Gasse in einer Ecke seine Beute betrachtet. Es ist eine kleine Öllampe, eingewickelt in ein seidenes Tuch, in das echte Goldfäden gewebt sind.

Ein Tuch, das in schönster Kalligraphie ein Gedicht von Sitt al-Shām zitiert, der berühmten Dichterin und Wissenschaftlerin. Das Leinentuch allein war mehr wert als alle Beutel, die er heute geschnitten hatte!

Doch die kleine Öllampe war auch aus Gold, selbst wenn sie benutzt und verbogen wirkte. Eine kleine Inschrift an der Seite war kaum noch zu entziffern, so arg war das kleine Kunstwerk verdreckt.

Als der Dieb aber die Lampe sauber rieb, da widerfuhr, was schon Scheherazade ihrem König Scharyar beschrieb: Er wurde Geisterwesen ansichtig aus rauchlosem Feuer, mit Verstand und Magie! Wesen, die die Gelehrten Dschinns zu nennen pflegen.

Drei Lampengeister, die in verschiedenen Farben vor seinem Auge flackerten, eines rot, eines blau und das dritte in tiefem Purpur.

Der junge Dieb erschrak sehr, denn er kannte die vielen Erzählungen, die von mächtigen Dschinns handelten und er wusste, dass er sein Leben verwirken könnte, wenn er nicht auf seine Worte achtete.

Doch der rote Geist erklärte ihm schnell, dass er sich keine Sorgen machen müsse. Es sei gar nicht an ihm, sich etwas zu wünschen. Sie, die Lampengeister, beschlössen nun, was in seinem Fall zu tun war.

Und sie steckten ihre Köpfe zusammen und unterhielten sich in einer Sprache, die der Dieb nicht verstand. Sie stritten und argumentierten und diskutierten, bis ihm die Augen zufielen beim Versuch sie zu belauschen.

Dann trat der rote Geist vor und verkündete: „Wir wissen, wie wir Deine Wünsche erfüllen! Ich bin der Dschinn, der Dir das erfüllen wird, was Du zu brauchen glaubst!“

Im selben Augenblick befand sich der Dieb in der Schatzkammer eines Palasts wieder. Vor ihm standen Truhen mit goldenen Münzen und Schüsseln mit Rubinen und Smaragden und Amphoren mit den teuersten Weinen.

Fassungslos starrte er auf seinen Reichtum und tanzte im Hagel der Münzen, die er sich auf’s Haupt prasseln ließ und sang vor Freude während er die besten Weine Arabiens verkostete.

Doch er war immer noch gierig: „Was ist mit den anderen Wünschen, die mir noch zustehen?“, forderte er.

Und der blaue Dschinn antwortete: „Ich bin der Nächste, der Dir einen Wunsch erfüllen wird. Und ich werde Dir geben, was Du wirklich brauchst.“

„Was ich wirklich brauche? Was sollte ich noch brauchen? Ich habe alles, was ich mir jemals gewünscht habe!“

„Das glaubst Du. Aber falls Du Deine Meinung änderst, dann musst Du sagen: ‚Dschinn, gib‘ mir, was ich brauche‘ und wir erscheinen wieder vor Dir!“

Und so führte der Dieb ein Leben wie im Paradies. Er kaufte sich alles, was er sich je gewünscht hatte. Er wurde Fürst der kleinen Stadt, hatte unzählige Freunde und kräftige Sklaven und eine wunderschöne Frau aus gutem Hause. Er bekam sogar kleine Kinder und er wurde weich und dick und träge und faul.

Bis sein Geld und Gold und seine Edelsteine bis auf den letzten verbraucht waren und er bei allen Händlern der Stadt Schulden hatte.

Erst als er alles verloren hatte, seinen Titel, seine Freunde, seine Sklaven, seine Frau, seine Kinder und selbst die Achtung vor sich selber, erinnerte er sich wieder der drei Dschinns und sprach: ‚Dschinn, gib‘ mir, was ich brauche‘.

Und die drei Geister erschienen wieder. „Bitte, blauer Dschinn, vielleicht weißt Du besser, was ich brauche, als ich selber. Ich habe alles verschwendet, was ihr mir gegeben habt und fühle mich jetzt armer als jemals zuvor in meinem Leben. Gib‘ mir, was ich wirklich brauche!“

Der Dschinn verbeugte sich vor dem verzweifelten Dieb und schnippte mit dem Finger und eine Reisetasche erschien aus dem Nichts.

„Das ist alles?“, fragte der Dieb enttäuscht.

„Das ist Dein Reisegepäck. Du wirst ein Reisender, der jeden Tag an einem neuen Ort einschläft. In dieser Tasche findest Du einen Beutel, in dem immer genauso viel Wasser ist, wie Du zum Trinken benötigst und genauso viel zu Essen, das Dein Hunger gestillt ist, aber nicht eine Unze oder ein Gramm mehr!“

„Und Du findest hier auch zwei Bücher. In dem einen Buch kannst Du jeden Tag lesen und es wird Dir jeden Tag etwas Neues lehren. Du wirst es lesen und lernen. In das andere Buch aber kannst Du selber schreiben. Jeden Abend wirst Du den Tag vor Deinen Augen noch einmal erleben und dann die Essenz Deines Erlebten aufschreiben. Beide Bücher werden niemals genug Seiten haben.“

Der Dieb war entsetzt: „Das ist alles? Ich bin jetzt ein Landstreicher? Das soll das sein, was ich brauche? Gerade eben genug Wasser und Essen und zwei Bücher? Gerade soviel, dass ich jeden Tag woanders hinwandern kann?“

„Das ist es. Wenn Du soweit sein wirst, dann werden wir Dir wieder erscheinen und mein Bruder wird Dir Deinen dritten Wunsch erfüllen.

Nicht das, was Du zu brauchen glaubst und nicht das, was Du brauchst, sondern, was Dein Herz begehrt!“

„Aber woher soll ich denn wissen, wann ich soweit bin? Wie lange muss ich denn warten?“

Doch er bekam keine Antwort, die drei Lampengeister waren verschwunden.

So nahm er die Reisetasche und machte sich auf den Weg. Und sie funktionierte genau, wie versprochen. Nie litt er Hunger und niemals Durst, doch erfüllte ihn Essen und Trinken auch nicht mehr mit Lust wie in den Zeiten seiner Völlerei.

Jeden Tag lehrte ihm das eine Buch etwas, das er brauchte. Am Anfang viele Sprachen und viel Wissen über fremde Völker. Dann Nützliches aus der Geographie und der Physik, später Faszinierendes aus den Religionen aller menschlichen Kulturen und aus der Philosophie.

Und jeden Tag schrieb er seine Gedanken in das andere Buch. Nur sehr selten beschäftigten sich diese aber mit ihm persönlich, meistens berichtete er über die anderen Menschen, denen er begegnete.

Auf seinen Reisen lernte der Dieb, dass die Erde für viele ein Platz ist voller Schmerz und Krankheit und die Existenz voller Ungerechtigkeit und Härte. Während die Jahre seinen Rücken krümmten und sein kraftvolles Wandern zu einem vorsichtigen Schreiten verwandelten, erfuhr er, dass der Tod und das Leben zwei Seiten der gleichen Münze sind und Mitgefühl das einzige Mittel gegen das Leiden.

Manchmal, wenn er sich nicht am Gesang der Vögel oder an der Wärme der Sonnenstrahlen freuen konnte, erfasste ihn eine tiefe Trauer, wenn er an das Schicksal der Armen dachte. Es war ihm dann, als hätte Allah ihm die Last der Welt um einen Scheit schwerer gemacht.

Und wieder vergaß er die drei Flaschengeister.

Es sollte dreißig Jahre dauern, bis ihn die Straßen wieder genau in der kleinen Stadt ausspuckten, an der seine Wanderungen durch die bekannte Welt begonnen hatte.

Dreißig Jahre waren vergangen und er erkannte den Ort seiner Kindheit kaum mehr. Die Mauern fassten die Menschen kaum mehr, die sich hinter ihnen vor der Dürre der Wüste verbergen wollten.

Unfassbarer Reichtum war hier zu bewundern und unerträgliche Armut direkt daneben. Im Kern war seine kleine Stadt genauso grausam geblieben, wie sie war, als er an einem sonnigen Tag im Frühling einem Reisenden eine kleine goldene Lampe gestohlen hatte.

Abends versteckte sich der Wanderer am Ende einer Straße in einer Ecke, um seine Zeilen zu schreiben und etwas zu essen und zu trinken. Als er sich mühevoll gesetzt hatte, erblickte er ein kleines Mädchen, dass hier im Schatten lag und so verhungert war, dass es nicht einmal mehr jammern konnte.

Und so nahm er seine Essensration für den Tag aus der Tasche und weichte sie im Wasser auf, bis er das kleine Mädchen damit vorsichtig füttern konnte.

Sein Bauch knurrte vor Hunger so laut, dass er den purpurfarbenen Dschinn beinahe nicht gehört hätte.

„Du bist soweit“, sagte dieser, „Nun sollst Du bekommen, was Dein Herz begehrt!“

„Ach, Dschinn, ich habe kein Begehren! Ich bin durch die ganze Welt gereist, habe alles gelernt, was ich konnte und bin so vielen Menschen begegnet. Aber hier hungern die Armen genauso wie vor dreißig Jahren! Meine eigenen Wünsche sind unwesentlich!“

Und der Dschinn nickte und schnippte mit den Fingern und auf einmal stand der Wanderer in einem Raum mit Körben voller Obst und Gemüse, mit Regalen voller Brot und Kuchen, mit Schränken voller Medizin und Platz genug, um Kranke und Lahme zu pflegen.

„Keine Amphore wird hier jemals leer sein und kein Korb, kein Regal oder Schrank! Während Du die Armen pflegst, kannst Du Ihnen lehren, was Du auf Deinem langen Weg hierher gelernt hast, lieber Freund!“, flüsterte der Dschinn in sein Ohr.

„Niemals wird in dieser Stadt wieder ein Kind so hungern müssen, dass es etwas stehlen muss, das schwöre ich!“, sagte der Dieb mit gebrochener Stimme, denn sein Herz konnte den Segen nicht fassen, der ihn erfüllte.

Es sollte lange dauern, bis er wieder verständliche Sätze bilden konnte:

„Was passiert denn jetzt eigentlich mit der Lampe? Ich muss euch gestehen, dass ich nicht einmal genau weiß, wo ich sie gelassen habe.“

„Die wirst Du in Deiner Tasche finden. Packe sie in ein schönes Seidentuch und verwahre sie. Irgendwann nach Deinem Tod wird jemand, der sie braucht, sie wieder finden, keine Angst!“

Und der Dieb tat, wie ihm geheißen, doch die drei Dschinns wurden viele, viele Jahre nicht mehr gesehen. Beinahe hätte man sie vergessen in der glücklichsten kleinen Stadt Arabiens.


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