Die Dating-Touristin


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Dieses Daten ist schon anstrengend. Vor allem wenn man nicht gerne mit fremden oder anderen Menschen zusammen ist… aber hätten wir das nicht gewagt, dann würdet ihr uns heute wahrscheinlich auch nicht zuhören, sondern nur dem Herrn Wunderlich.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Surfing the Horizon” von Doug Rice / CC BY-SA 3.0


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Ich wollte Dir schon lange einmal eine Geschichte erzählen von einem ziemlich verkorksten Date, Herr Wunderlich…

Ich hatte als Single verschiedene Dates. Einige wenige waren furchtbar. Die meisten eher belanglos. In dieser Zeit habe ich verschiedene Portale getestet. Im Grunde sind alle schrecklich, was an der Tatsache liegt, dass man sich zu einem möglichst hohen Preis verkaufen will und das bedeutet Stress! Druck! Erfolgsdruck. Es herrscht permanenter Optimierungsbedarf. Auf beiden Seiten, sowohl für den Anbieter als auch den Suchenden. Da jeder Teilnehmer in der Regel natürlich beide Rollen ausübt und beide auch erfüllen sollte.

Ein besonders bizarres und skurriles Date war jenes, von dem ich dir gern erzählen möchte.

Also, mein Such-Profil im Groben war: Männlich, zwischen 41 bis 59, keine Bälger unter 18 und nicht weiter als maximal 80 km entfernt von meinem Heimathafen.

Jedenfalls landete ich nach dem durchprobieren einiger Seiten, auf einer Internetplattform in Sparversion, Eckdaten haben gepasst, und schreibt auch nicht völlig daneben, Mein Such-Profil hörte sich insgesamt recht entspannt an, und die anderen Punkte waren auch ok. dann bald telefoniert, super Stimme, schaut ziemlich gut aus, schaut viel jünger aus, super Body, Hammer,… in meinem Kopf ratterte es. Mit 50 und das sind aktuelle Fotos? Das machte mich misstrauisch…

Das wird wahrscheinlich so ein Sport Freak sein. Ich hörte schon unsere ersten Dialog über seine Lieblingsbeschäftigung: Wie? Du läufst keine Langstrecke beim Joggen? Was, Du hast nur ein Hollandrad…? Kann man damit auch Fahrrad fahren? Raucht nicht, trinkt nicht, ist natürlich ein Veggie, und hat wahrscheinlich nicht mal ein Auto! Wegen konsequent und so…

Klar, deshalb sucht er auch eine Freundin in seinem Umkreis, am besten auch aus der Stadt, am besten aus dem gleichen Viertel, am besten eine eigene Wohnung. Finanziell unabhängig sollte sie außerdem sein, knapp vor dem Zenit ihrer Karriere und natürlich überdurchschnittlich intelligent und gutaussehend. Ihre Topfigur hält sie vier mal wöchentlich abwechselnd mit Radrennsport oder Squash fit. Natürlich nur als Ausgleich zum harten Berufsalltag.

Naja, das bedeutete wahrscheinlich unterentwickelte soziale Fähigkeiten, was wiederum gerade in der Kennenlern-Phase zum direkten Aus führt.

Leider verloren! Gehen sie nicht über Los, ziehen sie nicht 3000 D-Mark ein!

Trotzdem, wahrscheinlich aus Angst vor endgültiger Verzweiflung: Date ausgemacht!

Das erste Treffen

Zum Treffen, erst in ein Cafè, dann zur Isar spazieren in den Englischen Garten, okay! Welches Kleid, Make up ja oder nein? Hohe Schuhe, flache Schuhe? Wie groß ist er? 189 ok, gut, geht also.

Dann, schon Aufregung genug, in die Stadt fahren. Ich halte mich für soziophob/andropophop müsst ihr wissen und Stadt bedeutet für mich Stress. Alles geht hektisch durcheinander, ich bin nervös, mit dem Auto in die Stadt fahren, wie ich das hasse. Einen Parkplatz suchen und finden, natürlich meinen Geldbeutel vergessen, 12.00 treffen. Naja, es war 11.45 egal ich ging auf die andere Straßenseite zu seiner Wohnung und klingelte. Dauerte eine Weile bis der Türöffner ging.

Ich hatte keine Ahnung welches Stockwerk welche Etage, ich lief einfach die Treppen nach oben, bis plötzlich ein halb nackter Mann mittleren Alters vor mir stand. Ein attraktiver halb nackter Mann, wobei ich mich schon fragte, warum er nicht normal angezogen im Treppenhaus stand?!

Aber ok. Es war ja heute auch sehr heiß, ich stellte mich kurz vor und er meinte nur hey, du bist 15 Minuten zu früh, ach was sagte ich. Ich war noch unter der Dusche… äh, ach ja genau, sagte ich, hast du vielleicht mal ein oder zwei Euro? Er lachte und sagte klar, wozu denn? Und ich erklärte ihm, das ich wohl meinen Geldbeutel zuhause vergessen hatte… naja, kann ja mal vorkommen.

Dann sprang ich schnell wieder zurück zu meinem Auto, nahm meine Hündin aus dem Kofferraum und fütterte die Parkuhr. Ich hatte nicht ganz unbeabsichtigt meine große Hündin mitgenommen, um den potenziellen Anwärter sogleich auf Herz und Nieren zu testen. Mag er Hunde oder nicht, ist er der Situation gewachsen, oder wird er gleich jämmerlich versagen.

Als ich die Wohnung wieder betrat, hatte der Hund zunächst etwas Stress, da ein Mann im gleichen Raum war. Die Wohnung bestand aber nur aus einem Raum. Doch dieser Mann saß entspannt in einem Sessel und verhielt sich ruhig.

Etwa 45 Minuten später hatte er es geschafft. Die Hündin schnüffelte an seiner Hand. Und es schien ihn nicht unangenehm zu sein. Im Gegenteil, ich glaube er freute sich sogar darüber und verbuchte es als heimlich als ersten Erfolg.
Check! Den ersten Schritt zum verborgenen Zugang der weiblichen Burg… Danach starteten wir zu unserem Ziel.

Der Eisbach, mit seinem schattigen Gehölz, stellten wir uns beim loslaufen vor. Zuerst wollten wir noch kurz in einem Cafè einen Zwischenstopp einlegen um einen Kaffee oder etwas Kaltes zu trinken. Dann weiter, 28 Grad im Schatten. Gefühlt mindestens doppelt so heiß. Ich war schon sehr gespannt auf die Surfer, die ja angeblich auf dem Eisbach Wellen reiten. Angeblich. Aber glauben wollte ich das nicht.

Die Unterhaltung lief schleppend, genauso wie wir uns auch immer mehr schleppten. Die Hündin war am Ende, sie wollte einfach nur im Schatten liegen und dösen. Eigentlich wollte ich das auch. Ihr schaumiges Gehechel wurde deutlich lauter. Wären wir nicht an einer stark befahrenen Straße gelaufen

Und dann nach einer langen halben Stunde, hörten wir das Wasser des rasanten Eisbachs, der ausgelassen seine Wellen aufbäumte. Zielstrebig rauscht der etwa 3 km lange Bach in einigen Wendungen durch den englischen Garten um dann wieder dorthin zurückzukehren, wo er herkam, die Isar.

Nachdem ich eine gute Weile mit offenem Mund die athletischen Körper der Surfer anschmachtete, machte sich meine Begleitung wieder bemerkbar. Wir folgten dem Bach noch ein Stück und setzten uns dann an einer seichten Bucht an sein Ufer.

Er hatte seine Lieblingssongs extra zusammengestellt, die wollte er mir präsentieren. Die treulose Hündin hatte sich scheinbar so schnell verliebt, dass sie ihm mittlerweile kaum von der Seite weichen wollte. Verräterin! Meine Bekanntschaft streckte sich im Gras aus und legte lässig die Arme unter seinen Kopf.

Mit geschlossenen Augen lauschten wir seiner Lieblingsmusik. Von Zeit zu Zeit nur dadurch unterbrochen, dass er sich den Hundesabber abtupfen musste.

Durch das enorme Hecheln musste der Hund irgendwie seinen überflüssigen Speichel loswerden, nur leider stand er, durch die spontane Sympathie neuen Mut gefasst, unmittelbar über dem Gesicht meines Kandidaten.

Check! Schritt zwei zum verborgenen Zugang meiner Herzenswünsche…
Keine Angst vor ekelhaften Ausscheidungen!

Allerdings besondere romantische Stimmung kam nicht unbedingt auf. Die Musik die er mir vorspielte war, naja teilweise ganz ok. Aber das allermeiste, wenn ich ehrlich bin, war schrecklich!

Punktabzug für miserablen Musikgeschmack. Ganz verheimlichen konnte ich meine Langeweile auch nicht, wahrscheinlich weil ich durch die trostlose Musik begann die Pampa zu inspizieren..

Als ich mich so umschaute, immer darauf achtend ein Gähnen zu unterdrücken, hörte ich dicht hinter mir eine unbekannte Stimme rufen: „Oooooaaaah, ist das aber ein schönes Exemplar. Gewebt und aus Mexiko, stimmt’s?“

Da ich glaubte es wäre die Rede von meinem Kleid, drehte ich mich um und antwortete „Nein, von H&M.“

Leider ermutigte ich den Fragesteller wohl dadurch noch weitere Satzfragmente in den Raum zu werfen, die ich allerdings nicht beantworten konnte, da ich alle Mühe darauf konzentrierte sein opulentes Geschlechtsteil zu übersehen. Da ich saß und der Nakedei direkt vor mir stand, baumelte seine Männlichkeit direkt einen Schritt vor meiner Nase.

Offensichtlich hatte meine neue Bekanntschaft mich an den Nudisten Bereich der Isar geführt. Hoffentlich ohne ähnliche Bestreben.

Ob er wohl von mir jetzt auch erwartet, dass ich mich einfach ausziehe? Bitte nicht! Kurzer Check in seine Richtung… oke… Bislang wenigstens, hatte er noch seine Kleidung komplett am Körper und nicht daneben.

Das Rendezvous war an unromantischen Peinlichkeiten kaum noch zu toppen.

Die Verabschiedung

Der Pimmelschwinger hatte sich als hochgradig kontaktfreudig entpuppt. Nach unvoreingenommenem Smalltalk startete mein Begleiter etwa zehn Minuten freundliche Konversation mit dem mitteilsamen Nudisten.

Nach einiger Zeit des beharrlichen Schweigens meinerseits, gab der Rentner-Hippi dann das friedvolle Happening auf und trollte sich wieder zurück zu den entblätterten Blumenkindern.

Es wurde langsam Zeit zum Aufbruch. Der Rückweg war lang und heiß. Durch die Innenstadt zu spazieren war keine Freude bei diesen Temperaturen. Ein Gespräch kam nur spärlich zustande.

Das Hemd meines Dates hatte mittlerweile eine andere Farbe angenommen, was angesichts der Haltung die er dabei ungebrochen aufrecht hielt, mich zu einer aufrichtigen Bewunderung motivierte.

Wir, mein Hund und ich hingegen, wir schleppten uns mehr kriechend als aufrechten Ganges, und ich überlegte mehrfach ein Taxi herbeizuwinken. Traute mich dann aber doch nicht, da ich ja, als Landei, abgehärtet und deutlich schmerzfreier war als jeder Städter! Damit hatte ich mindestens einmal während unseres Email Kontaktes schon geprahlt.

Wollte ich also nicht als völliger Fehlgriff dastehen hieß es durchhalten und lächeln! Ich würde es schaffen. Ja, ich würde es auch ohne Taxi schaffen. Aber vielleicht sollte ich auf den armen Hund Rücksicht nehmen… wegen dem Asphalt und so… ob es eine Abkürzung gibt? Vielleicht sollte ich ihn das fragen…

Plötzlich sagt er: „Was meinst du ich denke es ist besser mit dem Hund durch den Park zu laufen statt an der Straße entlang?“

Ich nicke… ist auch nur ein kleiner Umweg von etwa einem Kilometer.

Na dann, ist ja prima. Machen wir das doch! Höre ich mich antworten und denke nur: Jesus im Himmel, das schaffst du niemals!

Plötzlich erschien mir eine Hitze Vision: ich kollabiere…, liege am Boden, er… meine Beine gegen Himmel hebend, als Galionsfigur der Halux-Trägerinnen.
Ausrufend: „Seht her, ihr Frauen all da draußen im Universum, seht her! Es gibt sie! Es gibt die Männer, die euch trotz eurer deformierter Zehen die Beine halten, wenn ihr es wirklich braucht!

Wollte ich wirklich noch eine Chance haben, dann müsste ich jetzt einfach ganz entspannt weiter laufen…

Und dann, wenn wir so entspannt zu meinem Auto geschlendert kämen, dann würde er sehen, was ich für eine unglaublich taffe Frau war… so plante ich im Geheimen!

Denn dann, würde er meinen 123 Daimler mit der 240 D Motorisierung sehen und er würde wahrscheinlich feuchte Augen bekommen, wenn nicht sogar mich um eine kurze Probefahrt bitten. Hehe!

Dann … kam endlich mein Oldtimer in Sicht. Naja, fast Oldtimer. Baujahr 1985 und ich tat so als würde ich spontan meinen Schlüssel suchen, dabei umklammerte ich ihn schon die Hälfte der Strecke krampfhaft. Nur um dann lässig zu meiner Fahrertür zu flanieren und aus dem Handgelenk die manuelle Türverriegelung zu öffnen.

Und? … ich ließ ihm zwei, drei Sekunden Zeit um dieses überwältigende Wunder an retrograder Technik und Ästhetik aufzunehmen… und er sagte: meinen Hund täschelnd, na dann mal tschüs ihr Beiden, hat mich gefreut euch kennenzulernen.

Hä? Ich muss wohl etwas fragend aus der Wäsche geglotzt haben, denn dann sagte er auch noch, naja, wir können ja wieder telefonieren. Also dann komm gut heim. Ich stammelte etwas ähnliches zurück, packte meine Hündin ein und ließ mich stumm auf den Fahrersitz fallen.

„Was hab ich da grade gesagt? Komm du auch gut heim? Er wohnt doch gleich auf der anderen Straßenseite… „

Ohmann Anders, das war ja wohl ein Griff ins Klo. Hast dich ja mal wieder von deiner allerbesten Seite gezeigt! Ohje, na das gibt nix.

Warum konnte ich auch nicht einfach meine Klappe halten als er mich gefragt hat, wie ich München so finde? Oder wenigstens nicht so übertrieben ehrlich antworten?!

„Die Anonymität treibt die Menschen in der Stadt in die Depression! (ja mit mir als Nachbarin schon) Und überhaupt diese Enge und der Lärm, das ist ja ganz klar das man da gleichgültig, lethargisch und unsensibel wird!“

Ja bin ich denn total deppert. Den seh ich nie wieder! Vorbei! Aus! … so eine scheiße! Wahrscheinlich hat er mich schon aus seinen Kontakten gelöscht!

Dabei war der sooo gut, verdammt. Der hat noch nicht mal was gegen meinen paranoiden Hund gehabt! Und lustig war er auch und auch noch intelligent! Einer der sich ned ewig so geschissen wichtig nimmt… und ich, was mach ich?

Gaffe fremde Hipster in Neoprenanzügen an … ja leck mich doch am Arsch! Verdammt.

Naja, es is wie es is!

Immerhin machen wir jetzt schon eineinhalbjahre das morgenradio zusammen!