Die Bombe im Gurkensalat


Jeder erzählt sich eine Geschichte von sich selber. Jede hat sich eine Erklärung gebastelt, wie sie so ist. Und dieser selbsterschaffenen Erzählung folgen wir durch das Leben.

Doch manchmal brechen Überraschungen in unsere Illusionen und verändern mit einem Schlag alles nachhaltig. Das ist besonders überraschend, wenn wir selber uns in unserer eigenen Geschichte überraschen.

So geht das auf jedem Fall der jungen Frau mit dem Walser und dem schüchternen Mann mit dem Simmel. Heute, im Englischen Garten. Heute, in unserem Hörspiel.


Download der Sendung hier.
Musik: „Cucumba“ von Macka B


Skript zur Sendung

Da gibt’s schon einen Tag. Der war anders als die anderen.

Also, wenn ich so zurückdenke, wie das alles so passiert ist, dann… dann weiß ich heute noch nicht genau, wie das eigentlich so lief. War auf jeden Fall eher ein komischer Tag, irgendwie. Ein sonniger Tag. Also, ein außergewöhnlicher Tag.

Obwohl? Wahrscheinlich war das erst einmal ein voll normaler Tag. Ein durchschnittlicher Tag, der dann irgendwie außergewöhnlich geworden ist.

Versteht ihr, was ich meine? Das ist so, wie wenn man Augenzeugen erzählen hört von schlimmen Katastrophen. Das ist dann immer so: „Es war ein völlig langweiliger Tag in der Kantine, es gab Hackfleischbällchen und Gurkensalat. Als dann plötzlich die Bombe explodierte.“

Das ist doch faszinierend, oder? Also, wenn die Bombe nicht explodiert wäre, dann hätte sich doch niemand daran erinnert, was es genau an dem Tag in der Kantine gab, oder? Es ist, als ob eine Sache, die anders ist und die besonders ist, das Besondere mit allem drumherum teilt. Versteht ihr, was ich meine? Besonders ist ansteckend. Die Bombe macht den Gurkensalat besonders.

Hah. Das ist wieder so ein typischer Satz von mir! Tut mir leid. „Die Bombe macht den Gurkensalat besonders.“ So funktioniert mein Verstand. Darum bin ich kein Schriftsteller. Weil bei mir immer so komische Sachen rauskommen, wenn ich anfange zu schreiben.

„Die Bombe im Gurkensalat“ – der neue Thriller von Nikolas Hengstler. Das wäre sicher ein Riesenerfolg, oder?

Eigentlich schreibe ich nicht, weil ich nicht nur dieses Bomben-Gurkensalat-Problem habe, sondern auch noch das Simmel-Problem obendrauf. Kennt ihr das? Kennt überhaupt noch irgendwer Johannes Mario Simmel? Der hat in den Siebzigern, glaube ich, mehr Bücher verkauft als irgendwer anders.

Die fangen alle auch ganz toll an. Zum Beispiel „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ hat einen tollen Anfang. Aber dann wird es dem Autoren irgendwie zuviel auch toll zu bleiben und der Roman driftet dann ins Triviale ab. Oder in Vorhersehbare.

Aber eigentlich wollte ich ja vom Englischen Garten berichten. Ich war an dem Tag nämlich im Englischen Garten. Ich bin oft da. Eigentlich jeden Tag, an dem es nicht regnet. Und wenn ich im Englischen Garten bin, dann denke ich mir jedes Mal, dass es echt praktisch wäre einen Hund zu haben.

Wenn man als erwachsener Mann alleine durch den Park geht, dann ist das irgendwie schon an und für sich seltsam. Aber wenn man dann irgendwo alleine sitzt und nicht auf’s Handy glotzt, sondern nur in die Ferne starrt, dann verängstigt das schon manche Menschen.

Ich glaub‘ ja sowieso, die meisten Menschen kucken nicht wegen sich selber dauernd auf’s Handy, sondern um nicht aus Versehen einen anderen Menschen anzuschauen. Das machen die Meisten nicht gerne. Glaube ich.

Weil ich mach das nicht gerne. Weil, dann muss man meistens auch etwas reden. Mit Jemandem, den man gar nicht kennt. Und dann denkt der andere was über einen und man selber denkt was über den anderen und dann muss man reden und dann muss man das überprüfen, was man da denkt und dann geht das manchmal in die Hosen und das ist schlecht und manchmal hat man aber auch Recht und das ist dann auch schlecht.

Na ja, egal. Ich hätte auf jeden Fall gerne einen Hund. Wenn man einen Hund hat, dann darf man als Mann alleine durch den Park gehen und dann ist das o.k., wenn man irgendwo sitzt.

Und wenn man sich einfach auf die Wiese setzt, dann ist das auch o.k. Man könnte sich auf die Wiese setzen und den jungen Frauen beim Volleyball zukucken, das wäre mit Hund völlig normal.

Wenn man das ohne Hund macht, dann ist das schon fast sexuell übergriffig. Das kann man als Mann nicht machen. Mit Hund kommen dann die Menschen und sagen Sachen wie „Oh, der ist aber süß! Darf man den streicheln?“ oder „Wie heißt der denn? Ist ein Bassett, oder?“

Weil ich einen Bassett haben wollte, denn ich gehe gerne langsam durch den Park und nicht schnell. Und der Bassett würde das dann alles normal machen. Der wäre mein Normalitäts-Ausweis.

Das wäre dann eher so, dass der Bassett mit mir durch den Park gehen würde. Als ob der Bassett sagen würde: „Ist o.k., Mädels, der Spinner gehört zu mir. Der beißt nicht, der ist zwar seltsam, aber normal.“

Weil ohne Hund würde ich nie im Leben eine Frau einfach ansprechen. Niemals! Von diesem Tag halt einfach abgesehen. Weil das war halt das Besondere, versteht ihr? Ich spreche eine Frau an, das war die Bombe und die Gedanken, dass ich einen Basset will, das war der Gurkensalat.


Also, wenn ich so zurückdenke, wie das alles passiert ist, an dem Tag, dann hat das alles mit der beschissenen WG zu tun, in der ich wohne und mit Hein. Wer heißt denn schon „Hein“? Wie Hein Blöd bei Käptain Blaubär! Oder „Hein, das Schwein“, wie ich ihn zu nennen pflege.

Hein und ich, wir wohnen nämlich in einer kleinen WG. Eine Dreier-WG. Mit Han. Ja, tut mir leid. Ich wohne mit Han und Hein, dem Schwein in einer WG. Das klingt irre lustig, ist aber in Wirklichkeit der reine Horror. Pur. Den Han ist auch ein Schwein.

Wie wir eine Wohnung in dem scheißteuren Scheiß-München gesucht haben, da mussten wir das Erstbeste nehmen, was wir für unsere Kröten finden konnten. Also, Hein und ich. Denn wir waren da ein Paar. Und wollten eigentlich unsere Ruhe. Zu zweit wollten wir wohnen. Aber das kann man sich in München nicht leisten.

Also mussten wir noch jemanden finden, der das dritte, winzige Zimmer nimmt. Und zahlt. Und das war Han. Aus Japan. So war das. Muss blöd für ihn gewesen sein, als wir noch ein Paar waren, aber das hat ja nicht lange gedauert.

Weil das halt zwei Schweine sind. Zwei erwachsene Männer, die keine Ahnung haben, wie zum Beispiel eine Waschmaschine funktioniert. Haben beide voll die emanzipierten und selbstbewussten Mütter, aber die Bubis brauchen mich, damit sie sich in den Waschsalon trauen.

Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum Hein ein Schwein ist. Der Hauptgrund heißt Angelika und ist bei ihm im Proseminar. Und Hein, das Schwein und Angelika sind wohl offiziell in der Uni eine Sache. Treffe ich den Hein im Café, sagen seine Kommilitonen zu mir: „Was, Du bist Heins Freundin? Wir dachten, der wäre mit der Angelika zusammen!“

So. Das war jenes. Zu Hause gab es dann einen Riesenkrach. Stundenlang. Könnt ihr euch ja vielleicht vorstellen. Aber nach zwei Flaschen Rotwein sind wir uns dann wieder näher gekommen. Ich dachte schon, es wäre alles wieder o.k. Und paletti. Weil ich so naiv bin wie Schneewittchen!

Denn, kaum das wir uns versöhnt haben, fragt doch dieser Penner, ob ich mir nicht einen Dreier mit Angelika vorstellen könnte? Frag‘ ich? Wie kommst Du denn darauf? Sagt Hein, das Schwein, wir würden uns sexuell ergänzen! Habt ihr so etwas schon gehört? Boah, ey, ich bin immer noch völlig von den Socken, wenn ich darüber nachdenke! Dabei ist das drei Monate her!

Ich konnte tagelang kein Wort mehr zu dem Arsch sagen. Ich bin einfach verstummt. Und Hein, das Schwein ist dafür immer lauter geworden. Der konnte keinen normal-lauten Satz mehr sagen. Ist irgendwie eine geistige Störung.

Aber das hat gar nichts mit dem Tag zu tun, als das Andere alles angefangen hat. An dem Tag war eigentlich wieder alles kacke. Weil ich die zwei Schweine nicht einfach rauswerfen kann und selber auch keine Wohnung krieg, musste ich weiter in der WG bleiben. Und es war einfach jeden Tag ätzend. Voll ätzend.

Und eben auch an dem Tag. Es ging wieder um irgendeinen Scheiss – ach ja, ich habe meine Tasse nicht gefunden! Meine blaue Tasse. Ist nur eine Tasse, meint Hein, das Schwein. Und war schon einmal beleidigt. Ist aber meine Tasse und ich liebe sie.

Egal. Riesenaufstand. Ich heule rum und er plärrt rum. Dann spring‘ ich einfach schnell in meine Ugg-Boots und renne, so schnell ich kann weg. Richtung Uni. Richtung Englischer Garten.

Ich friere wie ein Schneider, weil es wieder nur so ein blöder Tag voller Wolken ist. Und dann steht da so eine Glasvitrine, wo Leute Bücher reinstellen, die sie verschenken wollen. Die darf man sich nehmen, wenn man will. Und das braucht man im Park als Frau. So ein Buch ist nicht aus Papier, so ein Buch ist wie eine Mauer.

Wenn Du als Frau auf einer Parkbank sitzt und kuckst einfach nur in die Gegend, dann ist das, als hättest Du hinter Dir ein Transparent stehen, wo ein Pfeil auf Dich zeigt und auf dem Transparent steht: „Diese Frau will vögeln!“

So ungefähr ist das. Das kann man echt nicht bringen. Wenn Du aber so ausschaust, als wärst DU total in eine Buch vertieft, dann steht da immer noch ein Transparent mit einem Pfeil auf Dich. Aber halt kein Text. Das ist schon ein bisschen besser.

Egal. Ich nehme auf jeden Fall irgendein Buch aus der Vitrine und lauf in den Park. Und setz‘ mich auf eine Bank und fange an, das Buch zu lesen. Und was hab‘ ich erwischt? Ausgerechnet „Die Verteidigung der Kindheit“ von Martin Walser!

Schrecklich! Erstens ist der Mann irgendwie ein heimlicher Antisemit, was schon ein Grund wäre, das nicht zu lesen und zweitens ist er einer der Autoren, die einem immer das Gefühl vermitteln, als Leserin wäre man doof und er wäre ein Weiser und drittens geht es um einen Mann, der einen Mutterkomplex hat.

Aber ich musste mich halt verstecken, also hab‘ ich mich in dem Buch versteckt. Bis dann dieser komische Typ kam!


Und ich denke also noch immer über Bassetts und Gurkensalat nach, als ich diese Frau auf der Bank sitzen sehe. Und dann sage ich zu ihr: „Supersonniger Tag heute, oder?“ Und setze mich hin. Einfach so.

Ich habe echt nicht den leisesten Schimmer, wie das passiert ist! Keine Ahnung, wo das herkam! Das würde ich niemals machen! Damals sicher nicht und heute schon zweimal nicht! Ich bin für so ‚was nicht der Typ! Das kann ich nicht so gut, das Reden. Diesen Smalltalk. Kann ich überhaupt nicht!

Und nie im Leben würde ich eine so attraktive Frau ansprechen. Niemals! Also, ich würde das schon gerne, aber ich wüsste nicht einmal, was ich sagen soll. Ich kann nicht über Sachen reden, über die man da so reden soll. Wie das Wetter, oder Fussball, oder über die Politik. Obwohl, man redet dann wahrscheinlich nicht über Politik, oder? Seht ihr? Ich habe nicht einmal die leiseste Ahnung, wie man so einen Smalltalk macht!

Auf jeden Fall habe ich sie angequatscht und sitze da so auf der Bank und bin total über mich selber erschrocken. Ich hab‘ auf einmal Angst vor meiner eigenen Mutigkeit. Und ich versuche mich gar nicht zu bewegen. Weil die Frau, die hat nicht eine Sekunde von dem Buch weggeckuckt. Für die bin ich total Luft.

Nur so ein perverser, einsamer Mann, der ihr an die Wäsche will. Das wird sie denken. Da bin ich mir sicher. Das hat sie sicher gedacht.


Und wie ich da so sitze und tu‘, als ob dieses blöde Buch direkt zu mir sprechen würde, als ob dieser blöde Alfred Dorn für mich persönlich der Messias wäre, da kommt diese seltsame Figur und quatscht mich an und setzt sich neben mich!

Ist ja nicht so, dass das die einzige Bank wäre! Da sind ein halbes Dutzend Bänke und alle sind frei. Und er setzt sich zu mir. Der denkt sich wahrscheinlich, dass er mich einfach aufreißen kann. Ein ganz coole Socke ist das wahrscheinlich. So ein ganz cooler Typ. Wie er da nebenmir sitzt und einfach nichts sagt, sondern nur in die Gegend starrt!


Und dann sagt die Frau zu mir: „Was glotzt Du mich denn so blöd an, Du Arsch!“ Wow! Und ich sag‘ nur: „Tut mir leid!“ Und dann schimpft sie auf mich ein wie ein Rohrspatz. Ich weiß gar nicht mehr, was sie genau gesagt hat, aber als sie da mit mir schimpft, da habe ich jedes Wort gespürt, als ob sie alle kleine Messer wären. Und sie versuchen würde, mir mit den Wörtern die Haut abzuziehen.

Das waren die schlimmsten Minuten meines Lebens! Ohne Scheiß! Wenn ich die Wahl hätte, das noch einmal zu erleben oder mir stattdessen alle Weisheitszähne ohne Betäubung reißen zu lassen, ich glaube fast, dann würde ich zu den Weisheitszähnen tendieren.

Und dann, es waren gefühlt ungefähr fünf Stunden später, dann sagt sie: „Reicht schon! Jetzt hast Du sieben Mal ‚Tut mir leid‘ gesagt! Kannst Du nichts anderes sagen? Ach, und kannst Du eine Waschmaschine bedienen?“


Dann sitzt also diese coole Socke da und sagt einfach gar nichts. Und irgendwie spüre ich, dass er mich von hinten irgendwie so schräg auscheckt. Aber er macht sonst nichts. Gar nichts.

Das sollte mir ja eigentlich recht sein, weil ich will ja einfach nur meine Ruhe. Ich hätte wahrscheinlich schon einen allergischen Schock bekommen, wenn eine Frau da sitzen würde. Aber dass das auch noch ein Mann ist, das war echt too much. Nicht, dass ich einen Würgereiz gehabt hätte…

Irgendwann platzt mir dann die Hutschnur und ich frage ihn, warum er mich auscheckt und bitte ihn, sich eine andere Bank zu suchen. Vielleicht nicht voll freundlich, aber ich war echt mies drauf.

Sagt der doch zu mir: „Ich hätte gerne einen Hund.“
Einfach so. Nun, da war ich platt. Was sagt man denn dazu. So oft, wie der sich entschuldigt hat, war er vielleicht keine coole Socke.


Dann hört sie auf, auf mich einzuschimpfen und es wird auf einmal total still. Ich schwöre, die Vögel im Park haben alle aufgehört zu singen. Und die Jogger sind stehen geblieben und haben sich die Knöpfe aus den Ohren. Und die Mamis mit den Kinderwägen haben aufgehört gleichzeitig zu telefonieren.

Der ganze englische Garten hat mich angeschaut. Und ich musste irgend etwas sagen. Und es ging mir einfach nichts durch den Kopf. Nur der komische kleine Bassett. Also habe ich gesagt, dass ich gerne einen Hund hätte.

Und dann haben sich, in meiner Vorstellung zumindest, alle Köpfe im Englischen Garten zu der jungen Frau neben mir umgedreht. Und dann hat die leidenschaftlich gesagt: „Ich hasse Martin Walser.“ Und das Buch einfach weg geschmissen.

Als das Buch dann bei den leeren Plastikflaschen und Eisverpackungen lag, da haben dann alle weitergemacht. Die Jogger sind weitergejoggt, die Mamas mit den Kinderwägen haben irgendjemanden angerufen und die Vögel haben halt so gemacht, was Vögel halt so tun.


Tja, ich habe keine Ahnung, was da über mich gekommen ist. Da kommt so ein wirklich seltsamer junger Mann, sagt zu mir erst, dass es ein sonniger Tag ist, obwohl es bedeckt ist und scheiße kalt.

Dann entschuldigt er sich gefühlt fünfzehn Mal dafür und meint, er möchte einen Hund. Und ich sage nur, wie ich Martin Walser hasse und werfe das Scheiss-Buch weg. Einfach weg. In den Müll. Braucht auch kein anderer mehr unter Alfred Dorn leiden.

Und dann haben wir beide sehr gelacht.


Und wir sind auf der Parkbank gesessen und haben fünf Stunden miteinander geredet. Und ich meine nicht gefühlte fünf Stunden, wie bei dem Anschiss, sondern echte fünf Stunden, weil dann der Wecker an meiner Uhr geklingelt hat. Weil ich dann zu meiner Vorstellung gehen musste.

Fünf Stunden! Ich glaube, wenn man alle Zeit zusammen nimmt, die ich überhaupt mit einer Frau gesprochen habe, dann ist das nicht so viel wie mit dieser jungen, attraktiven Frau an diesem einen besonderen Tag.

Weil, wir haben überhaupt kein Smalltalk geredet. Wir haben über Sachen geredet, die wichtig waren. Über Hein, das Schwein, über ihre Mutter und über ihren Job als Lektorin. Und wie München irgendwie für sie ein Traum war und jetzt nur eine kalte Stadt.

Wir haben auch über mich geredet. Darüber, dass ich tatsächlich gerne einen Hund hätte. Ich habe beim Reden gemerkt, dass ich den nicht will als „Normalitäts-Ausweis“, sondern, weil ich immer einen haben wollte und nie durfte.

Oder eben über das Buch, das ich geschrieben habe und das auf meiner Festplatte liegt, ohne dass es jemand jemals gelesen hätte. Das Buch über meine schräge Kindheit. Die Kindheit, die mich stumm gemacht hat. So dass ich eigentlich gar nicht mehr reden konnte.

Das haben wir geredet. An diesem besonderen Tag.


Tja. Dann haben wir fünf Stunden miteinander geredet. Und zwar ohne jede Übertreibung. Es waren volle fünf Stunden. Und es war völlig in Ordnung! Ich glaube, wenn man alle Zeit zusammenrechnet, die ich in meinem Leben mit einem Mann gesprochen habe, wenn man das alles zusammenaddiert, dann ist die Hälfte davon die Zeit mit diesem komischen Typen im Englischen Garten!

Es war, als würden wir uns schon ewig kennen. Wie als ob wir Bruder und Schwester wären. Aber nicht so wie ich und mein Bruder. Eher so wie Bruder und Schwester, die gemeinsam durch dick und dünn gegangen sind. Weil die Eltern gestorben sind. Wie zwei Waisenkinder.

Wir haben darüber geredet, warum ich in diese Stadt gezogen bin. Und dass ich dachte, in einer Großstadt würde es mir besser gehen als in unserem Dorf. Weil einen die Leute in der Stadt in Ruhe lassen. Weil man da anonym ist, in der Stadt.

Und das genau das Gegenteil wahr ist. Im Dorf hat jeder eine Meinung über Dich, aber schert sich eigentlich einen Dreck. Und in der Stadt lebst Du so eng auf eng mit lauter fremden Menschen zusammen, dass Du Dich in Dich selber zurückziehen musst.

Aber wir haben auch über ihn geredet und auch das war total interessant. Der war zwar ziemlich strange, der Typ, aber auch sehr… Wie sagt man da… Nicht intelligent, das ist irgendwie das falsche Wort… Der war… Reflektiert! Das ist das Wort!

So jemanden habe ich noch nie gesprochen. Und er hat mir genau zugehört, jedes Wort. Und versucht, mich zu verstehen. Und das hat er dann auch. Warum ich so wütend war. Und der hat dann die Wut nicht schlecht gemacht, und der hat auch nicht gesagt, das ich vernünftig mit Hein, dem Schwein reden soll.

Sondern er hat mir empfohlen, ich soll ihm einfach ‚mal fest in die Eier treten. Das habe ich dann auch gemacht. Also, im übertragenen Sinn.

Ich glaube, er wird sich einen Hund zulegen. Glaube ich echt. Es gibt nicht viele Menschen, die für Hunde geeignet sind. Es gibt mehr Menschen, die für Katzen geeignet sind. Auf jeden Fall in der Großstadt. Das ist auf dem Land eher umgekehrt.


Und das war schon der ganze Tag. Der eine, besondere Tag. Die Aufführung lief übrigens prima. Ich habe noch nie in meinem Leben so gut getanzt. Ich habe in den drei Stunden nicht einmal nachgedacht, kommt mir so vor.

Irgendwie hat mir die wütende Frau im Park mit ihrem Martin Walser echt geholfen.
Vielleicht hätte ich sie nach ihrem Namen fragen sollen.


Und das war meine Erinnerung an diesen einen, besonderen Tag. Ich habe dann meine Sachen gepackt. Und bin am gleichen Tag noch aus der Wohnung raus. Ich glaube, ich ziehe wieder raus auf’s Land. Wie der seltsame junge Mann das auch vorgeschlagen hat.
Ob er sich wohl einen Bassett zugelegt hat?

Vielleicht hätte ich ihn nach seinem Namen fragen sollen.