Die Besetzungscouch

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Der Deutsche, so hört man immer wieder, hat keinen Humor. Darum gibt es in Deutschland auch keine Stand-Up-Komiker. Basta!

Die Deutsche hat aber durchaus Humor, das würde unsere Erzählerin schon einmal gerne festgehalten wissen. Sie zum Beispiel ist wirklich witzig! Und dann erklärt sie noch, wie man sich seine Karriere trotzdem versemmeln konnte, wenn frau die Besetzungscouch verweigerte.


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: “Casting Couch” von Patti Rothberg

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Die Geschichte zum Lesen

Meine Geschichte, die ich Dir wegen #metoo erzählen wollte, spielt an einem Samstag. Nachmittags, Jahre vor #metoo.

Ich stehe in der Sardinenbüchse und mache etwas, das ich noch nie gemacht habe. Ich koche! Ich koche, weil ich ein Date habe.

Das liegt daran, dass ich mich lange für etwas Besseres gehalten habe. Ich, ich komme aus der Welt des Films, des Fernsehens! Oder, zumindest, aus der Welt des Theaters oder der Kleinkunstbühnen.

Wir Künstler, wir haben keine Dates. Nein, wir lernen uns nicht kennen – wir wachen überraschend nebeneinander auf. Die Gewalt des Lebens selber ist es, was uns zusammenschweißt und auseinanderreißt!

Dates! Pah! Wie ordinär, wie amerikanisch!

Na ja, es gibt auch einen anderen Grund, warum ich niemanden nach Hause einlade. Die Sardinenbüchse heißt so, weil es die kleinste Wohnung ist, die man bewohnen kann.

Wenn man in meinem Schlafzimmer im Bett lag und in die Küche gehen wollte, dann musste man nur den Kopf rechtsrum drehen – schon war man da! Linksrum drehen und – zack! – man war im Wohnzimmer.

Mit diesem Mann aber hatte ich schon einige Dates und er war auch schon in der Sardinenbüchse gewesen und ich hatte nicht den Eindruck, dass er das abstoßend fand.

Also nahm ich mir ein Herz und sagte:

„Hey, ich würde Dich gerne zum Abendessen einladen! Ich koche uns etwas Hübsches!“

„Willst Du das wirklich, Diana?“

„Ganz im Ernst! Nichts würde ich lieber tun!“

Und das Verrückte war: Ich wollte das WIRKLICH tun!

Ich lief los und kaufte im Supermarkt erst einmal ein Kochmagazin, wie es da so an der Kasse steht. Das las ich aufmerksam durch und entschied mich für ein Gericht, das ich handwerklich bewältigen konnte.

Ich kochte Angebernudeln, die kennst Du sicher. Schweineteuer, seltsame Form und in drei verschiedenen Farben. Und dazu eine Angebersoße mit sauteuren getrockneten Tomaten und sauteuren Pinienkernen und natürlich sauteurem Parmesan. Das Rezept hatte ich aus „Meine Familie und Ich“.

SOOO sehr liebte ich diesen Mann! Solche Opfer war ich bereit, zu erbringen! So aufgeregt war ich! Denn dieser Mann, meine Liebe, war. einfach. lustig.

Jede seiner Aussagen konnte mich zum Lachen bringen. Ein Besuch in einem Schweigegebots-Museum in der denkbar langweiligsten Ausstellung mit der denkbar abstraktesten Kunst konnte er mit drei Bemerkungen so lustig machen, dass wir rausgeworfen wurden, weil ich so laut lachen musste.

Ich weiß ja nicht, wie Du Dir Deine Männer aussuchst, ich schätze die mit Humor. Das ist noch zu schwach: Ich bevorzuge Männer, die so intelligent sind, dass sie mich zum Lachen bringen können. Oder, noch kürzer: Lachen macht mich richtig heiß!

Ich liebte diesen Mann. Punkt.

Auch, weil er zu einem Zeitpunkt in mein Leben kam, als es mir nicht gut ging. Ich hatte gerade, mit nicht einmal 26 Jahren in Gedanken schon eine ganze Laufbahn als Hollywood-Superstar hinter mir.

In Wirklichkeit allerdings, hatte nur das ZDF meine Comedyshow abgesetzt. Von heute auf morgen und ohne jemals eine Folge gesendet zu haben. Komisch, denn: Die Pilotfolge kam richtig gut an! Sagte der Mann, der es wissen muss.

Ich war umgezogen nach Mainz, die Produktion sollte in zwei Wochen starten und – zack – Auftrag storniert! Einer hatte sich anders entschieden. Einer von „ganz oben“! Jemand im Fernsehrat. Ein Mann mit Einfluss. Sendungsauftrag und so.

Sagte der Mann, der es wissen muss, zu mir.

Kein Oskar für Diana.

Stattdessen zog ich zurück in die Provinz und nahm diesen Bürojob an, der mich unglücklich machte. Es war dieses unerträglich Brunft- und Balzverhalten, das Männer in solchen Betrieben entwickeln, sobald eine Betriebsgröße von, sagen wir einmal drei Personen, überstiegen ist!

Nachdem in der Hackordnung dieser Riesenkanzlei alle Männchen über mir standen, musste ich gute Miene zum bösen Spiel machen. Soviel kann man überhaupt nicht kotzen, wie ich da gelächelt habe! Wenn ich am Morgen in den Spiegel schaue, dann sehe ich eine Vampirin.

Und das mir! Mir, die ich um ein Haar eine Fernsehserie gehabt hätte! Um ein Haar, wenn es nicht diesen einen Mann im Fernsehrat gegeben hätte! Dann wäre ich dem Druckerpapierbestellen und Papierkorbzählen und dem Sommerfest-Grillgut-Bestellzettel und den beschrifteten Tupperwares im Kanzlei-Kühlschrank entkommen!

Es ging mir so schlecht, dass ich jeden Abend an meinem Bett saß und betete:

„Bitte, ich weiß, ich habe es nicht verdient, aber bitte, erlöse mich aus diesem Leben! Also nicht, indem ich sterbe, sondern indem es noch was wird mit meiner Karriere als Komikerin, meine ich. Ich will ja auch nicht wieder ein Hollywoodstar werden und ich will auch nicht wirklich eine eigene Fernsehserie, aber wenn ich wenigstens so viel Geld verdienen könnte, dass ich dem Alex in der Kanzlei so fest in die Eier treten kann, dass er niemals mehr eine Frau begrapschen möchte – mehr verlange ich gar nicht, lieber Gott!“

Das betete ich. Dabei glaube ich nicht einmal an Gott. Ist ja auch nur ein Mann da oben.

So, Du verstehst jetzt die Fallhöhe, wenn das Telefon gleich klingeln wird. Was das bedeutet, der Anruf.

Jetzt bin ich also erst noch in der Küche tätig. Ich vernebele die Sardinenbüchse mit Wasserdampf und Knoblauchgestank, während ich laut „It’s raining men“ von den Weather Girls singe.

Weil ich mich freue, dass der Mann, dem meine Wohnung nicht zu klein ist, mich besuchen wird. Der, der mich zum Lachen bringt, selbst wenn die Machos in der Kanzlei mir mein Leben zur Hölle machen.

Dann, in diesem eigentlich positiven Moment, muss das Telefon klingeln.

Es war der Mann, der es eigentlich hätte wissen müssen. Derjenige, der der kleinen Produktionsfirma den Auftrag für die Comedyserie vermittelt hatte. Derjenige, der meinte, ich könne ruhig schon einmal umziehen. Und derjenige, der dann lapidar mitteilte, dass wir gecancelt sind.

Der Mann, der es immer noch weiß. Und der unsere Pilotfolge jemanden gezeigt hatte, der für eine Produktionsfirma arbeitet, die Pro7 und Sat1 mit Comedy versorgt. Und dieser Mann von der Produktionsfirma hatte sich beim Piloten scheckig gelacht und wollte meine Serie unbedingt produzieren.

Was aber noch viel cooler war, so der Mann, der es immer noch weiß, ist die Tatsache, dass der Mann, der sich scheckig gelacht hat, gerade in meinem Kaff ist. Ja, aus irgendwelchen Gründen übernachtet Herr Scheckig heute in Bad Schwalbach. Heute.

Und, was am allercoolsten ist, so der Mann, der es immer noch weiß, ist die Tatsache, dass der Mann, der sich scheckig gelacht hat, mich gerne heute sehen will.

Gut. Also, nur zur Erklärung: Herr Scheckig ist ein sehr bekannter Mann da oben. Er würde es hinbekommen, dass meine Serie produziert und ausgestrahlt wird.

Herr Scheckig war also nicht nur meine Fahrkarte aus Bad Schwalbach – nein, Herr Scheckig stand an der Pforte zu der Straße, an deren Ende mein Oscar stand.

Am Telefon fragt mich der Mann, der es immer noch weiß: „Ich hoffe, Du hast heute nichts vor, Diana. Das ist Deine Chance. Vielleicht Deine letzte!“

„Na ja,“ sagte ich zögernd, „eigentlich hatte ich ja schon etwas vor.“

Denn, musst Du wissen, ich hatte auch einiges in dieses Date investiert! Nicht nur die teuren Zutaten, von denen ich Dir schon vorgejammert habe. Nein, ganz im Ernst, ich habe für dieses Date extra zwei Gabeln und zwei Messer gekauft. Denn die hatte ich noch nicht.

Für meine Ernährung hat bisher ein kleiner und ein großer Löffel gereicht. Die Stichwörter sind: Eiskrem und „Heiße Tasse“.

Aber diese erniedrigenden Lebensumstände wären ja bald vorbei. Bald würde ich mich wieder von Catering ernähren und von den Gerichten bei den fancy Italienern, auf die ich eingeladen werden würde.

Wie aber sagte ich dem lustigen Mann, dass ich heute überraschend doch keine Zeit habe? Hm? Ich sage einfach die Wahrheit:

Tut mir leid, lustiger Mann, aber ich brauche das. Ich brauche Herrn Scheckig, weil das Leben ungerecht ist. Eigentlich sollte es reichen, dass ich vorne auf der Bühne stehe und alle bemerken, wie witzig ich bin. Ich gebe mir nämlich alle Mühe und habe mein Leben damit zugebracht, andere zum Lachen zu bringen.

Aber das Leben ist nicht so! Es hat nicht Andy Kaufman Erfolg, sondern Benny Hill! Und meine Serie ist fertig! Wir haben die ersten fünf Drehbücher schon fertig! Ich habe ein Recht auf diese Chance, Herr Lustig!

Und weil Du mich ein bisschen gerne hast, kannst Du verstehen, was ich als lustige Frau jetzt machen muss, oder? Das Schlüsselwortwort dabei ist ‘Frau’, Herr von da unten.

Ich muss jetzt zu dem Mann, der es weiß, sagen, dass ich total gerne heute Abend Herrn Scheckig treffen möchte. Und total gerne mit ihm Essen gehe und ihm zuhöre, wie er protzt. Und dann mit in sein Hotelzimmer gehe und Sex mit ihm habe. Weil ich total weiß, dass das der Deal ist.

So ist das Leben, Herr Lustig! Es ist wirklich an der Zeit, dass Du das akzeptierst! Man muss für seine Karriere halt Opfer bringen, verstehst Du nicht? Oder willst Du Dein Leben lang in einer Kanzlei mit verblödeten Vorstadt-Machos arbeiten, Herr Lustig? Hm?

Ich klemme mir den Hörer zwischen Ohr und Schulter, während ich die Nudeln abgieße. Der Mann, der es wissen müsste, ist am anderen Ende und fragt ungeduldig:

„Diana, Du gehst da doch hin, oder?“

Ich überlege: Herr Scheckig ist ja eigentlich ein verheirateter Mann. Vielleicht täusche ich mich ja auch. Vielleicht ist das gar kein Besetzungs-Couch-Deal. Es könnte ja auch sein, dass Herr Scheckig sich wirklich bei unserer Pilotsendung scheckig gelacht hat und mich kennenlernen will, oder? Könnte doch sein?

Gut. Ich bin vielleicht naiv, aber so naiv bin ich auch nicht. Nein, ich bin dieses Karussell ja schon eine Runde gefahren. Ich weiß, wie das läuft. Mit dem Mann, der es hätte wissen sollen, musste ich ja auch erst ins Bett.

Also sage ich am Telefon zu dem Mann, der es nicht besser wusste:

„Nein, tut mir leid, heut Abend habe ich schon etwas vor. Ist Herr Scheckig morgen auch da?“

„Wer?“

„Na, der Mann von der Produktionsfirma!“

„Nein, Diana, der ist morgen nicht da!“

Sagte der Mann, der es wieder nicht wusste und legte auf. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesprochen. Und ich habe auch niemandem mehr den Piloten gezeigt und war noch nie im Fernsehen.

Trotzdem habe ich die Kanzlei verlassen und mir einen Halbtagsjob mit weniger Testosteron gesucht. Ich trete immer noch auf Kleinkunstbühnen auf und zusammen mit dem Geld, das Herr Lustig verdient, kommen wir ganz gut über die Runden.

Denn mit dem bin ich immer noch zusammen! Meine beste Entscheidung! Schon, weil seine Wohnung deutlich größer ist als die Sardinenbüchse!

Es geht mir gut. Endlich! Ganz ehrlich: Wenn ich heute in den Spiegel schaue, ist das schwer in Ordnung, was ich da sehe. Bisschen zu viel Angebernudeln auf der Hüfte vielleicht, aber keine Augenringe vom Weinen mehr. Voll in Ordnung!

Und, ich möchte es hier noch einmal öffentlich betonen: Mit dem wirklich sehr, sehr bizarren und rätselhaften Unfall, in den der Alex von der Kanzlei verwickelt war, habe ich nichts zu tun!


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