Die beschissene Stunde


Jeder Tag hat 24 Stunden. Und jeder Tag hat Stunden, die besser sind und Stunden, die schlechter sind. Sam meint, eine Stunde sei besonders beschissen.

Erzählt er auf jeden Fall der Zufallsbekanntschaft, die ihn gerade eben angequatscht hat. Und mit der ihn eigentlich nichts verbindet außer einem letzten, gemeinsamen Plan.

Doch manchmal kann man mit Fremden besser über bestimmte Dinge reden als mit Freunden. Über so komische Dinge wie z.B. die eigenen Bedürfnisse.

Wie in unserem kleinen Hörspiel-Drama.


Download der Episode hier.
Musik: „Edeka Commercial Song 2017 Cover“ von A Bug In A Lamp


Skript zur Sendung

FA: (überrascht) Hey, was macht Du hier?
HW: Ich rauche eine Zigarette, wieso?
FA: Du kannst jetzt nicht hier sein, das geht nicht!
HW: Warum kann ich denn nicht hier sein? Du darfst genauso wenig hier sein wie ich!

FA: Du kannst nicht hier sein, weil das mein Platz ist! Ich habe den gefunden!
HW: Schaut so aus, als hätte ich den auch gefunden, oder?
FA: Ich habe das alles schon seit Wochen geplant! Das ist jetzt mein Platz und meine Zeit! Kannst Du nicht gehen und später wiederkommen?

HW: Hey, wenn ich gehe und später wiederkomme, dann ist schon der nächste Tag. Das geht echt nicht! Kannst Du nicht später wiederkommen?
FA: Wieso? Was willst Du denn machen?
HW: Na, hier eine rauchen.
FA: Und wenn Du die geraucht hast, gehst Du dann?
HW: Keine Ahnung. Vielleicht rauche ich dann noch eine.

(Pause)

FA: Du willst springen, stimmt’s?
HW: Ja. Du auch, oder?
FA: Ja.

(Pause)

FA: Kann ich auch eine haben?
HW: Klar, kein Problem, hier.
FA: Danke. Feuer habe ich auch keins.
HW: Klar, hier nimm das Feuerzeug. Pass auf! Steht auf Stichflamme, ist windig hier…
FA: Danke.
HW: Hey, nicht einstecken, ist meines.
FA: Oh, sorry!
HW: Obwohl, ist wurst. Behalt’s!
FA: Nee, danke. Wenn ich ein Feuerzeug habe, dann kauf‘ ich mir Kippen und dann fange ich…
HW: Macht keinen Sinn mehr, was Du sagen wolltest, oder?
FA: Nee. Macht keinen Sinn mehr. An Lungenkrebs sterbe ich jetzt auch nicht mehr.
HW: Eine Sorge weniger!
FA: (lacht trocken) Wenigstens das.

(Pause)

HW: O.k.

(Pause)

HW: Dann… geh‘ ich jetzt mal. Leb wohl. Wie heißt Du?
FA: Steffie. Und Du?
HW: Sam. Eigentlich Samuel.
FA: Eigentlich Stefanie.

(Pause)

HW: Dann mal Tschüss, Stefanie in den High-Heels wie von ’nem Helmut-Newton-Fotoshooting.
FA: Leb wohl, Sam mit dem Edeka-Feuerzeug.
HW: Nicht wieder mit dem Qualmen anfangen!
FA: Keine Angst. Das ist ganz sicher die letzte!
HW: Dann Ciao!
FA: Ciao! Mach’s gut.

(Pause)

FA: Na los! Spring‘ halt!
HW: Schon gut! Mach‘ ich schon! Keine Angst! Ist nur scheiße-hoch hier.
FA: Ich weiß. Das ist ja das Gute.
HW: Hammer, wieviel Autos noch unterwegs sind in der beschissenen Stunde.
FA: Weiß‘ ich auch. Aber keine Angst. Du fällst nicht auf die Straße, Du schlägst auf dem Bürgersteig auf.

HW: Hast Du schon alles ausgecheckt und berechnet, oder?
FA: Selbst wenn Du mit Anlauf springst, machst Du höchstens fünf Meter. Das ist dann unten immer noch der Bürgersteig. Nicht einmal die parkenden Autos.
HW: (lacht) Die wären mir auch noch wurst.
FA: Klar. Mein‘ ja nur.

(Pause)

HW: Weißt Du ‚was? Spring‘ Du zuerst!
FA: Was? Wieso das denn? Das geht nicht!
HW: Warum geht das nicht? Ich denke, Du willst auch Schluss machen? Da ist es doch egal, ob ich noch hier bin oder nicht!
FA: Nein, das ist mein Moment! Der gehört mir! Das lasse ich mir nicht nehmen! Den will ich ganz für mich haben!

HW: Pass‘ auf! Wenn ich zuerst springe und Du dann aus irgendeinem Grund nicht, dann werden die denken, Du hättest mich geschubst. Dann bist Du eine Mordverdächtige!
FA: Du spinnst ja! Das ist mir völlig wurst. Denn ich spring‘ garantiert. Ich will nur meine Ruhe. Kannst Du das nicht verstehen, Edeka?
HW: Hey, ich hab‘ den Platz genauso ausgecheckt wie Du, ja? Ich habe genauso ein Recht auf diesen Platz wie Du, Newton! Ich war hier schon fünf Nächte hintereinander und Dich habe ich nie gesehen!
FA: Ich war hier schon mindestens zehn Mal! Und Dich habe ich auch nie gesehen!

HW: Wann warst Du denn da?
FA: Immer so um Mitternacht. Und Du?
HW: Immer so zwischen drei und vier. Zur beschissenen Stunde halt, wie heute.
FA: Ah.
HW: Und warum bist Du heute dann so spät dran?
FA: Ich war schon einmal da. Aber da habe ich mich noch nicht…
HW: Getraut.

FA: Nee. Aber jetzt! Und darum musst Du gehen!
HW: Ich denke gar nicht dran, meine liebe Miss Newton! Scheint so, als hätte ich das sogar gründlicher vorbereitet als Du!
FA: Na und? Ist doch auch schon egal! Und was soll das überhaupt sein, die beschissene Stunde?
HW: Na jetzt halt. Zwischen drei und vier. Zwischen den Tagen.
FA: Es ist nicht zwischen den Tagen. Der Tag ist schon drei Stunden alt.

HW: Mathematisch vielleicht. Aber das stimmt halt nicht. Mitternacht ist nicht die Grenze. Auch ein Uhr oder zwei Uhr, das ist immer noch der alte Tag. Der neue Tag fängt frühestens um vier Uhr an. Wenn’s richtig scheiße ist, dann vielleicht auch um fünf. Und wenn’s ganz scheiße ist, dann fängt der neue Tag überhaupt nicht richtig an. Aber zwischen drei und vier, da ist immer nicht mehr der eine Tag und auch noch nicht der andere.

(Pause)

FA: Ich verstehe, was Du meinst. Du hast recht.
HW: Eben die beschissene Stunde, die keinem gehört. Auch nicht Dir oder mir. Die freie Stunde.
FA: (nachdenklich) ….freie Stunde…

HW: Weißt Du ‚was? Wie wär’s, wir geben uns die Hand und springen beide gleichzeitig?
FA: Spinnst Du? Auf keinen Fall! Ich kenn‘ Dich doch nicht einmal!
HW: Na und? Ist doch scheißegal! Aber wenn wir uns die Hand geben, dann gibt’s ganz sicher kein Zurück mehr. Wir könnten uns dann gegenseitig unterstützen, verstehst Du?

FA: Nee, echt kein Bock! Dann schreiben die noch, wir wären ein Liebespaar gewesen! Dann ist das Ganze nur so ein romantischer Scheißdreck!
HW: Oh, Mann! Das ist doch so ‚was von egal, wenn Du tot bist! Das kann Dir doch wirklich scheiß egal sein!
FA: Isses mit aber nicht!
HW: Ach so. Hast Du einen Mann?
FA: Quatsch!
HW: Oder Kinder?
FA: Oberquatsch!
HW: Oder sonstwie Familie?
FA: Pah. Niemanden. Eine große Schwester. Irgendwo in der beschissenen Vorstadt. Mit zwei nervigen Kindern.

HW: Und deswegen willst Du nicht? Weil Deine Schwester denkt, wir wären ein Liebespaar?
FA: Was meine Schwester denkt, ist mir so ‚was von egal! Die findet eh‘ alles scheiße, was ich mach‘!
HW: Na, also! Dann könnten wir das machen, oder?
FA: (wütend) Sag‘ mal, bist Du bescheuert? Ich hab’s Dir doch schon dreimal erklärt! Ich will, verdammt noch einmal, alleine sein! Kann ich nicht einmal alleine sein? Können nicht wenigstens die letzten paar Minuten einmal so laufen, wie ich das will? Checkst Du das nicht, Edeka?
(Pause)

HW: Ich heiße Sam.
FA: (grantig) Man, weiß ich schon.
HW: Dann halt nicht.
FA: Dann halt nicht.
HW: Freut mich nicht, Deine Bekanntschaft gemacht zu haben!
FA: Hey, es tut mir leid! Sorry! Du kannst ja auch nichts für mein beschissenes Leben.
HW: Du schaust eigentlich gar nicht so aus, als wäre Dein Leben beschissen.
FA: (bissig) Ach? Echt nicht? Du schon! Duu schaust schon so aus!

HW: Schon klar. Jetzt geht das wieder los!
FA: Die Klamotten sind doch nur Berufskleidung. Und die Schminke. Und die High-Heels.
HW: Was machst Du denn?
FA: Ich mache Escort.

HW: Ach. Verstehe.
FA: Klar, Du verstehst das. Logisch! Ich sehe schon, wie’s in Deinem Hirn „Nutte“ denkt.
HW: Ach, Quatsch! Das stimmt nicht!
FA: Gut, dann halt Prostituierte!

HW: Na ja. Das schon eher.
FA: Das ist aber nicht so, wie Du denkst!
HW: Wie denke ich denn?
FA: Na ja, Geld für Sex halt… denkst du.
HW: Stimmt. So denke ich. Ist das denn nicht so?
FA: Nein! Doch. Nein – das ist schon meistens dabei, aber das ist nicht alles.
HW: Sondern?
FA: Du glaubst nicht, wie bedürftig meine Kunden sind.

HW: Doch, das kann ich mir schon vorstellen.
FA: Und ich hab‘ auch nur vier. Mehr nicht.
HW: Hey, Newton, vor mir brauchst Du Dich nicht rechtfertigen! Du kannst machen, was Du willst! Das ist mir eigentlich auch echt egal! Eigentlich will ich den ganzen Scheiß auch nicht mehr hören! Mach‘ mit Deinen Kunden, was Du willst!
FA: Mach‘ ich auch! Keine Sorge! Würdest Du bitte jetzt die Klappe halten und springen?

(Pause)

HW: Du findest das mit dem Hand- in Hand-Springen immer noch eine blöde Idee, oder?
FA: Eine saublöde Idee!
HW: Schade.
FA: Was machst Du eigentlich so, Edeka?
HW: Musik.
FA: Hab‘ ich mir doch gleich gedacht.
HW: Echt. Wieso?
FA: Du hast so eine tragische Note an Dir. So bedürftig halt. Könntest glatt ein Kunde sein. Wenn Du … Geld verdienen würdest.
HW: Ich verdien‘ eigentlich ganz gut, ehrlich gesagt. Aber die Dienste einer… eines… na, so einen Escort-Dienst hab‘ ich nie gebraucht.

FA: Ah! Der Herr ist etwas Besseres! Verstehe!
HW: Quatsch. Aber ich war noch nie in der Situation, dass ich Geld für Sex zahlen wollen würde.
FA: Es ist ja nicht nur der Sex, Sam.
HW: Na ja, oder für weibliche Gesellschaft. Wenn eine Frau mich haben wollte, dann habe ich immer „Nein“ gesagt. Und dann wollten die mich erst recht.

FA: Ah. Die Masche. Der Coole. Der Unnahbare.
HW: Eher der ohne Bedürfnisse. Hat immer geklappt.
FA: Das ist die absolut beschissenste Masche, die ich kenne. Das waren immer die Oberarschlöcher.
HW: (lacht) Ja. Da hast Du wahrscheinlich recht. Ich war auch ein Oberarschloch.

(Pause)

FA: Hast Du noch eine Kippe?
HW: Ja. Hier. Ich nehm‘ auch noch eine.
FA: Und? Was ist?
HW: Du hast das Feuerzeug!
FA: Ach so. Hier.

(Pause)

HW: Das ist wie in einem Scheiß-Hollywood-Film. Treffen sich zwei auf’m Dach und wollen springen. Und dann lernen sie sich kennen und verlieben sich.
FA: Keine Chance, Edeka.
HW: Ich heiße Sam und nicht Edeka!
FA: Schon gut! Sorry.

(Pause)

HW: Hey, wenn ich Dich buchen würde, so als Escort, was würde das kosten?
FA: Keine Chance… Sam.
HW: Ach, Du kannst Dir das aussuchen?
FA: Aber sicher. Und Oberarschlöcher passen nicht in mein Portfolio!
HW: Sehr witzig.
FA: Hast Du selber gesagt.

HW: Ja. Aber ich habe gesagt. WAR. Ich war ein Oberarschloch.
FA: So. Und was ist dann passiert?
HW: Ach. Viel Scheiße. Lass‘ gut sein. Ist jetzt auch schon egal. Ich bin ja keiner Deiner bedürftigen Kunden.

FA: Nein. Gut so. Von „bedürftig“ habe ich die Nase echt voll. So viel „Bedürftigkeit“ um mich herum, ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denn selber für Bedürfnisse habe. Alle wollen ‚was…

(Pause)

HW: Na, da wäre das Bedürfnis, beim Springen alleine zu sein. Das wäre schon einmal ein Bedürfnis.
FA: Da hast Du recht. Dann hätten wir schon einmal eines.
HW: Und anscheinend brauchst Du auch das Feuerzeug, weil das hast Du gleich wieder eingesteckt.
FA: Oh! Hoppla! Sorry! Hier.
HW: Hätten wir also schon zwei Bedürfnisse!
FA: Hätten wir schon zwei. Aber das ist ja nun auch schon egal.

(Pause)

FA: Was war denn die Scheiße wegen der Du kein Oberarschloch mehr bist?
HW: Ach, lass stecken! Passt schon.
FA: Nee, ohne Quatsch jetzt. Das würde ich echt gerne wissen.
HW: Ne, schon gut.
FA: (theatralisch) Hey, Du wirst doch einer Sterbenden nicht den letzten Wunsch versagen?
HW: (lacht kurz) Gut. Meine erste Frau ist gestorben. Und meine zweite Frau hasst mich. Und die Kinder hassen mich auch.

(Pause)

FA: Woran ist sie denn gestorben, Deine Erste?
HW: Hat sich umgebracht. Aber nicht wegen mir, die war abhängig.
FA: Von was?
HW: Na ja, vielleicht schon ein bisschen auch wegen mir. Die hat halt Psycho-Tabletten gekriegt. Und dann, einmal, ich war nicht einmal in der Stadt, hattse einfach zuviele genommen. War vielleicht auch ein Versehen.

FA: Schöne Scheiße. Zugegeben.
HW: Weißt Du ‚was? Wenn ich so drüber nachdenke, dann verstehe ich das echt gut, dass Du springen willst. Wegen Bedürfnissen und so. Weil das scheiße ist, mit den blöden Bedürfnissen.
FA: So? Wieso?
HW: Als ich keine Bedürfnisse hatte und eigentlich nur meine Ruhe wollte, da ging’s mir eigentlich richtig gut. Das war voll o.k. Aber dann ist das irgendwie kaputt gegangen.

FA: Was ist kaputt gegangen?
HW: Na, das Arschlochsein ist kaputt gegangen!
FA: Und jetzt?
HW: Na jetzt habe ich Bedürfnisse und bin kein Arschloch mehr und ich habe nicht den geringsten Schimmer, wie das weitergehen soll! Wie man das macht!
FA: Du meinst, wie man das macht, Bedürfnisse zu haben?
HW: Genau! Dir geht’s genauso, oder?
FA: Hmm.

HW: Oder? Ich sitze mittlerweile jede Nacht in meiner Wohnung und kann nicht schlafen, weil ich nicht weiß, was ich überhaupt will. Und dann, wenn die beschissene Stunde kommt, dann wandere ich durch die Stadt, damit die schneller vorbeigeht.
FA: Und dann hast Du diesen Wolkenkratzer gefunden?
HW: Genau. Und Du?
FA: Ich war hier mit einem Kunden essen. In dem Restaurant im Erdgeschoß. Was Feines essen. Und dann habe ich gesagt, ich muß mal ins Bad. Stattdessen bin ich in den Lift gestiegen und habe den obersten Knopf gedrückt. Und dann war die Tür hier offen.
HW: Ja, gut so.
FA: Ja. Gut so.

(Pause)

HW: Ich glaube, wenn wir uns einfach so kennengelernt hätten, dann hätten wir nicht einmal miteinander geredet.
FA: Mit einem Musiker? Nee, danke. Da hatte ich schon ein paar von. Mein Bedarf ist gedeckt!
HW: (lacht) Ist halt nicht wie in Hollywood.
FA: Nein, nichts im Leben ist auch nur im Ansatz wie Hollywood.

(Pause)

FA: Weißt Du ‚was? Ich glaube, Du hast recht irgendwie?
HW: Das nichts ist wie in Hollywood?
FA: Nein, das mit den Bedürfnissen.
HW: Wie? Habe ich etwa zum Abschluss noch etwas Schlaues gesagt?
FA: Vielleicht. Keine Ahnung. Aber es stimmt schon. Mir ging’s eigentlich auch okay, als ich noch keine Bedürfnisse hatte. Also, keine eigenen, meine ich.
HW: Das waren coole Zeiten.
FA: Cool hmm, weiß ich nicht. Einfacher war’s halt schon.
HW: Ja. Hast recht. Einfacher war’s.

(Pause)

FA: Und Du hast Kinder?
HW: Zwillinge. Hab‘ ich nie gesehen oder gesprochen. Ich weiß nicht einmal, wie die heißen.
FA: Trotzdem. Du hast Kinder.
HW: Macht’s auch nicht einfacher.
FA: Nee, klar. Macht’s auch nicht einfacher.

(Pause)

HW: Weißt Du ‚was? Wegen einfach und so. „Einfach“, dass war irgendwie auch Scheiße.
FA: Ja. Genau. „Einfach“ war superscheiße.

(Lange Pause)

HW: Hey! Du hast ja doch Deine Hand in meine gelegt!
FA: Halt’s Maul, Edeka!
HW: Du auch, Newton!