Die Alphawölfin


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Hat irgendjemand gesagt, dass es nur männliche Alphatiere gibt? Unsere Erzählerin hat sich siebzehn Lebensjahre mit einer Leitwölfin geteilt und ist mit ihr auch den Weg bis zum bitteren Ende gegangen.

Was natürlich anders aussieht, als man das von einer Durchschnittswölfin so erwarten würde.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „New Life“ von EXPLOSIVE EAR CANDY / CC BY-NC-SA 3.0


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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Es ist ein wunderschöner Tag im Herbst und ich spaziere an der Seite meiner Liebsten Richtung Park. Sie ist mittlerweile so leicht und dürr, dass sie ohne Hilfe alleine nicht mehr laufen kann.

Denn sie stirbt. Ihr Zustand ist so ernst, dass wir auch die Chemotherapie aufgegeben haben, weil sie mehr Schaden anrichtet, als sie nutzen kann.

Die kleinen Triumphe, die meine geliebte Rhea dem Leben abtrotzte, wurden immer härter umkämpft. Heute zum Beispiel eine Kugel Eis in dem kleinen Park, keine 200 Meter von unserer Wohnung entfernt.

Für Rhea ungefähr das gleiche, wie für einen gesunden Menschen, einen Berg zu ersteigen. Sie ist völlig außer Atem bei jedem Schritt und völlig abhängig von ihrer Begleitung, also von mir.

Seit siebzehn Jahren verbringe ich mit Rhea mein Leben und ich könnte mich nicht an eine Gelegenheit erinnern, wo man nicht den Eindruck hatte, dass immer sie die stärkste Person im Raum war.

So taff war sie und so stark, mir ihren Wurzeln in Syrien und in Essen und im Punk. Eine Ex-Heroinabhängige, eine Musikerin, eine Autorin, eine Filmemacherin, eine Naturgewalt!

Niemand war beschützender als Rhea. Wenn die Alphawölfin Dich einmal in ihr Rudel aufgenommen hatte, dann musstest Du Dir keine Sorgen mehr machen. Sie würde Dich sicher durch das Leben begleiten, sie würde jedem Deiner Momente einen Sinn geben, sie würde Dich beschützen, als wärst Du ihr kleines Wolfswelpe.

Diese Frau stellte alles in meinem Leben vom Kopf auf die Füße, so viel Kraft und Energie hat sie mir geschenkt. Und diese Frau ist jetzt ohne Kraft, lehnt sich an mich und muss von mir beschützt werden.

Wenn man zerbrechlich ist, dann wird die ganze Welt auf einmal bedrohlich. Jeder Stein, jedes Skateboard und jeder entgegenkommender Passant könnten meiner kleinen, schwachen Rhea Schaden zufügen.

Besonders dieser vollbärtige Fahrradfahrer mit dem 2000 Euro Designerrad und seinem Helm, der auf uns zurast, als wären wir Luft. Er scheint unsere Anwesenheit gar nicht zu bemerken und ich muss Rhea direkt vom Bürgersteig wegreißen, damit er sie nicht umfährt.

Doch ich bin mir nicht einmal sicher, ob er sie nicht trotzdem vielleicht verletzt hat. Mein armes kleines Baby! Was hat Dir dieses Monster nur angetan?

Rhea dreht sich um und ruft: „Was machst du Scheisswichser auf dem Bürgersteig? Verpiss dich bloß, du Arschloch, sonst mache ich dich so was von fertig!

Der Typ bleibt mit quietschenden Bremsen stehen, dreht sich um und schreit zurück: „Leck mich doch am Arsch, Du Krüppel!“

„Na dann komm her, Du blöder Hipster! Lass deine Hose runter, du Mamabubi! Trau dich, du Wichser! Komm nur her!“

Wow. Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen und nicht in der Stadt und ich konnte mich niemals an den Umgangston hier gewöhnen, doch ich reiß mich zusammen und sage nichts. Denn, wenn ich Rhea jetzt reize, dann ist der Hipster ein toter Mann und das wollen wir ja alle nicht.

Da stehen sie sich gegenüber und starren sich an. Ein ausgewachsener Mann mit viel Zeit für Bartpflege und meine Freundin, die mittlerweile nur noch 78 Pfund Kampfgewicht auf die Waage bringt.

Und nach kurzer Zeit ist es geklärt: Natürlich ist meine kleine Alphawölfin das Leittier, der geschlagene Jungwolf verzieht sich mit eingezogener Rute.

Und darum ist meine Geschichte von vorher nicht so ganz richtig. Vielleicht hätte ich mir gewünscht, dass mein Alphaweibchen von mir abhängig wurde, aber das wurde sie nie. Jeder Versorgungsplan war nutzlos, sie machte einfach, was sie wollte.

Ich hatte mir geschworen, sie sollte den wärmsten, weichsten, wundervollsten, zen-mässigsten, kuscheligsten, friedlichsten Tod haben, den es überhaupt gibt.

Doch Rhea lehnte alles ab. Sie ließ sich nicht bei der Trauerarbeit beraten, wimmelte alle Seelsorger ab. Als ihre Schwester fragte, ob sie „noch ein letztes Mal“ mit ihren Neffen Fußball spielen wollte, konnte man sie nachher bequem in der Hosentasche transportieren, so klein hatte Rhea sie gemacht.

Natürlich kochte ich nur das beste, schonendste und gesundeste, vegetarische und organische Essen, was ihr aber völlig egal war. So saß sie vor mir, ein Jahr nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum, mampfte ausschließlich Schokolade und rauchte eine Schachtel Zigaretten am Tag.

Doch ich ließ mich weiterhin nicht vom Planen abhalten. Zum Beispiel suchte ich ein wunderschönes Sterbehospiz heraus mit lauter sehr netten Menschen, die etwas leiser redeten als wir Normalsterblichen.

Ratet, wer es geschafft hat, aus einem Hospiz geworfen zu werden? Rhea, weil sie die Schwestern so zur Schnecke gemacht hat, als sie immer in aller Herrgottsfrühe mit dem Frühstück in der Tür standen. Aus einem Hospiz geworfen!

Ich war mit meiner Planung für eine neue Wohnung, die rollstuhlgerecht im Erdgeschoss liegt, schon recht weit gediehen, als Rhea verkündete, sie wolle nach Essen zurück, zu den alten Freunden von damals.

Was sollte ich tun? Das gleiche, was ich in all den Jahren immer gemacht habe: Ich bin meiner Leitwölfin natürlich gefolgt.

Im November war es dann so weit, dass der Arzt meinte, es könnte nun an jedem Tag geschehen und wir sollten uns darauf vorbereiten.

Weswegen Rhea zu Hause ans Telefon ging und ihre Exfrau Stefanie von vor 10 Jahren anrief und ihre Freundin Gigi von vor 20 Jahren.

So hatte sie sich das ausgedacht: Eine Blondine für jedes Lebensjahrzehnt zur Pflege! So hatte ein Hospiz nach Vorstellungen von Rhea auszusehen. Mehr die Version „Drei Engel für Charlie“ als „Schwarzwaldklinik“.

Und es funktionierte tadellos. Wir drei Blondinen hatten ja etwas, dass uns verband. Wir liebten alle drei diese kleine Rhea, wir waren förmlich verrückt nach ihr, sonst wäre diese Sterbe-WG nie entstanden.

Kurz nach Weihnachten verschlechterte sich der Zustand plötzlich rapide. Eines Abends schaffte sie es nicht mehr, alleine von der Couch hochzukommen. Wir blieben bei ihr, aber sie schlief bald tief und fest ein.

Also trugen wir sie um vier Uhr in der Nacht in ihr Bett. Eine Stunde später sollte sie planmäßig ihre Schmerzmittel bekommen, aber sie war beim besten Willen nicht ansprechbar. Ich legte mich zu ihr und beobachtete sie die nächste Stunde, aber es war keine Veränderung zu beobachten.

Als die Wintersonne aufging und durch die Balkontür schien, konnte ich sie besser betrachten. Ihr Atem war schon unregelmäßig und rasselte schwächlich. Ihre Lippen und ihre Finger wurden langsam blau.

Ich holte also Stefanie und Gigi, denn jetzt war es wohl soweit. Die nächsten gemeinsamen Momente waren sehr fein und zärtlich und zerbrechlich und sehr besonders. Ohne uns abzusprechen, wussten wir genau, was zu tun war, als folgten wir einem Skript.

Gigi legte sanfte Musik auf, Stefanie zündete Kerzen an und wir legten uns zu Rhea ins Bett und kuschelten uns an sie.

Abwechselnd erzählten wir ihr, wie wichtig sie in unserem Leben war und was für ein besonderes, einmaliges und buntes leben sie geführt hatte.

Dass sie unser aller Leben für immer geändert hat, dass wir im Licht ihrer Liebe gestrahlt haben und sie nie vergessen könnten. Wir, die drei Welpen der Alphawölfin.

Dann war es, als ob sich die Stille über uns drei gelegt hätte wie ein feiner Schleier. Als hätte sich im Universum ein Portal geöffnet, nur für Rhea. Ein Zugang in eine andere Realität. Wir konnten das Alls spüren und wir hielten vor Spannung den Atem an, um ja nicht den Moment zu verpassen, an dem Rhea uns für immer verlassen würde.

Es war ein ganz besonderer und zärtlicher Moment. Bis Rhea die Augen öffnete und sagte: „Hey, was läuft hier denn für eine esoterische Scheiße? Was macht ihr hier denn für einen Zirkus?“

Und wir fühlten uns ein bisschen ertappt und sagten, wie kleine Mädchen: „Nichts. Wieso? Was soll sein?“

„Ihr habt hier nicht irgendeine Todesnummer veranstaltet?“

„Nein, wie kommst Du darauf?“

„Na, Du bist verheult und Stefanie und Gigi liegen bei uns im Bett!“

„Ach, die! Die haben nur … Post abgeliefert?“

„Mann, ihr seid echt extrem strange drauf! Und warum stinkt es hier so nach Vanille? Sind das etwa Duftkerzen?“

„Nein, nein! Das ist nur mein Shampoo!“

Sie setzt sich im Bett auf, zündet sich erst einmal eine Zigarette an und sagt zu mir:

„Welcher Tag ist denn eigentlich heute?“

„Heute ist der 28. Dezember.“

„Cool! Dann gibt es beim Bodyshop 40% Rabatt bis Silvester. Da will ich unbedingt hin!“

Na, dann haben wir halt nicht esoterisch Abschied gefeiert. Wir haben uns in den Kaufrummel zwischen den Jahren geschmissen und Rhea hat bei Bodyshop eingekauft, als würde sie noch hundert Jahre leben. Und warum auch nicht.

Ich habe gelernt: Es gibt keine sterbenden Menschen. Es gibt Menschen, die leben und Menschen, die tot sind. Und solange sie leben, sollen sie die Möglichkeit haben, das zu gestalten, wie sie wollen. Im Gegenteil: Wenn das Ende näher rückt, dann wird es sogar noch wichtiger, sich geliebten Menschen nicht in den Weg zu stellen.

Darum hat Rhea sich mit aller Macht gegen alle Versuche von mir gesperrt, die Story ihres Todes zu gestalten. Mit dem Trotz und der Wut des kleinen Punkermädchens von einst:

„Das ist nicht Deine Geschichte! Das ist meine! Und ich werde sie erzählen, wie ich es will!“

Sie lebte nach dem Besuch bei Bodyshop nur noch ein paar Tage. Und ihr Tod war kein sanfter Tod. Sie kämpfte um jeden Zentimeter, es war für uns alle sehr … Hart? Brutal? Anstrengend?

Aber selbst in diesen Momenten wollte ich so gerne meine Vorstellungen erleben. Ich wollte sehen, wie sie, in den letzten Sekunden, noch einmal von ihrem Kissen zu mir blickt und sanft flüstert: „Ich liebe Dich! Danke!“, und dann mit einem Schmunzeln einschläft.

Na, ihr kennt Rhea ja nun schon ein bisschen. SO ist es natürlich nicht gekommen. In Wirklichkeit waren ihre letzten Worte: „Nein, Schatz. Nein.“

Auf dem Weg vom Badezimmer zum Bett, sagte sie das. Sie wollte nicht ins Bett. Sie starb, als sie ihre letzten Schritte machte. Auf dem Weg. Unterwegs. So wie sie es wollte.

Denn sie wollte zu keinem Zeitpunkt meine Hilfe. Sie brauchte keine Hilfe, sondern sie brauchte meine Anwesenheit. Einen Menschen, der sie liebt und Zeuge wird, wie die Alphawölfin sich bis zur letzten Sekunde wehrt und ihren Kampf trotzdem verliert. Brutal, grausam, unerträglich schmerzhaft. Wie die Natur.

Also bin ich Zeugin geworden. Und werde nicht aufhören, die Geschichte zu erzählen. Wie ich miterleben durfte, wie meine Punkerin Rhea unterging. In einer Schlacht mit dem Tod. Wie sie gekämpft hat, obwohl sie wusste, sie würde nicht gewinnen. Bis zur letzten Sekunde. Unverdrossen, mutig, ohne Bitterkeit oder Verzweiflung.

So ist das Leben, so ist der Tod.