Dichterstolz

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Man lebt nur einmal, hat sich Stefan gedacht. Und seinen Job als Texter in einer Agentur an den Nagel gehängt. Und nun verwirklicht er sich endlich als Dichter! Sechs Monate sind ins Land gegangen und so langsam werden gewisse weltliche Probleme drängend.


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „I Don’t Care“ von Ay14ice / CC BY-NC-ND 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

HW: „Die Arbeit war mir eine Fron, ich buckel nie mehr nur für Lohn.

Alles dreht sich nur um Geld! Seht ihr denn nicht die bunte Welt?

Oh Welt, ich seh’ Dich, Deine Lichter! Und darum wurd’ ich gestern Dichter!“

Na ja. Ist noch nicht richtig rund. Muss man noch daran arbeiten. Ein bisschen. Ein bisschen viel. Superviel. Superduperviel. Eigentlich ist es doch eher scheiße …

Intro

HW: Okay, fangen wir unser Projekt doch einfach mit einer poetischen Fingerübung an. Um die Muskeln der Lyrik im Gehirn zu dehnen. Dichter-Joga, könnte man sagen. Also. Warum nicht ein Gedicht über einen Vogel? Was ist wohl der poetischste Vogel? Die Nachtigall, natürlich!

Was kann man über eine Nachtigall sagen? Was macht diesen Vogel aus? Warum verehren wir diesen Vogel nur so? Na klar, wegen des Gesangs. Ist ja logisch. Weil die Nachtigall halt so schön singt. Also: Die Nachtigall und ihre Melodie … Hmm …

„Der Nachtigallen Melodie, die Taube, die erfährt sie nie …“

Das ist ja furchtbar … Na ja, nicht urteilen! Muss alles raus, ohne Urteil! Ist ja nur Joga!

FA: Schatz?

HW: Ach, hast Du mich erschreckt! Was ist denn?

FA: Warum erfährt das die Taube nicht?

HW: Na, das ist doch klar. Weil sie taub ist! Komische Frage!

FA: Ich wollte nur fragen, ob Du auch eine Tasse Kaffee willst?

HW: Einen Kaffee?

FA: Oder einen Tee vielleicht?

HW: Meinst Du, Rilke hat Kaffee getrunken? Hm?

FA: Oh, da wär ich mir ja fast sicher.

HW: Wieso?

FA: Na, in Backnang gibt’s das Café Rilke.
HW: Was? Stimmt, der Kuchen war auch lecker …

FA: Willst Du vielleicht auch ein Stück Kuchen dazu?

HW: Wenn Du so fragst …

FA: Ich kuck mal, was wir noch haben.

SFX: Tür.

HW: Endlich ist sie wieder weg. Kaffee? Pah! Also, wo war ich stehen geblieben?

Bei der Nachtigall und ihrem Gesang. Genau. Und bei Tauben. Lassen wir die mal weg, das scheint schwierig verständlich zu sein.

Was ist eigentlich an dem Gesang so besonders? Schauen wir doch einmal in die Wikipedia:

„Es singen nur die Nachtigall-Männchen. Der Gesang der Nachtigall ist reich, wohltönend und laut und wird von Menschen als sehr angenehm und schön empfunden.“

Aha. Die Weibchen singen nicht. Hilft das weiter? Mal schauen, ist ja nur Joga!

„Der Nachtigall hat eine Frau, doch ihr Gesang ist eher mau.“

Nein, das klingt eher nach Ringelnatz wie nach Rilke. Hm.

„Der Nachtigall schallt wie der Jubel, DIE Nachtigall mehr wie ein Pudel.“

Mein Gott, das ist jetzt nicht mehr Ringelnatz, das ist ja eher Otto Waalkes!

FA: Hier ist der Kaffee. Kuchen haben wir keinen mehr. Und die Post habe ich auch mitgebracht.

HW: Muss das sein? Das ist alles andere als inspirierend! Wenn ich jetzt schon Mahnungen sehen muss, dann krieg ich keine Zeile mehr hin heute!

FA: Bist Du noch nicht weiter mit Deinem Gedichtband?

HW: Natürlich nicht! Wenn ich auch dauernd gestört werde!

FA: Seit sechs Monaten? Wenigstens eine Zeile?

HW: Eine Zeile macht noch kein Gedicht. Hey! Das ist gut, das muss ich sofort aufschreiben!

FA: Na gut, aber ein halbes Gedicht, wenn ich Deine Zweizeiler hier alle so rumliegen sehe …

HW: Du weißt einfach die Kunst nicht zu würdigen! Wenn Rilke mit Dir verheiratet gewesen wäre, dann wäre der Panther auf dem Niveau eines Garfield-Cartoons!

„Sein Bauch ist vom Hinunterschling der Pasta,
so fett geworden, dass ihn nichts mehr hält.

Ihm ist nach Pizza und dann basta,

obwohl Lasagne ihm sonst mehr gefällt!“

FA: Wärst Du halt in der Agentur geblieben. Die haben Deine Texte zu würdigen gewusst!

HW: Pah! Schal! Banal! Trivial! „Abends Elmex, sonst Ponal!“

Sprüche für Zahnpasta, Zwiebeln in der Tube und Anti-Fußpilz-Schuheinlagen – das ist doch keine Dichtung!

FA: „Käse gehört auf den Teller!“ Ist doch gut? Hat Dir sogar einen Preis eingebracht!

HW: Widerlich! Keiner wusste meine Begabung da wirklich zu schätzen, Du irrst Dich, Weib! Wie immer! Geh‘ und nimm das Mondäne von mir! Hurtig, hurtig, Vera mit den dicken Backen!

FA: Dann lasse ich Dich ‘mal wieder dichten – ich fang schon einmal an zu packen.

HW: Was auch immer, was auch immer! Ja, lass’ mich. Lass mich nur!

Lass’ mich hier liegen, rette Dich selbst!

Weil Du mich eh für ein Versager hältst!

SFX: Tür

Immer diese Störungen! Wenn es nach Vera gehen würde, dann würde ich meine Perlen noch heute auf die Säue werfen. Oder, Moment, heißt das nicht: ‚ … nach den Säuen?‘

Also. Zurück zur Nachtigall. Oder lassen wir das vielleicht besser. Seit ich in der Wikipedia gelesen habe, dass die Spinnen frisst, ist mir die Lust auf Nachtigallen irgendwie vergangen …

Was gibt es denn noch an Vögeln? Die Lerche zum Beispiel. Es war die Lerche und nicht die Nachtigall! Hehehe. Die Lerche singt auch sehr schön!

„Die Lerche übt ihren Ruf, den schönen,

muss man sich erstma dran gewöhnen …“

Oh, mein Gott – das ist ja schon wieder Waalkes! Nachtigall, Lerche – das sind doch Symbole für romantische Gefühle! Jetzt sei romantisch, Stefan! Romantisch!

Ich spüre genau, wenn die ersten Zeilen geschrieben sind, dann bricht der Damm, dann fließt es nur so, dann sprudelt es aus mir heraus! Dann wird die Welt schon sehen!

„Keiner dichtet über Lerchen lieber als die … hm … Gummibärchen?“

Fuck, fuck, fuck! Ich kann heute nur Schwachsinn, oder?

Jetzt also noch einmal mit ganzer Kraft: Was berührt mich tief, was macht mich wirklich traurig, wo habe ich das Gefühl, so richtig zu versagen? Das hat ja nichts mit Vögeln zu tun. Na ja, irgendwie schon, aber wahrscheinlich sollte ich nicht zu persönlich werden …

Aber ein bisschen persönlich muss es schon sein. Vögel sind mir halt einfach zu egal, wenn ich ehrlich bin. Wie z.B. Lurche auch. Hm.

„Lerche, Panther, selbst der Lurch, sind ja thematisch eher durch.“

FA: Übrigens habe ich doch noch ein Stück Kuchen gefunden! Ist zwar schon älter …

HW: Hach! Jetzt habe ich mich aber wieder erschreckt! Ich will keinen Kuchen! Ich will ein Gedicht!

FA: Hey, sorry! Ich kann nichts dafür, dass die Lyrik tot ist!

HW: Die Lyrik ist nur tot, weil keiner mehr dichten kann! So wie Rilke das konnte!

FA: Unsinn! Du mit Deinen Reimen – jeder kann Reime finden, das ist kinderleicht!

HW: Hah! Ein Fehdehandschuh! Dann mach’ doch! Mach’ doch! Mach’ ein Gedicht über die Nachtigall!

FA: Fein! Wie wäre es mit: „Die Nachtigall, die singt zwar schön, doch Du solltest zur Arbeit gehen.“

HW: Was? Warum sollte ich mich ausbeuten lassen? Nein, es gibt so vieles, was man in Gedichten ausdrücken müsste! Die Natur, die … die … die Pflanzen! Und die Tiere!

FA: Doch alle Tiere der Nation, zahlen Dir kein Pfennig Lohn!

HW: Geld! Es geht also um Geld! Ich soll also wieder in der Agentur arbeiten, hm? Die werden mich ganz schön auslachen, das kann ich Dir sagen! Die halten mich doch jetzt schon für einen Spinner!

FA: „Keiner hält Dich für’ne Niete, zahlst Du ausnahmsweise Miete.“

HW: Aber, nur wegen des Geldes … Ich will lieber leben wie, wie, wie Rilke, oder wie Diogenes …

FA: „Du lebst zwar so wie die Idole, doch leben wir von meiner Kohle.“

HW: Geld, Geld, Geld! Ich hasse diese kapitalistische Leistungsgesellschaft!

FA: „Da sagst Du wirklich etwas Wahres, doch Deine Gläubiger wollen Bares.“

HW: Als wir noch Sex miteinander hatten, hättest Du nie so mit mir geredet!

FA: „Unsere Beziehung ist schon lange aus, und darum werf’ ich Dich jetzt raus!“

HW: Das ist doch kein Gedicht! Dein Versmaß ist unter aller Sau! Was? Du willst wirklich, dass ich ausziehe? Einfach so? Ohne jede Vorwarnung?

FA: „Du hast also nichts geahnt? Ein Dutzend Mal hab’ ich gemahnt!“

HW: Gut! Ich gehe! Dann geh’ ich halt! Du wirst schon sehen, was Du davon hast! Wenn ich dann ‘mal berühmt bin …

FA: Das wäre wirklich sehr zu hoffen, denn viele Rechnungen sind offen.

HW: Ha. Gut. Na, aber ich muss noch packen, und so …

FA: Verzögere den Auszug nur! Dein Koffer, der steht schon im Flur.

HW: Wow, Du hast das alles so geplant?

FA: Das kann ich wirklich nicht bestreiten, darf ich Dich zur Tür begleiten?

HW: Hah! Dann geh ich halt! Lebe wohl!

FA: Dann wünsch ich Dir ein tolles Leben, kannst Du mir noch die Schlüssel geben?

HW: Was? Und unser gemeinsamer Kühlschrank? Hm. Na gut! Hier! Und hör auf mit dem Dichten!

FA: Dein Rat erscheint mir wunderlich, war das nicht meiner, grad, an Dich?

HW: Du bist eine wirklich, wirklich lausige Dichterin!

SFX: Türe knallt

HW: (gedämpft) Ach, und den Kuchen, den kriege ich jetzt wohl nicht mehr, oder? Typisch!

FA: Da geht er hin, der arme Troll!. Ich finde ehrlich: Das ist toll!

Denn seit er nur noch Dichter war, hat er sich immer aufgeführt wie das letzte Arschloch …


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