Deutsche Dialekte


Sprache ist bunt und vielfältig. Die EU zum Beispiel hat 24 verschiedene Amtssprachen. Und die Übergange zwischen Sprachen und Dialekten sind fließend.

Wir reisen heute von Norden, dem Niederdeutschen in den Süden, zum Schwyzer Dütsch. Einmal quer durch die deutsche Sprache und ihre Dialekte.

Dazu gehört natürlich ein Schuss Linguistik – nur das Nötigste – und eine Handvoll von unverständlichen, aber sehr verschiedenen Beispielen zum Selberraten.


Links: Plattdeutscher WitzOsthinterpommersch PlattMundarträtsel MoselfränkischBadesalz: Veganismus (Hessisch)Best Of „Äffle & Pferdle“ (Schwäbisch)Die PrenzlschwäbinStefan Breit (Niederbayerischer Witzemeister)Steirisch – Deutsch 😛Mukumuku – Alf Poier (Steirisch) und Alain Frei über Twilight (Schweizerdeutsch).


Download der Episode hier.
Musik: „Deutscher Himmel“ von JOACHIM STAHL / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung

Ich liebe Sprachen. Ich finde es wirklich faszinierend, wie eine andere Sprache auch ein anderes Denken bedeutet. Und Dialekte liebe ich auch. Aber mir wurde es ja verboten, hier selber welche nachzuäffen. Wahrscheinlich müssen sich die Hörenden sonst fremdschämen.

Was ich gut verstehen kann. Denn das ging meinen Kindern auch immer so. Egal, wo ich bin, versuche ich die örtliche Kommunikationsmethoden nachzuahmen. Das ist manchmal sehr peinlich für meine Kinder gewesen.

Aber mir macht das tierisch Spaß. Und meistens freuen sich die Menschen.

In Deutschland gibt es außer der Dachsprache Hochdeutsch gleich Aberdutzende von Dialekten. Jeder mit seinen eigenen coolen Wörtern und oft sogar eigener Grammatik. Und – das ist das wichtigste beim Nachäffen – seiner ganz eigenen Sprachmelodie.

Das ist übrigens ein Ausdruck, den die Linguistik nicht kennt. So lyrisch ist Wissenschaft nicht. Man nennt das Intonation. Und es gibt Sprachen, wo die Intonation die Wortbedeutung ändert. Am berühmtesten im Chinesischen, wo die Tonhöhe den Unterschied macht zwischen Mutter, Hanf, Pferd und Schimpfen. Würden wir alles MA schreiben.

Aber es gibt auch Sprachen, wo die Tonhöhe grammatikalische Bedeutung hat. Man beugt also ein Wort, indem man es anders singt. Das ist doch super-faszinierend, oder?

Und dann verschwimmen ja auch Sprachen und Dialekte so langsam ineinander. Und jeder Dialekt hat auch eine ganz eigene Art und Weise, wie Gefühle ausgedrückt werden.

Ich persönlich finde z.B., dass man in meinem Heimatdialekt superzärtlich sein kann und auch supergut schimpfen. Das kann ich beim Plattdeutschen beim besten Willen nicht erkennen.

Aber Menschen, die mit Plattdeutsch aufgewachsen sind, empfinden das genau umgekehrt.

Es ist auch sehr spannend, wo Dialekt aufhört und Sprache beginnt. Wo also ein Dialekt sich so sehr von seiner Dachsprache unterscheidet, dass er eigenständig ist. Wo er eine Abstandsprache ist, die so verschieden ist, dass man sie nicht mehr eingliedern kann.

Denn so entstehen neue Sprachen nämlich. Französisch, Portugiesich, Rätoromanisch, Romanisch, Italienisch und Spanisch gab es vor ca. 1600 Jahren noch gar nicht. Die hätten sich noch prima miteinander unterhalten können, weil sie alle eigentlich noch Latein gesprochen haben.

Schauen wir uns die bunte Vielfalt der deutsche Dialekte an einigen Beispielen an.

Ganz grob unterscheidet man die in drei Hauptkategorien. Da wäre das Niederdeutsche, das Mitteldeutsche und das Oberdeutsche. Das ist einfach. Die Ausdrücke stammen von der Geografie.

Da, wo es nieder ist, spricht man Niederdeutsch und da, wo dauernd Berge im Weg stehen, Oberdeutsch.

Man kann auch sagen, dass sich das Deutsche immer von Süden nach Norden modernisiert hat. Je Norden, desto sturer hat man sich einer Anpassung verweigert. Darum klingt ostfriesischer Platt für süddeutsche Ohren fast wie niederländisch. Und die sind ja auch verwandt.

Fangen wir also unsere Reise durch die deutschen Dialekte mit dem Niederdeutschen an.

Weißt Du, was das für ein Dialekt ist?

Clip /holsteinisch

Das ist Platt und ich würde sagen, eine milde Form des Holsteinischen. Zum Niederdeutschen gehört auch Schleswigisch, Ostfriesisch, Westfälisch, Ostfälisch, Ostniederdeutsch, Märkisch, Mecklenburgisch, Vorpommersch, Niederpreussisch und…

Das hier:

Clip /ostpommersch

Schon ganz anders als das Holsteinische, oder? Das war Ostpommersch.

Die Niederdeutschen haben schon im Mittelalter die sogenannte zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht. Die sagen eher K als CH. Also zum Beispiel Ik statt Ich, Kaken oder Koken zum Kochen oder Wijf statt Weib.

Oder eben, wie die Engländer Water, also water statt Wasser. Und Pan, also Pan zur Pfanne. Oder Faader, also father zum Vater.

Interessant ist auch die Zuteilung der Geschlechter. Statt der, die, das hat man de, de, dat. De Man und de Fru. Aber das Knochen, das Körper, das Dreck und das Bindfaden…
Dat Been, dat liev, dat schiet und dat Band.

Reisen wir weiter ins Mitteldeutsche. Wo auch Dein Heimatdialekt dazugehört.

Clip /moselfränkisch

Das war Moselfränkisch. Und ein Hobbock, um den die Geschichte sich dreht, ist eine Weinkiste.

Andere mitteldeutsche Dialekte außer dem Fränkischen sind Ripuarisch, Luxemburgisch, Lothringisch, Pfälzisch, Lausitzisch, Schlesisch, Thüringisch, Osterländisch, Nordbadisch und Erzgebirgisch. Und, nicht zu vergessen, mit den meisten Sprechern:

Clip /hessisch

Das war natürlich Badesalz. Große Botschafter des Hessischen. Auch, wenn das Beispiel sehr, sehr moderates Hessisch ist. Dein Heimatdialekt ist übrigens das sogenannte Wäller Platt, das ist sozusagen die südliche Ecke des Moselfränkischen.

Typisch für die mitteldeutschen Dialekte ist, dass sie die erste große Lautverschiebung mitgemacht haben, aber die zweite nicht oder nur unvollständig.

Es gibt also eine Trennungslinie zwischen dem Niederdeutschen im Norden. Die sogenannte Ik-Ich-Linie oder Uerdinger Linie und eine zum Süden, die nennt man die Appel-Apfel-Linie oder die Speyerer Linie.

Weder das Niederdeutsche, noch das Mitteldeutsche sind linguistisch gesehen übrigens Hochdeutsch. Ach ja: Ich muss da alle Hörenden rund um Hannover enttäuschen. Die behaupten gerne von sich, sie seien diejenigen Deutschen, die echtes Hochdeutsch sprechen.

Das ist linguistisch gesehen leider falsch. Ihr sprecht halt am ehesten Standarddeutsch. Weil euer Dialekt ausgestorben ist. Das Hannoveranische Platt war ein niederdeutscher Dialekt. Und das sogenannte Hannöversch ist ein bunter Misch und kein Dialekt.

So wie auch das Berlinerisch, das Münchnerisch oder das Stuttgarterisch keine Dialekte sind. Sondern, bestenfalls, sogenannte Metrolekte. Mischungen aus Standard und Dialekt.
Aber Linguisten sind sich nicht einig, ob Metrolekt überhaupt ein nützliches Kriterium ist.

Dann bleiben uns noch die oberdeutschen Dialekte. Da wäre jetzt mein Oberbayerisch dabei, wobei ich das in der Form Münchnerisch spreche und das ist ja, wie gerade gelernt, nicht so richtig ein Dialekt, sondern eine Mischform aus Dialekt und Schriftdeutsch.

Aber erst einmal ein kurzes Beispiel:

Clip /schwäbisch

Das sind das Pferdle und das Äffle. Zeichentrickfiguren aus dem Fernsehen, wo jeder Schwob in der Fremde nostalgisch seufzt, wenn er die hört.

Das Schwäbisch ist ja wie das Bayrisch oder das Sächsich so oft nachgeäfft, parodiert oder aber verarscht worden, da reicht also dieses kurze Beispiel. Ansonsten empfehle ich übrigens als typische Beispiel für einen Metrolekt die Prenzlschwäbin auf YouTube.

Oberdeutsche Dialekte sind auch sehr vielseitig. Da gehören außer dem Schwäbischen, auch das Oberfränkische und das Südfränkische dazu, das Hohenlohische, und vier sehr verschiedene Formen des Alemannischen. Natürlich auch das Oberbayerische, das Mittelbairische und…

Clip /niederbaierisch

Das reicht für alle nicht oberdeutsch Sprechenden wahrscheinlich zur Verwirrung. Alle anderen können sich den ganzen Witz auf YouTube ankucken, Link wie immer auf der Website.

Aber die oberdeutschen Dialekte müssen wir ein bisschen ausführlicher behandeln. Denn die meisten Menschen, die einen deutschen Dialekt sprechen, sprechen einen oberdeutschen.

Das liegt nicht nur daran, dass in Bayern und Baden-Württemberg noch mehr Dialekt als Schriftdeutsch gesprochen wird, sondern daran, dass wir im Süden der Bundesrepublik ja noch zwei Nachbarn haben.

In Österreich spricht man, rein linguistisch betrachtet, mittel- und südbaierische Dialekte. Allerdings haben sich die sogenannten Länderdialekte stark auseinander entwickelt. Da gibt es Wienerisch, Tirolerisch, Kärntnerisch, Vorarlbergerisch, Böhmakeln und Hianzisch. Und natürlich auch…

Clip /steirisch

Da gibt sich der Marco Wagner schon sehr Mühe, dass man sein Steirisch nicht versteht. Das hat an sich eine Intonation, die auch sehr mag und die mir auch sehr liegt. Aber das hört man hier nicht so gut. Aus der Steiermark kommt einer meiner Lieblingskabarettisten.

Clip /mukumuku

Das andere Nachbarland im Süden ist die Schweiz. Die reden zwar auch Französisch und Räto-Romanisch und Italienisch, aber über 70% reden halt auch deutsch.

Und zwar…

Clip /schwyzerdütsch

Das ist der Alain Frei. Viele Schweizer glauben ja, dieser Dialekt hätte schon längst die Schwelle überschritten und wäre nicht mehr ein Dialekt, sondern eine neue Sprache.

Auch diesen Anspruch muss ich enttäuschen. Die Dialekte in der Schweiz sind eindeutig Allemanisch. Wenn man in Baden-Württemberg so langsam richtig Schaffhausen fährt und dann tiefer in die Schweiz hinein und immer die Ohren aufhat, dann kann man den Übergang richtig gut hören. Langsam, von Dorf zu Dorf, von Ort zu Ort.

Das Besondere bei den schweizerdeutschen Dialekten ist es dann auch, dass es so große regionale Unterschiede gibt. Was für Norddeutsche wie ein Einheitsbrei aus CH-Lauten anhört, kann schon sehr verschieden sein. Die verstehen sich zum Teil nicht mehr, vom Walliser Deutsch hin zum Unterland. Was eigentlich das Mittelland ist.

Besonders interessant an der Schweiz finde ich das Rundfunk-Schwyzerdütsch. Üblicherweise redet man da auch im Radio eben Schwyzerdütsch. Aber weil die Texte in Hochdeutsch geschrieben sind, kommt es zu einer lustigen Mischform.

Schwyzerdütsch, aber nicht mit allemanischem Satzbau oder Grammatik, sondern mit schriftdeutschem. Das ist manchmal richtig lustig, so halb-offiziell und halb-hölzern.

Das war eine kleine Reise durch die vielen verschiedenen Arten, wie in Europa Deutsch geredet wird.

Außerhalb von Europa gibt es auch noch deutsche Dialekte. Z.B. das Belgranodeutsch in Argentinien, das Pennsylvaniadeutsch eben da, in Pennsylvania oder das sogenannte Südwesterdeutsch in Namibia, das sich mittlerweile mit Afrikaans und Englisch gemischt hat. Auch sehr spannend.

Dialekte sind für mich total faszinierend. Ich finde übrigens alle toll und wohlklingend. Und immer emotionaler und direkter als Standarddeutsch.

Das nächste Mal in Ollis Sprachlabor machen wir dann die Soziolekte. Das ist auch spannend. Wenn zum Beispiel Oberbayern versuchen, Kanak-Sprak nachzuahmen, nur um cool zu sein.

Oder, als Untertitel: Wie man zu einem Film, einer Fernsehserie und einem Computerspiel bringen kann mit einem erfundenen Soziolekt. Wie Stefan und Erkan eben.